Pink Floyd - Die definitive Biografie

von: Mark Blake

Hannibal Verlag Edition Koch, 2016

ISBN: 9783854456063 , 560 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Pink Floyd - Die definitive Biografie


 

1: ALS SCHWEINE FLIEGEN LERNTEN

„Es wäre fantastisch, wenn wir so etwas wie Live Aid machen könnten … Vielleicht bin ich aber auch nur verdammt sentimental. Ihr wisst ja, wie wir alten Schlagzeuger sind.“

Nick Mason

„Ich hoffe schwer darauf, dass wir uns noch einmal zusammentun.“

Richard Wright

„Ich glaube nicht, dass wir es länger als die erste halbe Stunde der Probe aushalten würden. Wenn ich Musik mache, dann will ich das mit Leuten tun, die ich liebe.“

Roger Waters

„Ich glaube, dass Roger Waters meine Telefonnummer hat. Allerdings habe ich kein Interesse daran, irgendetwas mit ihm zu besprechen.“

David Gilmour

Pink Floyd gelang es mit ihrer Wiedervereinigung das Establishment in Aufruhr zu versetzen – gerade zu dem Zeitpunkt, als es so schien, als hätte die Rockmusik ihre Fähigkeit zu provozieren endgültig eingebüßt. Wir schreiben den 2. Juli 2005 und die Band soll beim Benefizkonzert Live 8 im Londoner Hyde Park auftreten. Jedoch verzögert sich der Auftritt nun schon seit fast einer Stunde. Um es mit den Worten der Gegenkultur der Sixties auszudrücken: „The Man“ – also das Establish­ment – ist alles andere als glücklich über die Lage. In diesem Fall wird „The Man“ durch Tessa Jowell, die britische Ministerin für Kultur, Medien und Sport, verkörpert. Die Presse bekommt schließlich Wind davon, dass Jowell hinter der Bühne eine Notfallkonferenz einberufen hat. Sie droht damit, die Show abzusagen, da sie befürchtet, die 200.000 Konzertbesucher würden auf den Straßen der englischen Hauptstadt für chaotische Zustände sorgen.

Das letzte Mal, als David Gilmour, Richard Wright, Nick Mason und Roger Waters auch nur annähernd in Konflikt mit der Politik geraten waren, lag 25 Jahre zurück. Damals sang ein Chor bestehend aus Londoner Schulkindern auf Pink Floyds Hit-Single „Another Brick in the Wall Part 2“ die Textzeile „We don’t need no education“, was der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher sauer aufstieß. Doch in der Zwischenzeit hatte sich die politische Landschaft dramatisch verändert. Das Motiv, das hinter Live 8 steckte, bestand darin, Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse der Dritten Welt zu lenken sowie die Politiker auf dem gesamten Planeten dazu zu drängen, sich ernsthaft mit dem Thema Armut zu beschäftigen.

Jedoch hat einer dieser besagten Politiker – Premierminister Tony Blair – verkündet, dass er sich ganz unabhängig von der politischen Motivation der Band schon sehr auf den Auftritt von Pink Floyd bei Live 8 freue. Blair ist Rock-Fan, der gerne mal selbst zur Gitarre greift und während seiner Studienzeit sogar kurzfristig als Leadsänger einer Band fungiert hatte. Als Presseberichte über die RocknRoll-Vergangenheit des Premiers erschienen, wurden sie wenig überraschend von einem Foto des jungen Blair aus dem Jahr 1972 begleitet, auf denen sich sein Gesicht hinter langen ungekämmten Haaren verbarg. Hätte er auf dem Schnappschuss nicht dermaßen gegrinst, dann hätte man ihn sogar für ein Bandmitglied von Pink Floyd oder zumindest einen Roadie halten können. Allerdings wäre er dann vermutlich entlassen worden, weil er zu fröhlich gewesen wäre und sich mit Roger Waters angelegt hätte. Wer weiß, ob der Floyd-Fan und Premierminister sich nicht gar in die Debatte eingemischt hat?

Nach dem eiligst einberufenen Meeting, an dem Vertreter der Metropolitan Police und der Royal Parks Agency teilnahmen, gibt Tessa Jowell nun jedenfalls grünes Licht für eine Fortsetzung der Show. Es heißt sogar, dass Decken an jene Konzertbesucher verteilt werden sollen, die sich dafür entscheiden würden, die Nacht im Park zu verbringen. Erst am nächsten Tag würde das Publikum aus den Zeitungen erfahren, dass das Konzert kurz vor dem Abbruch gestanden hatte.

Doch für jeden, der auch nur einen Hauch einer Ahnung von der Beziehung zwischen den einzelnen Bandmitgliedern von Pink Floyd hatte, bestand das eigentliche Wunder darin, dass die Gruppe sich überhaupt zu einem Auftritt überreden hatte lassen.

