Auf den Wellen des Glücks

Auf den Wellen des Glücks

von: Petra Schier

MIRA Taschenbuch, 2017

ISBN: 9783955767860 , 150 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 2,99 EUR

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Auf den Wellen des Glücks


 

1. KAPITEL

Sechs Monate zuvor

„Entschuldigen Sie mich bitte. Ich glaube, ich habe dort drüben eine Bekannte gesehen, der ich unbedingt noch etwas mitteilen muss.“ Silvana schnappte sich ihr Weißweinglas und entfernte sich vom Tisch, so rasch es ihr die allgemeine Höflichkeit erlaubte. Ausgerechnet zum Kapitänsdinner am letzten Abend ihrer zehntägigen Karibikkreuzfahrt hatte man sie an einen Tisch mit drei unglaublich langweiligen älteren Ehepaaren gesetzt. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit, vor allen Dingen, wenn man bedachte, dass ringsum an diversen Tischen Singles, vorzugsweise männlichen Geschlechts und deutlich weiter in der Zukunft liegenden Verfallsdatums, saßen.

Das Essen war wie immer vorzüglich gewesen. Trotzdem hatte sie fürs Erste genug über Kinderkrankheiten von irgendwelchen Enkeln gehört. Die Top Ten der durch das liebe Alter hervorgerufenen Gebrechen und deren unzureichende Behandlung durch eine Reihe von unfähigen Haus- und Fachärzten waren auch bereits zur Genüge diskutiert worden. War sie wirklich nur rund fünfzehn Jahre jünger als die drei Ehepaare, die offenbar gar nicht bemerkten, dass sie den Tisch verlassen hatte? In Momenten wie diesen schwor sie sich, niemals – unter keinen Umständen und nicht einmal im gesegneten Alter von neunundneunzig Jahren – derart alt und eingerostet zu werden.

Sie straffte die Schultern, zog den Bauch ein wenig ein, obgleich das nicht notwendig war, denn durch regelmäßiges Yoga und Pilates war er noch genauso flach wie vor zwanzig Jahren, und zupfte ihr hautenges Kleid glatt. Der dunkelblaue Stoff kontrastierte wunderbar mit ihrem honigblonden Haar. Sie hatte es für den heutigen Anlass hochgesteckt, damit ihr schlanker und erfreulich faltenloser Hals betont wurde.

Silvana war stolz auf ihren Körper. Die zweiundfünfzig Lebensjahre sah man ihm nicht an, ebenso wenig wie ihrem Gesicht. Bisher war sie noch niemals älter als Ende dreißig geschätzt worden, und sie war wild entschlossen, diesen Zustand noch möglichst lange aufrechtzuerhalten.

Im Vorbeigehen bemerkte sie die Blicke einiger Männer. Obwohl sie erst kurz an ihrem Gesicht hängen blieben, tendierten sie dazu, rasch zu ihrem tiefen V-Ausschnitt zu wandern. Er lieferte gerade genügend Einblicke in ihr Dekolleté, um die Fantasie anzuregen.

Schade eigentlich, dass sie sich seit zwei Jahren eine strikte Männerdiät auferlegt hatte. So lange war es her, seit sie sich von ihrem letzten Lebensabschnittspartner getrennt hatte. Immerhin hatte sie es damals fast ein dreiviertel Jahr mit ihm ausgehalten, doch dann war er ihr langweilig geworden. Als er immer häufiger auf lange Geschäftsreisen gegangen war, hatte sie geahnt, dass er ebenfalls genug von ihr hatte. Sie bedauerte die Trennung im Nachhinein nicht, auch wenn sie in der ersten Zeit doch recht niedergeschlagen gewesen und mit Sicherheit ihrer Tochter damit auf den Geist gegangen war.

