Literatur - Kultur - Verstehen. Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissenschaft.

Literatur - Kultur - Verstehen. Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissenschaft.

von: Olga Iljassova-Morger, Elke Reinhardt-Becker

UVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr, 2009

ISBN: 9783940251565 , 191 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 26,99 EUR

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Literatur - Kultur - Verstehen. Neue Perspektiven in der interkulturellen Literaturwissenschaft.


 

Olga Iljassova-Morger
Transkulturelle Herausforderungen der interkulturellen literarischen Hermeneutik: Von der Reduktion zur Entfaltung (S. 15-16)

Die Vielfalt der in diesem Sammelband behandelten Themen ist nicht zuletzt ein Beleg dafür, wie viele Möglichkeiten es gibt, im Rahmen der Interkulturalität literaturwissenschaftlich oder im Rahmen der Literaturwissenschaft interkulturell vorzugehen. Man steht unter anderem vor der Wahl, entweder die interkulturellen Aspekte literarischer Texte oder die Besonderheiten ihrer Rezeption über die interkulturellen Grenzen hinweg zu untersuchen (Mecklenburg 2003, 434). Dementsprechend unterschiedlich sind die dabei entstehenden hermeneutischen Probleme. In diesem Aufsatz soll der zweite Problemkomplex diskutiert werden: die interkulturelle Rezeption literarischer Werke. Es werden also in erster Linie die Verstehensprozesse in den Mittelpunkt gerückt, die beim Lesen literarischer Werke von anderskulturellen Lesern erfolgen. Es wird dabei nicht angestrebt, ein neues Verfahren des interkulturellen Verstehens zu entwickeln, sondern vielmehr die existierenden Entwürfe zu umreißen, die Bedingungen zu erkennen, unter denen interkulturelle literarische Rezeptionsprozesse in der heutigen Zeit geschehen, und zu versuchen, daraus Schlüsse für die interkulturell-hermeneutische Theoriebildung zu ziehen.

Die interkulturelle Hermeneutik ist bereits seit 30 Jahren Gegenstand verschiedener angeregter Diskussionen. Der rezeptions- und wirkungsästhetische Paradigmenwechsel, der – wie bekannt – Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser zu verdanken ist, sowie eine literatursoziologische Hinwendung zum realen Leser haben erst in den 1970er Jahren verstärkt zur Aufwertung der Komponente „Leser“ im deutschen literaturwissenschaftlichen Diskurs beigetragen. Im Zuge dieser Verlagerung des Forschungsinteresses auf die Leserrolle wandten sich auch die Fremdsprachenphilologien verstärkt den Verstehensprozessen literarischer Werke zu. Diese Tendenz fiel generell mit dem immer stärker werdenden Interesse an der Interkulturalität zusammen, das, aus dem angelsächsischen Raum stammend, sich langsam auch auf dem germanistischen Terrain verbreitete. Davor wurde die Frage nach eventueller Kulturabhängigkeit literarischer Rezeptionsprozesse nur selten aufgeworfen: Über lange Zeit dominierte die kulturuniversalistische Haltung, deren hermeneutisches Korrelat meistens ein westeuropäischer Leser war. Der ‚Cultural turn‘ in den Geisteswissenschaften führte dann zur Durchsetzung des Kulturpluralismus und – als Folge im rezeptionsästhetischen Bereich – zur Anerkennung der Relativität auch einer solchen Kulturtechnik wie Lesen. Es entstand ein großer Bedarf, methodische, kulturund literaturtheoretische Voraussetzungen für die interkulturellen literarischen Vermittlungs- und Verstehensprozesse neu zu reflektieren. Der Kulturuniversalismus ist der kulturrelativistischen Auffassung gewichen. Diese nahm die Existenz kulturspezifischer Lektüren als selbstverständlich an, konnte sie jedoch empirisch nicht überzeugend nachweisen.1 Wie es nicht selten der Fall ist, wenn unterschiedliche kulturelle Perspektiven erst überhaupt wahrgenommen und dann auch anerkannt werden, führte die Fixierung auf interkulturelle Differenzen im Sinne des kulturellen Pluralismus zu unproblematischer Verdrängung des Individuellen und Kulturübergreifenden. So wichtig und emanzipatorisch die Forderung ist, die vielfältigen verschiedenkulturellen Lektüren ernst zu nehmen, so problematisch ist die Behauptung, dass es alle Vertreter einer bestimmten Kultur verbindende, typische, kulturspezifische Lektüren gibt. Überträgt man die Warnung von Kwame Anthony Appiah (1994, 1996) auf die literaturwissenschaftliche Ebene, so sollte man vermeiden, die Tyrannei der dominierenden und nicht hinterfragten westlichen Perspektive auf die literarischen Texte durch die Tyrannei der Einsperrung „der Anderen“ in die vermeintlichen kulturspezifischen Handlungs- und Wahrnehmungsmuster zu ersetzen.

Interkulturelle Hermeneutik(en)?

Über eine „interkulturelle Hermeneutik“ zu schreiben ist schon deswegen schwer, weil beide Wörter auf der einen Seite mehrdimensional, alles und nichts sagend und auf der anderen Seite stark mit öffentlichen Erwartungen beladen sind und oft eines inflationären Gebrauchs beschuldigt werden. Während interkulturelle Hermeneutik zu einem anerkannten Forschungsbereich z. B. in der Philosophie geworden ist, beschränken sich die Annäherungsversuche im Bereich der Literaturrezeption nicht selten auf die didaktischen Probleme der interkulturellen Literaturvermittlung.