Der Ritter und die stolze Lady - Roman

von: Constance Hall

venusbooks, 2019

ISBN: 9783958856677 , 444 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 1,99 EUR

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Der Ritter und die stolze Lady - Roman


 

Kapitel 1


England, St. Vale Castle
März 1194

Zwei schwere Schwerter trafen aufeinander. Weiße Funken blitzten in der Sonne auf, als Metall auf Metall stieß. Das Klirren hallte durch die kühle Morgenluft. William Mandeville, der größere und schwerere der beiden Wettstreiter, parierte und holte erneut zu einem Schlag auf seinen Gegner aus.

Der andere riss seinen Schild in die Höhe, um den Schlag abzuwehren. William lächelte und musterte den nutzlosen Schild, so wie er ein Stück blutiges Fleisch zu betrachten pflegte, bevor er es aufspießte. Mit einem lauten Grunzen schlug er mit seinem gewaltigen Schwert zu. Die Wucht des Schlags ließ den schmächtigen Krieger in die Knie gehen, aber er schaffte es, seinen Schild festzuhalten.

Bevor der andere den Schild wieder heben konnte, beförderte William ihn mit einem Fußtritt aus der Hand seines Kontrahenten und stieß sein Schwert dicht neben dem Hals des geschlagenen Kriegers in den Boden. »Gibst du auf, Pigeon, oder muss ich aus dir Eintopf für das Abendessen machen?«

»Macht ruhig Eintopf aus mir, Mylord, aber gebt Acht, dass Ihr nicht an meinen Knochen erstickt.« Die Stimme des Kleineren wurde durch den Helm gedämpft, den er trug.

Williams Söhne Evel, Cedric und Harold und die fünfzehn Ritter, die vom Rand des Turnierfelds zuschauten, lachten über den Scherz des schmächtigen Ritters.

William durchbohrte jeden einzelnen mit einem Blick, der Milch hätte gerinnen lassen können. Die Männer verstummten, einer nach dem anderen.

Es war jetzt so still auf dem Turnierplatz, dass William das Zwitschern der Zaunkönige in den Bäumen und das Blöken der Lämmer hören konnte, die keine fünfzig Fuß von ihm entfernt grasten. Obwohl ihn die Herrschaft über sein Reich mit Zufriedenheit erfüllte, blieb seine Miene unverändert finster, als er sich wieder seinem Gegner zuwandte. Klare, lebhafte Augen in der Farbe von gehämmertem Gold erwiderten durch die schmalen Sehschlitze im Helm spitzbübisch Williams Blick.

Er beugte sich vor und wisperte: »Ich sollte dich für deine unverschämte Zunge verprügeln und dir die Zehen brechen lassen, aber ich bin gnädig gestimmt.« Williams Mundwinkel verzogen sich zu einem widerwilligen Grinsen. Er schob sein Schwert in die Scheide und hielt seinem Kampfpartner die Hand entgegen.

»Das bist du immer, wenn du mich besiegt hast.« Der Krieger nahm Williams ausgestreckte Hand.

William half seinem Gegner mit einem unwilligen Schnauben auf die Beine. »Ich neige stets zu Nachsicht, wenn es um dich geht, da du nie imstande sein wirst, ein Schwert so zu führen, wie es sich gehört.«

»Wenn du bei der Auslosung verloren hättest und wir mit Lanzen gekämpft hätten, wären meine Chancen vielleicht besser gewesen.« Der kleine Krieger sah Williams gerunzelte Stirn, nahm den Helm ab und lächelte. Ein langer goldener Zopf, lohfarben wie eine Löwenmähne und so dick wie Williams Handgelenk, baumelte über den Rücken des Kriegers.

William legte einen Arm um die Schultern seiner Tochter und kniff sie in die Wange. »Da könntest du Recht haben, Lark, aber ich bin nicht so dumm, mich vor den Augen meiner Männer von dir aus dem Sattel heben zu lassen.«

»Soll das heißen, du hast gemogelt?«

»Möglicherweise habe ich einen Blick riskiert, als Evel die Strohhalme in der Hand hielt.«

»Das hätte ich mir denken können.«

Sie gab ihm einen Klaps auf die Brust und lächelte ihn an. Es war ein Lächeln, das immer an sein Herz rührte, ein Lächeln, dem er nichts abschlagen konnte, nicht einmal den Wunsch, sich auf dem Turnierplatz zu bewähren. Er sah in diese bezaubernden, tanzenden Augen und dankte der Jungfrau Maria, dass sie nicht wie seine andere Tochter war, Helen, ein stilles, kleines Mäuschen, die mit ihrem Vater kaum je etwas anderes als Gemeinplätze wechselte. Aber Lark sprühte vor Leben, und sie kämpfte darum, ihren Mut unter Beweis zu stellen und seine Anerkennung zu finden. Er hatte schon immer gewusst, dass sie anders war, seit dem Moment, als ihre winzigen Babyfinger seine packten und er in diese lebhaften, bezwingenden goldbraunen Augen sah.

Schon als Baby war sie einzigartig. Im Gegensatz zu seinen anderen vier Kindern hatte sie ihn nie angesabbert. Er konnte sie den ganzen Tag auf seinem Knie schwenken, und sie tat nichts anderes als lachen. Auch quengelte und brüllte sie nicht wie die anderen. Er hatte niemals Tränen in ihren Augen gesehen, ganz gleich, wie hart der Schlag sein mochte, den sie empfing. Durch und durch Metall, das war seine Pigeon. Es war nicht normal, dass ein Mensch im Inneren so hart sein konnte. Eines Tages, das wusste er, würde irgendetwas diese Härte brechen. Er hoffte nur, ihr unerschütterliches Herz würde unversehrt bleiben, wenn es bezwungen wurde. In gewisser Weise war ihm seine Tochter ein Rätsel. Ach ja, die Götter hatten mit der Tradition gebrochen, als seine Tochter zur Welt kam. Sie war aus dem Stoff, aus dem Märtyrer geschaffen wurden. Er blickte sie an und grinste stolz, aber das Grinsen verblasste, als ihm einfiel, dass die meisten Märtyrer wegen ihres Muts gestorben waren.

