Helle Materie - Nahphantastische Erzählungen

von: Sina Kamala Kaufmann

mikrotext, 2019

ISBN: 9783944543710

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 6,99 EUR

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Helle Materie - Nahphantastische Erzählungen


 

Wettbewerbswochen


Stockdunkel trifft es nicht. Es ist finster. Lotte hat niemals eine Stadt, eine Straße so unbeleuchtet gesehen.

Es ärgert sie mehr als in jeder anderen Nacht, den Dynamo nicht repariert zu haben. Ob sie lieber absteigen soll? Der letzte Winter ist hart gewesen. Die Schlaglöcher sind tief, sie sieht gar nichts. Ihr nächster Pedalschlag könnte ihr letzter sein. Sie glaubt, das Risiko der Straße erspüren zu können, indem sie sehr langsam fährt. Vorsichtig tastet sie sich voran. Immerhin sind ja weiterhin Menschen auf den Straßen und die Handynetze funktionieren. Nicht alle benutzen ihre Handys diese Woche, manche hängen ihre Geräte – trotz des Wettbewerbs – an Steckdosen. Andere haben sich eines dieser Solarladegeräte angeschafft, lange bevor sie restlos vergriffen waren. Irgendjemand könnte also, selbst wenn sie hier in ein Schlagloch radelte, aus dem Sattel geschleudert einen doppelten Salto machte, auf den Asphalt klatschte, schwer verunglückte, einen Notarzt rufen. Ein Krankenwagen käme, mit Licht, und man brächte sie in das nächstgelegene Krankenhaus. Bei diesem Gedanken bremst sie abrupt: Das nächstgelegene Krankenhaus ist das schlechte … Lotte steigt vom Rad, läuft zum Bordstein, hievt ihr Gefährt über die Kante und schreitet auf dem breiten Bürgersteig an der kaputten Straße entlang. In ihrem Stadtteil haben Bürger im vergangenen Sommer Blumen in die Schlaglöcher gepflanzt. Die Stadtkammer fand die Idee so klasse, dass daraus ein Beschluss wurde. Sie hat das gelesen, sich gefreut. Ein bepflanztes Schlagloch gesehen hat sie allerdings noch nie.

Zum ersten Mal seit Wochen kehrt Lotte in ihre Wohnung in der Stadt zurück. Sie ist vom Landhaus losgefahren, als es noch hell war, und die letzten drei Stunden ist sie gemütlich geradelt, hat wenige Pausen gemacht. Hätte sie daran gedacht, dass zurzeit Wettbewerbswochen sind, wäre sie womöglich noch etwas länger in ihrem Refugium geblieben. Lotte verspürt seit kurzem das Bedürfnis, eine Katze zu kaufen, ein spontanes, starkes Verlangen ist das gewesen und es geht nicht weg, sie will ihm nachgeben. Vertuscht sie in diesem Katzenkaufimpuls – auch vor sich selbst –, dass sie einfach mal wieder alleine sein will? Die anderen, mit denen sie jetzt permanent zusammenlebt, sind nicht begeistert von der Idee mit der Katze. Und dass es keine Katze von einem Bauern aus der Nachbarschaft sein darf, sondern unbedingt eine großstädtische Katze sein muss, das versteht auch keiner. Aber das ist auch nicht so wichtig, Lotte will es so, und sie will es ziemlich, das haben die anderen gleich gespürt, also gab es überhaupt keine Debatte darüber. Es gibt sowieso selten Debatten, die Abläufe sind unerwartet problemfrei. Der tiefe gegenseitige Respekt, den ihre Freundschaften früher ausgemacht haben, prägt auch jetzt das Zusammenleben. Man kann einen nach dem anderen aufblühen sehen. Ja, auch sie ist sehr glücklich. Glücklich zusammen. Sehr glücklich, zwingt sie sich zu denken, während sie weiter durch die Nacht marschiert.

