Rebell - Gläserner Zorn

von: Mirjam H. Hüberli

Drachenmond Verlag, 2016

ISBN: 9783959917186 , 260 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 3,99 EUR

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Rebell - Gläserner Zorn


 

1


Montag-Morgen-Blues mit Albträumen, Verrückten und Hirngespinsten


Wenn ich etwas noch weniger ausstehen kann als den Montagmorgen, dann ist es diese peinlich inszenierte Dramaqueen, die den Faktor »Fremdschämen« längst hinter sich gelassen hat.

Ich ignoriere also die schrille Stimme, die man schon von Weitem hören kann, stakse die Treppe zum Uni-Eingang hinauf und zupfe mein Carrie-Bradshaw-Outfit zurecht.

Natürlich ist das nicht mein tägliches Styling. Aber dieser Tag kommt mir sowieso nicht normal vor. Ich komme mir nicht normal vor. Klar, ich war noch nie ganz normal. Zumindest haben mir das schon etliche »nette« Leute an den Kopf geworfen. Ganz falsch liegen sie damit wohl nicht …

Für den Bruchteil einer Sekunde leben die Bilder des nächtlichen Traums wieder in mir auf, und ich fahre fast unmerklich zusammen, während sich meine Finger tief in den türkisfarbenen Tüll meines Kleides krallen. Vergeblich versuche ich, die Traumfetzen der vergangenen Nacht einzufangen. Die Bilder verblassen, bevor ich sie erwischen kann.

Da war etwas mit einem Gesicht ohne Haut. Einem Kind. Einer Mutter. Meiner Mutter …?

Und Panik?

Aber ich kann mich nicht an dieses Haus entsinnen, auch nicht an meine Mutter. Schließlich habe ich an das Leben vor Oma kaum noch Erinnerungen. Nur an dieses kleine Mädchen auf dem Asphalt … Womöglich, weil es irgendwie mit dem Tod meiner Eltern zusammenhängt?

Das Blut. Überall war Blut … Da geschah irgendetwas Grauenhaftes.

Ist Blut nicht immer widerlich und grauenhaft?

Ich schaudere beim bloßen Gedanken an den Geruch, so … so … ekelhaft metallisch und süß.

Aber irgendwas war noch … Ein Schrei? Schreckliche Schmerzen? Furcht?

Ein kräftiger Schubs lässt mich abermals zusammenfahren und reißt mich aus meinen düsteren Gedanken. Schon überholt mich auf der rechten Seite eine ziemlich missratene Imitation von Superman. Würde das pinke S (Ja, heute trägt Mann Pink!) auf der Brust nicht so dominant ins Augen stechen, hätte ich nie im Leben erraten, was der Kerl darstellen möchte.

Ähm, ja … zurück zu meinem Outfit – und damit zum allmonatlichen Motto-Tag. (Eine Idee des gesamten Professoren-Kollegiums – ganz der amerikanische Way of Life.) Heute mit dem Thema »Mode und TV-Serien« und das ist genau mein Ding, denn ich liebe beides abgöttisch. Ausgefallene Klamotten (mein Schrank ist voll davon!) und die TV-Helden.

Trotz augenscheinlicher Kostümierung bleiben die Menschen, die darunterstecken, dieselben, und so erkenne ich die Gruppierungen auf den ersten Blick: Da sind die Sportfreaks mit ihren knielangen Schlabbershorts und zeltartigen Shirts. Die Schönheitsfanatiker, denen ihr Taschenspiegel in die Handinnenfläche eingewachsen zu sein scheint. Die Coolen und Beliebten muss ich wohl nicht noch extra erwähnen, genauso wenig wie die Möchtegerns und die Nerds, die nirgendwo so richtig reinzupassen scheinen. Natürlich darf auch die Anti-Motto-Bewegung nicht fehlen.

Wo ich selbst einzuordnen bin, darauf will ich lieber nicht näher eingehen. Nur so viel: Ich fühle mich weder den Coolen noch den Schönheitsfanatikern zugehörig und schon gar nicht bin ich so etwas wie ein Sportfreak …

Ich erklimme die letzten Stufen, was in einem solchen Kleid und noch dazu hochhackigen Schuhen gar nicht so einfach ist (zumindest nicht, wenn man galant dabei aussehen möchte), und passiere die Anti-Motto-Bewegung, als mir wieder diese hochnäsige Stimme entgegensurrt, die ich schon draußen hören konnte.

Drinnen, ein Stück weiter den Korridor entlang, erblicke ich, neben dem bereits erwähnten Superman-in-Pink-Typen, den Rest der coolen »Superhelden« und auf der gegenüberliegenden Seite, hübsch in Szene gesetzt, einige Schönheitsfanatiker.

In derselben Sekunde mache ich auch die Person aus, zu der das unangenehme Stimmorgan gehört.

Stella.

»Was soll das hier werden, wenn›s fertig ist?«, keift sie.

Eigentlich ignoriere ich solche hysterischen Auftritte gekonnt. Wem sollte das auch was bringen?

Eigentlich …

Denn die Worte gelten zwar nicht mir – aber indirekt irgendwie schon. Sie sind an Noah gerichtet aka verdammt heißer Typ aka so was wie mein Fast-Freund.