Melanie lebte seit einiger Zeit in Köln, wo sie sich zur Chefeinkäuferin für Zulieferteile eines bekannten Möbelunternehmens gemausert hatte. Silvana war unglaublich stolz auf sie. Mit ihren neunundzwanzig Jahren hatte Melanie so viel mehr erreicht als ihre Mutter, die sich ihren Unterhalt nach wie vor nur als Verkäuferin verdiente, wenn auch in einer durchaus angesehenen Boutique für gehobene Damenmode. Vielleicht sollte sie sie bald wieder einmal besuchen und ihr noch ein wenig mehr auf den Wecker gehen. Melanie lebte sehr zurückgezogen, ein Zustand, den Silvana nicht einen Tag lang ausgehalten hätte. Sie wusste, sie trug nicht unerhebliche Schuld daran, dass ihre Tochter ein derart introvertierter Mensch geworden war, der Beziehungen lieber in weitem Bogen aus dem Weg ging, anstatt die Vorteile zu genießen. Mutter und Tochter waren schon immer grundverschieden gewesen, und der unstete Lebenswandel, den Silvana Melanie stets geboten hatte, weil sie, das gab sie gerne zu, von Stadt zu Stadt und von Mann zu Mann gezogen waren, hatte sicherlich erheblich zu dem Graben beigetragen, der sich zwischen ihnen aufgetan hatte und den zu überwinden so unglaublich schwer war, je breiter er wurde.

Sie hatte den Saal verlassen, in dem das Dinner serviert worden war, und schlenderte nun über das offene Deck bis zur Reling. Eine warme Brise umwehte sie und spielte mit den wenigen Haarsträhnen, die sie strategisch aus ihrer Frisur gezupft hatte, damit sie ihr Gesicht umschmeichelten und es weicher erscheinen ließen.

Die Sonne war lägst untergegangen, und am Himmel standen neben dem halb gerundeten Mond unzählige Sterne, die mit der Beleuchtung des Kreuzfahrtschiffs um die Wette zu strahlen schienen. Im Hintergrund begann eine Liveband zu spielen und läutete damit den geselligen Teil des Abends ein. Wer wollte, konnte tanzen, und Silvana hatte genau das vor. Im Moment genoss sie jedoch die milde Abendluft noch ein wenig mehr. Also blieb sie erst einmal, wo sie war, und betrachtete den nächtlichen Ozean und hin und wieder die vorbeiflanierenden Gäste. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie einen hochgradig attraktiven schwarzhaarigen Mann, dessen Hautfarbe einen Tick dunkler war als der mitteleuropäische Durchschnitt. An den Schläfen entdeckte sie winzige graue Stellen, was sie veranlasste, ihn auf Mitte fünfzig zu schätzen, obgleich seine athletisch-trainierte Gestalt eher die eines Mittvierzigers hätte sein können. Er hielt ein Glas Club-Soda in der Hand und unterhielt sich lachend und scherzend mit zwei deutlich jüngeren Frauen, von denen die eine, brünett und kurvig, ihm immer wieder eine Hand auf den Arm legte und ihm Blicke zuwarf, die mehr als eindeutig besagten, dass er ihr ohne den schwarzen Smoking, den er trug, noch wesentlich lieber gewesen wäre.

Abgesehen davon, dass Silvana ihr in dieser Hinsicht durchaus zustimmte – der Mann war geradezu verboten sexy und wäre ein kleines Abenteuer sicherlich wert –, verspürte sie in diesem Moment einen seltsamen Flashback. Sie sah sich selbst vor zehn oder zwanzig Jahren ebenso schamlos das neueste Ziel ihrer Wünsche umgarnen. Ein Anflug von Mitleid für die junge Frau veranlasste sie dazu, den Kopf zu schütteln und sich abzuwenden. Nicht dass sie dem Mann sein Vergnügen nicht gönnte; soweit sie sehen konnte, trug er keinen Ehering, doch wenn die beiden jungen Damen nur halb so entschlossen waren, sich eine gute Partie zu angeln, wie sie es einst gewesen war, dann konnte er ihr nur herzlich leidtun. Andererseits – wer sagte ihr, dass er nicht umgekehrt auf der Suche nach einem hübschen Mitbringsel für sein leeres Haus war? Kreuzfahrten wie diese waren für einen wohlhabenden Junggesellen sicherlich eine wahre Fundgrube. Dass er wohlhabend war, hatte sie auf den ersten Blick erkannt. Seine Haltung, sein maßgeschneiderter Smoking, die gepflegten Hände und vor allen Dingen seine selbstsichere und unterschwellig dominante Aura verrieten, dass er sowohl Geld als auch Stil besaß.

