Trust

von: Kylie Scott

LYX, 2018

ISBN: 9783736308565 , 375 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 9,99 EUR

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Trust


 

1. Kapitel


»Vergiss die Mais-Chips nicht!«, rief Georgia, halb aus dem Seitenfenster des Wagens hängend.

»Alles klar.«

»Und nimm die scharfe Salsa-Soße, Edie. Nicht dieses milde Zeug, du feiges Huhn.«

Ich zeigte ihr den Mittelfinger und lief weiter, wobei ich den Blick auf den Boden geheftet hielt.

Der Regen hatte jedes Schlagloch auf dem Drop-Stop-Parkplatz in einen Minisumpf verwandelt. Die Trockenperiode war vorüber, weshalb das nasse Wetter eigentlich ein Segen war. Kronkorken und Zigarettenstummel trieben wie kleine Boote in den trüben Gewässern. Der nordkalifornische Wind ließ kleine Wellen entstehen, die die leuchtende Spiegelung des »Geöffnet«-Schriftzuges verzerrten. Ansonsten war es stockdunkel. Gegen Mitternacht war in Auburn nicht mehr viel los. Um Snacks für unseren Filmmarathon zu besorgen, hatten Georgia und ich uns gezwungen gesehen, durch die halbe Stadt zu fahren. Acht Harry Potter-Filme hintereinander – das war unsere Art, als Einwohnerinnen der sogenannten »Endurance Capital« unser Durchhaltevermögen zu beweisen.

»Oh, und Oreos!«

Als würde ich jemals die Oreos vergessen, dachte ich und betrat den schäbigen Laden.

Wer bei Drop Stop einkaufte, durfte keine hohen Ansprüche haben. Und ich war optisch hervorragend an das niedrige Niveau angepasst: schwarze Yogahose, Sport-BH und ein labbriges, altes blaues T-Shirt. Beim Wettbewerb »Welche Schlafklamotten gehen eher als normale Kleider durch« schlug mein Outfit Georgias Satinnegligé mit Einhornprint um Längen. Uns für unseren Einkaufstrip etwas Ordentliches anzuziehen, wäre uns nie in den Sinn gekommen. Nein, viel zu viel Aufwand für die Sommerferien.

Drinnen im Laden blendeten mich die fluoreszierenden Deckenlampen, und die klimatisierte Luft war so kalt, dass ich eine Gänsehaut bekam. Doch nun lag er vor mir: ein ganzer Gang voll mit den ungesündesten Lebensmitteln der Welt, denen ich jedoch, wie mein Hintern bewies, gern zusprach. Wiederholt und mit Begeisterung.

Ich schnappte mir einen Einkaufskorb aus Plastik und schritt zur Tat.

Außer mir waren nur wenige andere Kunden im Laden. Beim Bierkühlschrank unterhielt sich ein groß gewachsener Junge im schwarzen Kapuzenpullover leise mit einem anderen jungen Kerl. Ich bezweifelte stark, dass die beiden alt genug waren, um legal Alkohol trinken zu dürfen. Hinter der Ladentheke stand ein Student vom hiesigen College, deutlich erkennbar an dem Lehrbuch, das er ausgewählt hatte, um sich dahinter zu verstecken. Merke: im Abschlussjahr ordentlich büffeln, um in Berkley zugelassen zu werden.

Hershey-Schokoriegel, Reese’s Pieces, Oreos, Gummibärchen, Milk Duds, Skittles, Twinkies, Doritos und Salsa-Soße. »Höllisch scharf« stand auf der Flasche, auf der sogar ein kleiner tanzender Dämon abgebildet war. Das alles landete im Korb. Somit waren alle wichtigen industriell hergestellten Nahrungsmittelgruppen angemessen vertreten. Doch ein wenig Platz war noch im Korb. Nachdem wir immerhin ans andere Ende der Stadt gefahren waren, wäre es blöd gewesen, halbe Sachen zu machen. Allein die Rückfahrt zum Haus von Georgias Eltern würde schon gute zehn oder fünfzehn Minuten in Anspruch nehmen. Da brauchten wir ausreichend Proviant.

Noch eine Dose Pringles als Glücks- und Wohlstandsbringer – fertig.

Ich stellte meinen Korb auf die Ladentheke und schreckte damit den Collegeboy auf. Offenbar war er tatsächlich richtig in seine Studien vertieft gewesen. Er blinzelte mich verdutzt durch seine Brille mit Drahtgestell an. Seine Augen waren braun.

Mist, er war süß.

Sofort wandte ich mich ab. Nun starrte ich allerdings direkt auf einen Ständer mit Tittenmagazinen. Wow. Hoffentlich wurde ein Teil der Verkaufserlöse dieser Heftchen dafür eingesetzt, Frauen mit Rückenproblemen zu helfen. Diese Brüste waren teilweise erschreckend groß. Durch das verdreckte Fenster hindurch ließ sich draußen kaum etwas erkennen, doch ich hatte den Eindruck, dass es in der Zwischenzeit wieder angefangen hatte zu regnen. Die Flipflops an meinen Füßen waren wohl keine gute Wahl gewesen.

Piep, piep, piep addierte die Kasse meine Einkäufe zusammen. Hervorragend. Der süße Kassierer und ich ignorierten uns. Jeder weitere Augenkontakt unterblieb. Das war von allen denkbaren Szenarien das bestmögliche. Mit anderen Menschen zu interagieren, stellte für mich generell eine Herausforderung dar, aber bei attraktiven Personen war es bei Weitem am schlimmsten. Sie verunsicherten mich. In ihrer Gegenwart fing ich an zu schwitzen, lief rot an, und mein Hirn war nur noch leer und nutzlos.