Big Data. Big Dada. Big Dada. Alle sind völlig verrückt geworden. Es ist dunkel, alle machen mit, alle sparen mit und spielen mit. Es gibt sie beide in uns: die schwäbische Hausfrau und den Zocker. Und der Hauptgewinn? Zwei regionale Extrafeiertage, eine Baukostenübernahme des Bundes für Sportanlagen für die nationale Olympiabewerbung sowie kostenlosen Nahverkehr in der Siegerstadt. Schon spielen alle verrückt? Es ist perfekt inszeniert, da hat sich etwas in Bewegung gesetzt. Eine große, staatliche Forschungsgesellschaft ist die tragende Säule dieses Wettbewerbs.

Es fällt Lotte schwer, sich vorzustellen, dass es jetzt fast in der ganzen Republik so dunkel ist wie hier. Man hat schon von Leuten gehört, die, um heiß zu duschen, mit dem Fahrrad bis nach Hamburg radelten. Gut für die Statistik hier und höherer Verbrauch für die Konkurrenz dort.

Was wurde geschimpft über diese Idee, die große Stromspar-Competition zwischen Städten, Kommunen und Kiezen. Und das Land wurde nebenbei neu eingeteilt. Das sei doch keine Politik, Bürger wären doch keine Kindergartenkinder, die man zu gutem Verhalten motivieren müsse. Außerdem sei es kontraproduktiv, denn die Stromnetze würden Schaden nehmen, wenn sie über längere Zeit so unausgelastet seien. Man könne außerdem die überschüssige Energie gar nicht speichern, sei auf einen hohen Verbrauch angewiesen. Ökologisch betrachtet mache das keinen Sinn, sagen manche. Kurzum: Es wurde genörgelt. Viele schrien, das sei eine elitäre, eitle urbane Sache. Also wurde die Idee etwas modifiziert. Schon klar, dass Buxtehude nie in der Lage wäre, die Olympischen Spiele auszurichten. Also: zusätzliche Preise, Kategorien, jeder für sich und als Teil seiner Region, seines Kiezes, seiner Straße, seines Hauses. Und der Olympia-Bewerbungs-Zuschuss wurde abgeschafft. Stattdessen wird es nun ein großes Bürger-Sportfest geben, ein stattliches städtisches Kräftemessen. Die Region, die gewinnt, wird also mit Luxus-Sportanlagen und der Ausrichtung des Mega-Sportfests, den Bundesbürgerspielen, beglückt. Die Öffentlich-Rechtlichen könnten auch aus Buxtehude problemlos berichten.

Dann gab es Korinthenkacker, die der Ansicht waren, solche Berechnungen seien gar nicht so exakt möglich, das sei alles höchst unseriös. Jemand besonders Patentes vom unterstützenden Institut hat daraufhin erklärt, wie in den vergangenen Jahren bundesweit alle Stromzähler digitalisiert worden seien, wie sie erst mit PKWs durch die einzelnen Straßen haben fahren müssen und jede Wohnung einzeln betreten haben, um die Zähler auszulesen. Datenschutz. Datenangst. Bis man sich einen Ruck gegeben habe, die Daten direkt übers Internet an den Stromanbieter und an eine zentrale Stelle zu leiten. Somit seien alle Verbrauchsdaten, die in dem Portal zusammenflossen, korrekt. Der Verbrauch jedes Haushalts, jedes Hauses, jeder Straße, jedes Kiezes könne nun betrachtet und unter verschiedenen Gesichtspunkten verglichen werden. Schick haben sie das umgesetzt. Mit einer überraschend guten Usability für ein Internetangebot der Verwaltung.

