Oxen. Das erste Opfer - Thriller

von: Jens Henrik Jensen

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017

ISBN: 9783423432351 , 432 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 13,99 EUR

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Oxen. Das erste Opfer - Thriller


 

6.


Mit angehaltenem Atem beobachtete er, wie das Reh auf dem matschigen Wildwechsel näher trippelte, zu der Stelle an der kleinen Quelle, wo es bereits zahlreiche Spuren gab.

Es war ein Bock, wenn auch kein besonders großer. Nach dem Gesetz durfte man ihn erst in einer Woche jagen, aber mit solchen Details konnte er sich jetzt nicht aufhalten. Er hatte wirklich Hunger.

Vollkommen still saß er in seinem Versteck aus Zweigen, Wurzeln und allem, was er sonst noch gefunden hatte. Er war ungefähr zwanzig Meter von der Wasserstelle entfernt. Vorn in seinem Versteck war ein Loch, gerade groß genug, dass er hindurchschießen konnte, wenn der Winkel stimmte. Und es würde gleich so weit sein, sobald der Bock noch einen Meter nach vorn kam.

Das Tier zögerte, doch dann machte es endlich einen weiteren Schritt. Oxen legte den Pfeil ein, platzierte die Nocke sorgfältig auf der Bogensehne – und wartete. Noch einen Schritt, und der Winkel wäre perfekt.

Mit einem Anflug von Nervosität trippelte der Bock ein kleines Stück weiter und stand einen Moment reglos da, bevor er anfing zu trinken. Oxen spannte den Bogen. Das Tier hob den Kopf und drehte seine Ohren. Aber ausgerechnet in dem Augenblick, als Oxen die Sehne freigab, zuckte sein ausgestreckter Arm kaum merklich. Der Pfeil rauschte über sein Ziel hinweg und verschwand im Gestrüpp. Der Bock ebenso.

Er war eingerostet. Es war viel zu lange her. Wie hatte er so naiv sein können, zu denken, er könne die schwierige Jagd mit Pfeil und Bogen nach so vielen Jahren einfach wieder aufnehmen? Hatte er wirklich geglaubt, dass seine Sinne für diese Art der Jagd ausreichend geschärft und seine Motorik fein genug wären?

Wie idiotisch von ihm, sich in einen Zug zu setzen und Kopenhagen zu verlassen mit der geradezu kindlichen Vorstellung, dass alles wie früher werden würde, wenn er nur draußen in der Natur wäre. Wenn er seine Ruhe hätte, dort, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagten.

Es dämmerte bereits, und es begann zu nieseln. In den acht Tagen seit seiner Ankunft hatte es beinahe durchgehend geregnet. Der Wald und das ganze Tal trieften vor Nässe, und wenn er durch die sumpfige Landschaft streifte und von Grasbüschel zu Grasbüschel sprang, stieg ihm der Gestank von Fäulnis in die Nase.

Er blieb in seinem Versteck sitzen und überprüfte seufzend seinen Bogen. Das Gerät war völlig in Ordnung. An dem Fehlschuss war nur er selbst schuld. Sein Bogen war ein Compoundbogen der High Country Archery. Die Pfeile waren speziell für die Jagd konstruiert und mit einer mechanischen Innerloc-Spitze versehen. Bogen und Pfeile hatten einige Tausend Kronen gekostet. Sie waren die letzten wertvollen Dinge, die er aus seinem alten Leben besaß. Wieso er die Ausrüstung nicht schon längst gegen Whisky und Gras eingetauscht hatte, war ihm selbst ein Rätsel.

Er zog sich die Kapuze über die Strickmütze und kroch aus seinem Versteck. Dann hängte er sich Bogen und Köcher über die Schulter und machte sich auf den Heimweg. Er hatte seine alten Gummistiefel an, die er sich im Wertstoffhof besorgt hatte, und watete in der Mitte eines kleinen Wasserlaufs. Der Bach war nur wenige Zentimeter tief, und sein Grund war einigermaßen fest, sodass er einen gangbaren Weg darstellte, in diesem Sumpf und dem Dschungel aus Weiden, die ein nahezu undurchdringliches Dickicht bildeten.

Er folgte dem Bach bis zu seiner Mündung in den Lindenborg Å. Er befand sich weit oben im Tal, das hier zwischen hohen bewaldeten Hängen lag. Der Fluss war noch nicht sehr breit und kräftig, er ähnelte eher einem hübsch gewundenen und schnell fließenden Wildbach. Zurzeit war er so braun wie Trinkschokolade, aber falls der Regen doch irgendwann aufhörte, würde das Wasser schnell wieder klar werden.

Er erinnerte sich daran, dass der Lindenborg Å das beste und sauberste Wasser führte, es wurde von einer Vielzahl schmaler Wasserläufe herangetragen. Im Rold Skov konnte man aus jeder Quelle trinken, denn das Wasser kam aus gewaltigem unterirdischem Kalkgestein. Rold Skov war der Wald der Quellen.

Auf dem Rückweg blieb er mehrmals an der Uferböschung stehen. Er hatte gestern zehn Haken ins Wasser geworfen, jeden mit einer Schnur an einem Stock befestigt, den er in den weichen Erdboden gesteckt hatte. Bei den ersten neun Stellen konnte er die schlaffe Schnur einfach aus dem schlammigen Wasser ziehen, zusammenrollen und in seine Tasche stecken. Das mit dem Fischen war denkbar schlecht gelaufen. Nur zwei kleine Bachforellen hatte er bislang aus dem Wasser angeln können. Als er zu Hause in seinem Keller im Vorfeld alles kalkulierte, hatte er mit einem erheblich größeren Fang pro Tag gerechnet. Dieser verfluchte Regen musste jetzt wirklich langsam ein Ende haben.

