Der Rat der Planeten - I. Buch: Fünfeinhalb Irre im All

von: Tino Hemmann

engelsdorfer verlag, 2013

ISBN: 9783869015620 , 294 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 0,99 EUR

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Der Rat der Planeten - I. Buch: Fünfeinhalb Irre im All


 

(Seite 84)

„Adam beherrscht die Sprache der Ikonier nicht“, erklärte Kozabim, der vorsichtig durch den Flur rollte.
Der Junge war dicht hinter dem Roboter, lugte durch die schmalen Sehschlitze des Helms, den er dem Lecoh-Legionär Efeins abgenommen hatte. „Na und? Mach dir nicht ins Hemd, Kozabim. Sie verstehen meine Sprache schließlich auch nicht. Pass lieber auf, dass du Sirena nicht verlierst. Wir könnten sie eventuell noch gebrauchen! – Halt, warte“, flüsterte er in diesem Moment.
Sogleich hielt der Roboter an und schwankte.
„Schau um die Ecke, ob da wer ist!“, forderte Adam.
Zögernd fuhr Kozabim einen Arm aus und hielt das Ende ein wenig in den Neunzig-Grad-Knick, den der Gang nun vollzog. Sogleich zog er den Arm wieder ein. „Oh, Adam, lass uns zurück ...“, brummte er.
„Was ist da?“ Der Junge wartete nicht auf die Antwort, er blickte selbst um die Ecke. „Müssen wir da lang?“, fragte er schließlich. „Das sind wenigstens zwanzig dieser Lecoh-Legionäre. Und sie stehen in Reih und Glied an der Wand.“
„Zum Abstellraum 714 sind es noch vierundsiebzig Meter. Wir müssen an ihnen vorbei.“ Adam hatte das Gefühl, als schwinge etwas Angst in der Stimme seines künstlichen Kameraden mit.
„Worauf wartest du dann?“, fragte der Junge. „Ich bin doch einer von ihnen, siehst du das nicht? Und du wirst ja ihre Sprache mittlerweile begriffen haben.“
„Sie tragen aber keine Turnschuhe“, warf Kozabim ein, doch Adam stolzierte bereits durch den Gang, in jeder Hand einen Letonator und beide Daumen am Auslöser.
Die Lecoh-Legionäre kümmerten sich zunächst nicht um die beiden Fremdlinge. Immerzu huschten die Blicke unter Adams Helm von einem zum nächsten Krieger. Fast alle von ihnen standen regungslos in einer Linie an der weißen Wand des Flurs. Nur zwei der Legionäre unterhielten sich. Adam erkannte, dass diese beiden nicht synthetisch erschaffen waren. Er streckte sich und lief langsam im Stechschritt an den beiden vorbei. In diesem Moment spürte er eine Hand auf der Schulter.
„Kawu waku kakaduwo!“, forderte die Stimme des Lecoh-Legionärs.
„Du mich auch“, antwortete Adam frech.
„Zu welcher Einheit du gehörst, will er wissen“, übersetzte Kozabim.
„Sag ihm, ich wäre kaputt und du bringst mich in die Quarantänestation“, wies der Junge den Roboter an.
Der zweite nicht künstliche Krieger der Ikonier baute sich neben dem ersten auf.
„Kukak wakuwo ... kokokuda ... Quarantänestation“, plärrte Kozabim. „Für Quarantänestation finde ich leider keine Übersetzung.“ Der Roboter rollte sicherheitshalber zwei Meter von Adam weg.
„Das könnte uns eventuell verraten haben“, stellte der Junge fest, denn die Krieger bewegten sich augenblicklich.
Einer der Legionäre hob seinen rechten Arm. Die anderen standen noch immer regungslos im Flur. „Kokuda kadu!“, rief er laut.
„Was will er jetzt schon wieder?“, fragte der Junge.
„Die Übersetzung heißt so viel wie ‘Folge mir!’“, dolmetschte Kozabim. „Das ist nicht gut, Adam. Das ist gar nicht gut.“
„Was heißt ‘da ist’ in ihrer Sprache?“, flüsterte Adam unter dem Helm.
„Da ist? Entschuldige bitte, aber ich finde, dass jetzt nicht der günstigste Augenblick ist, ihre Sprache zu erlernen.“
„Verdammt noch mal, Kozabim! Du sollst übersetzen!“
„Wie du willst, Adam. ‘Da ist’ in Bezug auf einen Gegenstand oder in Bezug auf eine Person?“
Der Junge drehte den Kopf ein wenig zu seinem Roboter. „Person“, flüsterte er.
„Die gesuchte Vokabel heißt ‘Kukda’“, übersetzte Kozabim nun endlich.
„Kukda? Hätte ich mir ja denken können. Gleich müssen wir rennen!“ Adam wendete sich wieder den beiden Lecoh-Legionären zu. Ganz plötzlich hob er den Arm, zeigte in die Richtung, aus der er gerade gekommen war und schrie: „Kukda! Insaidia!“
Die beiden Legionäre wendeten sich erstaunt und ehrfurchtsvoll um, in Erwartung ihres Vizeadmirals und starrten in den Flur, der aber bis auf die künstlichen Krieger leer blieb. Als sie sich zurückdrehten, waren Adam und Kozabim bereits verschwunden.
