Spanien: Jakobsweg Camino Francés

von: Raimund Joos

Conrad Stein Verlag, 2019

ISBN: 9783869200323 , 287 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 12,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Spanien: Jakobsweg Camino Francés


 

Geschichte und Gegenwart der Pilgerreise nach Santiago


Der frommen Überlieferung zufolge missionierte der Apostel Jakobus der Ältere Teile der Iberischen Halbinsel, kehrte dann aber wenig erfolgreich in das heutige Israel zurück. Nach seinem Märtyrertod wurde sein Leichnam der Legende nach mit einem Schiff zum heutigen Padrón überführt und trat von dort die Reise ins Landesinnere an. Dort, wo sich heute Santiago de Compostela befindet, fand er schließlich seine letzte Ruhe.

Auf der zu Anfang des 8. Jh. zu weiten Teilen von Arabern (Mauren) beherrschten Iberischen Halbinsel entstand das Königreich Asturien, das sich allmählich nach Süden ausdehnte. Im heutigen Santiago de Compostela wurde im Jahr 811 das angebliche Grab des Apostels Jakobus wiederentdeckt, der in Spanien den Namen Santiago erhielt. Die Präsenz des Apostelgrabes unterstrich den Machtanspruch der katholischen Kirche auf das Einflussgebiet der Iberischen Halbinsel. Im Jahre 844 erhob der Legende nach der Jesusjünger Jakobus bei einer Schlacht in der Nähe von Logroño selbst das Schwert gegen die Mauren und führte so die christlichen Truppen zum blutigen Sieg (> S. 90). Hierauf begann angeblich eine Pilgerbewegung zum Jakobusgrab, die über die Jahre hinweg verschiedenste Formen und Umfang annahm, aber nie ganz versiegte. Zu Land und Wasser entstand über die Jahre ein Wegenetz zum Grab des Apostels, das die unterschiedlichsten Teile des christlichen Europas miteinander verband.

Seit ca. 25 Jahren erlebt die Pilgerreise nach Santiago eine erstaunliche Renaissance. Ausgehend von dem auch heute noch mit Abstand bekanntesten, im Norden Spaniens verlaufenden Camino Francés wurden mit zunehmender Pilgerzahl und Kommerzialisierung verschiedene weitere, historisch überlieferte Jakobswege in Spanien, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Portugal und Deutschland wiederbelebt.

Der Zuspruch, den der Jakobsweg heute über alle politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg findet, steht sinnbildlich für das Wiedererwachen eines breiten spirituellen Interesses und den Wunsch nach einem friedlichen Miteinander der Kulturen. Auch wenn heute nicht mehr selbstverständlich davon ausgegangen werden kann, dass bei den meisten Jakobspilgern traditionell christliche Motive eine große Rolle spielen, nimmt die Tradition und der Glaube der inzwischen in verschiedener Weise durch die Geschichte geläuterten katholischen Kirche immer noch eine wahrnehmbare Rolle im Pilgeralltag ein.

Die „wahre“ Geschichte des Jakobsweges kann in keinem Buch und schon gar nicht in einem praktischen Wegführer erschöpfend beschrieben werden. Festzuhalten bleibt aber, dass die Geschichte des Weges genauso wie dessen Gegenwart immer auch von den Licht- und gleichsam den Schattenseiten des menschlichen Handelns geprägt wurde. In der Geschichte des Weges führen daher genauso wie heute nicht allein gute Motive, sondern in gleicher Weise unselige Verquickungen von Gewalt, Zwang, Kommerz und Religion die Feder bzw. den Fuß (> Motive der Pilgerreise). Es besteht demnach weder Grund zu einer sentimentalen Verherrlichung der Vergangenheit oder der Gegenwart des Weges, noch wird es gelingen, seinen (heiligen) manchmal süchtig machenden Zauber zu ergründen, zu erklären oder zu leugnen.

oHeute sind Sie nun selbst auf dem Jakobsweg unterwegs. Werden Sie selbst zu einem kleinen Teil seiner Geschichte und Zukunft und machen Sie ihn zu einem Teil Ihrer Lebensgeschichte.

bEine kurze, unterhaltsame Zusammenfassung der Geschichte des Jakobsweges gibt das kleine Büchlein von Patrick Windisch „Jakobsweg Lesebuch – Geschichtlicher Wegbegleiter für Jakobspilger“ Conrad Stein Verlag, FernwehSchmöker, Band 153, ISBN 978-3-86686-153-4, € 7,90.

Gründe für die Pilgerschaft


Im Mittelalter, zur Zeit der Entstehung des Jakobuskultes, pilgerte man der offiziellen schriftlichen Überlieferung zufolge vorrangig aus im engsten Sinne religiösen Gründen. Pilger nahmen den oft Monate dauernden, beschwerlichen und nicht selten lebensgefährlichen Weg nach Santiago als sichtbares Zeichen der Verehrung des heiligen Apostels Jakobus und der Treue zum christlichen Glauben auf sich. Sie erhofften sich dadurch im Gegenzug die Vergebung von Sünden oder die Heilung einer Krankheit. Auch die Beschreibungen von Pilgerreisen zum Zwecke einer Dank- oder Bittwallfahrt sind überliefert. Nicht alle Pilger waren aber freiwillig unterwegs. In der Literatur finden sich Hinweise, wonach Sündern und Straffälligen die Reise nach Santiago zur Sühne ihrer Schuld auferlegt wurde.

