Die Herren des Geldes - Wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise auslösten und die Welt in den Bankrott trieben

von: Ahamed Liaquat

FinanzBuch Verlag, 2010

ISBN: 9783862482245 , 672 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 22,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Die Herren des Geldes - Wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise auslösten und die Welt in den Bankrott trieben


 

Einführung


Am 15. August 1931 wurde die folgende Pressemitteilung herausgegeben: »Der Präsident der Bank of England ist unpässlich infolge der außergewöhnlichen Belastungen, denen er in den vergangenen Monaten ausgesetzt war. Auf ärztlichen Rat hat er jede Arbeit niedergelegt und ist ins Ausland gefahren, um sich zu erholen.« Dieser Präsident war Montagu Collet Norman, D. S. O. Da er mehrmals Adelstitel abgelehnt hatte, hieß er nicht, wie so viele Leute glaubten, Sir Montagu Norman oder Lord Norman. Dennoch war er sehr stolz auf den Namenszusatz D. S. O.: Distinguished Service Order, die zweithöchste Tapferkeitsauszeichnung für Offiziere.

Norman war grundsätzlich argwöhnisch gegenüber der Presse und dafür berüchtigt, was er alles unternahm, um lauernden Reportern zu entkommen. Er reiste unter falschem Namen, hüpfte aus Zügen, und einmal rutschte er sogar auf einer Strickleiter in rauer See von einem Ozeandampfer. Bei dieser Gelegenheit aber, als er sich darauf vorbereitete, das Passagierschiff Duchess of York nach Kanada zu betreten, war er ungewöhnlich mitteilsam. Mit dem Talent für Understatement, das für seine soziale Klasse und sein Land so typisch ist, erklärte er den am Dock versammelten Reportern: »Ich glaube, ich brauche eine Pause, weil ich eine schwere Zeit hinter mir habe. Ich fühle mich nicht so gut, wie ich es mir wünschen würde und denke, dass mir eine Reise auf diesem schönen Schiff guttun wird.«

Die Fragilität seiner psychischen Verfassung war in Finanzkreisen schon seit Langem ein offenes Geheimnis. In der Öffentlichkeit kannte kaum jemand die Wahrheit – dass der Präsident in den letzten beiden Wochen, als sich die weltweite Finanzkrise immer stärker beschleunigte und das europäische Bankensystem am Rand des Kollaps stand, wegen der ex­tremen Belastung einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Daher war die Pressemitteilung der Bank of England, die in Zeitungen von Shanghai bis San Francisco erschien, ein großer Schock für die Anleger auf der ganzen Welt.

So viele Jahre nach diesen Ereignissen ist es schwer, sich die Macht und das Prestige Montagu Normans zu vergegenwärtigen, weil man ihn heute kaum noch kennt. Damals aber galt er als einflussreichster Zentralban­kier der Welt. Die New York Times nannte ihn den »Monarchen [eines] unsichtbaren Imperiums«. Für Jean Monnet, den Paten der Europäischen Union, war die Bank of England »die Zitadelle der Zitadellen« und »Montagu Norman war der Mann, der diese Zitadelle regierte. Er flößte jedem Respekt ein.«

Im Jahrzehnt zuvor waren er und die Präsidenten der drei anderen wichtigen Zentralbanken Mitglieder des »exklusivsten Clubs der Welt« gewesen, wie es die Zeitungen ausdrückten. Norman, Benjamin Strong von der New York Federal Reserve Bank, Hjalmar Schacht von der Reichsbank und Émile Moreau von der Banque de France hatten ein Quartett von Zentralbankiers gebildet, das die Aufgabe übernommen hatte, die globale Finanzmaschinerie nach dem ersten Weltkrieg wieder in Gang zu bringen.

Aber Mitte 1931 war Norman das einzig verbliebene Mitglied dieses Quartetts. Strong war 1928 im Alter von 55 Jahren gestorben, Moreau war 1930 in den Ruhestand getreten, Schacht war 1930 im Streit mit seiner eigenen Regierung zurückgetreten und sympathisierte nun mit Adolf Hitler und der Nazipartei. Daher war die Aufgabe, die Finanzwelt zu führen, diesem interessanten, aber rätselhaften Engländer zugefallen, diesem Mann mit dem »spitzbübischen« Lächeln, der theatralisch-geheimnisvollen Aura, dem Van Dyke-Bart und der Verschwörerbekleidung: breitkrempiger Hut, wallender Umhang und funkelnde Smaragd-Krawattennadel.

Für den wichtigsten Zentralbankier der Welt war es wirklich unglücklich, ausgerechnet dann einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, als die Weltwirtschaft immer tiefer im zweiten Jahr einer unvorhergesehenen Depression versank. In fast allen Ländern war die Industrieproduktion zusammengebrochen. In den beiden am schwersten betroffenen Ländern – USA und Deutschland – war sie um 40 Prozent gesunken. Fabriken in allen Industrieländern – von den Autofabriken in Detroit über die Stahlwerke an der Ruhr und die Seidenmanufakturen in Lyon bis zu den Werften im Norden Englands – waren betroffen und arbeiteten mit Bruchteilen ihrer Kapazitäten. Wegen schrumpfender Nachfrage hatten die Unternehmen in den beiden Jahren, seit der Niedergang begonnen hatte, die Produktion um 25 Prozent gesenkt.

