Ordnung ohne Ort - Institutionen und Regionalöknomie im digitalen Zeitalter

von: Christoph Hauser

NZZ Libro, 2017

ISBN: 9783038103011 , 288 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 33,10 EUR

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Ordnung ohne Ort - Institutionen und Regionalöknomie im digitalen Zeitalter


 

1  Einführung

Wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt ist weit fortgeschritten, doch längst nicht abgeschlossen. Vielmehr entwickelt sie sich in grossem Tempo weiter. Es ist selbst für Fachpersonen der Informatik nicht einfach, den Überblick über die neuesten Entwicklungen zu bewahren. Das Stichwort «vierte industrielle Revolution» wird in den Medien und in manchen Sitzungszimmern zunehmend unüberhörbar. «Revolution» ist ein grosses Wort. Es wird erwartet, dass viele Geschäftsmodelle in zehn Jahren völlig anders funktionieren werden als noch in dem Jahr, in dem diese Zeilen geschrieben wurden. Grosse wirtschaftliche Umwälzungen haben in der Vergangenheit die Wirtschaftsgeografie dynamisch beeinflusst. Die Digitalisierung dürfte auch in den regionalen Wirtschaften ihre Spuren hinterlassen.

1.1  Perspektiven dieses Buchs

Blickt man vom Jahr 2017 elf Jahre zurück, dann zeigt sich in Ihrer (Hosen-)Tasche, wie schnell sich die Digitalisierung entwickelt hat. Das Smartphone gab es 2006 noch nicht, und kaum jemand hat sich im Jahr 2006 vorgestellt, dass hierzulande dereinst praktisch alle Menschen mit so einem Gerät in der Tasche herumlaufen würden, das mindestens so rechenstark und vielseitig ist wie ein damaliger PC (Mazzucato, 2015, S. 89). Hardware und Software entwickeln sich derweil weiter. Dieses Buch geht den Auswirkungen auf die Wirtschaft nach, speziell auch in räumlichen Dimensionen. Damit diese Verknüpfung gelingt, basieren die Überlegungen auf praktischen Theorien, und zwar vorwiegend aus jenem Bereich der Ökonomie, der sein Auge auf die Rolle der Spielregeln und der Transaktionskosten wirft. Die Anwendung dieser sogenannten neuen Institutionenökonomie wird uns die Wechselwirkungen zwischen den geografischen und den virtuellen Räumen aufzeigen. Wir werden sehen, wie die Regionen und die Digitalisierung in einer Hinsicht in Ergänzung, in anderer Hinsicht aber auch in Konkurrenz zueinander stehen, da beide das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben ordnen und so massgeblich beeinflussen. In letzter Konsequenz bedeutet Digitalisierung, dass sich die Institutionen und damit die Ordnung insgesamt langsam, aber sicher aus ihren örtlichen Verankerungen lösen und sich in den sogenannten Cyberspace verlagern. Ordnung ohne Ort. Diese Verschiebung ist in der Geschichte der Menschheit neu.

Voraussagen in die Zukunft sind immer ein heikles und umfangreiches Unterfangen. Das ist im Fall der Digitalisierung nicht anders. Einerseits ist mit simplen Hochrechnungen Vorsicht geboten, andererseits muss klar sein, auf welchen Grundlagen man eine Prognose wagt. So werden in diesem Buch drei Perspektiven miteinander verknüpft. Erstens die erwähnte Digitalisierung; zweitens die Perspektive der Institutionen im Sinne der geschriebenen und ungeschriebenen Spielregeln, so wie sie auf den verschiedensten Ebenen des menschlichen Zusammenlebens existieren. Die dritte Perspektive ist die des geografischen Orts im Sinne einer Region. All dies soll mit mehrheitlich ökonomischen Ansätzen betrachtet werden. Das bedeutet auch, dass ökonomische Modelle zum Einsatz kommen. Modelle vereinfachen die Welt in vielen Punkten und vermögen dadurch, gewisse Zusammenhänge sichtbar zu machen, die man sonst nicht erkennen könnte. Diese Werkzeuge der Erkenntnis sind sicher nützlich, wenn man drei solch umfassende Themen wie die Digitalisierung, die Institutionen und die Regionen in einen Kontext bringen möchte. Aber keine Angst, es gibt weder mathematische Kurvendiskussionen noch algebraische Umformungen. Es wird stets der praktische Kern einer Theorie gebraucht.

Mit der Gegenüberstellung von regionalen Orten und der Digitalisierung öffnet sich die spannende Fragestellung, ob die räumliche Distanz für das wirtschaftliche und soziale Zusammenleben in Zukunft eine andere Bedeutung haben wird als heute. Unter Fachleuten ist es derzeit umstritten, ob die Wichtigkeit, wo man wohnt und arbeitet, in Zukunft abnehmen oder sogar noch zunehmen wird. Beide Seiten haben gute Argumente, und vielleicht haben auch beide im Sinne des sogenannten Globalisierungsparadoxons recht. Dieses lautet: «Die Distanz mag zwar tot sein, das Bedürfnis nach räumlicher Nähe aber nicht» (Cernavin et al., 2005, S. 23). Konkret könnte das bedeuten, dass im beruflichen Leben die Distanz keine Rolle mehr spielt, während im Privaten menschliche Nähe umso wichtiger wird.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste führt in das Thema mit je einem eigenen Kapitel zur Digitalisierung, zu den Regionen und zu den Institutionen ein. Als Klammerbegriffe für diese drei einführenden Kapitel spielen die Stichwörter «Netzwerke», «Wertschöpfung», «Transaktionskosten» und «Wissensflüsse» eine wichtige Rolle. Im zweiten Teil werden die Verbindungen zwischen den Regionen, den Institutionen und der Digitalisierung anhand verschiedener Themen vertieft. Güter, Arbeitsteilung, Verträge und Unternehmensnetzwerke sind die Stichwörter, mit denen sich wichtige Querbezüge zwischen der Digitalisierung, den Institutionen und den Regionen herstellen lassen. Die Präferenzen und Selbstbindungen von Menschen sind in weiteren Kapiteln abgehandelt, um zum Schluss einige zusammenfassende und weiterführende Perspektiven darzulegen.