Da sie nicht vorhatte, sich weiter mit einem Mann zu befassen, der so eindeutig von zwei anderen Frauen mit Beschlag belegt wurde, richtete Silvana ihren Blick erneut auf die Weite des Ozeans und verglich sie insgeheim mit den derzeit herbstlich bunten Hügeln, Weinbergen und Wäldern des Ahrtals, die sie vom Fenster ihres kleinen Appartements aus sehen konnte. Sie mochte den Ausblick aus ihrer Wohnung ebenso wie die nette Nachbarschaft, ihren Job in der Boutique in Bad Neuenahr-Ahrweiler, für den sie sich nach ihrer Trennung vor zwei Jahren von Bielefeld aus beworben hatte. Seitdem war ihr Leben in ungewöhnlich ruhiges Fahrwasser geraten. Beziehungen ging sie zum ersten Mal in ihrem Leben aus dem Weg. Wenn ihr nach männlicher Gesellschaft zumute war, achtete sie strikt darauf, dass es bei maximal drei Treffen blieb, Sex mit eingeschlossen, falls die Chemie stimmte, was überraschend selten der Fall war.

Selbst auf dieser Kreuzfahrt, die sie sich selbst zum Geburtstag geschenkt hatte, war sie noch nicht in Versuchung geraten, sich mit einem der männlichen Gäste näher zu befassen. Nicht dass es keine Interessenten gegeben hätte, doch seit ihrer selbst auferlegten Männerdiät war sie deutlich wählerischer geworden. Zwar war sie auch früher nicht mit jedem x-beliebigen Mann ins Bett gegangen, ganz sicher nicht, doch seit sie die fünfzig überschritten hatte, wünschte sie sich doch zunehmend männliche Gesellschaft, die sie auch außerhalb des Bettes anregte und länger als einen flüchtigen Augenblick bei der Stange hielt. In diese Kategorie passten aber leider ausgesprochen wenige Exemplare der männlichen Gattung, sodass sie sich mittlerweile direkt ein bisschen ausgehungert vorkam. Allerdings trotzdem nicht so sehr, dass sie ihre neu gefundenen Standards so leicht über Bord werfen würde.

Noch zehn Minuten, beschloss sie, dann würde sie wieder hineingehen und sehen, ob sich die Spreu inzwischen vom Weizen getrennt hatte, wie sie es gerne nannte. Sobald sich die ersten Tanzpaare gebildet hatten, konnte sie in Ruhe die Lage sondieren und würde schnell überblicken, ob der Abend nette Gesellschaft versprach oder ob die noch verbliebenen männlichen Gesprächs- und Tanzpartner nicht mehr ausreichten, um ihr Interesse zu wecken. In dem Fall würde sie für ein Weilchen mit dem vorliebnehmen, was übrig geblieben war, nachdem alle anderen Frauen sich über das Angebot hergemacht hatten, und dann früh zu Bett gehen und einen guten Krimi lesen.

***

Fasziniert beobachtete Marcos die blonde Schönheit, die gerade den Saal verlassen hatte und an die Reling getreten war. Sie schien ohne Begleitung zu sein, was er angesichts ihrer traumhaften Figur und des wunderschönen ebenmäßigen Gesichts mit den vollen Lippen ausgesprochen ungewöhnlich fand. Sie war ihm...