Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Eine Idee erscheint. Roman

von: Haruki Murakami

DuMont Buchverlag , 2018

ISBN: 9783832189884 , 475 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 20,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Die Ermordung des Commendatore Band 1 - Eine Idee erscheint. Roman


 

WAHRSCHEINLICH LANDEN WIR ALLE AUF DEM MOND


»Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht mehr mit dir zusammenleben«, eröffnete mir meine Frau ruhig und verfiel dann in ein langes Schweigen.

Ihre Ankündigung brach völlig unvorhergesehen und überraschend über mich herein. So abrupt kam sie, dass es mir die Sprache verschlug und ich nur stumm abwarten konnte, was sie weiter zu sagen hatte. Nicht, dass ich noch auf einen positiveren Ausblick hoffte, aber ich konnte einfach nichts anderes tun, als auf ihre nächsten Worte warten.

Wir saßen einander gegenüber an unserem Küchentisch. An einem Sonntagnachmittag Mitte März. Mitte April würde unser sechster Hochzeitstag sein. Seit dem Morgen fiel ein kalter Regen. Nach ihrer Ankündigung sah ich als Erstes aus dem Fenster, um den Zustand des Regens zu überprüfen. Es war ein unauffälliger, sanfter Regen. Es wehte kaum ein Wind. Dennoch brachte der Regen eine Kühle, die mich frösteln ließ und mir sagte, dass der Frühling noch in weiter Ferne lag. In der diesigen, regenverhangenen Luft glomm orangefarben der Tokio Tower. Kein Vogel flog am Himmel. Die Vögel kauerten wahrscheinlich, Schutz vor dem Regen suchend, unter irgendwelchen Dachtraufen.

»Du fragst mich gar nicht nach dem Grund«, sagte sie schließlich.

Ich legte den Kopf ein wenig schräg, was nicht Ja und nicht Nein bedeutete. Da mir partout nichts zu sagen einfiel, zuckte ich nur reflexartig mit den Schultern.

Sie trug einen dünnen violetten Pullover mit weitem Ausschnitt. Er war an einer Seite verrutscht, und an ihrem Schlüsselbein schaute der weiche Träger ihres weißen Unterhemdes hervor. Er sah aus wie eine besondere Nudelsorte, die man für ein spezielles Pastagericht benutzte.

»Doch, eine Frage hätte ich«, sagte ich endlich, ohne meinen Blick von dem Träger lösen zu können. Meine Stimme klang steif, und es fehlte ihr eindeutig an Wärme und Zuversicht.

»Gern, wenn ich sie beantworten kann.«

»Bin ich daran schuld?«

Sie dachte einen Augenblick lang nach. Dann hob sie den Kopf und holte tief Luft, als wäre sie lange unter Wasser gewesen.

»Nicht direkt, glaube ich.«

»Nicht direkt?«

»Nein, glaube ich nicht.«

Ich erwog den subtilen Beiklang ihrer Worte. Als würde ich das Gewicht eines rohen Eis in meiner Handfläche prüfen. »Das heißt also, indirekt ja?«

Meine Frau antwortete nicht auf meine Frage. »Vor einigen Tagen hatte ich gegen Morgen einen Traum«, sagte sie stattdessen. »Er war so lebendig, dass ich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit nicht ziehen konnte. Und als ich aufwachte, dachte ich, nein, wusste ich, dass ich nicht länger mit dir zusammenleben kann.«

»Was war das für ein Traum?«

Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber den Inhalt kann ich dir nicht erzählen.«

»Weil der Traum etwas zu Persönliches enthielt?«

»Kann sein.«

»Kam ich auch in diesem Traum vor?«, fragte ich.

»Nein. In diesem Sinne trägst du auch keine direkte Verantwortung.«

Zur Sicherheit fasste ich noch einmal zusammen, was sie gesagt hatte. Ich hatte es mir schon früh angewöhnt, die Aussagen von Gesprächspartnern zusammenzufassen, wenn ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte (ich brauche nicht zu erwähnen, dass das manchen Leuten ganz schön auf die Nerven fällt).

»Das heißt also, du hattest vor einigen Tagen einen sehr realistischen Traum. Und als du aufwachtest, warst du dir sicher, dass du nicht länger mit mir zusammenleben kannst. Aber den Inhalt dieses Traums kannst du mir nicht mitteilen, da es in diesem Traum um etwas sehr Persönliches ging. Ist es so?«

Sie nickte. »Ja, genau.«

»Aber das erklärt doch gar nichts.«

Sie legte beide Hände auf den Tisch und blickte in den Kaffeebecher, der vor ihr stand, als wollte sie etwas daraus lesen. Ihrem Blick nach zu schließen handelte es sich um einen ziemlich symbolträchtigen und vieldeutigen Text.

Träume hatten für meine Frau schon immer eine große Bedeutung gehabt. Manchmal fasste sie wegen eines Traums einen Entschluss oder änderte ihr Urteil. Aber so wichtig sie ihre Träume auch nehmen mochte, sie konnte doch nicht nur wegen eines besonders lebhaften Traums das Gewicht unserer sechsjährigen Ehe für nichtig erklären.

»Natürlich war der Traum nicht mehr als ein Auslöser«, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Durch ihn sind mir verschiedene Dinge nur ganz deutlich geworden.«

»Wenn man den Abzug drückt, kommt eine Kugel raus.«

»Was meinst du damit?«

»Bei einem Gewehr ist das ein wichtiger Faktor, und ich empfinde den Ausdruck, etwas sei nur ein Auslöser, als unpassend.«

Sie sah mich wortlos an. Anscheinend hatte sie nicht richtig verstanden, was ich sagen wollte. Eigentlich hatte ich es selbst nicht richtig verstanden.

