G. F. Unger Sonder-Edition 114 - Western - Gold-Lady

von: G. F. Unger

Bastei Lübbe AG, 2017

ISBN: 9783732549153 , 80 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 1,49 EUR

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G. F. Unger Sonder-Edition 114 - Western - Gold-Lady


 

Es war kein besonders guter Claim. Er brachte im Schnitt etwa fünfzehn Dollar pro Tag ein. Und das Leben war teuer in der Last Chance Gulch im nordwestlichen Montana, sehr teuer.

Aber dennoch können sie zufrieden sein.

Ihr Gold wird ihnen – wenn sie es in Fort Benton eintauschen – um die zehntausend Dollar einbringen.

Zehntausend Dollar! Immer wieder denkt Esther Roswell daran, und sie möchte jubeln, triumphieren vor Glück. Nun werden sie heimkehren nach Texas und sich im Pecos-Land in einem der Täler der Davis Mountains eine Ranch aufbauen. Es wird eine große Ranch werden, denn zehntausend Dollar sind in Texas eine riesige Menge Geld.

Und sie werden sich ein schönes Haus bauen. Sie wird wieder Kleider tragen. Ein neues Leben wird beginnen.

Sie müssen jetzt nur den Goldwölfen entkommen.

Als Esther daran denkt, vertraut sie fest auf Dan, ihren Mann, dem sie ins Goldland von Montana folgte.

Daheim in Texas hätten sie nicht mal in zehn Jahren zehntausend Dollar zusammensparen können. Sie war eine junge Lehrerin gewesen in einer kleinen Stadt. Ganze siebzehn Kinder hatte sie unterrichtet.

Und Dan war aus dem Krieg gekommen, den der Süden verlor.

Wie ein Blitz hatte es sie beide getroffen, als sie sich zum ersten Mal begegneten, und so wurden sie schnell ein Paar. Sie hat es nicht bedauern müssen, selbst nicht während der zwei harten Jahre auf diesem Claim in der primitiven Hütte und obwohl sie wie ein Mann gearbeitet hatte.

Nun aber wird bald ein anderes Leben beginnen.

Immer wieder denkt sie daran und folgt Dan Roswell dicht auf, damit sie ihn im dichten Nebel nicht verliert.

O ja, sie ist ganz sicher, dass sie den Goldwölfen entkommen werden, die an allen Wegen und Pfaden auf Goldgräber lauern, die sich mit ihrer Ausbeute aus dem Land zu schleichen versuchen.

Denn dieser graue Nebelmorgen heute, der ist gewiss eine große Chance. Ja, sie werden durchkommen.

Sie gelangen an diesem Nebelmorgen etwa fünf Meilen weit und müssen dann aus der Gulch hinaus auf eine Ebene, auf der nur da und dort Felsgruppen stehen, von der Erosion zernagt und von Tannen umgeben. Aber auch diese Bäume wird man bald fällen, denn der Holzbedarf des Goldlandes ist gewaltig. Aus den einst so primitiven Camps wurden inzwischen Städte.

Sie reiten also aus dem gewaltigen Schlund der Last Chance Gulch hinaus. In diesen Minuten besiegt die Spätherbstsonne endlich die Nebel, frisst ihn gewissermaßen auf, und so beginnt ein wunderschöner Spätherbsttag.

Bis nach Fort Benton sind es etwa zweihundertvierzig Meilen. Esther und Dan Roswell werden etwa fünf bis sechs Tage dafür brauchen. Und dann wollen sie sich auf einem Dampfboot eine Kabine mieten und eine zweite Hochzeitsreise antreten.

Esther möchte laut in den Sonnenmorgen hinausjubeln.

Dann aber kracht ein Schuss. Die Kugel wirft Dan seitlich aus dem Sattel, fegt ihn vom Pferd wie eine unsichtbare Keule.

Und von einem Sekundenbruchteil zum anderen verändert sich für Esther Roswell die Welt.