„Los, komm schon!“, rief der Junge.
„Höchstgeschwindigkeit erreicht“, plärrte Kozabim und verschwand in einem Raum, dessen Tür sich gerade öffnete.
Adam war bereits einige Schritte weitergelaufen und schaute sich erstaunt um. „Kozabim? Wo bist du?“
In diesem Moment kamen am Ende des Ganges mehrere Lecoh-Legionäre angerannt. Die Ersten knieten sich auf den Boden und eröffneten das Feuer. Der Junge schoss gleichzeitig mit beiden Letonatoren in die Gruppe der Krieger. Funken sprühten, Schreie waren zu hören. Auf dem Boden kriechend erreichte Adam die Öffnung zum Abstellraum 714, warf sich hinein und schrie: „Mach schon zu, Kozabim!“
Im gleichen Moment schloss sich die Tür mit einem scharfen Quietschen.
„Ändere den Zugangscode!“
„Bist du verletzt?“, fragte der Roboter. „Code geändert.“
„Zum Glück haben sie mich nicht erwischt“, erklärte der Junge und beruhigte seinen Atem. „Aber ich habe vier von ihnen ausgeschaltet.“ Er sah sich in dem finsteren Raum um. „Gibt es hier so etwas wie Licht?“
„Ich versuche die Lichtquelle zu steuern. Das Signal kommt … jetzt.“
Ein bläulicher Schein tauchte den Abstellraum in eine spärliche Helligkeit. In den Wänden befanden sich von einer glasartigen Substanz verschlossene Nischen mit diversen Dingen dahinter. Zunächst legte Adam die Verkleidung der Lecoh-Legionäre ab und lief schließlich an der Wand entlang, die fremdartigen Gegenstände hinter den Gläsern betrachtend. „Die haben schon ziemlich viel eingesammelt“, stellte er fest. „Siehst du irgendwo mein MDB?“
Kozabim stützte sich mit seinen langen Greiferarmen auf dem Boden ab und drückte seinen Körper an der Wand hinauf. In vier Meter Höhe hielt er inne. „Ich habe das Mini-Datenbuch gefunden.“
„Dann hol es raus!“, forderte der Junge.
Das Kopfsegment von Kozabim drehte sich um siebzig Grad, dann leuchtete ein Lichtstrahl auf, dessen Ende sich in die glasartige Substanz fraß und einen kreisrunden Sektor herausschnitt. Der Roboter verlagerte sein Gewicht auf einen der Greifer, während der zweite das Datenbuch ergriff und Adam hinunterreichte.
„Da ist es ja.“ Adam schaute sich weiter um. „Was könnte das hier sein?“, fragte er und zeigte in ein Fach, in dem nur ein Griff lag. Der Gegenstand fiel Adam auf, weil er den schlichtesten Eindruck von all den Dingen hinter der Wand machte.
Kozabim suchte im Katalog der allgemeinen Objektsteuerung des ikonischen Kampfkreuzers nach Eintragungen über das Objekt, das im Fach 4718 aufbewahrt wurde. „Die Eintragungen melden, dass es sich um eine Waffe der ehemaligen Bevölkerung des Planeten VF17 handelt.“
„VF17?“, fragte der Junge. „Welcher Planet ist das gewesen?“
„Unsere Wissenschaftler führten ihn unter der Bezeichnung KL 581 c.“
Adam schluckte die Spucke herunter. „Heißt das, es hat die Kalaner wirklich gegeben?“
Kozabim gab die Worte gefühllos von sich: „Nach den Aufzeichnungen der Ikonier gibt es zwei Hauptrassen intelligenter Zivilisationen im Universum. Sie unterscheiden sich in menschliche Rasse und ikonische Rasse. Beide Rassen entwickelten sich parallel auf verschiedenen Planeten. Die Bewohner des Planeten KL 581 c gehörten – so wie die von FV1 und die des Dritten Distrikts des Reiches Altoria – zur menschlichen Rasse.“
„Also versucht Vizeadmiral Insaidia die Menschheit auszurotten?“
„Das geht aus den Aufzeichnungen der Ikonier nicht hervor, Adam. Aber es ist anzunehmen. Allerdings scheint Vizeadmiral Insaidia nur ein Auftragnehmer zu sein.“
Adam sah Kozabim fragend an. „Worauf bezieht sich deine Vermutung?“
„Vizeadmiral Insaidia erhält Befehle von einer unbekannten Gegenstelle. Diese Befehle führt er aus.“
Mittlerweile hatte Kozabim auf den Boden zurückgefunden. Adam lief im Kreis. Schließlich blieb er wieder vor dem Fach 4718 stehen und zeigte darauf. „Hol mir bitte das Ding raus!“, forderte er schließlich.
