Reden und Schriften. - Politik - Geschichte - Literatur, 1897-1926. Mit biographischem Begleitwort von Rochus Frhrn. v. Rheinbaben.

von: Gustav Stresemann, Hartmuth Becker

Duncker & Humblot GmbH, 2010

ISBN: 9783428521395 , 486 Seiten

2. Auflage

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 88,00 EUR

Mehr zum Inhalt

Reden und Schriften. - Politik - Geschichte - Literatur, 1897-1926. Mit biographischem Begleitwort von Rochus Frhrn. v. Rheinbaben.


 

Deutsche Kunst (S.465-466)

Prolog zur Wiedereröffnung des Stadttheaters in Liegnitz
(30. 9. 1916)

Wenn sonst der Sommer Deutschlands von uns schied, Und wenn in diesem Saal die frohgemute Menge Zu festlich hoher Daseinsfreude sich verband, Dann war der Sinn allein der Kunst geweiht, Die von den „Brettern, die die Welt bedeuten“, Zu Euch hier sprach. Oft war des Frohsinns Lust In diesen Hallen unser Allgebieter, Und aus der Töne jauchzend hellen Klängen, Aus Licht und Freude ward der Geist geschaffen, Der dieser Stätte sein Gepräge gab Und uns zu frohem Schauen hier vereinte.

Doch heute scheint es vielen kalt und schal, Was wir dem deutschen Volke geben können, Denn über Spiel und Wort und Phantasie Und allem, was je Menschenhirn ersann, Ragt noch die Gegenwart, in der wir leben. Was je ein Dante, was ein Shakespeare sah, Was Goethes Geist, die Welt umspannend, ahnte, Was aller Völker Dichter je geschaut Und aus des Bluts und Herzens heiß’ Empfinden In glüh’nden Worten flammend ausgegossen: Wie klein erscheint es, da das größte Drama, Das je die Menschheit sah seit tausend Jahren, Vor uns, den Zeitgenossen, sich entfaltet, Unfaßbar heute noch in seiner Wirkung, In seiner Zukunft Weltenschicksal bergend Und uns den Atem raubend in Erlebung Des größten Kampfes, den je Völker sahen.

Und doch hat unsre Kunst ihr Daseinsrecht Sich auch in diesem Weltenbrand bewahrt Als deutsche Kunst! Denn das ist deutsche Art, Dem ewig Wahren grübelnd nachzudenken Und auch umstürmt vom Tatendrang der Welt Pilatusfragen sinnend abzuwägen. Im Schützengraben sich in „Faust“ vertiefen, Beethoven-, Wagnermelodien im Herzen, Seht, das ist Deutschland, ist das alte Deutschland Der Denker und der Dichter und der Träumer, Das Deutschland, das sie nicht vernichten können, Das Deutschland, das wir uns erhalten müssen, Erhalten mit dem Leiberwall dort draußen, Erhalten tief im Geiste uns hierinnen, Das Deutschland, dem wir leben, dem wir sterben!

So laßt uns denn in dieser schweren Zeit, In der der Feind millionenfach uns dräut, Im Tempel deutscher Kunst uns neu erheben. Und mag die Fremde uns Barbaren heißen, Wir wissen, daß die Welt von uns empfing Mehr, als uns je zurückgegeben ward, Daß in der Welt des Geistes und der Töne Der deutsche Name strahlend sich erhebt Und über allen Erdenhauch hinweg Der Welt Unsterbliches oft reichlich schenkte. Nur wir, wir waren oft zu angstvoll klein, Um deutsches Wesen und uns selbst zu achten; Ehrt Eure deutschen Meister, klang es einst Aus Dichtermund, – kling’ es Euch heute wieder!