Der Pilz am Ende der Welt - Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus

von: Anna Lowenhaupt Tsing

Matthes & Seitz Berlin Verlag, 2018

ISBN: 9783957575852 , 448 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 23,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Der Pilz am Ende der Welt - Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus


 

Prolog


Herbstaroma


Die Höhen von Takamatsu, voll aufschirmender Pilze

die groß werden, gedeihen –

das Wunder herbstlicher Aromen.

— Aus dem Man’yōshū, einer japanischen Gedichtsammlung aus dem achten Jahrhundert.1

Was tun, wenn einem die Welt in Stücke geht? Ich gehe spazieren, und wenn ich sehr viel Glück habe, finde ich Pilze. Pilze werfen mich auf meine Sinne zurück, nicht einfach – wie bei Blumen – durch ihre ausgelassenen Farben und Düfte, sondern weil sie so unerwartet aufschießen und mich an das Glück erinnern, einfach da zu sein. Dann weiß ich wieder, dass es noch Freuden gibt inmitten der Schrecken der Unbestimmtheit.

Schrecken, das ist klar, gibt es zuhauf, und nicht nur für mich. Das Weltklima spielt völlig verrückt und der industrielle Fortschritt hat sich als weit tödlicher für das Leben auf Erden erwiesen, als man es sich noch vor einem Jahrhundert vorzustellen wagte. Die Wirtschaft ist keine Quelle des Wachstums oder des Optimismus mehr; jeder einzelne Arbeitsplatz kann mit der nächsten Wirtschaftskrise verloren gehen. Dabei ist es nicht nur so, dass wir schon die nächsten Desaster befürchten müssen – wir müssen auch ohne Erzählungen zurechtkommen, die uns sagen könnten, wo es langgeht und auch, warum gerade dort entlang. Prekär leben zu müssen, schien einst das Schicksal von den vom Glück weniger Begünstigten zu sein. Heute sieht alles danach aus, dass sich keiner mehr in völliger Sicherheit wiegen kann – selbst wenn im Moment unsere Taschen noch prall gefüllt sind. Anders als zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, als sich Dichter und Philosophen auf der nördlichen Hemisphäre durch ein Übermaß an Stabilität eingeengt fühlten, sehen sich heute im Norden wie im Süden viele von uns mit einer Situation konfrontiert, in der die Schwierigkeiten kein Ende nehmen wollen.

Das vorliegende Buch erzählt von meinen Reisen mit den Pilzen, Reisen, auf denen ich die Unbestimmtheit und die prekären Bedingungen, will heißen, ein Leben ohne das Versprechen der Stabilität erkundet habe. Ich habe gelesen, dass 1991, beim Zusammenbruch der Sowjetunion, Tausende, die in Sibirien plötzlich ohne staatliche Sicherheiten dastanden, in die Wälder liefen, um Pilze zu sammeln.2 Dabei handelte es sich natürlich nicht um jene Pilze, denen ich hier folge, aber in ihnen zeigt sich, worum es mir geht: Das unkontrollierte Leben der Pilze ist ein Geschenk – und eine Orientierung –, wenn die Kontrolle, die wir über die Welt zu haben meinen, versagt.

Auch wenn ich Ihnen keine Pilze anbieten kann, hoffe ich doch, Sie kosten mit mir das »herbstliche Aroma«, das in dem am Anfang stehenden Gedicht gepriesen wird. Es ist der Duft der Matsutake, einer Gruppe wohlriechender wild wachsender Pilze, die in Japan hochgeschätzt sind. Matsutake sind die geliebten Boten der Herbstsaison. Ihr Duft evoziert jene Traurigkeit, die mit dem Verlust der sommerlichen Leichtigkeit und Fülle einhergeht, beschwört aber auch die geschärfte Intensität und das erhöhte Empfindungsvermögen des Herbstes. Eine solche Empfänglichkeit ist geboten, wenn die sommerliche Leichtigkeit des globalen Fortschritts zu Ende geht: Das herbstliche Aroma führt mich in jenes gewöhnliche Leben, das ohne Garantien auskommen muss. Mein Buch ist keine Kritik am Traum der Modernisierung und des Fortschritts, der dem zwanzigsten Jahrhundert die Aussicht auf Stabilität bescherte; zahlreiche Analytiker haben diese Träume bereits vor mir seziert. Ich möchte vielmehr zum Thema machen, was es für die Vorstellungskraft bedeutet, ohne jene orientierenden Erzählungen leben zu müssen, die uns einst glauben ließen, wir als Gesellschaft wüssten, wo es langgeht. Wenn wir uns der Attraktion des Matsutake nicht verschließen, kann uns dieser Pilz zu einer Neugier verleiten, die mir in prekären Zeiten als unumgängliche Voraussetzung für ein gemeinschaftliches Überleben erscheint.