Ob neben diesen offiziellen, im engsten Sinne frommen Motiven auch Abenteuerlust sowie kulturelle oder touristische Interessen eine Rolle spielten, lässt sich heute sicher nicht mit Gewissheit feststellen. Beim Lesen mancher Pilgerberichte kommt aber die Vermutung auf, dass neben frommen Motiven auch damals schon ähnliche Gründe eine Rolle gespielt haben könnten, wie sie dies heute noch tun.

Gemäß der Pilgerstatistik des unter der Leitung der katholischen Kirche stehenden Pilgerbüros in Santiago sind bei den meisten Pilgern auch heute noch religiöse Motive für die Pilgerreise nach Santiago ausschlaggebend. Die repräsentative Gültigkeit dieser Statistik darf allerdings angezweifelt werden, da nicht religiös motivierte Pilger, die dies bei ihrer Ankunft im Pilgerbüro auch so angeben, eine etwas abgeänderte Compostela (> S. 22) erhalten. Diese ist aber auch bei nicht religiös motivierten Pilgern meist weniger beliebt, und so werden im Pilgerbüro oft entgegen der tatsächlichen Motivation auch religiöse Gründe angegeben bzw. vorgegaukelt. ( Ein kleiner Akt des Selbstbetrugs?) Bei näherer Kenntnis der Pilgerszene entsteht zumindest auf den zweiten Blick der Eindruck, dass bei der Motivation der meisten Pilger heute spirituelle Gründe in einem weiteren Sinne eine bedeutende Rolle spielen. Die Form der spirituellen Motivation hat sich mit der Zeit natürlich gewandelt. Religiöser Zwang und Höllenangst spielen heute wohl nur noch in bedauerlichen Einzelfällen eine Rolle. Auch steht für viele Pilger (zumindest zu Anfang des Weges) nicht mehr die Verehrung des Apostels Jakobus oder eine traditionelle Wundergläubigkeit im Vordergrund.

Insgesamt ist gerade bei jüngeren Pilgern und solchen, die aus eher säkular geprägten Ländern stammen, festzustellen, dass hier eher eine allgemein von dem Wunsch nach Selbstfindung geprägte Suche nach Sinn und Orientierung zunimmt. Über die im weiteren Sinne spirituellen Motive hinaus spielen meist noch zahlreiche weitere Gründe eine Rolle. Bei den meisten Pilgern findet sich wohl eine sehr vielseitige Mischung aus Motiven wie z. B. dem Interesse am Kennenlernen der spanischen Kultur und Küche, dem Wunsch nach sportlicher Betätigung sowie der Freude am intensiven und offenen Kontakt mit Gleichgesinnten aus den verschiedensten Kulturen, Altersgruppen und sozialen Schichten.

Erschlaffte Pilger bei Tardajos (ss)

Nicht unwesentlich ist oft auch der Wunsch nach einer kostengünstigen Gestaltung der Urlaubszeit oder aber nach einem bewusst gewählten, einfachen Lebensstil, der im Gegensatz zu dem vom Konsum übersättigten Alltagsleben steht. Für einige Pilger (und übrigens auch für den Autor dieses Buches) bedeutet Pilgern eine besondere, ganzheitliche Lebensweise, die sich auf einzigartige Weise zu so etwas wie einer Komposition oder einem Gesamtkunstwerk aus all den eben genannten Motiven zusammenfügt. Jakobspilger begreifen Pilgern oft als eine Lebensphilosophie oder Weltanschauung, die ihr Erleben, Denken und Handeln bestimmt und manche ähnlich einem Süchtigen immer wieder zurück nach Hause auf den Weg ruft.

Es überrascht nicht, dass es auf dem Weg aufgrund verschiedenster Motivationen auch zu Konflikten kommt. Wie Ihnen bei näherem Hinschauen sicher auffallen wird, ist dies z. B. gelegentlich zwischen Rad- und Fußpilgern sowie zwischen „Buspilgern“ und (selbst ernannten) „echten Pilgern“ zu beobachten.

oBegegnen Sie dem Weg mit Dankbarkeit und so offen wie möglich, so verpassen Sie nicht die Chance, alle seine „verborgenen Schätze zu heben”! Öffnen Sie dazu alle fünf Sinne und auch das, was in der dichterischen und religiösen Sprache so schön mit „Herz“ und „Seele“ umschrieben wird.

Ärgern Sie sich nicht darüber, wenn Sie Mitpilgern begegnen, die nicht (vordergründig) aus dem gleichen Grund wie Sie dem dennoch gleichen Weg folgen, sondern versuchen Sie, deren Andersartigkeit als eine persönliche Chance für sich zu begreifen und ihr mit echtem Interesse zu begegnen. So können Sie lernen, diese zu verstehen, und letztlich werden dann auch Sie und Ihre Anliegen echtes Verständnis und Interesse bei Ihren Pilgerbrüdern finden.

bWenn Sie den Weg bewusster als ein im weitesten Sinne spirituelles Erlebnis erfahren wollen, kann Ihnen...