Meine Ausbeute wanderte in eine dünne weiße Plastiktüte, die hundertprozentig auf halbem Weg zum Auto reißen würde. Egal, dann musste ich sie eben fest an die Brust drücken und mit dem Unterteil meines Shirts stützen oder was auch immer. Das wäre jedenfalls viel einfacher, als ihn darum zu bitten, sie in eine zweite Tüte zu stecken.

Ich schob das Geld in seine grobe Richtung, murmelte ein Dankeschön und setzte mich wieder in Bewegung. Auftrag erfolgreich ausgeführt.

Nur betrat genau in diesem Augenblick ein dürrer Typ den Laden, der es noch eiliger hatte als ich. Wir prallten gegeneinander, und ich zog den Kürzeren. Meine Flipflops rutschten unter mir auf dem nassen Boden weg. Ich taumelte rückwärts in eins der Regale, stürzte und landete auf dem kalten, harten Boden. Die Plastiktüte platzte auf, und mein Kram verteilte sich überall. So ein Arsch.

»Na großartig«, murmelte ich sarkastisch, schnell gefolgt von einem ironischen »Mir geht’s gut. Kein Problem«.

Wie peinlich. Nicht, dass mir irgendjemand Beachtung schenkte. Anscheinend hatte ich im Sturz eine der scharfen Metallkanten erwischt, denn an meiner Taille prangte nun ein Kratzer. Er schmerzte heftig, genau wie mein lädierter Hintern.

Der Collegeboy rang hörbar nach Luft. Verständlich. Ich wäre an seiner Stelle auch sauer geworden, wenn in meinem Laden eine moppelige Tussi im Schlafanzug mit Sachen um sich geworfen hätte. Der Vollidiot, der mich gerade aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, knallte die Hand auf die Theke und knurrte etwas, woraufhin der Collegeboy stammelte: »B-bitte. N-nicht.«

Ich erstarrte, denn mir wurde schlagartig klar, dass es hier überhaupt nicht um meine Bruchlandung im Regal ging.

Nicht im Entferntesten.

Der Collegeboy fummelte mit panisch verzerrtem Gesicht an der Kasse herum. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht. Die Zeit schien fast stehen zu bleiben, als der junge Mann die Tasten der Kasse drückte. Dabei rannen ihm Tränen der Verzweiflung über die Wangen, weil das Ding sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht öffnen ließ. Der dünne Kerl gebärdete sich derweil wie ein Irrer, brüllte und fuchtelte mit etwas herum.

Plötzlich flog die Kassenschublade mit einem kurzen misstönenden Klingeln auf.

Der Collegeboy nahm ein Geldbündel heraus und stopfte es in eine Plastiktüte. Der dürre Kerl knallte wieder voller Wut und Frust die Hand auf den Tresen. Da heulte unvermittelt eine Polizeisirene auf. Gleich darauf quietschten Reifen. Ich verfolgte entsetzt, wie draußen auf dem Parkplatz ein ramponiertes Auto schlingernd beschleunigte und davonraste. Dabei prallte es gegen einen Müllcontainer, dessen Abfall sich auf dem Asphalt verteilte. Ein Polizeiauto nahm die Verfolgung auf, ein anderes kam mit eingeschaltetem Blaulicht vor dem Supermarkt zum Stehen.

Der Kerl vor der Theke fuhr zum Parkplatz herum und schrie etwas Unverständliches. Die Muskeln in seinem Gesicht zuckten unkontrolliert. Seine Augen sahen merkwürdig aus, die Pupillen waren wie aufgebläht und riesengroß. Sein Gesicht war von roten Flecken – Geschwüren – übersät, und seine Zähne waren nur noch faulige Stummel. Dann sah ich die Pistole in seiner Hand, und mir blieb das Herz stehen.

Er hatte eine Waffe. Eine Waffe. Das passierte wirklich, genau hier. Genau jetzt.

Durch die schmuddeligen Fenster fiel zuckend das Blaulicht, abwechselnd rot und blau, und ich saß nur da, wie betäubt, mit weit aufgerissenen Augen, und begriff gar nichts mehr. Alles ging so schnell. Ich konnte dem bewaffneten Kerl genau ansehen, wann er begriff, dass er zurückgelassen worden war, denn in diesem Augenblick zuckte er zusammen. Die Hand, in der er die Waffe hielt, zitterte kurz. Dann drehte er sich zum Collegeboy um.

Eine Sekunde lang standen sie einander reglos gegenüber, der eine zitternd vor Angst, während der andere die Waffe hob. Dann ertönte ein lauter Knall. Der Collegeboy ging zu Boden. Das Wandregal mit den Zigarettenpackungen sah aus, als hätte jemand einen Eimer scharlachroter Farbe darübergekippt.

Das Sirenengeheul wurde lauter. Noch mehr Polizeiwagen fuhren vor dem Gebäude vor.

»Du Miststück!«, brüllte der Mann und übertönte damit sogar die Sirenen und das Klingeln in meinen Ohren. »Joanna, du blöde Schlampe! Du solltest doch nicht abhauen! Komm sofort zurück!«

Ich bekam keine Luft. Mit eingezogenem Kopf kauerte ich am Boden, die Kehle wie zugeschnürt.

Er drehte sich wieder zu der blutigen Sauerei hinter der Theke um und fluchte heftig und ausdauernd.

»Legen Sie die Waffe weg«, forderte von draußen eine weibliche Stimme durch einen Lautsprecher. »Legen Sie sie langsam ab und kommen Sie mit erhobenen Händen heraus.«

Schwere, schlammverschmierte Stiefel stampften direkt auf mich zu. Oh nein. Ich musste ihm gut zureden, ihn irgendwie beruhigen. Doch in meinem Hirn regte sich nichts, und...