Soziale Motive und soziale Einstellungen - Reihe: Enzyklopädie der Psychologie

von: Hans-Werner Bierhoff, Dieter Frey

Hogrefe Verlag Göttingen, 2016

ISBN: 9783840905643 , 943 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 149,99 EUR

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Soziale Motive und soziale Einstellungen - Reihe: Enzyklopädie der Psychologie


 

7. Kapitel Mobbing: Zentrale Befunde und daraus ableitbare praktische Implikationen (S. 149-150)

Beate Schuster

1 Einführung und konzeptuelle Klärung

Seit Mitte der 1990er Jahre ist der Ausdruck „Mobbing“ in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu einem allgemein bekannten Begriff geworden und hat zwischenzeitlich sogar Eingang in den Duden gefunden. Eingeführt in die deutschsprachige Diskussion hat ihn der Organisationspsychologe Heinz Leymann (1996), der als einer der ersten das Phänomen beschrieb, dass am Arbeitsplatz Menschen Anfeindungen und Schikanen durch ihre Kollegen und Kolleginnen ausgesetzt sein können.

Wiewohl Leymann kaum explizit Bezug auf die entsprechende Literatur nahm, griff er aber tatsächlich in seiner Arbeit das bereits in den 70er und 80er Jahren in Skandinavien durchgeführte und 1993 zusammenfassend veröffentlichte Forschungsprogramm von Dan Olweus auf: Dieser hatte als erster Wissenschaftler unter Verwendung des im angelsächsischen üblicheren Begriffs „bullying“ sehr nachhaltig die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass neben physischer Gewalt auch psychische Gewalt bedeutsam ist, und diese im Schulkontext dokumentiert und analysiert. Diese Arbeit wurde weltweit mit größtem Interesse aufgegriffen, wobei viele, insbesondere US-amerikanische, Entwicklungspsychologen und Pädagogische Psychologen dies unter Verwendung des Ausdrucks „peer harassment“ oder „peer victimization“ taten (vgl. Schuster, 1996). Im Arbeitskontext setzte sich statt des im Deutschen üblicheren Wortes „Mobbing“ international dann ebenfalls der auf Olweus zurückgehende Begriff „workplace bullying“ durch (vgl. Branch, Ramsay & Barker, 2012).

Zu Anfang relativ unverbunden mit dieser entwicklungspsychologischen, pädagogisch- psychologischen und organisationspsychologischen Forschung entstand auch eine genuin sozialpsychologische Forschungstradition: Kip Williams (vgl. etwa Williams, 2001; Williams & Sommer, 1997) befasste sich als erster Sozialpsychologe mit dem Phänomen des „Ostracism“, was dem umgangssprachlichen Ausdruck „jemanden schneiden“ entspricht. Dieses Konzept betont im Wesentlichen den Ausgrenzungs- und weniger den Schikanen- Aspekt. Williams legte mit Kollegen (Eisenberger, Lieberman & Williams, 2003) eine in Science veröffentlichte, weithin beachtete Arbeit vor, die zeigte, dass soziale Ausgrenzung schmerzverarbeitende Zentren im Gehirn aktiviert; diese bahnbrechende Arbeit führte zu einem neuen, aktuell intensiv betriebenen Forschungsfeld – dieses wiederum unter dem Begriff „social pain“ (Eisenberger, 2015; MacDonald & Jensen-Campbell, 2011).

Weitere Ausdifferenzierungen des Konzeptes betreffen den Kontext, in dem gemobbt wird: In den letzten Jahren hat sich die Beschäftigung mit „Cybermobbing“ wegen der dramatischen Bedeutung dieser speziellen Variante deutlich erhöht (vgl. etwa Katzer, 2014; Petermann & von Marées, 2013; vgl. auch Sonderheft des Journal of Community and Applied Social Psychology, 2013, hrsg. durch Dehue, 2013).

Was genau ist nun unter Mobbing, bullying, peer harassment, ostracism, oder wie immer die Begriffe auch heißen mögen, zu verstehen? In der gesamten Literatur gibt es einen hohen Konsens, dass die Merkmale, die Olweus (vgl. z. B. Olweus, 1978, 1993) einführte, konstituierend und bedeutsam sind: Definitionsgemäß müssen negative Handlungen vorliegen, die systematisch, also wiederholt und über längere Zeit, in Schädigungsabsicht und bei Vorhandensein eines Stärkeungleichgewichts durchgeführt werden. Die Angriffe können dabei sowohl direkt erfolgen, z. B. verbal oder körperlich, als auch indirekt und Beziehungsmanipulativer Art sein: Bei dieser sogenannten relationalen Aggression ist das Ziel die Beeinträchtigung des sozialen Standes der Person in der Gruppe. In anderen Worten: Die über einen längeren Zeitraum auftretenden negativen Handlungen müssen auf ein Opfer gerichtet sein, das gegen diese Aktionen nichts (mehr) ausrichten kann, und dem Täter muss bewusst sein, dass er das Opfer damit trifft (vgl. Ausführungen hierzu in Schuster, 2013a; vgl. auch z. B. Branch et al., 2012).

2 Theoretische Verankerung und Ansätze

Entsprechend der Vielzahl an Teildisziplinen der Psychologie, die sich mit diesem Phänomen befassen, haben die theoretischen Erklärungsansätze jeweils unterschiedlichen Fokus: Während die Pädagogische Psychologie und die Persönlichkeitspsychologie die Merkmale von Tätern, Opfern und weiteren Rolleninhaberinnen und -inhabern wie etwa sogenannte „bystander“ oder „assistants“ (eingeführt...