Sie sah ihn forschend an, und das Strahlen in ihren Augen wich Besorgnis. »Was ist?«, fragte sie.

»Nichts, Pigeon.« William berührte ihre Wange und lächelte sie versonnen an.

»Oh, Vater ...«, rief Evel ihm zu.

Er wandte sich zu seinem Sohn um und sah, dass Evels Blick auf etwas hinter Williams Rücken gerichtet war. William warf einen Blick über die Schulter. Elizabeth, seine Frau, marschierte auf den Turnierplatz, den Blick unverwandt auf ihn geheftet, das Blau ihrer Augen Funken sprühend. Ihre langen schwarzen Zöpfe schimmerten in der Sonne wie Onyx, und ihr braunes Gewand bauschte sich mit jedem ihrer steifen Schritte.

Er drückte Larks Schulter. »Hör zu, deine Mutter kommt gerade, und sie ist drauf und dran, uns in der Luft zu zerreißen. Ich habe geschworen, dich nicht wieder auf den Turnierplatz zu lassen. Jetzt gibt es kein Entkommen vor ihrer scharfen Zunge. Offen gestanden, das ertrage ich nicht ohne ein stärkendes Ale. Was hältst du davon, wenn wir uns schleunigst ins Dorf verziehen und abwarten, bis ihre Wut ein bisschen verraucht ist?«

»Mach, dass du wegkommst! Ich halte sie auf.« Lark zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

»Dachte ich mir, dass du das sagen würdest, meine furchtlose Tochter.« William kniff Lark in die Wange und rannte dann zur Umzäunung. Mit mehr Schwung, als einem Mann von sechsundvierzig zustand, nahm er mit einem Satz die Hürde und war außerhalb des Turnierfelds.

Seinen Männern und seinen Söhnen rief er über die Schulter zu: »Wer als Letzter in der Dorfschenke ist, darf eine Woche lang die Reste essen!«

Die Männer brachen in laute Jubelrufe aus, weil ihnen eine Gnadenfrist vor Lady Elizabeths Zorn gewährt worden war. Sie rannten hinter William her, so schnell, dass ihre Gestalten zwischen den Zaunlatten undeutlich verschwammen.

Lark beobachtete sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Evel, der größer als William war, überholte ihn auf seinen langen Beinen mühelos. Er war mit sechsundzwanzig der älteste ihrer Brüder und schlug mit seinem dichten schwarzen Haar und den intelligenten Augen nach seiner Mutter. Die jüngeren Zwillinge Harold und Cedric, noch keine zwanzig, ähnelten mit ihrem rotblonden Haar und den lausbübischen grünen Augen eher William. Sie waren kleiner als Evel und fielen notgedrungen hinter ihm zurück, drängten sich aber mit den Ellbogen durch die Schar der Ritter, um aufzuholen. Lark fand, dass sie allesamt wie eine Meute Jagdhunde auf der Hatz aussahen.

»Komm zurück!« Elizabeth schwenkte drohend die Faust in Williams Richtung, als sie vor der Umzäunung stehen blieb, und starrte erbittert auf seinen Rücken. Er beachtete sie nicht, und sie legte beide Hände an den Mund und brüllte: »Du brauchst gar nicht nach Hause zu kommen – ich werfe dein Bett in den Burggraben!«

»Mutter, du weißt, dass du das nicht ernst meinst.« Lark wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

»Ach nein?« Elizabeth presste die Lippen zusammen und stemmte die geballten Fäuste auf ihre Hüften, als wollte sie sich verkneifen, etwas zu sagen, das sie später bedauern könnte.

»Wenn jemand zu tadeln ist, dann ich. Ich habe Vater gebeten, gegen ihn antreten zu dürfen.«

Ihre Mutter starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. Jetzt konzentrierte sich ihr ganzer Zorn auf Lark. »Versuchst du, dich umzubringen, nur um diese Hochzeit platzen zu lassen? Ich schwöre, ich werde eine Doppelhochzeit haben, selbst wenn ich deinen Leichnam neben deine Schwester stellen muss.«

»Lord Avenall könnte etwas dagegen haben, eine Leiche zu heiraten.«

»Nur zu, mach nur aus allem einen Scherz. Du bist deinem Vater viel zu ähnlich. Wenn Lord Avenall herausfindet, dass du wie eine Blinde nähst und nicht einmal Garn spinnen könntest, wenn die Heilige Jungfrau käme, um das Spinnrad zu segnen, oder dass du Minzsauce nicht von verschimmeltem Brot unterscheiden kannst, heiratet er vielleicht lieber eine Leiche.«

»Dann sollten wir vielleicht losziehen und eine für ihn ausbuddeln.«

»Deine unverschämte Zunge wird dich irgendwann einmal in Schwierigkeiten bringen.« Elizabeth drohte ihrer Tochter mit dem Finger. »Was mache ich nur mit dir? Du bist ein hoffnungsloser Fall.« Sie wedelte so heftig mit den Armen, dass die weiten Ärmel ihres Kleids durch die Luft flatterten.

»Das war ein Scherz, Mutter. Du solltest versuchen, das Leben mit mehr Humor zu sehen. Vielleicht würdest du dich dann nicht so oft ärgern.«

»Humor? Du sprichst von Humor, wenn du dich wie ein Mannweib aufführst? Du...