Live 8 war gekennzeichnet durch ein paar herausragende und ein paar weniger herausragende Auftritte. Auch gab es die üblichen peinlichen Momente, die sich ereignen, wenn Pop-Stars der guten Sache wegen zusammenkommen. Der Organisator des Events, Sir Bob Geldof, hatte den Hochadel der Popmusik zusammengetrommelt, wobei er auf dieselbe Überzeugungsarbeit wie schon bei Live Aid 1985 zurück gegriffen hatte. Er hatte nämlich angedeutet, dass jeder Act, der die Einladung ausschlug, seine Glaubwürdigkeit und seinen Ruf nachhaltig beschädigen würde. U2, Madonna, Sir Elton John, Sir Paul McCartney sowie eine Reihe jüngerer, noch nicht in den Adelsstand erhobener Rockstars folgten dem Aufruf, sich kostenlos in den Dienst der guten Sache zu stellen. Die Reihenfolge der Auftritte erschien willkürlich – Newcomer folgten auf alte Haudegen –, doch als die Uhrzeit voranschritt, offenbarte sich eine Art Hierarchie. Rund um den Globus fanden insgesamt zehn Konzerte in weiteren Metropolen wie Rom, Berlin und Philadelphia statt. Doch für viele, die sich zu diesen Events einfanden, war es der Auftritt einer einzigen Band in London, der sie dazu bewogen hatte. Wie Geldof widerwillig eingesteht: „In den Vereinigten Staaten wird dem Umstand, dass sich jene Band, deren Karriere nur so vor Durcheinander strotzt, bereit erklärt hat, bei Live 8 aufzutreten, viel mehr Aufmerksamkeit zuteil als dem Event selbst.“ An jenem Tag, an dem Pink Floyds Auftritt publik wurde, machte ein Gerücht die Runde, demzufolge ein Promoter 250 Millionen Dollar für eine vollständige Tour des Quartetts bieten würde.

Pink Floyds Laufbahn als Aufnahmekünstler begann im Jahr 1967. Seit damals haben sie allein 30 Millionen Exemplare ihres Albums von 1973, Dark Side of the Moon, verkaufen können. Trotz allem drohten ihre öffentlich ausgetragenen bandinternen Konflikte mitunter ihre künstlerischen Leistungen zu überschatten. Seit 24 Jahren hatten sie nicht mehr als Vierergespann gemeinsam auf einer Bühne gestanden. In der Zwischenzeit hatte das Trio Gilmour, Wright und Mason weiterhin als Pink Floyd Platten veröffentlicht und Tourneen absolviert, während der vormalige Bassist der Gruppe, Roger Waters, der auch als produktivster Songwriter und allgemein anerkannter kreativer Anführer fungiert hatte, von außen seinen Unmut darüber kundtat. Einmal verkündete er sogar, dass seine vormaligen Kollegen quasi sein Kind in die Prostitution verkauft hätten: „Und das werde ich ihnen niemals verzeihen!“

Vergebung mag zwar nicht auf dem Tagesprogramm gestanden haben, doch galt für diesen einen Tag eine Art Waffenstillstand zwischen den vier Musikern. Pink Floyd hatten seit 1994 kein Album mehr aufgenommen. Unter normalen Umständen hätte es einen beschwerlichen Prozess dargestellt, die Band, die Gitarrist David Gilmour als „schwerfälligen Giganten, der sich kaum aus seiner Starrheit holen lässt“, zu reaktivieren. Doch der gute Zweck und Geldofs Expertise als Überredungskünstler ermöglichten es, dass gerade einmal drei Wochen zwischen Gilmours zögerlicher Zusage und dem Auftritt der reformierten Pink Floyd im Hyde Park vergingen.

Um 22 Uhr 17 betritt Großbritanniens größtes Fußball-Idol, David Beckham, die Bühne, um Großbritanniens größtes Pop-Idol, Robbie Williams, anzukündigen. Robbies Stimme ist merklich angeschlagen, doch er schlüpft mühelos in seine Rolle, die zu gleichen Anteilen aus Teenieschwarm und Slapstick-Komiker zu bestehen scheint. Er legt sich fürwahr ins Zeug und man kann sich nur schwer vorstellen, dass sonst noch irgendwer das Publikum so für sich einnehmen würde können. Die Situation verheißt jedenfalls nichts Gutes für den nächsten Act, The Who. 1964 hatte sich „My Generation“ von The Who für Pink Floyds Drummer Nick Mason, der damals am Regent Street Polytechnic Architektur studierte, als eine Art Offenbarungserlebnis erwiesen: „Ja, das ist es, was ich machen möchte.“ Nachdem bereits zwei der ursprünglichen Besetzung das Zeitliche gesegnet hatten, liegt es nun an den verbliebenen Mitgliedern Roger Daltrey und Pete Townshend sich mithilfe von ein paar Begleitmusikern durch „Who Are You“ und „Won’t Get Fooled Again“ zu ackern. Sie scheinen das Publikum zu ignorieren und Pete Townshend, der sich hinter undurchsichtigen Sonnenbrillen verbirgt, vermeidet sogar jeglichen Augenkontakt. Ihre musikalische Darbietung ist makellos und vermittelt ansatzweise gar die glorreiche Widerborstigkeit vergangener Zeiten, doch ist ihr Auftritt auch schon wieder vorüber, noch bevor er richtig begonnen hat.

Der Event läuft nun schon seit fast zehn Stunden und der Park ist in tiefschwarze Dunkelheit getaucht. McCartney soll das Abschlusskonzert der Veranstaltung bestreiten und hinter den Kulissen werden vermutlich bereits die Decken für jene ausgepackt, die sich entschlossen haben, die Nacht unter den Sternen zu verbringen. Ohne jedes Intro oder irgendeine Ankündigung durch einen Prominenten erklingt um 22 Uhr 57 ein unheimliches, aber vertrautes Geräusch im Park. Plötzlich verziehen sich die Roadies von der Bühne in den Backstage-Bereich. Die Intensität des Geräuschs nimmt zu. Es ist ein beständiger, metronomischer Pulsschlag....