Auch sie wirft sich vom Pferd, und als sie bei Dan kniet, da erkennt sie sofort, dass er tot ist. Die schwere Kugel eines Büffelgewehrs traf ihn voll.

Solch eine Kugel kann auf dreihundert Yard noch einen Büffelbullen töten.

Dan Roswell hatte keine Chance.

Sie kniet bei ihm, hat seinen Kopf auf ihre Oberschenkel gebettet und ist selbst wie betäubt. Sie möchte schreien, doch sie bringt keinen Ton über die Lippen. Sie weigert sich zu begreifen, was soeben geschehen ist – und dennoch weiß sie es.

Sie haben verloren.

Dan ist tot.

Und gleich werden die Goldwölfe kommen, um sich das Gold zu holen.

Soll sie kämpfen? Soll sie Dans Gewehr nehmen? Es steckt im Sattelschuh von Dans Pferd. Es ist ein gutes Tier, das einst lernte, auf dem Fleck zu verharren, wenn der Reiter aus dem Sattel fiel und die Zügelenden am Boden liegen.

Esther könnte aufspringen und an das Gewehr kommen.

Doch dann würde sie zwar kämpfen können, aber letztlich wie Dan getötet werden.

Sie will aber leben, davonkommen.

Und so verharrt sie bei ihrem toten Mann und wartet.

Sie muss nicht lange warten. Aus der Felsengruppe links von ihnen tauchen einige Reiter auf, die sich im Trab mit schussbereiten Waffen nähern. Sie sind maskiert, und als sie bei den Roswells sind, sagt einer von ihnen laut genug: »Du bist schlau, Süße. Denn du bist zu hübsch, um zu sterben. Du wirst schon wieder zu was kommen. In diesem Land, wo hundert Männer auf eine Frau kommen, bist du deine eigene Goldader.«

Die anderen Reiter umringen indes das Packpferd. Einer schneidet die Packlast los. Mit dem Lagergerät und dem Proviant fallen auch die acht kleinen Goldsäckchen zu Boden.

Es dauert nicht lange, kaum eine Minute, dann ist Esther mit ihrem toten Mann allein. Nur die Pferde ließen sie ihr. Das Gold nahmen sie mit.

Sie blickt ihnen mit tränenden Augen nach. Und sie fühlt sich so hilflos und verlassen auf dieser Erde, so verdammt allein und voller Schmerz.

Lange, sehr lange hockt sie so.

Dann aber denkt sie: Oh, ich muss ihn beerdigen. Ich kann ihn ja hier nicht so liegen lassen.

Es fällt ihr schwer, sich zu bewegen und etwas zu tun. Sie fühlt sich wie gelähmt, und es ist eine schreckliche Leere in ihr.

Ihr Blick fällt auf die geteerte Zeltplane, in der sie ihre gesamte Packlast eingehüllt hatten. Es ist ihr klar, dass sie Dan ein Stück wird transportieren müssen. Denn sein Grab soll sich nicht so kahl und ungeschützt als Erdhügel neben dem Reitpfad erheben – nein, so soll er nicht seine letzte Ruhestätte finden.

Esther blickt zur Felsengruppe hinüber, aus der die Goldwölfe schossen und dann zum Vorschein kamen.

Ja, dort drüben zwischen den großen Felsen, da wäre ein Platz für Dans Grab. Doch wie soll sie ihn dorthin bringen? Er ist zu schwer. Er wiegt gewiss um die neunzig Kilo, und so kräftig sie auch als Frau ist, sie bekäme ihn nicht über einen Pferderücken. Sie wiegt ja selbst nur um die sechzig Kilo.

Wieder fällt ihr Blick auf die geteerte Zeltplane.

Ja, sie wird ihn auf diese Plane rollen und sie an einem Lasso mit Hilfe des Pferdes als Schleppe benutzen. Und dann wird sie mit der Bratpfanne ein Grab schaufeln. Dan in die Plane einwickeln und beerdigen.

