Der kleine Brautladen am Strand - Liebesroman

Der kleine Brautladen am Strand - Liebesroman

von: Jane Linfoot

MIRA Taschenbuch, 2018

ISBN: 9783955767907 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Der kleine Brautladen am Strand - Liebesroman


 

1. Kapitel

»Brides by the Sea«, in meiner Wohnung: Weiße Schrift und Tüllgardinen

DICH MAG ICH SEHR,

DOCH SCHOKOLADE NOCH MEHR …

Bei diesem Satz kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aus hauchdünner Zuckergussglasur steche ich die Buchstaben für die Torte aus, die der Kunde bestellt hat: weiße Schrift vor sattem mokkafarbenem Hintergrund auf zartbitterem Schokobiskuit. Die Biskuitböden kommen frisch aus dem Ofen und stehen nun zum Abkühlen auf dem Rost. Von dem winzigen Tisch, meiner Arbeitsfläche, verströmen Vanillestangen und Kakaopulver ihren Duft. Ich lehne mich vor, um die Fensterluke zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Dabei erhasche ich einen Blick auf das türkisfarbene Meer, das in der Sonne funkelt. Als ich noch mit Brett zusammen war, lebten wir in einem Penthouse. Die Terrasse hatte Meerblick, und die Zimmer waren zur Wasserseite komplett verglast. Doch im letzten halben Jahr habe ich mein kleines Nest hier oben lieben gelernt. Das kleine Schmuckstück unterm Dach, direkt über dem Brautmodengeschäft, ist jetzt mein Zuhause.

»Poppy, Poppy! Komm schnell!« Wenn Jess nicht so laut nach mir rufen würde, könnte ich erzählen, wie ich hier gelandet bin, und in allen traurigen Einzelheiten meine Geschichte schildern. Aber wie die Dinge liegen, muss ich schnell ein Stockwerk runter zu Jess. Der Deal ist nämlich, dass ich als Gegenleistung für das mietfreie Wohnen im Dachgeschoss im Brautmodengeschäft aushelfe, wann immer ich gebraucht werde. Also springe ich die Treppe runter, immer zwei Stufen auf einmal, und meine Geschichte muss warten.

Bei Brautkleidern geht’s mit den Leuten oft durch. Zum Glück bewahrt Jess, die Inhaberin von »Brides by the Sea«, meist die Ruhe und trocknet die Tränen, die hier reichlich fließen. Ihr Rufen bedeutet daher nichts Gutes. Ich hechte nach unten, an den dunkelblauen Anzügen für die Bräutigame und den zartrosa Kleidchen für die Brautjungfern vorbei. Alle Abteilungen im Laden haben eigene Namen, die Ecke für die Brautjungfern nennen wir die Strandhütte. Ich rase durch das Schuhzimmer mit der exklusiven Auswahl an hochhackigen Schuhen und vorbei an den Hochzeitstorten und – blumen, bis ich endlich vor Jess im sogenannten Weißen Zimmer auf dem hell lackierten Holzboden lande. Jess steht atemlos vor einem Ständer mit Brautkleidern und ringt die Hände.

»Was ist los?« Schnell wische ich mir an der Schürze den Puderzucker von den Fingern. Man könnte meinen, wir wären langsam daran gewöhnt, da wir jeden Tag inmitten von Bergen von Spitze und Rüschen arbeiten. Doch Tüll, der sich an einer Kleiderpuppe bauscht, lässt mein Herz immer noch höherschlagen. Aber was versetzt Jess jetzt so in Aufruhr?