In den großen und kleinen Städten der Industrieländer gab es ganze Armeen von Arbeitslosen. In den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, waren etwa acht Millionen Männer und Frauen ohne Beschäftigung, was fast 15 Prozent der Erwerbstätigen entsprach. In Großbritannien und in Deutschland, die die weltweit zweit- und drittgrößten Volkswirtschaften waren, gab es weitere 2,5 beziehungsweise fünf Millionen Arbeitslose. Von den vier größten Wirtschaftsmächten schien nur Frankreich ein wenig geschützt vor dem Sturm, der um die ganze Welt fegte, aber auch Frankreich glitt nun langsam nach unten.

Banden arbeitsloser Jugendlicher und Männer, die nichts zu tun hatten, trieben sich ziellos an den Straßenecken, in den Parks, in Bars und Cafés herum. Als immer mehr Menschen ihre Arbeit verloren und sich keine vernünftige Wohnung mehr leisten konnten, entstanden in Städten wie New York und Chicago Slums mit Behausungen aus Kisten, Eisenschrott, Ölfässern, Leinendecken und Autowracks – sogar im Central Park gab es eine solche Siedlung. Ähnliche Slums gab es an den Stadträndern von Berlin, Hamburg und Dresden. In den USA flohen Millionen Obdachlose aus der Armut in den Städten und machten sich auf die Suche nach Arbeit – irgendeiner Arbeit.

Die Arbeitslosigkeit führte zu Gewalt und Unruhen. In den USA brachen in Arkansas, Oklahoma und in den Staaten im Zentrum und im Südwesten des Landes Unruhen aus, weil die Menschen nichts zu essen hatten. In Großbritannien streikten die Bergarbeiter, gefolgt von den Arbeitern in den Baumwollfabriken und den Webern. In Berlin herrschte beinahe Bürgerkrieg. Bei den Wahlen im September 1930 erreichten die Nazis, die mit den Ängsten und Frustrationen der Arbeitslosen spielten und allen anderen die Schuld gaben – den Alliierten, den Kommunisten, den Juden – fast 6,5 Millionen Stimmen und erhöhten die Zahl ihrer Sitze im Reichstag von 12 auf 107. Das machte sie zur zweitstärksten parlamentarischen Kraft nach den Sozialdemokraten. Gleichzeitig gab es jeden Tag Straßenkämpfe zwischen Banden der Nazis und der Kommunisten. In Portugal, Brasilien, Argentinien, Peru und Spanien kam es zu Staatsstreichen.

Die größte ökonomische Bedrohung stellte nun das kollabierende Bankensystem dar. Im Dezember 1930 ging die Bank of United States bankrott, die trotz ihres Namens eine Privatbank ohne offiziellen Status war. Es handelte sich um die größte Bankenpleite in der Geschichte der USA; Spareinlagen im Volumen von 200 Millionen Dollar blieben eingefroren. Im Mai 1931 schloss die Creditanstalt als größte Bank Österreichs mit Vermögenswerten von 250 Millionen Dollar ihre Türen. Da half es auch nichts, dass sie den Rothschilds gehörte. Am 20. Juni verkündete Präsident Herbert Hoover ein einjähriges Zahlungsmoratorium auf alle Verbindlichkeiten und Reparationen aus Kriegszeiten. Im Juli brach die Danatbank zusammen, die drittgrößte Bank Deutschlands, was einen Run auf das gesamte deutsche Bankensystem und eine Kapitalflucht aus Deutschland zur Folge hatte. Reichskanzler Heinrich Brüning verkündete einen Bankfeiertag, beschränkte die Summe, die deutsche Bürger von ihren Bankkonten abheben konnten und unterbrach die Zinszahlungen auf kurzfristige Verbindlichkeiten Deutschlands im Ausland. Im Lauf dieses Monats weitete sich die Krise auf die Londoner City aus, denn sie hatte Deutschland hohe Kredite gewährt, die nun eingefroren waren. Da sie nun plötzlich mit der zuvor undenkbar scheinenden Möglichkeit konfrontiert waren, dass Großbritannien selbst nicht mehr in der Lage sein könnte, seine Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen, zogen Anleger aus der ganzen Welt ihr Kapital aus London ab. Die Bank of England war gezwungen, sich von Banken in Frankreich und in den USA 650 Millionen Dollar zu leihen, darunter die Banque de France und die New York Federal Reserve Bank, um zu verhindern, dass ihre Goldreserven vollständig aufgebraucht wurden.

Man sprach schon vom Weltuntergang, weil die Schlangen der Arbeitslosen immer länger wurden, Banken ihre Türen schlossen, die Preise für Agrarprodukte zusammenbrachen und Fabriken ihre Produktion einstellten. Am 22. Juni sagte der bekannte Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes bei einem Vortrag in Chicago: »Wir befinden uns heute inmitten der größten Katastrophe – der größten Katastrophe, die fast ausschließlich ökonomische Ursachen hat – in der Geschichte der modernen Welt. Ich habe gehört, dass man in Moskau denkt, dies sei die letzte, die ultimative Krise des Kapitalismus, und dass unsere Gesellschaftsordnung diese Krise nicht überleben wird.« Der Historiker Arnold Toynbee, der viel über den Aufstieg und Niedergang von Zivilisationen wusste, schrieb in seinem jährlichen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres für das Royal Institute of International Affairs: »1931 dachten Männer und Frauen auf der ganzen Welt ernsthaft darüber nach und diskutierten diese Möglichkeit auch ganz offen, dass das westliche Gesellschaftssystem zusammenbrechen und nicht mehr funktionieren könnte.«

Während des Sommers erschien in den Zeitungen ein Brief, den Mantagu Norman vor einigen Monaten an Clément Moret, seinen Kollegen bei...