»Hast du jemand anderen kennengelernt?«, fragte ich.

Sie nickte.

»Und schläfst du mit diesem anderen?«

»Ja. Es tut mir sehr leid.«

Wahrscheinlich hätte ich fragen sollen, wer es war und wie lange das schon ging. Andererseits wollte ich das gar nicht so gern wissen. Und auch nicht darüber nachdenken. Also richtete ich meinen Blick wieder aus dem Fenster und schaute in den andauernden Regen. Wieso hatte ich bisher nichts davon bemerkt?

»Aber das ist nur eine Sache von vielen«, sagte meine Frau.

Ich blickte wieder in die Wohnung zurück, die mir seit Langem vertraut war, doch sie hatte sich bereits in eine ferne, kalte, fremde Szenerie verwandelt.

Nur eine Sache von vielen?

Ich dachte angestrengt darüber nach, was sie damit sagen wollte. Sie hatte Sex mit einem anderen Mann als mir. Aber das war nur eine Sache von vielen. Was in aller Welt waren die anderen?

»Du brauchst gar nichts weiter zu machen, ich ziehe in ein paar Tagen aus. Da ich die Verantwortung trage, werde selbstverständlich ich gehen.«

»Steht schon fest, wohin du gehen wirst, nachdem du mich verlassen hast?«

Meine Frau antwortete nicht, aber anscheinend hatte sie bereits ein Ziel. Wahrscheinlich hatte sie mir die ganze Sache erst eröffnet, nachdem sie schon alle Vorbereitungen getroffen hatte. Bei diesem Gedanken überfiel mich ein solches Gefühl der Ohnmacht, als hätte ich mich in völliger Dunkelheit verirrt. Die ganze Geschichte hatte sich unaufhaltsam und ohne mein Wissen entwickelt.

»Da ich gern möglichst schnell die Scheidung einreichen würde, wäre es gut, wenn du einverstanden wärst. Ich nehme alles auf mich«, sagte meine Frau.

Ich hörte auf, in den Regen zu starren, und sah sie an. Wieder einmal dachte ich, dass ich kaum etwas über diese Frau wusste, obwohl ich nahezu sechs Jahre lang unter einem Dach mit ihr gelebt hatte. So wie die Menschen zwar jeden Abend den Mond am Himmel betrachten, aber nicht das Geringste von ihm wissen.

»Ich habe nur eine Bitte an dich«, sagte ich zu ihr. »Wenn du sie dir angehört hast, kannst du tun, was dir beliebt. Ich werde die Scheidungspapiere ohne Einwand unterschreiben.«

»Was für eine Bitte?«

»Ich möchte derjenige sein, der auszieht, und zwar noch heute. Ich möchte, dass du hierbleibst.«

»Du willst heute noch ausziehen?«, fragte sie überrascht.

»Es ist besser, wir bringen das möglichst schnell hinter uns, nicht?«

Sie überlegte einen Moment lang. »Wenn du es so willst«, sagte sie dann.

Dies entsprach wirklich ganz aufrichtig meiner Empfindung. Alles war besser, als allein im kalten Märzregen an diesem elenden, ruinösen Ort zurückbleiben zu müssen.

»Es ist dir doch recht, wenn ich den Wagen nehme?«

Eigentlich war die Frage überflüssig. Es handelte sich um ein altes Auto mit Handschaltung, das ich vor unserer Hochzeit von einem Freund für fast nichts übernommen und das die 100 000 Kilometer bereits überschritten hatte. Außerdem hatte meine Frau gar keinen Führerschein.

»Meine Malutensilien, Kleidung und was ich sonst noch so brauche, hole ich später. Ist das in Ordnung?«

»Natürlich, aber wann wird das ungefähr sein? Wie viel später?«

»Weiß ich nicht«, sagte ich. Im Augenblick stand mir nicht der Sinn danach, über Künftiges nachzudenken. Sie hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen, und mich einfach nur hier und jetzt auf den Beinen zu halten kostete mich bereits meine ganze Kraft.

»Denn wahrscheinlich werde ich nicht mehr so lange hier sein«, brachte sie sichtlich mühsam hervor.

»Wahrscheinlich landen wir alle irgendwann auf dem Mond«, sagte ich.

Anscheinend hatte sie mich nicht verstanden. »Was hast du gerade gesagt?«

»Nichts. Nichts von Bedeutung.«

Bis sieben Uhr abends hatte ich einige Habseligkeiten in eine große Sporttasche gepackt und den Kofferraum meines roten Peugeot 205 beladen. Kleidung zum Wechseln, Waschzeug, einige Bücher und ein Tagebuch. Und die einfache Campingausrüstung, die ich immer auf Bergwanderungen mitnahm. Ein Skizzenbuch und einen Satz Bleistifte. Mir fiel absolut nichts ein, was ich sonst noch brauchen würde. Aber wenn etwas fehlte, konnte ich es jederzeit irgendwo kaufen. Als ich mich anschickte, mit meiner Sporttasche die Wohnung zu verlassen, saß meine Frau noch immer am Küchentisch. Sogar ihr Kaffeebecher stand noch dort. Und sie starrte mit dem gleichen Blick wie zuvor hinein.

»Hör mal, ich hätte auch noch eine Bitte«, sagte sie. »Können wir nicht, auch wenn wir jetzt getrennt sind, Freunde bleiben?«

Was wollte sie mir damit sagen? Schon in Straßenschuhen, die Tasche über der Schulter und eine Hand am Türknauf, blickte ich sie an.

»Freunde...