Der Freund - Roman

von: Sigrid Nunez

Aufbau Verlag, 2020

ISBN: 9783841219558 , 235 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 14,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Der Freund - Roman


 

1. Teil


In den 1980er Jahren suchte in Kalifornien eine große Zahl Frauen aus Kambodscha mit den gleichen Beschwerden einen Arzt auf: Sie konnten nicht mehr sehen. Alle Frauen waren Kriegsflüchtlinge. Bevor sie aus ihrer Heimat flohen, waren sie Opfer der Gräuel geworden, die die Roten Khmer, zwischen 1975 und 1979 an der Macht, verübt hatten. Viele der Frauen waren vergewaltigt oder gefoltert oder auf andere Weise brutal behandelt worden. Die meisten hatten mit ansehen müssen, wie Familienmitglieder vor ihren Augen umgebracht wurden. Eine Frau, die ihren Mann und ihre drei Kinder nie wiedergesehen hat, nachdem sie von Soldaten abgeholt worden waren, erzählte, dass sie das Augenlicht verlor, nachdem sie vier Jahre lang jeden Tag geweint hatte. Sie war nicht die einzige, die sich scheinbar blind geweint hatte. Andere sahen nur verschwommen oder teilweise, ihre Augen schmerzten oder nahmen nur noch Schatten wahr.

Die Ärzte, die die Frauen – insgesamt ungefähr einhundertfünfzig – untersuchten, stellten fest, dass ihre Augen gesund waren. Weitere Untersuchungen ergaben, dass auch ihr Gehirn normal arbeitete. Wenn die Frauen die Wahrheit sagten – und manche bezweifelten es und glaubten, die Frauen würden simulieren, weil sie Aufmerksamkeit suchten oder hofften, Erwerbsunfähigkeitsrente zu beziehen –, war die einzige Erklärung psychosomatische Blindheit.

Mit anderen Worten, die Frauen, die so viel Entsetzliches hatten mit ansehen müssen und nicht mehr in der Lage waren, noch mehr zu verkraften, hatten es geschafft, das Licht auszuschalten.

Das war das Letzte, worüber du und ich gesprochen haben, als du noch am Leben warst. Danach kam nur noch deine E-Mail mit der Liste der Bücher, von denen du geglaubt hast, dass sie für meine Recherche hilfreich sein könnten. Und, weil es der Jahreszeit entsprach, die besten Wünsche für das neue Jahr.

In dem Nachruf auf dich waren zwei Fehler. Das Jahr, als du von London nach New York gezogen bist: ein Jahr daneben. Der Mädchenname deiner ersten Frau war falsch geschrieben. Kleine Fehler, die später berichtigt wurden, die dich jedoch, wie wir alle wussten, über die Maßen geärgert hätten.

Doch bei deiner Trauerfeier hörte ich etwas, das dich amüsiert hätte:

Ich wünschte, ich könnte beten.

Was hält dich davon ab?

Er.

Hätte, wäre. Die Toten halten sich im Konditional auf, in der Zeitform des Nichtwirklichen. Zugleich ist da das außergewöhnliche Gefühl, dass du allwissend geworden bist, dass nichts, was wir tun oder denken oder empfinden, vor dir verborgen bleibt. Das außergewöhnliche Gefühl, dass du diese Worte liest, dass du weißt, wie sie lauten werden, noch bevor ich sie schreibe.

Es stimmt, dass man nur noch verschwommen sieht, wenn man lange genug heftig genug weint.

Ich ruhte, es war mitten am Tag, aber ich lag im Bett. Von dem vielen Weinen hatte ich Kopfweh bekommen, ich hatte seit Tagen pochende Kopfschmerzen. Ich stand auf und sah aus dem Fenster. Es war noch Winter, neben dem Fenster war es kalt, es zog. Doch es fühlte sich gut an – so, wie es sich gut anfühlte, die Stirn an das eiskalte Glas zu drücken. Ich blinzelte, aber meine Sicht wurde nicht klar. Ich dachte an die Frauen, die sich blind geweint hatten. Ich blinzelte und blinzelte, Angst stieg in mir auf. Dann sah ich dich. Du hattest deine alte braune Bomberjacke an, die dir zu eng war – und deswegen an dir nur umso besser aussah –, und dein Haar war dunkel und dicht und lang. Daher wusste ich, dass es vor langer Zeit war. Vor sehr langer Zeit. Vor fast dreißig Jahren.

Wohin warst du unterwegs? Du hattest kein bestimmtes Ziel. Nichts zu erledigen, keine Verabredung. Du bist nur herumgeschlendert, die Hände in den Taschen, und hast die Straße in dich aufgenommen. Das war dein Ding. Wenn ich nicht spazieren gehen kann, kann ich nicht schreiben. Morgens hast du gearbeitet, und an einem bestimmten Punkt, der immer kam, als es schien, als könntest du nicht einmal mehr einen einfachen Satz schreiben, bist du hinausgegangen und meilenweit gelaufen. Verflucht waren die Tage, wenn das schlechte Wetter dich daran hinderte (was nur selten der Fall war, weil dich weder Kälte noch Regen davon abhielt, nur ein richtiger Sturm konnte dir einen Strich durch die Rechnung machen). Nach deiner Rückkehr hast du dich wieder hingesetzt und weitergearbeitet und dabei versucht, den Rhythmus beizubehalten, der sich während des Gehens eingestellt hatte. Und je besser dir das gelungen ist, umso besser war, was du geschrieben hast.

Denn es geht nur um den Rhythmus, hast du gesagt. Gute Sätze beginnen mit einem Taktschlag.

