G. F. Unger Sonder-Edition 113 - Western - Cattle King

von: G. F. Unger

Bastei Lübbe AG, 2017

ISBN: 9783732549146 , 80 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 1,99 EUR

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G. F. Unger Sonder-Edition 113 - Western - Cattle King


 

Ihr Anführer betrachtet sie einer nach dem anderen und denkt dabei: Dies also sind die letzten Männer meiner Abteilung – nur noch sieben. Guerillas für den Süden waren wir, und mich nannten sie Major. Aber jetzt sind wir Satteltramps. Und wir sollten uns von hier aus möglich schnell in alle Winde verstreuen, damit wir unsere Fährten verwischen und die Häscher der Blaubäuche uns nicht finden können. Nun gut …

Nachdem er dies gedacht hat, klopft er mit dem Löffel an die Tasse.

Die Gesichter der Männer wenden sich ihm zu.

Er sagt ruhig: »Von hier aus reitet jeder seinen eigenen Weg. Verwischt eure Fährten. Geht nicht auf die Heimatweide zurück, nicht dorthin, wo man euch von früher kennt. Sucht nach einer Chance. Irgendwo wartet sie auf jeden von uns, man muss sie nur finden. Viel Glück.«

Sie starren ihn an.

Und in ihren verkaterten Hirnen beginnt es nun gewissermaßen zu knirschen. Endlich begreifen sie, dass er ihren »Verein« auflösen will, dass er sie verlassen will und plötzlich alles ganz anders sein wird.

Denn bisher hat er für sie gedacht und ihnen gesagt – befohlen – was sie zu tun hatten. Jetzt aber …

Sie halten inne beim Gedanken an die Zukunft. Sie weigern sich, weiterzudenken. Und endlich sagt einer stotternd: »Mamamajor, dududu willst uns doch nicht verlassen?«

Die Stimme des Fragers gewinnt zuletzt wieder mehr Festigkeit, und es ist ein vorwurfsvoller Klang darin.

Die anderen nicken zu diesen Worten, wobei das Nicken mehr dem vorwurfsvollen Klang als den Worten selbst gilt.

Und nun haben sie auch ihren verkaterten Zustand vergessen. Jetzt sind sie hellwach, und in ihren Augen erkennt er jenes Funkeln, das immer dann in ihren Augen war, wenn sie wussten, dass es hart werden würde. Er ist ein großer, sehniger, hellblonder Mann mit blaugrauen Augen, ein Mann, der schon äußerlich so wirkt, als könnte er andere Männer führen oder als würden sie sich ihm ganz selbstverständlich unterordnen, weil sie spüren, dass er auf allen Gebieten der bessere Mann ist.

Fest erwidert er die funkelnden Blicke.

Eigentlich will er ihnen sagen, dass nun alles vorbei wäre und er keine Lust hätte, noch länger ihr »Kindermädchen« zu sein. Ja, er will ihnen sagen, dass er nicht länger mehr für sie denken und sorgen will, sondern nur noch für sich allein.

Aber er würde dann ihre ganze Verachtung zu spüren bekommen.

Und so sagt er: »Ich werde dann, wenn ich eine Chance für uns gefunden habe, jedem von euch einen postlagernden Brief nach El Paso senden. Von dort aus könnt ihr diese Briefe anfordern. Gut so?«

Sie starren ihn nun noch funkelnder an.

Nur einen kurzen Moment noch strömt und prallt ihr Misstrauen gegen ihn.

Dann erinnern sie sich daran, dass er sie niemals anlog, ihnen stets die Wahrheit sagte und sie niemals enttäuschte, wenn es darum ging, dass sie sich auf ihn als Major verlassen mussten.

Und weil er ihre Blicke fest erwidert, glauben sie ihm.

»Nun gut«, sagt einer von ihnen. »Unser Major hat stets gewusst, was gut für uns ist. Und wir konnten uns stets auf ihn verlassen. Nun gut, machen wir es so. Irgendwann werden wir wieder alle beisammen sein.«

Und alle beginnen sie nacheinander zu nicken.

Dann endlich – so als hätten sie plötzlich Appetit bekommen – fangen sie an zu essen.

***

Als er seine wenigen Sachen in die beiden Satteltaschen und die Sattelrolle packt, da kommt Lou Marryland ins Zimmer.

Sie trägt noch ihren Morgenmantel, und sie hat ihn sich eng um ihre prallen Formen gewickelt. Nein, sie ist nicht dick, nur ein klein wenig praller als normal. Sie hat alles, was zu einer Frau gehört in der richtigen Weise.

Und diese Nacht lag sie in seinen Armen dort in dem zerwühlten Bett.

Er betrachtet sie jedoch auf eine unpersönlich wirkende Art, so als hätte es zwischen ihnen nie etwas gegeben, und vielleicht hat es das auch nicht wirklich. Denn käufliche Liebe ist ein Geschäft.

Und nichts davon bleibt danach im Herzen oder in der Seele zurück.

»Was willst du?« So fragt er ruhig, indes er die Schnallen der Satteltaschen schließt.

Sie verharrt dicht genug vor ihm, sodass er sie greifen könnte.

Und ganz gewiss kann er sie riechen.

Sie duftet verlockend. Denn wenn sie auch ein Flittchen ist, so pflegt sie sich dennoch wie eine Lady.