Noah beschenkt Stella gerade mit einem verkniffenen Lächeln. Solche Anfälle beeindrucken ihn nicht weiter. Und wie ich eben bemerke, hat er sich tatsächlich in Schale geworfen. Wenn das mal kein gutes Zeichen ist? Fehlt nur noch die Zigarre und seine Aufmache wäre perfekt für Mr Big. Ich meine meinen Mr Big. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich diese Sorte Mann, die nie wirklich weiß, was sie will, bevorzuge.

In meiner Fantasievorstellung, die natürlich absolut perfekt ist – Hey, schließlich ist es meine Fantasie! –, ist mein Traumtyp einer der Sorte, der auf einer Höllenmaschine heranbraust und innerhalb eines Herzschlags weiß: Das Mädel gehört zu mir! Aber ähnlich kompliziert wie der Mr-Big-Kerl in der Serie ist auch Noahs und mein Beziehungsstatus. Noah leidet offensichtlich unter Bindungsängsten.

Dennoch weiß ich, dass er der Richtige ist. Schließlich ist kein echter Mensch perfekt.

Seit dem Tag, als ich Noah das erste Mal über den Weg gelaufen bin, habe ich diese besondere Verbindung zwischen uns gespürt. Sie ist schwer zu beschreiben. Es war nur ein kurzer Blick – ein flüchtiger Moment, in dem unsere Augen zueinander fanden -, der mein Herz höher schlagen ließ. Unser »Wir« ist nicht greifbar. Auch nicht sichtbar, aber dennoch … Es fühlt sich an, wie … wie … Es will mir einfach kein guter Vergleich einfallen. Vielleicht wie ein romantischer Sonnenaufgang im Herzen.

Ich bin mir sicher, Noah ist das Yang zu meinem Yin. Zwar besuchen wir nicht denselben Studiengang – ich Kunst, er Mathe – aber dieselbe Uni.

Und wenn wir schon beim Thema Kunst sind …

Manche glauben, im Kunstkurs ist nicht das Anhäufen von Wissen und intensives Lernen gefragt, nein, Kunst zu studieren sei ein Klacks. Du brauchst nur ein Übermaß an kreativer Energie (natürlich auf Knopfdruck abrufbar) und schon bist du mittendrin, in diesem Knäuel aus abgefahrenen Studenten, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen – so die verquere Vorstellung. Selbst die Geeks sind hier angeblich so euphorisch, wie ihr leidgeprüfter Geist es eben zulässt. Manche nehmen sogar an, in Kunstkursen seien Worte wie Skandal, Blamage und Katastrophe aus dem Wortschatz gestrichen.

Doch weit gefehlt!

Es ist nun mal ein ungeschriebenes Gesetz der Menschheit, dass sich in willkürlich zusammengewürfelten Gruppen automatisch verschiedene Cliquen bilden. Und wo es Cliquen gibt, gibt es auch Gerede. Mal ganz abgesehen davon, dass wir in Anbetracht der gesamten Uni-Konstellation sowieso den Platz der anormalen Außenseiter eingenommen haben. Als »Kunstfreaks« eben.

Ich betrachte kurz mein Tüllkleid und schmunzele.

Aber wer will denn schon normal sein?

Normal … schon wieder dieses Wort.

Was ist heute bloß los?

Langsam nähere ich mich meinem Schließfach. Dann gilt meine Aufmerksamkeit wieder Noah. Dem Mann in meinem Leben, dessen Verhalten sich seit einigen Tagen zu verändern scheint …

Nicht viel, es sind bloß Kleinigkeiten, die den meisten Leuten nicht mal auffallen würden.

Seine Körperhaltung verändert sich. Auch seine Augen nehmen einen anderen Glanz an, und wie sich sein Mund verzieht, wenn er mich entdeckt – so wie jetzt.

Womöglich ist er endlich bereit, sich seinen Ängsten zu stellen und in unserer Beziehung einen gewaltigen Schritt weiterzugehen? (Dass diese Veränderungen bloß Luftschlösser meiner wild gesponnenen Gedanken sein könnten, diese Tatsache verdränge ich gerade meisterlich.)

Vielleicht können wir das böse Wort, das unseren Status bis jetzt beschrieben hat, ja tatsächlich abstreifen, und aus einem »Kompliziert« wird einfach so ein »Unkompliziert«?

Flüchtig finden sich unsere Blicke, ein Lächeln huscht über sein Gesicht und als ich mich gedankenverloren an einen der Spinde (nicht an meinen) lehne, kann ich nicht verhindern, dass mir ein glückseliger Seufzer entweicht.

Verdammt, sieht der Kerl in seinem Nadelstreifenanzug gut aus!

»Hey, Sweety«, drängt sich eine Frauenstimme zwischen meine Gedankenflüge von Noah und mir als Traumpaar und mein Mund verzieht sich zu einem angedeuteten Grinsen.

Die Begrüßung kommt von meiner Freundin.

Als ich den Kopf drehe und Sam angucke, wird das Schmunzeln noch eine Spur breiter.

In ihren Pupillen tanzt wie immer das Spiegelbild. Das alles ist total strange, ich weiß. Denn hey: Wer sieht schon in den Augen des Gegenübers dessen eigenes Spiegelbild? Wenn ich mich selbst darin überdeutlich erblicken könnte – kein Thema. Aber alles andere? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit …

Fragt mich nicht, wie es dennoch funktioniert. Verrückt ist ja schon, dass ich diese Projektion überhaupt erkennen kann, denn die Fläche des Auges ist bekanntermaßen eher begrenzt.

Vermutlich ist es so wie bei vielen Dingen, die außergewöhnlich sind: Sie sind...