Kozabim führte den Befehl sogleich aus. Und kurz darauf hielt Adam den merkwürdigen Gegenstand in der linken Hand. Es handelte sich um einen gegabelten Griff, dessen zwei obere Enden durch einen dehnbaren Draht verbunden waren. Der Griff war so gefertigt, dass er in den Fingern einen guten Halt hatte und die Fingerkuppe des Zeigefingers an der Seite des Griffes einen Knopf drücken konnte. Der Junge hielt das Ding von seinem Körper weg und drückte auf den Knopf. Nichts geschah. Dann zeigte er Kozabim die Waffe. „Kannst du bestimmen, welche Funktion das Ding ausübt?“
Ein Strahl erhellte den merkwürdigen Gegenstand der Kalaner, während der Roboter die Untersuchungsergebnisse auswertete. „Die Waffe birgt ein sehr großes Energiefeld, das sich von der kinetischen Umgebungsenergie nährt. Außerdem erkenne ich zwei Röhren mit jeweils unbekannten Substanzen. Durch das Ziehen des Drahtes, der die beiden oberen Enden der Gabel verbindet, und dem gleichzeitigen Drücken des Auslösers werden die Röhren kurzzeitig geöffnet und eine Substanz tritt aus dem Fuß der Gabel. Leider kann ich nur die mechanischen Funktionen erklären.“
Erneut hielt Adam die Waffe hoch. „Du meinst, es ist ein Katapult? So etwas hatte ich mir als Kind gebastelt, allerdings aus Holz und einem Gummi. Dann ist das aber eine ziemlich billige Waffe aus dem Mittelalter.“ Er nahm das Katapult in die rechte Hand, legte den Zeigefinger auf den Auslöser und zog mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den biegsamen Draht in Richtung seiner Nase. Nun drückte er den Knopf und ließ den Draht los, der wie ein herkömmlicher Gummi in die Ausgangslage schnippte. Während das geschah – im Laufe einer Zehntelsekunde, fuhr ein winziger, leuchtender Ball aus der Gabelung des Katapultes und wurde von dem Knopf in die Schussrichtung gejagt, was einem Blitz glich. Als das Objekt in der gegenüberliegenden Fächerwand einschlug, entstand eine Druckwelle, die Adam und Kozabim gegen die Wand hinter ihnen schleuderte. Gleichzeitig zerbarsten sämtliche Glasfächer und unzählige Scherben und Gegenstände rieselten auf Adam herunter, der es gerade noch schaffte, sich die Arme schützend über den Kopf zu halten.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, wühlte sich der Junge aus dem Schutt. „Bums …“, flüsterte er. „Das Ding scheint doch nicht aus dem Mittelalter zu stammen. Wenigstens nicht aus unserem.“
Kozabim stellte seine Vibration auf höchste Stufe und schüttelte die Scherben von sich. „Ich habe das Geschoss gescannt“, brummte er. „Es handelte sich um eine Energie-Plasma-Kugel.“
Vorsichtig erhob sich Adam und näherte sich der gegenüberliegenden Wand, in der ein kreisrundes Loch glühte. „Geiles Ding, Kozabim“, flüsterte er. „Also ein Plasmakatapult. – Ist der Raum noch sicher?“ Er steckte sich das Katapult in die Beintasche der Schulhose.
„Das Kraftfeld, dessen Sicherungs-Parameter ich sekündlich ändere, ist nach wie vor aktiv.“
„Gut.“ Adam dachte einen Moment lang nach. „Ich bin verdammt müde, Kozabim.“ Er fegte mit den Füßen Glas weg, legte sich den Umhang von Efeins zurecht und sich selbst darauf. „Wecke mich in zwei Stunden. Außerdem bekomme ich schon wieder Hunger. In der Zwischenzeit kannst du nachforschen, wie wir nachher am schnellsten zu unserem Sternstraßenschiff gelangen.“
„Gute Nacht Adam. Ruhemodus aktiv in fünf … vier … drei … zwei … eins … jetzt!“
Gähnend flüsterte Adam: „Und mach das Licht aus.“
Sofort wurde es dunkel.
 
Adam schwebt in einem Bett ohne Boden. Er öffnet die Augen und blickt in eine farbenfrohe, jedoch verschwommen wirkende Umgebung.
„Adam?“, fragt eine weiche, angenehme Frauenstimme. „Hörst du mich?“
„Wer bist du?“, flüstert das Kind. „Ich kann dich nicht sehen.“
„Du kannst mich nicht sehen, lieber Junge. Du hörst mich durch deine synusischen Organe. Ich bin Amelia. Ich werde dich retten lassen.“
„Synusische ... was?“, haucht Adam.
„Du wirst es noch lernen, damit umzugehen“, antwortet die Frau. „Ich lass dich zu mir nach Fees bringen. Alles andere spielt keine Rolle. Dann wirst du lernen, deine synusischen Möglichkeiten zu nutzen.“
„Woher kennst du mich?“, flüsterte der Junge und suchte mit den Blicken in einem Wirrwarr aus Wolken und Farben.
„Ich bin ... du wirst es noch erfahren. Achte auf die Feesen, die dich aus dem ikonischen Kampfkreuzer holen werden.“
„Wie ...“
„Bis bald, Adam! Bis bald!“