Das Porzellanmädchen - Ein Psychothriller

von: Max Bentow

Goldmann, 2017

ISBN: 9783641182427 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 3,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Das Porzellanmädchen - Ein Psychothriller


 

EINS

Sie war sechzehn. Von den Jungs in ihrer Schule, die sie nicht beim Namen kannten, wurde sie das Mädchen mit der Porzellanhaut genannt. Ihr Haar war tiefdunkel, ihre Taille schmal, und den Blick aus ihren kristallblauen Augen fanden manche aus ihrer Klasse zu rätselhaft, auf andere hingegen übte er einen gewissen Reiz aus.

Es war im Sommer 2003, als sie aus einer spontanen Laune heraus nach der Schule nicht gleich nach Hause fuhr, sondern am Bahnhof Gesundbrunnen die U-Bahn verließ und in die S-Bahn Richtung Bernau umstieg.

Vor Kurzem hatte sie eine Gegend im Umland Berlins entdeckt, die in ihren Augen von beinahe magischer Schönheit war. Idyllisch, still, fernab vom Trubel der Großstadt, der perfekte Ort zum Nachdenken und Alleinsein.

Allein zu sein war ihr besonders wichtig. Weit weg von den anderen. Sie war eben nicht wie die meisten Jugendlichen in ihrer Schule. Sie galt als eher schweigsam, leicht versponnen und in sich gekehrt.

In Berlin-Karow stieg sie in die Regionalbahn. Nach einer etwa zwanzigminütigen Fahrt vorbei an Maisfeldern, Ginsterbüschen und Birkenhainen erreichte sie den Bahnhof Wandlitzsee.

Sie stieg aus, passierte die schmale Ortsstraße. Kaum hatte sie einen asphaltierten Weg hinter sich gelassen, bog sie in den Wald ein.

Kühle umfing sie, schützendes Grün. Hohe Kiefern, dichte Tannen. Sie zog ihre Schuhe aus und ging barfuß weiter. Eine Mönchsgrasmücke sang ihr Lied. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie war so glücklich an diesem Ort. Schon bald blitzte der Liepnitzsee zwischen dem Laub der Bäume auf.

Am Ufer angekommen raffte sie ihr Kleid und tauchte die nackten Füße ins Wasser. Der See war klar, tief, smaragdgrün. Ihre Brust weitete sich, und sie schloss für einen Moment die Augen.

Sie trat aus dem Wasser heraus, bedauerte kurz, dass sie keine Badesachen dabeihatte, streifte die nackten Sohlen an einem von der Sonne gewärmten Stein ab, schlüpfte wieder in ihre Schuhe und ging weiter. Sie schlug den Weg in östlicher Richtung ein und beschloss, den See einmal zu umrunden.

Das Unbehagen begann, als ihr eine merkwürdige Verfärbung des Himmels auffiel. Anfangs hielt sie es für das Abendrot. Was sie irritierte, denn so spät war es doch noch gar nicht. Dann frischte der Wind auf, und sie fröstelte. Sie hatte den Hügel erreicht, von dem aus sich ein prächtiger Blick hinab auf den See bot. Normalerweise wäre sie stehen geblieben, um die Aussicht zu genießen, doch es überkam sie eine diffuse Unruhe, sodass sie ihre Schritte beschleunigte. Als ein Windstoß in die Tannen am Wegesrand fuhr, rauschte es aus der Tiefe des Waldes, und es klang wie ein Raunen an ihren Ohren.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass jemand dicht hinter ihr wäre, und sie wandte sich erschrocken um.

Der Weg war leer bis auf die Tannennadeln am Boden, die von den Windböen im Kreis herumgetrieben wurden. Sie schlang die Arme um ihre Schultern, für einen Moment war ihr so kalt, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Sie überlegte, ob sie vielleicht lieber umkehren sollte, denn ihre Glieder schmerzten mit einem Mal. Es fühlte sich an, als habe sie sich einen Virus eingefangen. Sie ging weiter.

