Mord nach Drehbuch - Kriminalroman

von: Jean G. Goodhind

Aufbau Verlag, 2011

ISBN: 9783841201317 , 300 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 7,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Mord nach Drehbuch - Kriminalroman


 

Kapitel 1


»Also? Kommst du nun, oder nicht?« Steve Doherty versuchte, die Sache total lässig anzugehen, aber Honey konnte er damit nicht hinters Licht führen. Er war ganz scharf darauf, dass sie ja sagen würde. Und sie war mindestens genauso scharf darauf, ja zu sagen.

Honey Driver, Hotelbesitzerin in Bath, hatte einen Zweitjob als Vertreterin des Hotelverbands bei der Kripo. So war ihre Bekanntschaft mit Detective Inspector Steve Doherty zustande gekommen, dem attraktiven Mann mit den prägnanten Gesichtszügen und dem vielversprechenden Sex-Appeal.

Dieser vielversprechende Sex-Appeal schien inzwischen – na ja – viel zu versprechen. Doherty hatte sie zu einem netten Wochenende zu zweit eingeladen. Seinen aufreizenden Andeutungen hatte sie entnommen, dass es wahrscheinlich mehr als nur nett werden würde. Schließlich hatte er ihr doch sogar geraten, den Flanell-Schlafanzug nicht einzupacken.

»Ein Tropfen Parfüm hinter jedem Ohr sollte eigentlich reichen«, meinte er.

»Ich trage gar keine Schlafanzüge.«

»Gut.«

Leider war sein Timing wirklich mies. »Ich kann nicht mitkommen.« Die Worte blieben ihr beinahe im Hals stecken. Sie wollte wirklich nicht ablehnen. Doherty wollte auch nicht, dass sie nein sagte. Sein frustrierter Seufzer dröhnte hohl durchs Telefon.

»Sag bloß, du hast im Hotel eine Veranstaltung der Knochen- und Pferdeleim-Gesellschaft.«

»Nein, nein, nichts dergleichen.«

Dann erklärte sie ihm, warum sie verhindert war.

In Bath wurde wieder einmal ein historischer Kostümfilm gedreht. Diesmal ging es um das Leben der berühmtesten Jungfer, die je romantische Bücher geschrieben hat: Jane Austen.

Das Filmteam war bereits in der Stadt eingetroffen. Zwei Mitglieder des Produktionsteams – der Tontechniker und der Typ, der den Lichtgenerator bediente – hatten sich in einem Zweibettzimmer im Green River Hotel eingemietet. Sie tauchten auch recht häufig in der Bar auf. Bei einer solchen Gelegenheit hatten sie Honey und ein paar andere gefragt, ob sie nicht Lust hätten, als Statisten beim Film mitzuwirken.

Vor Honeys geistigem Auge waren sofort Bilder von ihrer Wenigkeit als einer Art Sophia Loren der Jetztzeit aufgetaucht. Natürlich wollte sie mitmachen!

Das Gleiche galt für ihre Tochter Lindsey, die ohnehin eine Schwäche für alles Historische hatte.

Auch ihre nicht mehr ganz junge Mutter Gloria wollte dabei sein. Für die waren allerdings die Kostüme der entscheidende Faktor. Sie liebte wallende Gewänder und feminine Kleider. Und natürlich junge Männer in eng anliegenden Hosen.

Mary Jane lehnte dankend ab, was niemanden überraschte. Die hoteleigene Expertin für das Paranormale schaute nur verwirrt, als man sie fragte, ob sie Lust hätte, sich in die Regency-Zeit zurückversetzen zu lassen. »Ich begegne doch jeden Tag Menschen aus der Regency-Zeit«, antwortete sie schließlich. Sie bezog sich damit auf Sir Cedric, den vormaligen Bewohner des Zimmers, das sie gegenwärtig ihr eigen nannte. Angeblich war er einer ihrer Vorfahren und stattete ihr gelegentlich Besuche ab, obwohl er bereits 1792 verstorben war.

Jedenfalls hatte die Sache mit den Statistenrollen so geklungen, als würde es ein Riesenspaß werden. Es würde ein bisschen wie Schuleschwänzen sein. Sie würden rumsitzen, von nichts Gefährlicherem als einer Kamera »geschossen« werden und sich bekochen lassen. Die leicht beschwipsten Teammitglieder versicherten, als Statisten würden sie den größten Teil ihrer Zeit mit Lesen oder Scrabble-Spielen verbringen.

»Schade. Du ahnst ja nicht, was dir entgeht«, meinte Doherty.

Er hatte recht. Sie versuchten schon ewig und drei Tage, sich endlich zusammenzutun, aber irgendwas war immer dazwischengekommen.

»Wie wäre es denn mit nächster Woche?«, fragte Honey hoffnungsvoll.

»Bis dahin kann alles Mögliche passieren. Vielleicht habe ich Dienst. Bist du sicher, dass du es dir nicht noch einmal überlegen willst?«

»Das geht nicht«, antwortete sie. Sie hatte bereits fest zugesagt.

»Egal. Ich kann noch andere Abmachungen treffen«, erwiderte er und fügte hinzu, er würde sich bald wieder melden.

Honey war versucht – außerordentlich versucht –, ihn zu fragen, was – oder wen – er bei diesen anderen Abmachungen wohl im Sinn hatte. Geht dich einen feuchten Kehricht an, ermahnte sie sich und legte den Hörer auf. Zum Teufel, aber es fiel ihr verdammt schwer, völliges Desinteresse zu heucheln. Die Vorstellung von dem, was hätte sein können, ging ihr nicht aus dem Kopf und trieb ihr das Blut in die Wangen. Es wurde ihr ziemlich heiß dabei, wesentlich heißer als am nächsten Morgen.