»Du kennst doch Josie Redman? Die Josie Redman?«

»Du meinst die Josie Redman aus dem Fernsehen, die in jeder Klatschzeitung auftaucht?«, frage ich. Ich weiß nicht, womit sie berühmt wurde, ich weiß nur, dass sie berühmt ist. »Dunkle Haare? Mit Schwalben-Tattoo auf dem Bein?« Keine Sorge, das Tattoo ist weniger trashig, als es klingt. »Die Promi-Frau, die zu berühmt für Big Brother ist?«

Jess nickt wie wild. An dieser Stelle scheint es mir ratsam anzumerken, dass Jess ziemlich normal ist und nicht irgendwie durchgeknallt. Jemand, der wie sie dieses Brautmodengeschäft erfolgreich gründen konnte, muss einigermaßen zurechnungsfähig sein. Angefangen hat sie mit einem Blumenladen im Erdgeschoss. Heute gehört ihr das ganze Haus mitsamt dem Brautmodenimperium, das Kundinnen aus ganz Cornwall und halb England anzieht. Dafür hat sie hart arbeiten müssen, und ein gewisses Maß an Geschäftssinn brauchte es auch.

»Das stand in der Promi-App auf meinem Handy, und auf Twitter steht es auch. Es stimmt also«, sagt Jess und schnappt nach Luft. »Sera ist gerade in ihrem Atelier, sie telefoniert mit Josies Assistentin und bespricht die Einzelheiten.« Während ihr die Worte aus dem Mund purzeln, wedelt sie aufgeregt mit den Händen.

»Welche Einzelheiten? Worum geht es denn eigentlich, Jess?«

Ich befürchte schon, Jess bekommt eine Panikattacke, wie sie sonst eigentlich nur die Brautmütter kriegen. Vorsorglich halte ich auf den Samtsofas und den vergoldeten Beistelltischchen nach Papiertaschentüchern Ausschau. Doch da kommt auch schon Sera auf ihren langen Beinen in den abgewetzten Boots die Stufen aus dem Atelier herunter.

»Das soll sie dir selbst erzählen«, bringt Jess atemlos hervor.

Sera stiefelt die Stufen hinab wie ein Statist in einem Zombiefilm. Sie schwebt den letzten Absatz herab und lässt sich in Zeitlupe in den nächsten Sessel sinken. Ihr Gesicht ist bleicher als ihr gebleichter Blondschopf.

»Was ist los, Sera?«

Da Sera sich an den abgeschnittenen Saum ihrer Shorts klammert und ihren Mund lautlos auf- und zumacht, ohne ein Wort herauszubringen, wende ich mich fragend an Jess.

»Josie Redman will, dass Seraphina East …«, mitten im Satz hört Jess auf zu quietschen und fällt in ihre normale Stimmlage zurück, »… sie will, dass Sera ihr Kleid entwirft.«

Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was Jess gesagt hat. Tonlos bewegen sich meine Lippen zu einem »Oh mein Gott!«. Das sind unglaubliche Neuigkeiten.

Unsere Sera, die junge Frau aus dem Dorf in ihren abgerissenen Jeans, die, kaum dass sie ihr Studium beendet hatte, mit ihren Entwürfen bei Jess im Laden erschienen war. Seitdem ist viel passiert, nur die Shorts trägt sie immer noch.

Etwa zur selben Zeit hatte ich meinen festen Job in London aufgegeben und war mit Brett zusammengezogen. Ich hatte Jess gefragt, ob sie meine Hochzeitstorten in ihr Programm aufnehmen wolle. Jess hatte Sera und mich unter ihre Fittiche genommen und uns unterstützt, und sie tut das auch heute noch. Doch anders als ich mit meinen Torten, die neben Brett und seiner steilen Karriere nur eine Zweitbeschäftigung waren, ist Sera schon immer voll und ganz in ihren Kleidern und Entwürfen aufgegangen.

Seras Atelier liegt im Dachgeschoss, neben meiner kleinen Wohnung. Seit mittlerweile sieben Jahren vertreibt »Brides by the Sea« Seras Kollektionen exklusiv. Und jetzt scheinen sich ihre Arbeit und Jess’ finanzielle Unterstützung auszuzahlen. Weil sie das große Los mit dem Promi Josie Redman gezogen haben.

