Origin - Thriller

von: Dan Brown

Bastei Lübbe AG, 2017

ISBN: 9783732542215 , 668 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Origin - Thriller


 

PROLOG


Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edmond Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm. In der Ferne, hineingebaut in die Flanke einer senkrecht aufragenden Klippe, schien das weitläufige Klostergebäude über dem Abgrund zu schweben, als hätte es sich auf magische Weise von der Felswand gelöst.

Dieser zeitlose Zufluchtsort hatte die glühende Sonne Kataloniens, den rauen Wind in den Bergen und andere Unbilden des Wetters und der Geschichte nun schon seit mehr als vierhundert Jahren überdauert, ohne je von seiner ursprünglichen Bestimmung abzukommen, seine Bewohner vor der modernen Welt abzuschotten.

Und ausgerechnet sie sind die Ersten, die nun die Wahrheit erfahren, dachte Kirsch. Was für eine Ironie.

Er fragte sich, wie sie reagieren würden. Schließlich waren die gefährlichsten Männer auf Erden immer und zu allen Zeiten Männer des Glaubens gewesen – insbesondere, wenn ihre Götter bedroht wurden.

Nicht mehr lange, und ich stoße einen flammenden Speer in ein Hornissennest.

Als die Zahnradbahn ihren höchsten Punkt erreichte, erblickte Kirsch eine einsame Gestalt, die auf dem Bahnsteig auf ihn wartete. Der erschreckend hagere Mann trug ein weißes Rochett zur violetten Soutane eines Bischofs, dazu ein Scheitelkäppchen. Kirsch kannte die knochigen Gesichtszüge seines Gastgebers von zahlreichen Fotos und verspürte einen unerwarteten Adrenalinstoß.

Valdespino nimmt mich persönlich in Empfang.

Bischof Antonio Valdespino war in Spanien eine Berühmtheit. Der getreue Freund und Ratgeber des Königshauses galt als einer der prominentesten und einflussreichsten Fürsprecher konservativer katholischer Werte und einer fortschrittsfeindlichen politischen Grundhaltung.

»Edmond Kirsch, nehme ich an«, sagte der Bischof, als Kirsch aus dem Waggon stieg.

»Schuldig im Sinne der Anklage.« Kirsch lächelte und schüttelte Valdespinos knochige Hand. »Ich danke Ihnen, dass Sie dieses Treffen arrangiert haben, Exzellenz.«

»Und ich freue mich, dass Sie darum gebeten haben.« Die Stimme des Bischofs war kräftiger, als Kirsch erwartet hätte, klar und volltönend wie der Klang einer Glocke. »Es kommt nicht oft vor, dass wir von Männern der Wissenschaft konsultiert werden. Erst recht nicht von jemandem, der so bekannt ist wie Sie. Hier entlang bitte.«

Valdespino führte Kirsch über den Bahnsteig, während der kalte Wind aus den Bergen an seiner Soutane zerrte. »Ich muss gestehen«, fuhr er fort, »Sie sehen anders aus, als ich mir vorgestellt hätte. Ich hatte einen Wissenschaftler erwartet, aber Sie sind ausgesprochen …« Er beäugte den maßgeschneiderten Kiton-Anzug seines Besuchers und die exquisiten Straußenlederschuhe von Barker, und ein Hauch von Missbilligung erschien auf seinem hageren Gesicht. »Das nennt man wohl hip, nicht wahr?«

Kirsch lächelte höflich. Der Begriff »hip«, Herr Bischof, ist seit Jahrzehnten aus der Mode.

»Obwohl ich mir die Liste Ihrer Errungenschaften angeschaut habe«, fuhr Valdespino fort, »weiß ich immer noch nicht, was genau Sie eigentlich tun.«

»Ich bin Fachmann für Spieltheorie und computerbasierte Modellrechnungen.«

»Sie programmieren diese Computerspiele für Kinder?«

Kirsch wusste, dass der Bischof Unwissenheit vortäuschte, um rückständig zu erscheinen. In Wirklichkeit war Valdespino ein beängstigend gut informierter Kenner neuester technologischer Entwicklungen und warnte häufig vor deren Gefahren. »Nein, Exzellenz. Vereinfacht ausgedrückt, ist die Spieltheorie ein Gebiet der Mathematik, bei dem bestimmte Muster untersucht werden, um Vorhersagen für die Zukunft treffen zu können.«

»Ach ja, ich erinnere mich. Sie haben vor ein paar Jahren die Finanzkrise der Europäischen Union vorhergesagt, nicht wahr? Als niemand auf Sie hören wollte, haben Sie ein Computerprogramm geschrieben, das die EU von den Toten hat auferstehen lassen. Wie war noch gleich Ihr berühmter Ausspruch? ›Mit meinen dreiunddreißig Jahren bin ich genauso alt wie Jesus bei seiner Wiederauferstehung.‹«

Kirsch wand sich. »Ein ziemlich verunglückter Vergleich. Aber ich war jung, Exzellenz.«

»Und Sie brauchten das Geld.« Der Bischof lachte. »Wie alt sind Sie heute? Vierzig?«

»So gerade eben.«

Valdespino schmunzelte, während der steife Wind seine Robe blähte. »Würde es nach dem Willen des Herrn gehen, würden die Sanftmütigen die Erde besitzen. Stattdessen haben die Jungen sie sich genommen – die technisch Versierten, genauer gesagt, die auf Bildschirme starren, statt in ihre eigene Seele zu schauen. Ich muss gestehen, ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal Veranlassung haben würde, den Mann zu treffen, der die Speerspitze dieser Entwicklung verkörpert. Man nennt Sie einen Propheten, stellen Sie sich vor.«