In einem radikalen Pamphlet wurde diese Herausforderung wie folgt formuliert:

Das Gespenst, das viele nicht sehen wollen, ist eine einfache Einsicht – die Welt wird nicht »gerettet« werden. (…) Wenn wir nicht an eine weltweite revolutionäre Zukunft glauben, müssen wir (wie es ja tatsächlich stets der Fall war) in der Gegenwart leben.3

Als 1945 Hiroshima durch eine Atombombe zerstört wurde, war das erste Lebewesen, das in der verheerten Landschaft wieder aus dem Boden kam, angeblich ein Matsutake.4

Mit der Beherrschung des Atoms erreichte der Menschheitstraum von der Beherrschung der Natur seinen Höhepunkt. Mit der Bombe auf Hiroshima begann dieser Traum zu zerplatzen und alles änderte sich. Plötzlich wurde uns bewusst, dass die Menschen die Lebensgrundlage des Planeten zerstören konnten – absichtlich oder nicht. Ein Bewusstsein, das noch zunahm, als wir von Dingen wie Umweltverschmutzung, Massenaussterben oder Klimawandel erfuhren. Die aktuelle Prekarität hängt zur Hälfte vom Schicksal der Erde ab: Mit welchem Ausmaß an Zerstörungen durch den Menschen können wir leben? Ungeachtet der Rede von Nachhaltigkeit müssen wir uns fragen, welche Chance wir haben, unseren Nachfahren, und damit sind alle Arten von Lebewesen gemeint, eine bewohnbare Umwelt zu hinterlassen.

Auch der zweite entscheidende Grund für unsere heute prekäre Lage hängt mit der Hiroshima-Bombe zusammen: die überraschenden Widersprüche der Nachkriegsentwicklung. Nach dem Krieg schien die von amerikanischen Bomben gestützte Modernisierung das Versprechen einer glänzenden Zukunft abzugeben. Jeder sollte davon profitieren. Aber heute? Auf der einen Seite ist kein Ort der Welt von der globalen politischen Ökonomie, die aus dem Apparat der Nachkriegsentwicklung hervorgegangen ist, unberührt geblieben. Auf der anderen Seite scheinen wir, obzwar die Entwicklungsversprechen noch immer winken, über keine Mittel mehr zu verfügen, sie umzusetzen. Die Modernisierung sollte die Welt – die kommunistische wie die kapitalistische – mit Jobs versehen, und nicht einfach irgendwelchen Jobs, sondern »regulären Beschäftigungen« mit festen Löhnen und Vorsorgeleistungen. Solche Jobs sind heute selten geworden; die meisten Menschen haben nur ein eher unregelmäßiges Auskommen. Die Ironie unserer Zeit besteht also darin, dass jeder vom Kapitalismus abhängt, aber fast keiner noch eine, wie es einmal genannt wurde, »feste Arbeit« hat.

Wenn man in prekären Verhältnissen lebt, genügt es nicht, nur jene zu schmähen, die sie uns eingebrockt haben (obgleich ich bestimmt nichts dagegen habe). Wir könnten etwa unseren Blick wandern lassen, um diese seltsame neue Welt in Augenschein zu nehmen, und wir könnten unsere Fantasie bemühen, damit wir ihre Umrisse begreifen. Pilze können uns dabei helfen. Da Matsutake so gerne in verheerten Landstrichen wachsen, bieten sie uns Gelegenheit, die Ruine zu erkunden, zu der unsere Heimat geworden ist.

Matsutake sind Wildpilze, die vornehmlich in Wäldern vorkommen, die von Menschen gestört wurden. Wie Ratten, Waschbären und Kakerlaken sind sie in der Lage, es mit menschengemachten Umweltverheerungen aller Art aufzunehmen. Sie sind jedoch keine Schädlinge und gelten als wertvolle Delikatesse – zumindest in Japan, wo sie hohe Preise erzielen, die sie zeitweilig zu den teuersten Pilzen der Erde machten. Matsutake besitzen die Fähigkeit, Bäumen Nährstoffe zuzuführen, und begünstigen somit das Wachstum von Wäldern dort, wo es eigentlich aussichtslos erscheint. Der Pilz führt uns vor Augen, wie in gestörten Umgebungen Koexistenz möglich ist. Auch wenn dies keine Ausrede für weitere Zerstörungen sein kann, kündet er von einem gemeinschaftlichen Überleben.

Der Matsutake wirft überdies ein Licht auf die Risse in der Weltwirtschaft. In den vergangenen dreißig Jahren ist der Pilz zu einer global gehandelten Ware geworden, die in Wäldern überall auf der Nordhalbkugel gesammelt und dann frisch nach Japan transportiert wird. Viele Matsutake-Sucher stammen aus vertriebenen oder entrechteten kulturellen Minderheiten. Im pazifischen Nordwesten der USA zum Beispiel sind die meisten professionellen Sammler Flüchtlinge aus Laos und Kambodscha. In den Gegenden, in denen der Pilz gesammelt wird, trägt er aufgrund seines hohen Preises entscheidend zum Lebensunterhalt bei und sorgt darüber hinaus für eine kulturelle Wiederbelebung.

Allerdings hat das Geschäft mit dem Matsutake kaum mit den Entwicklungsträumen des zwanzigsten Jahrhunderts zu tun. Die meisten Pilzsucher, mit denen ich gesprochen habe, haben fürchterliche Geschichten von Vertreibung und Verlust zu erzählen. Professionelles Sammeln sorgt bei jenen, die keine andere Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, für ein besseres Auskommen als allgemein üblich. Doch welche Ökonomie steckt...