Schließlich hatte sie die Spitze des Sees erreicht. Von früheren Besuchen wusste sie, dass man von hier aus noch ungefähr fünfundvierzig Minuten für den Rest des Rundwegs brauchte. Leider fuhr die Regionalbahn nur einmal in der Stunde, also musste sie sich beeilen.

Sie ging nun so schnell, dass ihr der Schweiß auf die Stirn trat. Sie hatte ihren Schulrucksack dabei, und der kam ihr auf einmal unendlich schwer vor. Ich werde krank, dachte sie. Ich bekomme die Grippe.

Ein Ziehen in den Gliedern. Und dann blieben ihr nur noch wenige Schritte.

Hinterher wusste sie, dass er ihr gefolgt war. Er musste eine Abkürzung durchs Unterholz genommen haben. Wahrscheinlich in dem breiteren Waldstück, wo der Weg in einer Schlaufe für ein paar Hundert Meter vom See wegführte.

Denn plötzlich war er vor ihr.

Er tauchte aus einem Gebüsch auf. Er war sehr viel größer als sie. Er sah aus wie ein riesiges Insekt.

In ihren Augen war es ein Insekt. Aber es hatte Gliedmaßen wie ein Mensch und bewegte sich aufrecht. Das Sonderbare aber war der Kopf. Kreisrunde Augen, die wie tot wirkten. Und darunter baumelte dieser Rüssel, schwarz und lang.

Sie blieb abrupt stehen. Das Insekt machte eine Bewegung auf sie zu.

Sie war wie erstarrt. Wenn sich ihr Herz nicht zu einem kleinen harten Klumpen verkrampft hätte, wäre ihr das Atmen sicher leichter gefallen. Und auch ihr Gehirn hätte schneller reagiert. Wie in Zeitlupe suchte ihr Verstand nach Erklärungen für das, was sich ihr dort auf dem Waldweg näherte.

Sein Gang war schleichend, aber zielstrebig.

Sie versuchte, sich auf die Augen zu konzentrieren, aber sie waren so breit und leer.

Sie vergaß zu schreien. Zu atmen und um Hilfe zu rufen.

Im Bruchteil einer Sekunde kam ihr der Gedanke, dass sich da jemand einen Scherz mit ihr erlauben könnte. Doch schon war das Insekt dichter bei ihr, und sie starrte auf das schlauchartige Ding unter seinen Augen. Es ekelte sie.

Endlich hatte sie die Kontrolle über ihre Bewegungen wieder. Sie wich einen Schritt zurück, doch das Insekt kam näher.

»Was … warum …?«, stammelte sie.

Erst als sie den anthrazitfarbenen Drillich und die farblosen Gummihandschuhe registrierte, begriff sie ansatzweise, womit sie es zu tun hatte.

Aber da war es schon zu spät.

Das Insekt schoss vor, holte aus, und plötzlich verspürte sie einen Stich am Hals, als habe es seinen Stachel in sie versenkt.

Als sie zu Boden sank, erblickte sie einen Tropfen Blut an der Injektionsnadel über ihr.

Das Insekt beugte sich zu ihr herab, und kurz darauf verlor sie das Bewusstsein.

Sie erwachte in einem kleinen fensterlosen Raum. Sie lag auf einem Bett. Noch sah sie alles verschwommen. Nach und nach erkannte sie farbige Lichterketten an der Wand. Einen Flokatiteppich auf dem groben Holzboden. Und die verschlossene Tür.

Sie spürte, dass sie nicht allein war.

Das Insekt war bei ihr. Es hockte neben ihr auf dem Bett und starrte sie an.

Als der Rüssel in ihr Gesichtsfeld geriet, verstand sie endlich. Es war ein Atemschlauch. Sie hatte es mit einem Mann zu tun, der eine Gasmaske trug. Die Augen waren irgendwo hinter diesen großen, dunkel getönten Scheiben verborgen. Und er trug eine Art Kampfanzug aus festem Drillich.

