Süsse Umarmung in Nizza

Süsse Umarmung in Nizza

von: Claire Baxter

CORA Verlag, 2010

ISBN: 9783862950720 , 144 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 1,49 EUR

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Mehr zum Inhalt

Süsse Umarmung in Nizza


 

1. KAPITEL

Leonie presste das Handy fester ans Ohr. Es tat so gut, die Stimme ihrer Tochter wieder zu hören!

Wie konnte ich nur einen Sprachkurs am anderen Ende der Welt belegen? fragte sie sich zum wiederholten Mal. Zwar waren ihre Kinder gerade volljährig geworden, dennoch brauchten sie die Mutter noch – und umgekehrt brauchte Leonie sie. Nie zuvor war sie länger als ein paar Tage von ihnen getrennt gewesen.

„Statt mich schon wieder anzurufen, hättest du einfach eine SMS schreiben können, Mum.“

„Ich wollte wissen, ob du mit der Waschmaschine zurechtkommst. Sie ist kompliziert zu bedienen.“

„Du hast mir alles klar und deutlich aufgeschrieben.“ Samantha zögerte einen Moment, dann fragte sie. „Rufst du wirklich nur deswegen an?“

„Natürlich!“ Leonie ahnte allerdings, dass sie mit dieser Lüge nicht durchkommen würde, dazu kannte ihre Tochter sie viel zu gut. Daher gestand sie: „Um ehrlich zu sein, ich wollte mich vergewissern, dass es dir gut geht.“

„Das tut es. Mach dir bloß keine Sorgen!“

„Und Kyle?“

„Ihm auch. Er benimmt sich so unmöglich wie immer, aber wir kommen schon zurecht. Schließlich wirst du ja bereits in wenigen Wochen wieder zu Hause sein. Genieße deine Zeit in Nizza, du hast sie dir verdient!“

Das war leichter gesagt als getan!

„Ich bleibe nicht nur einige Wochen fort, sondern gleich ganze drei Monate!“

„Das sind doch nur drei mal vier Wochen“, widersprach Samantha lachend. „Die Zeit wird wie im Flug vergehen. Das hast du jedenfalls immer zu mir gesagt, wenn ich nach den Ferien nicht in die Schule zurückkehren wollte, weißt du noch?“

Natürlich erinnerte Leonie sich nur zu gut daran, und sie wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen.

Eine Weile plauderte sie noch mit ihrer Tochter, dann verabschiedete sie sich von ihr und legte auf.

Durch die weit geöffnete Fenstertür trat Leonie auf den winzigen Balkon, der zu ihrem Einzimmerapartment gehörte. Leider konnte sie von hier aus nicht, wie erhofft, ganz Nizza sehen, sondern hatte lediglich die gegenüberliegende Häuserzeile vor Augen. Vermutlich wäre es praktischer gewesen, eine moderne Wohnung in der City oder eines der Zimmer an der Sprachenschule vor den Toren Nizzas zu mieten, an der sie sich als Studentin eingeschrieben hatte. Doch sie hatte eine möblierte Unterkunft in der Altstadt vorgezogen, um von dort aus das interessante Stadtviertel zu erkunden. Inzwischen war sie jedoch nicht mehr davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Auf den Fotos im Internet hatte das Apartment zwar offensichtlich altmodisch eingerichtet, doch geräumig ausgesehen. Leonie, die bisher in einem großzügigen, hellen Haus im weitläufigen Vorort einer australischen Großstadt gelebt hatte, empfand es jedoch als bedrückend eng. Neben einem kleinen kombinierten Wohnschlafraum mit Kochzeile in einer Ecke gab es ein winziges Badezimmer. Das war alles. Und auch mit der hier üblichen Art, Wäsche zu trocknen – die Franzosen hängten sie an zu diesem Zweck neben den Fenstern ins Mauerwerk eingelassene Stäbe –, konnte sie sich nicht anfreunden. Es widerstrebte ihr, jedem zufälligen Passanten ihre Unterwäsche zu präsentieren.

Manchmal schien ihre Wohnung sie förmlich zu erdrücken. Zum Glück konnte sie sich in solchen Momenten auf ihren Balkon flüchten.

Auf dem Balkon auf der anderen Straßenseite, ihrem direkt gegenüber, saß, wie jeden Tag, eine ältere Dame, die immer makellos gekleidet war. Zwar schien sie nie auszugehen, erweckte jedoch stets den Eindruck, als erwartete sie jemanden.

Meist lächelte Leonie ihr zu, wenn sie sie sah, erhielt jedoch nie eine Antwort. Heute grüßte sie freundlich: „Bonjour, Madame.“ Zu ihrer großen Überraschung reagierte die Frau diesmal mit einem leichten Kopfnicken. Das war immerhin besser als nichts!

Leonie ließ den Blick über die Straße schweifen und überlegte, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte. Auf eine Besichtigungstour hatte sie keine Lust. Natürlich wollte sie die Stadt kennenlernen, doch allein machte das keinen Spaß. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Orientierungssinn bestenfalls mangelhaft ausgeprägt war. Trotz ihres ausgezeichneten Stadtführers hatte sie sich bereits einige Male verlaufen. Und falls sie ihr Ziel zufällig doch einmal erreichte, war niemanden da, mit dem sie ihre neuen Eindrücke teilen konnte. Kein Ehemann, keine Kinder. Jahrelang hatte sich ihr Leben ausschließlich um ihre Familie gedreht. Allein zu sein war verwirrend und beängstigend.