Bereits im ersten Hauptteil werden immer wieder Modelle mit Beispielen verknüpft, die hauptsächlich aus der Ökonomie stammen, und hier hauptsächlich aus der neuen Institutionenökonomie, aus der neuen politischen Ökonomie, aus der Regionalökonomie sowie aus der Verhaltensökonomie. Die Modelle sollen nicht Selbstzweck sein, sondern Werkzeuge, mit denen das ökonomische Denken nachvollzogen werden kann. Daher wird jedes Modell nur so weit erklärt, wie es gebraucht wird. Zudem ist die Erklärung jeweils kurz gehalten. Für weiterführende, technische Erklärungen von Modellen und Theorien an sich ist dieses Buch nicht gedacht. Entsprechende Literatur ist zitiert, so sieht man, aus welcher Richtung die jeweiligen Überlegungen kommen (und dass es noch andere gibt, die das Argument schon verwendet haben).

1.2  Die Begriffe «Digitalisierung», «Regionen» und «Institutionen»

Eigentlich wünschte ich mir, die nächsten drei Kapitel könnten parallel gelesen werden, da die These hier ist, dass sie alle miteinander verknüpft sind. Doch ein Buch verläuft – im Gegensatz zu der Lektüre von Websites oder Gratiszeitungen – linear. Daher diese kurze Einführung zu den drei Begriffen «Digitalisierung», «Regionen» und «Institutionen».

Es gibt vielfältige neue digitale Technologien. Im Verhältnis zur Geschichte der Menschheit sind diese Technologien noch sehr jung und entwickeln sich überaus rasch. Bei der Digitalisierung sind diese Technologien mit gemeint. Die Auswirkungen dieser digitalen Technologien auf unseren individuellen Alltag und auf unser Zusammenleben sind aber zentral. Die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und Politik sowie auf unsere Wahrnehmung und Kommunikation sind tief greifend genug, um den starken Begriff des «digitalen Zeitalters» zu verwenden.

In diesem Buch wird die Digitalisierung speziell auch unter Berücksichtigung des geografischen Orts betrachtet. Ort, verstanden als geografischer Raum, innerhalb dessen sich unser Alltag abspielt. Also wo wir zur Arbeit gehen, einkaufen, unsere Freunde treffen und wo wir politische Entscheidungen fällen. Diese funktional relevanten Orte nennen wir auch Region. Regionen machen an politischen Grenzen nur bedingt halt, sie entstehen vielmehr durch das tatsächliche Leben.

Der Begriff «Institution» wird in diesem Buch als handlungsanleitende Spielregel verstanden. Ob eine Spielregel als Gesetz oder als Hausordnung schriftlich vorliegt oder ob sie als Gewohnheit oder als soziale Norm das Handeln von Menschen beeinflusst, ist dabei nicht entscheidend. Institutionen können für uns Menschen einschränkend sein, weil sie gewisse Dinge verbieten und andere gebieten: Schuhe gehören nicht auf das Polster! Einkommen ist zu versteuern! Wir haben daher manchmal ein ambivalentes Verhältnis zu den Institutionen. Im Einzelnen stören sie uns, wir empfinden uns in unserer Freiheit eingeschränkt. Im Ganzen aber sind Institutionen die Voraussetzung für ein friedliches, produktives und gerechtes Zusammenleben. Die Summe all dieser Institutionen ist die Ordnung.

1.3  Gemeinsamkeiten der Regionen, der Institutionen und der Digitalisierung

Im zweiten, dritten und vierten Kapitel werden die Digitalisierung, die Regionen und die Institutionen noch detaillierter eingeführt. Die Begriffe sind in der wissenschaftlichen Literatur ein grosses Thema und füllen ganze Bücherregale. Sie werden leider nicht allzu oft zusammen verwendet, vor allem nicht alle drei gemeinsam. Hier soll das vorliegende Buch eine Lücke füllen. Nein, mehr noch: Es soll eine Chance für ergiebige Erkenntnisse aufzeigen.

Bevor man Unterschiedliches miteinander verbindet, soll klar sein, was mit dem Einzelnen gemeint ist. Dies ist die Absicht der nächsten drei Kapitel. Es wird aber nicht nur bei der Definition bleiben, sondern es wird auch beschrieben werden, warum es sich bei der Digitalisierung, bei den Regionen und bei den Institutionen jeweils um etwas Wichtiges handelt. Auch wenn die drei Perspektiven in den nächsten drei Kapiteln zunächst nacheinander abgehandelt werden, so wird dabei zunehmend deutlich, dass in Bezug auf die jeweiligen Funktionen Parallelen bestehen, die die Regionen, die Institutionen und die Digitalisierung für das Zusammenarbeiten erfüllen. Auf folgende drei Verbindungslinien können Sie bei der Lektüre der folgenden drei Kapitel achten:

Erstens haben sowohl...