Obwohl sie nun eine rationale Erklärung für sein unheimliches Aussehen hatte, behielt er für sie etwas Tierisches, Kriechendes. In ihrer verängstigten Wahrnehmung blieb er dieses monströs vergrößerte Insekt, wie ein mutiertes Wesen nach einem Laborunfall.

»Hier. Für dich. Ein Geschenk.« Das Insekt konnte also sprechen. Aber seine Stimme klang dumpf und hohl. Es war mehr ein Raunen, tonlos, gedämpft.

Zu ihrer Überraschung hielt ihr der Mann mit der Gasmaske eine Porzellanpuppe hin. Sie trug ein weißes Kleid. Ihr schwarzes Haar war zu Zöpfen geflochten. Sie hatte Ähnlichkeit mit ihr selbst: zerbrechlich und hellhäutig, große Augen, blau.

»Nimm sie«, wisperte er.

»Was wollen Sie von mir?«

»Dir ein Geschenk machen. Nimm.«

Zögerlich streckte sie die Hand nach der Puppe aus.

»Gefällt sie dir?«

Sie schluchzte. »Bitte lassen Sie mich gehen.«

»Ob sie dir gefällt?« Er drückte ihr die Puppe an die Brust.

Tränen liefen über ihr Gesicht. »Ich weiß nicht.«

»Findest du sie nicht hübsch?«

»Wer sind Sie?«

Statt einer Antwort zog er etwas aus der Hosentasche seines Kampfanzugs hervor. Es blitzte silbrig auf, während ihr der pudrige Geruch seiner Gummihandschuhe in die Nase stieg. Nirgends war ein Flecken seiner Haut zu erkennen, alles Menschliche an ihm war versteckt.

Es war ein Lippenstift. Er zog die Verschlusskappe ab und schraubte ihn auf.

»Mal ihr die Lippen an«, wisperte er.

»Warum?« Ihre Stimme war zittrig. »Warum sollte ich das tun?«

Sie überlegte, ob es eine Chance gab, sich zu wehren. Ihre Augen huschten umher. Neben dem Bett stand ein Nachtkästchen. Eine von den Lichterketten lag darauf. Überall im Raum verteilt funkelten diese kleinen bunten Glühbirnen und tauchten alles in ein beinahe irreales Licht. Sie dachte über die Möglichkeit nach, ihm das Kabel um den Hals zu schlingen und ihn damit zu würgen, aber es war aussichtslos. Er wirkte so mächtig und Furcht einflößend auf sie, dass sie den Gedanken sofort wieder verwarf.

»Mach sie hübsch. Schmück sie.« Der Mann drehte den Lippenstift weiter auf, ein rotes, drohendes Ding.

Plötzlich lag der Stift in ihrer Hand. In der anderen hielt sie die Puppe. Sie richtete sich ein wenig auf. Ihr war übel.

»Nun mach schon.«

Dieses dunkle Plastik, hinter dem irgendwo seine Augen sein mussten. Sie versuchte, sie zu erkennen, etwas Menschenähnliches zu entdecken, aber es gelang ihr nicht. Ihre Blicke konnten nicht durch die Oberfläche dringen. Der Rest der Maske war aus Gummi, und der Atemschlauch pendelte, wenn er den Kopf bewegte. Sie hörte ihn hinter der Maske atmen, schwerfällig, gepresst. Es schien ihm zu gefallen, wie sie der Puppe die Lippen nachmalte, rot und obszön.

»Und jetzt die Wangen. Mach ihr die Wangen schön.«

»Ich will nach Hause.«

Er stieß eine Art Lachen aus. »Wie alt bist du?«

»Sechzehn.«

Er zuckte mit dem Kopf. »Du lügst! Du bist...