Du hast einen Essay gepostet, »Wie man zum Flaneur wird«, über die Gewohnheit, in der Stadt spazieren zu gehen und zu bummeln, und ihren Platz in der literarischen Kultur. Du musstest heftige Kritik einstecken, weil du infrage gestellt hast, ob es so etwas wie eine Flaneuse wirklich geben kann. Du hast es nicht für möglich gehalten, dass eine Frau mit der gleichen Einstellung und auf die gleiche Weise durch die Straßen schlendern kann wie ein Mann. Eine Fußgängerin ist ständiger Belästigung unterworfen: Blicke, Kommentare, Pfiffe, Grabschen. Eine Frau wird dazu erzogen, immer auf der Hut zu sein: Kommt ihr dieser Mann zu nahe? Folgt ihr der Kerl? Wie soll sie sich da jemals so sehr entspannen, dass sie das Gefühl für sich selbst verliert und die Freude des reinen Seins erfährt, die das Ideal des wahren Flanierens ist?

Du hast geschlossen, dass das Äquivalent für Frauen wahrscheinlich Shopping sein muss – insbesondere das unverbindliche Sichumsehen, wenn man nicht wirklich etwas kaufen will.

Ich fand, dass du mit allem recht hattest. Ich kenne viele Frauen, die sich wappnen, wann immer sie aus dem Haus gehen, sogar ein paar, die es möglichst vermeiden, das Haus überhaupt zu verlassen. Natürlich muss eine Frau nur warten, bis sie ein gewisses Alter erreicht und unsichtbar wird, und – Problem gelöst.

Man beachte, dass du das Wort Frauen benutzt hast, als du eigentlich junge Frauen gemeint hast.

In letzter Zeit bin ich viel spazieren gegangen, aber ich habe nichts geschrieben. Ich habe meinen Abgabetermin versäumt. Und erhielt einen barmherzigen Aufschub. Habe auch die nächste Deadline versäumt. Jetzt glaubt der Lektor, dass ich simuliere.

Ich war nicht die Einzige, die den Fehler beging, zu glauben, du würdest es nicht tun, nur weil du so viel darüber gesprochen hast. Und schließlich warst du nicht der unglücklichste Mensch, den wir kannten. Du warst nicht der am meisten Deprimierte (man denke an G, an D oder an T-R). Du warst nicht einmal – so seltsam es jetzt auch klingen mag – der am meisten Selbstmordgefährdete.

Aufgrund des Zeitpunkts – so kurz nach Jahresbeginn – könnte man meinen, dass es ein fester Entschluss gewesen ist.

Bei einer dieser Gelegenheiten, als du darüber gesprochen hast, sagtest du, dass deine Studenten dich davon abhalten würden. Du warst natürlich besorgt wegen der Wirkung, die so ein Beispiel auf sie haben könnte. Dennoch haben wir uns nichts dabei gedacht, als du letztes Jahr aufgehört hast zu unterrichten, obwohl wir wussten, dass du es gern getan und das Geld gebraucht hast.

Ein anderes Mal sagtest du, dass es für eine Person, die ein gewisses Alter erreicht hat, eine rationale Entscheidung, ein vollkommen vernünftiger Entschluss, sogar eine Lösung sein kann. Im Gegensatz dazu kann es immer nur ein Fehler sein, wenn ein junger Mensch sich umbringt.

Einmal hast du uns zum Lachen gebracht mit dem Satz: Ich glaube, mir wäre eine Novelle von einem Leben lieber.

Dass Stevie Smith den Tod als den einzigen Gott bezeichnete, der kommen muss, wenn man ihn ruft, hat dich köstlich amüsiert, ebenso die anderen Arten, wie die Leute ausgedrückt haben, dass sie nicht weiterleben könnten, wenn es die Möglichkeit des Selbstmords nicht gäbe.

Als Samuel Beckett an einem schönen Frühlingsvormittag mit einem Freund spazieren ging, fragte ihn dieser: Freut man sich an so einem Tag nicht, dass man am Leben ist? So weit würde ich nicht gehen, antwortete Beckett.

Und warst nicht du es, der uns erzählt hat, dass Ted Bundy einmal bei einer Selbstmordhotline gearbeitet hat?

Ted Bundy.

Hallo. Ich heiße Ted und höre zu. Sprechen Sie mit mir.

Dass es eine Trauerfeier geben sollte, überraschte uns, die wir dich sagen gehört hatten, dass du so etwas nie und nimmer wolltest, dass du die Vorstellung abstoßend fandst. Hat sich Ehefrau Drei einfach dafür entschieden, deinen Wunsch zu ignorieren? Oder hattest du versäumt, es schriftlich festzuhalten? Wie die meisten Selbstmörder hast du keine Notiz hinterlassen. Ich habe nie verstanden, warum es Notiz genannt wird. Es muss Selbstmörder geben, die sich nicht kurzfassen. Im Deutschen heißt es Abschiedsbrief. (Besser.)

Zumindest wurde dein Wunsch, eingeäschert zu werden, respektiert, und es gab keine Beerdigung, es wurde keine Schiwe gesessen. Im Nachruf wurde dein Atheismus hervorgehoben. Zwischen Religion und Wissen, sagte er, muss sich eine Person für das Wissen entscheiden.

Was für eine absurde Aussage für jemanden, der auch nur ein bisschen was über jüdische Geschichte weiß, war in einem Kommentar zu lesen.

Als die Trauerfeier schließlich stattfand, war der Schock abgeflaut. Die Leute lenkten sich mit Spekulationen ab, wie es wäre, wenn sich alle Ehefrauen in einem Raum aufhielten. Ganz...