Mittlerweile fragte sich Leonie immer öfter, ob ihr Entschluss, eine Sprachenschule in Frankreich zu besuchen, richtig gewesen war. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie ihre Kinder wahnsinnig vermissen würde. Davon abgesehen hatte sie jedoch keine Probleme erwartet.

Schon immer hatte sie sich gewünscht, ihre bescheidenen Französischkenntnisse zu vertiefen und zu reisen. Dazu war es nie gekommen, da sie direkt nach dem Schulabschluss geheiratet und gemeinsam mit ihrem Mann ein Geschäft aufgebaut hatte. Bald waren Kinder gekommen, später hatte sie den kranken Ehemann gepflegt.

Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, bot sich ihr endlich die Gelegenheit, ihre Träume zu verwirklichen. Dank einer hohen Lebensversicherung und dem Verkauf der Firma war sie finanziell gut versorgt, und ihre Kinder Samantha und Kyle hatten ihr Studium begonnen.

Französisch vor Ort in Frankreich zu lernen war ihr als die ideale Kombination ihrer beiden Herzenswünsche erschienen. Doch die Realität wich leider sehr von ihren Erwartungen ab. Zum einen fiel es ihr enorm schwer, die Sprache zu verstehen und zu sprechen, und sie fragte sich, woran das lag. Die anderen Schüler jedenfalls schienen keine vergleichbaren Schwierigkeiten zu haben.

Außerdem hatte sie gehofft, in dem Kurs Gleichgesinnte kennenzulernen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die anderen Schüler durchweg das Alter ihrer Kinder hatten. Zwar waren sie sehr nett und luden sie ein, mit ihnen auszugehen, doch dazu ließ sie sich nie überreden. Schließlich ging sie auch nicht mit den Freunden ihrer Kinder aus.

Ihr Kontakt mit den Einheimischen beschränkte sich bislang auf das Personal der Geschäfte, in denen sie einkaufte. Die Verkäufer waren stets ausgesucht höflich, doch zu einem wirklichen Gespräch mit ihnen kam es nie.

Die einzige Ausnahme bildete der Besitzer des kleinen Cafés, das sie letzte Woche durch Zufall entdeckt hatte. Sie war durch die engen Gassen der Altstadt geschlendert, als eine unaufällige Tür im Haus vor ihr geöffnet wurde. Sofort war ihr der verlockende Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase gestiegen, und sie hatte den Klang vieler fröhlicher Stimmen vernommen.

Neugierig geworden, hatte sie nach einem Hinweis gesucht, dass sich hier ein öffentliches Café befand, jedoch nichts entdeckt. Der appetitanregende Geruch und der Anblick der gut besetzten Tische, die sie durch die geöffnete Tür hatte sehen können, waren allerdings zu verlockend gewesen. Sie hatte sich ein Herz gefasst und war eingetreten, was sie im Nachhinein nicht bereute, denn umgehend war ihr neben einem vorzüglichen Espresso auch ein herzlicher Empfang bereitet worden.

Jean-Claude, der Besitzer des Cafés, ein netter älterer Herr, hatte sie zuvorkommend bedient und sich ausführlich mit ihr unterhalten. Allein sein aufrichtiges Interesse an ihrer Person hätte genügt, sie zum erneuten Besuch seines Cafés zu ermuntern.

Gleichzeitig hatte ihr auch das Ambiente sehr gut gefallen. Jazzmusik aus antiquierten Lautsprechern, altmodische Drucke an den weiß verputzten Wänden und eine große Auswahl an französischen Zeitungen, die interessierten Gästen zur Verfügung standen, hatten zu einer behaglichen Atmosphäre beigetragen. Leonie hatte gemütlich in einem der Magazine geblättert und ein paar Artikel gelesen, die sie größtenteils sogar verstehen konnte. Ja, das Café hatte es ihr wirklich angetan.

Wenn ich regelmäßig die hiesigen Zeitungen lese, hilft mir das sicher, meine Französischkenntnisse zu verbessern, dachte Leonie und trat gleich darauf in Aktion. Innerhalb weniger Minuten hatte sie ihre Handtasche ergriffen, das Apartment verlassen und sich auf den Weg zu dem kleinen Café gemacht. Natürlich hätte sie sich auch eine Illustrierte oder die Tageszeitung kaufen und zu Hause lesen können. Doch im Café, umgeben von anderen Menschen, würde sie nicht länger allein sein.

Außerdem wäre sie auf diese Weise beschäftigt. Jahrelang hatte sie sich um andere gekümmert und nie Zeit für sich selbst erübrigen können. Von Müßiggang oder gar einem Urlaub allein hatte sie nur träumen können. Inzwischen hatte sie beides, war jedoch nicht glücklich. Vermutlich war sie einfach zu sehr daran gewöhnt, ständig gebraucht zu werden.

Im Café erwartete sie eine kleine Enttäuschung. Es war so gut besucht, dass Jean-Claude keine Zeit für eine Unterhaltung erübrigen konnte. Also wählte Leonie aus dem Zeitungsständer, in dem sich nur noch wenige, sehr anspruchsvolle Zeitschriften befanden, ein Magazin aus, holte sich an der Theke einen Kaffee und suchte sich einen Tisch im hinteren Teil des Gastraums.

Dort nahm sie Platz, schlug die Zeitung auf und sah sich um. Bei ihrem letzten Besuch war das Café bei Weitem nicht so voll gewesen, und sie fragte sich, ob jener Tag eine Ausnahme...