»Im aktuellen Fall war ich kein sehr guter, wie mir scheint«, erwiderte Kirsch. »Als ich um ein privates Treffen mit Ihnen und Ihren Kollegen gebeten habe, hatte ich mir eine höchstens zwanzigprozentige Chance ausgerechnet, dass Sie einverstanden sind.«

»Nun, Sie hatten Glück. Und wie ich meinen Kollegen immer wieder sage: Der Fromme kann auch dann profitieren, wenn er Ungläubigen zuhört. Indem wir der Stimme des Teufels lauschen, lernen wir die Stimme Gottes umso mehr zu schätzen.« Der alte Mann lächelte. »Keine Sorge, das war nur ein Scherz. Verzeihen Sie mir meinen vorsintflutlichen Sinn für Humor. Hin und wieder verliere ich den Blick für das rechte Maß.« Er deutete nach vorn. »Die anderen erwarten uns. Hier entlang bitte.«

Kirsch betrachtete das Gebäude, auf das sie zuhielten – eine gewaltige Zitadelle aus grauem Stein unmittelbar am Rand einer steilen Klippe, die Hunderte von Metern senkrecht abfiel, wo die Felswand im üppigen grünen Teppich eines bewaldeten Höhenzuges verschwand.

Schaudernd riss Kirsch den Blick vom gähnenden Abgrund los und konzentrierte sich auf das bevorstehende Treffen, während er dem Bischof über den unebenen Pfad am Klippenrand folgte.

Kirsch hatte eine Audienz bei drei prominenten Religionsführern erbeten, die einer soeben zu Ende gegangenen Konferenz im Kloster beigewohnt hatten.

Das Parlament der Weltreligionen.

Seit 1893 hatten sich Hunderte spirituelle Führer aus fast dreißig Religionsgemeinschaften regelmäßig alle paar Jahre an verschiedenen Orten eingefunden, um eine Woche in interreligiösem Dialog zu verbringen. Zu den Teilnehmern gehörten einflussreiche christliche Geistliche, jüdische Rabbis, islamische Mullahs, hinduistische Pujaris, buddhistische Bhikkhus, Jainas, Sikhs und andere religiöse Führer aus aller Welt.

Das selbsternannte Ziel dieses Parlaments bestand darin, »die Harmonie zwischen den Weltreligionen zu kultivieren, Brücken zwischen den unterschiedlichen Glaubensgrundsätzen zu bauen und die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu preisen«.

Ein nobles Unterfangen, dachte Kirsch, auch wenn er selbst die Sinnlosigkeit dahinter sah – eine bedeutungslose Suche nach zufälligen Zusammenhängen und Übereinstimmungen in einer unübersehbaren Fülle historischer Aufzeichnungen, Prosatexten, Fabeln und Mythen.

Als Valdespino ihn immer höher den Pfad hinaufführte, kam Kirsch ein zynischer, beinahe lästerlicher Gedanke: Moses war auf einen Berg gestiegen, um das Wort Gottes zu empfangen. Ich steige auf einen Berg, um das genaue Gegenteil zu tun.

Kirschs Motivation, auf diesen Berg zu steigen, entsprang seinem Wunsch, einer ethischen Verpflichtung nachzukommen; zugleich aber war er sich darüber im Klaren, dass sein Besuch von einer kräftigen Dosis Selbstsucht befeuert wurde: Er war begierig auf die Genugtuung, diesen selbstgefälligen Klerikern gegenüberzusitzen und ihnen ihren unmittelbar bevorstehenden Niedergang vorherzusagen.

Ihr hattet lange genug Gelegenheit, uns vorzugeben, was wir unter der Wahrheit verstehen sollen.

»Ich habe mir Ihren Lebenslauf angeschaut«, sagte der Bischof unvermittelt und blickte Kirsch über die Schulter hinweg an. »Sie haben in Harvard studiert, nicht wahr?«

»Ja. Bis zum Diplom.«

»Verstehe. Kürzlich habe ich gelesen, dass zum ersten Mal in der Geschichte Harvards mehr Atheisten und Agnostiker ein Studium aufgenommen haben als die Anhänger sämtlicher Religionen zusammen. Das ist eine sehr vielsagende Statistik, Mr. Kirsch, finden Sie nicht auch?«

Was soll ich dir darauf antworten?, ging es Kirsch durch den Kopf. Unsere Studenten werden immer klüger.

Der Wind frischte weiter auf, als sie das uralte steinerne Gemäuer auf dem höchsten Punkt des Berges erreichten. Im Halbdunkel des Eingangsbereichs war die Luft süß und schwer vom Duft nach Weihrauch. Die beiden Männer schritten durch ein dunkles Labyrinth aus Gängen. Kirsch blinzelte; es dauerte einige Zeit, bis seine Augen sich den veränderten Lichtverhältnissen angepasst hatten, während er seinem Gastgeber folgte. Schließlich erreichten sie eine außergewöhnlich kleine Holztür. Der Bischof klopfte an, öffnete die Tür und duckte sich durch den Eingang, während er Kirsch mit einer Handbewegung bedeutete, ihm zu folgen.

Unsicher trat Kirsch über die Schwelle.

Er fand sich in einem rechteckigen Saal wieder, an dessen hohen Wänden sich Bücherregale reihten, die vollgestellt waren mit antiken ledergebundenen Folianten. In regelmäßigen...