Leider wollten die Filmleute die ruhigere Wintersaison ausnutzen und machten die Filmaufnahmen im Februar. Und die Dreharbeiten fingen früh an. Sehr früh.

Da standen sie also um sechs Uhr morgens und froren sich den Hintern ab.

»Ich habe gehört, diese Martyna Manderley soll eine richtige Zimtzicke sein«, meinte Lindsey. »Nicht gerade die optimale Besetzung für die Rolle der Jane Austen. Wusstest du, dass die Bath eigentlich gar nicht sonderlich gemocht hat?«

Honey fröstelte. »Sie hat der Stadt wahrscheinlich in einem Februar den ersten Besuch abgestattet.«

Lindsey erwiderte, das wüsste sie nicht so genau, und schlug weiter mit den Armen um sich.

Die eleganten Häuser um den Circus sahen aus, als schliefen sie noch alle. Am Himmel zeigte sich nicht die geringste Vorahnung einer Morgendämmerung, und ein eiskalter Wind biss ihnen in die Nasen.

Honeys Mutter hielt eifrig Ausschau nach gut aussehenden jungen Männern in eng sitzenden Reithosen.

Angelockt vom Duft des brutzelnden Specks lungerten einige fröstelnde Statisten um den Cateringwagen herum. Eine junge Frau mit wirren Haaren tauchte aus dem Kostümwagen auf. Im Mundwinkel baumelte ihr eine Lakritzzigarette. Davon kriegt sie wenigstens keinen Lungenkrebs, überlegte Honey.

Die junge Frau musterte mit kleinen, tief liegenden Augen die Statisten.

Die sieht aus, als hätte sie Röntgenaugen, dachte sich Honey. Wie sonst konnte sie ahnen, welche Kleidergrößen und Körperformen unter den dicken Mänteln, Pullovern und Wollschals verborgen waren, in die sie alle eingemummelt waren?

»Sie, Sie und Sie.«

»Ich?«, fragte Honey und tippte sich an die Brust.

»Sie nicht! Sie!«, antwortete die junge Frau. Sie deutete auf Honeys Mutter und eine kleine Gestalt, die neben ihr stand.

Gloria lächelte triumphierend. »Ja, ja, ja«, murmelte sie, und der Atemhauch wehte ihr aus dem Mund wie Dampf aus einem Kessel.

»Die kennt sich aber aus«, zischelte Lindsey aus dem Mundwinkel.

»Und noch Sie«, blaffte die junge Frau und deutete auf Lindsey.

Honey blieb allein und mit knurrendem Magen zurück.

»Mich haben sie auch nicht ausgesucht«, meinte der große, hagere Mann, der neben ihr stand.

Er nippte Kaffee aus einem Styroporbecher.

»Allerdings hatte ich eine ziemlich gute Weihnachtssaison«, fügte er hinzu. »Ich war im Weihnachtsspiel die hintere Hälfte von einem Pferd. Nicht gerade eine Starrolle, aber zumindest stand ich auf der Bühne. Und darum geht’s doch, nicht?«

»Nein«, meinte Honey. »Ich wollte niemals die hintere Hälfte von irgendwas sein.«

Er schaute verständnislos zu ihr hinunter, als könne er ihre Sichtweise überhaupt nicht begreifen. Auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten, das war für ihn einfach alles. Er sagte nur: »Oh!« und entfernte sich ernüchtert.

Na ja, da habe ich ja wirklich jemanden mit meiner Schauspielkunst zutiefst bewegt, überlegte Honey und bereute ihre Antwort schon. Sie war einfach ein Morgenmuffel. Und an einem kalten Morgen war es noch einen Zacken schlimmer. Wenn sie im Hotel so früh aus den Federn musste, war es dort zumindest warm.

Hier draußen war die Kälte erbarmungslos. Wie alle anderen trampelte Honey auf der Stelle und schlug mit den Armen um sich.

»Da gibt es einen Bus, wo wir sitzen können«, sagte jemand neben ihr.

Sie lächelte und nickte. »Ich weiß.«

Natürlich wusste sie das, aber ihre Finger und Zehen würden schon noch ein bisschen durchhalten. Sie wollte sehen, in welche Kostüme man ihre Mutter und ihre Tochter gesteckt hatte.

Zehn Minuten später ging die Tür des Kostümwagens auf, und die beiden kamen mit Musselinkleidern unter ihren Wintermänteln und Häubchen auf dem Kopf heraus.

»Ich habe drauf bestanden, dass ich mein Unterhemd anbehalten darf«, verkündete ihr Mutter. »Und ich habe um einen Schal gebeten.«

»Und einen bekommen«, murmelte Lindsey, die auch um einen gebeten, aber keinen bekommen hatte und langsam bläulich anlief. Sie vergrub ihr Gesicht im Kragen ihres wattierten Mantels wie eine Schildkröte, die sich auf den Winterschlaf vorbereitet. »Musselin ist so dünn«, grummelte sie.

Gloria Cross linste an ihrer Tochter vorbei. »Ist das da drüben Martyna Manderley?«

Alle Augen wandten sich in die Richtung, in die Gloria gedeutet hatte. Eine sehr attraktive junge Frau hielt ihren hellvioletten Rock hoch gerafft, während jemand von der Kostümabteilung ihr die Beinwärmer zurechtzog.

»Die ist ein bisschen groß für Jane Austen«, meinte Lindsey, die immer höchsten Wert auf historische Genauigkeit legte.

...