Die Odyssee des Fälschers - Die abenteuerliche Geschichte des Konstantin Simonides, der Europa zum Narren hielt und nebenbei die Antike erfand

von: Rüdiger Schaper

Siedler, 2011

ISBN: 9783641553234 , 208 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Die Odyssee des Fälschers - Die abenteuerliche Geschichte des Konstantin Simonides, der Europa zum Narren hielt und nebenbei die Antike erfand


 

"Ein Zeitungskrieg und die Frage nach der Originalität der Fälschung (S. 177-178)

Konstantin gegen Konstantin: Simonides atta ckiert Tischendorf. Der Fälscher erklärt den Codex Sinaiticus zur Fälschung. Er löst einen jahrelangen Glaubenskrieg in Zeitungen und Zeitschriften aus und verschwindet von der britischen Insel.

Zwei Worte. Sie machen Simonides verrückt. Codex Sinaiticus. Der tödlich korrekte Leipziger professor reist mit seiner entdeckung durch europa, lässt sich an höfen, akademien, Universitäten feiern, seine Bücher über den Orient erleben auflage um auflage, während Simonides in england, das ihm keine zweite heimat, aber der komfortabelste exilantenort geworden ist, um sein Lebenswerk kämpft. noch einmal ein flammender Vortrag, ein auffrischen der Referenzen, ein sicherer instinkt, wo angegraben werden kann, und er hat das Vertrauen des reichen Liverpooler Kaufmanns Joseph mayer gewonnen, der sich ein privatmuseum der antike einrichtet.

Bei der Sichtung und entzifferung ägyptischer papyri stößt Simonides auf eine Schrift, die er im Sommer 1860 als Fragment des matthäus-evangeliums identifiziert – datiert auf das »Jahr 15 nach der himmelfahrt des herrn«. ein zeitgenössischer Bericht aus der mitte des 1. Jahrhunderts. Das älteste Schriftdokument der christengeschichte! Dreihundert Jahre älter als der Codex Sinaiticus! Die britischen Zeitungen überschlagen sich vor Begeisterung, Dr. Simonides, der »bedeutende paläograph«, steht vor der Rehabilitierung, wenn er denn in england je tief in Ungnade gefallen ist. Unter exzentrikern, so ausdauernd sie einander auch bekämpfen, findet man Schutz.

Und er macht mayer mit anderen schönen entdeckungen Freude: episteln von Johannes und Judas, Fragmente des Zarathustra und eines androsthenes, admiral unter alexander dem großen. Die prüfung der Mayer Papyri durch die Royal Society of Literature in London zieht sich bis anfang 1863 hin, Zweifel an der »himmelfahrtsgeschichte« sind laut geworden. noch über hundert Jahre später geben die Liverpooler Funde Rätsel auf. Selbst wenn Simonides gefälscht hat, oder fälschen wollte, dann besaß er bei den Mayer Papyri alte, wertvolle und belastbare Unterlagen.

Die affäre läuft nach bewährtem muster. erst wird Simonides in der presse gefeiert, und die akademiker ziehen mit, man will ja nichts verpassen. Dann melden sich dieselben Wissenschaftler zu Wort und beginnen damit, Simonides Stück für Stück auseinanderzunehmen – um sich nachher als Retter der gebildeten Welt feiern zu lassen, für ihren Sachverstand und ihren Spürsinn, da sie einen großen Schwindel aufgedeckt haben. es ist die nie erlahmende, immer wieder aufs neue erfolgreich praktizierte, unwiderstehliche technik des Boulevard."