Tränen rinnen über ihre Wangen.

Doch sie bewegt sich endlich und beginnt schluchzend die traurigste Arbeit ihres Lebens. Dabei denkt sie immerzu an die beiden zwar schweren, doch so glücklichen Jahre mit Dan hier im Goldland der Last Chance Gulch.

Es dauert lange, bis sie Dan zwischen den elefantengroßen Felsen hat.

Da sie keine Schaufel oder Spaten bei sich hatten, muss sie mit der Bratpfanne zu graben beginnen. Doch die oberste Bodenschicht zwischen den Felsen ist weich. Die Grasnarbe ist nicht dick, und so arbeitet sie mit der Pfanne fast so wie mit einer Handschaufel, wie man sie auch kniend im Garten benutzt, um Blumenstauden einzusetzen.

Immer noch fühlt sie sich wie betäubt und spürt gleichzeitig den Schmerz bis tief in ihren Kern. Dann aber beginnt ihr Gefühl sich allmählich zu wandeln. Heißer Zorn steigt in ihr auf.

Als sie einmal innehält, um zu verschnaufen, stößt sie hervor: »Oh, ihr verdammten Hurensöhne, die Hölle soll euch fressen! Wenn ich eine Chance hätte, euch zu finden, dann …«

Sie unterbricht ihre hassvollen Gedanken und beginnt wieder zu graben. Sie will das Grab tief genug ausheben, damit Dan nicht von Coyoten oder Wölfen herausgezerrt werden kann.

Plötzlich aber hält sie inne und starrt auf etwas, was sie einfach nicht zu glauben bereit ist. Nein, sie kann es nicht glauben.

Aber dann nimmt sie den seltsamen »Stein« in die Hand und untersucht ihn, entfernt die Erde, die daran haftet – und dabei weiß sie bereits, dass es kein Stein ist. Denn Steine sind bei gleicher Größe nicht so schwer.

Nur Gold hat dieses Gewicht.

Sie hält sich den Klumpen vor die Augen. Aber sie hat ja zwei Jahre mit Dan auf ihrem Claim nach Gold geschürft. Sie kennt sich aus. Und so begreift sie, dass sich das Schicksal einen grausamen Scherz mit ihr erlaubt hat.

Sie verlor Dan Roswell, ihren geliebten Mann. Und jetzt, da sie ihm mit einer Bratpfanne das Grab schaufeln muss in der Einsamkeit zwischen einigen Felsen, da stößt sie auf eine Goldader.

Ja, es ist Adergold, das sie in der Hand hält. Sie brach es im Erdreich mit dem harten Pfannenrand von einer Goldader los, die wahrscheinlich mit vielen Verästelungen wie ein erstarrter Blitz im Boden liegt.

Als sie dies begreift, lässt sie den losgebrochenen Klumpen – er sieht aus wie ein gelblicher Tannenzapfen – wie ein glühendes Stück Eisen fallen.

Sie hebt ihren Blick zum Himmel und ruft: »Zum Teufel mit dem Gold! Gib mir meinen Mann wieder, und behalte den gelben Dreck! Was nützt mir das Gold ohne Dan!«

Aber natürlich erhält sie keine Antwort.

Der Himmel schweigt, und sie ist allein in einer erbarmungslosen Welt.

Sie gräbt weiter und legt in der nächsten halben Stunde ein Stück von der Goldader frei, deren Hauptstrang so dick wie ein Männerschenkel ist. Und immer wieder denkt sie: Es ist verrückt, total verrückt. Ich beerdige Dan ganz dicht neben einer Goldader. Aber was nützt einem Toten das viele Gold? Und was nützt es mir ohne Dan? Sicher, ich bin jetzt eine richtige Gold-Lady! Ich bin eine reiche Frau. Aber wenn die Goldwölfe dies herausfinden sollten, dann...