Er blieb stehen, um die letzte Leine einzuholen. Am Haken zappelte eine weitere kleine Bachforelle. Viel zu klein. Aber essen würde er sie trotzdem. Er tötete den Fisch mit einem gezielten Stich in den Nacken und setzte seinen Heimweg fort.

 

Mr White leckte ihm über die Nase. Erst merkte er es gar nicht, so tief war er noch im Schlaf, aber während er langsam zu sich kam, dämmerte ihm, dass sein treuer Gefährte ihn wieder einmal freundlich darauf hinwies, dass es langsam Zeit war, aufzuwachen.

Als er die Augen öffnete, schleckte Mr White ihm ein letztes Mal übers Gesicht, dann drehte der Hund sich um und lugte unter der Plane nach draußen. Oxen machte die Augen wieder zu und zog sich die Decke über den Kopf. Unbarmherzig trommelte der Regen auf das Dach ihres Lagers. Es war nicht auszuhalten. Heute war der neunte Mai, es sollte Frühling sein – und stattdessen pisste es nonstop.

Er war die ganze Nacht wach gewesen. Es gab keinen konkreten Grund dafür. Jeder Versuch, Schlaf zu finden, war gescheitert. In dieser Hinsicht spürte er keine Veränderung. Nordwestquartier oder Rold Skov – das Muster war dasselbe. Deshalb schlief er wie gewöhnlich ab dem späten Vormittag.

Vor dem Schlafen hatte er sich eine halbe Dose Hackbällchen in Curry mit Mr White geteilt. Das Frühstück hatte aus einer Handvoll Reis und einer halben gebratenen Bachforelle für jeden von ihnen bestanden. Er bemühte sich um strenge Disziplin, was seine letzten Lebensmittel betraf. Sie mussten reichen, bis Sonne und Wärme kamen.

Wieder verspürte er das bohrende Hungergefühl im Magen, vor dem er sich in den Schlaf geflüchtet hatte. Das Leben als Mülltaucher war geradezu luxuriös gewesen im Vergleich zu dem hier.

Es überraschte ihn nicht, dass die Natur so gnadenlos sein konnte. Das hatte er schon vor einigen Jahren in Alaska erlebt. Es war ebenfalls im frühen Frühjahr gewesen, während einer Periode heftiger Niederschläge in Form von Schnee, Hagel und Regen. Die Wildnis hatte alles zu bieten, was das Herz begehrte – Fisch, Wild und Beeren, solange man nur wusste, wie man es anstellen musste. Und wenn er etwas wusste, dann das. Trotzdem hungerte er jetzt schon über eine Woche lang, weil alles schiefging.

Er drehte sich wieder um. Mr White saß absolut reglos da und blickte über das Tal. Oxen lag auf einer einfachen Pritsche aus Fichtenholz, etwas erhöht, um die Kälte abzuhalten. Er hatte sie mit einer dicken Schicht aus Fichtenzweigen gepolstert und seine alte Isomatte darübergelegt.

Vor fünf Tagen hatte er dieses Lager eingerichtet. Nachdem er eine Weile die Hänge im oberen Teil des Tals abgesucht hatte, hatte er hier, wo der Ersted Skov an den Vesterskov grenzte, eine geeignete Stelle gefunden. Ein trockener, fester Hügel im Westen, auf der Ersted-Seite des Tals.

Von Skørping und Rebild waren sie zunächst in südwestlicher Richtung gewandert und hatten dann den Hobrovej überquert, der mitten durch das riesige Waldgebiet führte.

Rold Skov erstreckte sich über ungefähr acht Hektar. Er wusste aus seiner Zeit in Aalborg noch einiges über den Wald, den Rest hatte er sich angelesen, als er noch in seinem Kellerloch im Nordwestquartier Pläne schmiedete.

Fünfundsiebzig Prozent des Waldes waren in Privatbesitz. Der größte Teil davon gehörte zu den drei Gütern Lindenborg, Nørlund und Willestrup – auf dem Rest hockte der Staat. Oxen befand sich im Augenblick auf dem Grund, der zu Nørlund Slot gehörte. Die ersten Tage, während sie nach einer dauerhaften Bleibe suchten, hatten er und Mr White sich mit einem provisorischen Unterschlupf begnügt.

Dann hatten sie ihr Lager an einem riesigen vom Wind gefällten Baum aufgeschlagen. Die gewaltige Wurzel der Eiche war in der obersten Schicht des sandigen Moränenbodens verankert gewesen, und als die Eiche umgestürzt war, hatte sie ein großes kesselförmiges Loch zurückgelassen. Dennoch hielt ihre Wurzel an der Erde fest und erhob sich wie eine Wand von ungefähr zweieinhalb Metern Durchmesser über der Grube.

Auf der einen Seite bildete die Wurzel einen Giebel, an dem man die große Tarnplane vernünftig verankern konnte. Es war eine dieser billigen Nylonplanen, die man für ein paar Kröten in jedem Baumarkt bekam. Er hatte sie quer über einen langen Fichtenstamm gehängt. Fast drei Meter breit und ungefähr vier Meter lang war ihr überdachtes Lager. Die Pritsche hatte er an der Wurzelwand aufgebaut, um sich bestmöglich vor dem Wind zu schützen. Am gegenüberliegenden Ende des Sandkessels hatten sie ihre Feuerstelle. Mr White schlief neben ihm, in einem eigenen kleinen Bett aus Fichtenzweigen.

Er hatte den Unterschlupf mit allem getarnt, was charakteristisch für dieses sumpfige Tal war: Zweige und Triebe junger Laubbäume und von ein paar Birken, die mit ihrer gefleckten Rinde die Tarnung vollendeten.

Ein ungeübtes Auge konnte...