»Ooooooh …!«, höre ich mich diesen lang gezogenen Ton ausstoßen, wie immer, wenn ich aufgeregt bin. Und wie immer ist es mir ein bisschen peinlich. »Wie toll ist das denn, Sera?« Und wie toll ist das erst für Jess und ihren Laden! Bräute aus dem ganzen Land werden ihr die Bude einrennen, weil sie dasselbe Keid wie ihr Lieblings-Promi haben wollen. Traumhaft! »Glückwunsch euch beiden!« Ich drücke Sera. Ihre Wangen sind feucht von Freudentränen.

Gerade will ich ihr ein Taschentuch reichen, da klingelt das Telefon im Nebenzimmer. Ich werfe Jess einen wissenden Blick zu.

»Aha, ich wette, das sind die ersten Anfragen«, sage ich, ohne es selbst richtig zu glauben. Josie Redman will ein Kleid von Seraphina East, und eine Horde Bräute folgt ihr auf dem Fuße. »Dass das so schnell geht!« Doch es geht tatsächlich so schnell. In den nächsten zwei Stunden sind wir damit beschäftigt, Telefonanfragen und erste Bestellungen entgegenzunehmen. Als wir nicht mehr können und das Telefon ausstellen, ist das Auftragsbuch für das kommende halbe Jahr voll, und draußen dämmert es bereits. »Wir brauchen einen zusätzlichen Umkleideraum. Allerdings kommt es nicht nach jeder Anprobe zu einer Bestellung …« Jess denkt laut nach, während sie erschöpft in einen Lehnstuhl sinkt und sich ihre Schuhe von den Füßen streift. Sera sieht jetzt ein bisschen weniger wie ein Zombie aus. »Wie soll ich das bloß schaffen?«, fragt sie mich. Aus ihrer piepsigen Stimme sprechen neunzig Prozent Verzweiflung und zehn Prozent echte Panik. »Wir helfen dir«, versichere ich ihr, und das müssen wir auch. Sera ist eine exzellente Verkäuferin, wenn es um fremde Kleider geht, aber bei ihren eigenen versagt sie regelmäßig. Sera seufzt. »Mir fehlen doch schon bei normalen Kunden die Worte. Was, wenn es ein Promi ist?«

»Vergiss, was in der Zeitung steht. Josie ist bestimmt gar nicht so eine schlimme Zicke …« Zu spät merke ich, dass ich mich verrannt habe. »Eine Zicke?«, kreischt Sera. Mist. Manchmal scheint sie echt hinterm Mond zu leben. Kommt sie denn überhaupt nicht raus, außer mal an den Strand? »Ach, Josie wird nicht so schlimm sein, wie man sagt«, behaupte ich und hoffe, dass ich recht habe. Jess redet weiter, als hätte sie Seras Anfall nicht mitbekommen. »Solange wir mit der Herstellung und dem Nähen nachkommen … Wir brauchen einen eigenen Raum für deine Kollektion, Sera.« Platz genug haben wir. Das Gebäude hat vier Stockwerke. Deshalb konnte mir Jess auch nach der Trennung von Brett die Wohnung unterm Dach anbieten. Jess wirft mir einen bedeutungsvollen Blick zu. »Poppy, sei so lieb, und hol uns was zum Anstoßen.« In Brautläden wird bevorzugt Sekt getrunken. Sekt hebt die Laune und macht keine Flecke. »Prosecco?«, frage ich. Der Kühlschrank ist voll davon. Jess sagt immer, angesäuselte Bräute sind gute Bräute, und gute Bräute sind gute Kundinnen. »Nein, für diesen Anlass brauchen wir was Hochprozentigeres«, winkt Jess meinen Vorschlag ab. »Gin Tonic. Im Schreibtisch steht eine Flasche. Ich brauche einen extragroßen, so wie die Cocktails in dem Club da, wie heißt er noch gleich? Jaggers!« Sera und ich machen große Augen und sehen uns an. »Wann warst du denn im Jaggers, Jess?«, frage ich. Da gehen doch nur zwanzigjährige Surfer hin. Jess ist mindestens doppelt so alt. Vor Unglauben überschlägt sich...