Tatsächlich könne es noch individuelle Stromerzeugung geben. Ob jemand heimlich einen Generator anwerfe oder den eigenen Verbrauch ohne Netz-Einspeisung aus seinen Solarzellen decke, könne man schließlich nicht überprüfen. Aber im Großen und Ganzen war der Institutsmitarbeiter optimistisch, dass die Datengrundlage zuverlässig sei und dass die Wettbewerbskommission gründlich arbeite. Transparenz, die er lieber Sichtbarkeit nennen wollte, mit einem Verbrauchsbewusstseins-Wettbewerb zu verbinden, sei einfach wunderbar und könne zu nachhaltig verändertem Verhalten führen. Solch ein Wettbewerb könne schließlich Automatismen aufbrechen, Routinen hinterfragen und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl stärken.

„Zusammen achtsam im Dunkeln“, spottet Lotte, als sie an die Worte des Herrn Wissenschaftlers zurückdenkt. Er könne die ganzen Schwarzmaler nicht mehr hören. Die Technik existiere und man müsse aufhören, immer nur zu jammern, und etwas ausprobieren, nach vorne schauen, gestalten. Einer dieser äußerst motivierten Männer.

Aber mit einem solchen Wettbewerbsgeist und der daraus folgenden Dunkelheit hat dann doch keiner gerechnet.

Als die Plattform erstmals online ging, verglich Lotte ihren Stromverbrauch mit anderen Ein-Personen-Haushalten aus der Nachbarschaft. Sie fand keinen einzigen im Umkreis von fünf Kilometern, der noch mehr Strom verbraucht als sie. Es ist frappierend. Ja, sie duscht lange, und es hat wohl auch niemand, der allein lebt, eine Kaffeemaschine mit zwei dermaßen heißen Kesseln oder auch nur annähernd so viele illegale Glühbirnen. Die mit den Glühfäden, in denen man die sich bewegenden Elektronen fast noch sehen, zumindest aber erahnen kann. Die Teilchen, die Elektronen sind echt; der Strom etwas Virtuelles. Lotte hängt an diesen glühenden Birnen, die sie aus Restbeständen in Italien und Dänemark im Internet bestellt hat, für viel Geld. Ins Darknet muss man dafür nicht, noch kriegt man sie bei eBay als Import.

Jeder im Haus kann jetzt sehen, dass sie Strom frisst, zum Frühstück, Mittag, zur Vesper, Abendessen – mindestens fünf Mahlzeiten täglich. Sie hat sich da etwas zurechtgelegt: Wenn jemand sie anspräche, würde sie fragen, ob man denn vielleicht ein paar Kleidungsstücke von ihr mitwaschen könne. Das lohne sich ja meist nicht für die paar Teile, aber die hellen, dunklen, bunten, die könne man ja auch nicht zusammen waschen … Bisher hat sie aber noch niemand zur Rede gestellt. Und nun, seit sie mit den anderen da draußen lebt, haben sich solche Verteidigungsüberlegungen sowieso erübrigt. Gemeinschaftliches Stromfressen ist nur halb so verwerflich und außerdem viel gemütlicher.

Sie biegt in ihre Straße ab und erschrickt: Hat sie das Licht brennen lassen? Alle Fenster sind dunkel, nur eines ist hell erleuchtet. Sie beruhigt sich. Das ist nicht ihres, sondern eines auf der gleichen Etage im Nachbarhaus.

Die Post. Sie fällt ihr in die Arme und ergießt sich über sie, als sie den Briefkasten aufschließt. Briefe, kleine und große Umschläge, einige Prospekte, all das landet erst auf ihren Schultern und dann auf dem Boden. Es ist ein wunderbares Gefühl, so sanft beregnet zu werden. Allein für diesen Moment fährt sie gerne weg. Und kommt gerne wieder. Am liebsten gegen Ende des Monats. Da kommt mehr Post. Sie hat sich noch nie selbst eine Karte geschickt, aber da sich Postkarten besonders gut anfühlen, hat sie schon darüber nachgedacht. Die Ecken des härteren Kartons pieksen frech zwischen den diversen gediegeneren Briefen.

Lotte sammelt manches ein, lässt einigen Werbemüll auf dem...