Sie sagt: »Bleib hier, Major. Ich weiß nicht mal deinen Namen. Sie nennen dich alle nur Major. Aber ich sage dir, bleib hier. Diese Stadt wird bald aufblühen. Denn sie liegt an zwei sich kreuzenden Wagenwegen. Mit deinen Männern könntest du die Stadt übernehmen. Und wir könnten reich werden. Bleib! Denn ich möchte wieder in deinen Armen liegen. Oder war es nicht schön und gut zwischen uns in dieser Nacht?«

Sie fragt es zuletzt mit einem aggressiven Klang in der Stimme.

Er grinst, und es ist ein scharfes, blinkendes Grinsen unter seinem gelben Sichelbart. »Nein, ich bleibe nicht«, sagt er dann nur.

Er erklärt nicht, warum er nicht bleiben will. Er sagt einfach nur »Nein«, aber weil sie eine erfahrene Frau ist, liest sie eine Menge in seinen Augen und spürt es auch mit ihrem feinen Instinkt.

»Diese Stadt ist dir zu schäbig«, murmelt sie. »Und dieses Haus ist dir zu anrüchig. Du bist einer von diesen Burschen, die sich ein Königreich erobern wollen jetzt nach diesem Krieg. Ich wäre dir auch nicht gut genug. Na schön, dann raus hier! Raus hier! Du hast bezahlt für alles, was du bekommen hast. Aber es ist Mittag. Bis Mittag habt ihr bezahlt, sonst müsst ihr neu zahlen.«

Er sagt nichts mehr, nimmt sein Gepäck, geht hinaus, die Treppe hinunter und durch die Hintertür in den Hof.

In einem Corral stehen die Pferde.

Sein grauer, narbiger Wallach kommt auf seinen Pfiff hin zum Gatter.

Er sattelt ihn, befestigt die Sattelrolle hinter dem Zwiesel, wirft die prall gefüllten Satteltaschen über den Pferdenacken, sitzt auf und reitet davon, ohne sich noch einmal umzublicken.

Hinter ihm kommen die anderen Männer nacheinander aus dem Haus.

Und oben aus den Fenstern blicken die Mädchen in den Hof nieder. Sie lachen und rufen anzügliche Bemerkungen, die von den Männern erwidert werden.

Aber dann reiten auch sie davon.

Ihre Wege trennen sich. Manche reiten zu zweit, einige allein.

Was wird in den nächsten Wochen und Monaten aus ihnen werden?

Und werden sie von ihrem Major jemals wieder etwas zu hören bekommen?

***

In den nächsten Tagen und Wochen reitet Tabhunter Ketshum nach Westen, immer nur nach Westen. Er hält sich nie lange irgendwo auf, nur eben lange genug, um an einem Spieltisch ein paar Dollars zu gewinnen und sich nach irgendwelchen Chancen umzuhören.

Er sucht sogar in einigen alten, verlassenen Minen nach Silber oder Gold, hofft dabei, auf neue Vorkommen zu stoßen.

Aber dieses Glück stellt sich nicht ein.

Es kommt zwar immer wieder vor, dass jemand in verlassenen Minen neue Vorkommen entdeckt – manchmal sogar Adern –, aber zu diesen Glücksburschen gehört er nicht.

In diesen Wochen ist er nicht allein auf dem Weg nach Westen.

Jetzt nach dem verlorenen Krieg – verloren für den Süden –, sind viele Reiter nach Westen unterwegs, auch Wagenzüge. Und alle Menschen suchen nach Chancen. Die Armut ist überall groß. Es gibt kaum Bargeld. Zumeist werden Tauschgeschäfte abgewickelt.

Selbst die großen Ranches können keine Löhne zahlen, obwohl sich während des Krieges die Rinder überall wie Mäuse oder Kaninchen vermehrt haben.

Für diesen Rindersegen gibt es jedoch keine Absatzmärkte. Und selbst für eine Rinderhaut erhält man so viel Geld, um den Abhäuter und den Transport bezahlen zu können.

Rinder sind zurzeit nichts wert.

Scheinbar!

Denn irgendwann muss es Absatzmärkte geben.

Man munkelt, dass im Osten große Fleischfabriken entstehen, dass es Kühlhäuser gibt – und diese Kühlhäuser auch in Seeschiffe eingebaut werden, damit man das Fleisch nach Europa schaffen kann, in welcher Form auch immer.

Es müssen bald andere Zeiten kommen.

Jeder hofft es.

Überall hier im Südwesten tauchen auch die Steuereintreiber der Union auf, begleitet von Soldaten. Und schon bald finden Versteigerungen statt. Die Käufer sind zumeist reiche Yankees oder deren Beauftragte.

Denn die Yankees im Osten – die Kriegsgewinnler, die während des Krieges große Geschäfte machen konnten –, die haben eine Menge Geld. Und sie kaufen auf den Versteigerungen auf, was sie nur bekommen können. Sie bekommen es billig, sozusagen »für einen Apfel und ein Ei«. Manche arbeiten mit den Steuereintreibern zusammen.

Tabhunter Ketshum bekommt dies alles mit in diesen Wochen des Reitens und Suchens nach Chancen.

Einige Male ist es schon fast soweit, dass er einem Steuereintreiber oder einem reichen Yank die Kasse rauben will.

Doch dann beherrscht er sich letztlich, versucht am Spieltisch ein paar Dollars zu gewinnen und reitet eine Zickzackfährte nach Westen. Er durchfurtet den Pecos. Hielte er sich nördlich, käme er nach Santa Fe. Und wenn er die südlichere Richtung einhielte, müsste er nach El Paso gelangen.

Er weiß noch nicht, welche Richtung er wählen soll.

Am Nachmittag muss er über einen Hügelsattel.

Zu seinen Füßen – nur drei oder vier Meilen entfernt – erblickt er eine kleine Stadt...