Die Tote auf den Gleisen - Authentische Kriminalfälle

von: Eveline Schulze

Das Neue Berlin, 2016

ISBN: 9783360501349 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Die Tote auf den Gleisen - Authentische Kriminalfälle


 

Der Brillenreißer

Alles riecht nach Frühling. In der weitläufigen Grünanlage brechen die Krokusse durchs Gras, die Vögel zwitschern und auf den Bänken recken Rentner die Nasen in die wärmende Sonne. Es ist, als stimme sich die Natur auf ein langes, erholsames Wochenende ein. Ilona Schirmer und ihre Kolleginnen aus dem Zeichenbüro drehen ihre Mittagsrunde. Eigentlich hätten sie wie an allen Freitagen durchmachen, also auf die Pause verzichten wollen, um sich früher in den Feierabend verabschieden zu können. Doch der Abteilungsleiter war am Vormittag mit etlichen Papierrollen erschienen und hatte zähneknirschend erklärt: Mädels, das muss alles noch mal überarbeitet werden! Sie wussten, was das bedeutete. Seit anderthalb Jahren war der Samstag heilig, also arbeitsfrei, folglich blieben nur Überstunden. Nicht nur die technischen Zeichnerinnen aus dem VEB Waggonbau hatten sich inzwischen an das lange Wochenende gewöhnt, das im Sommer 1967 in der DDR eingeführt worden war. Damit ist das Land der erste und einzige Staat mit einem arbeitsfreien Samstag im gesamten Ostblock. Auch von der Bundesrepublik unterschied man sich darin. Dort fußte die Fünf-Tage-Woche auf einer freien, mithin theoretisch revidierbaren Vereinbarung zwischen Unternehmern und Gewerkschaften. In der DDR gab es die Verkürzung der Arbeitszeit auf 42 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich per Gesetz.

Damals, 1967, war ein ganzes Sozialpaket geschnürt worden: Verlängerung des Mindesturlaubs, Erhöhung der Mindestbruttolöhne, mehr Kindergeld und mehr Rente. Es ging spürbar aufwärts im Lande. Ilona und ihr Mann hatten begonnen, ihre Altbauwohnung auszubauen. Der Bauingenieur kannte die Wege, auf denen das stets rare Material zu bekommen war. Seit kurzem konnte sich Ilona in einer eigenen Badewanne aalen … Und irgendwann würde sich auch der Nachwuchs einstellen.

Ilona leckt ihr Eis vom Stiel und blinzelt den Kolleginnen durch ihre dicken Gläser zu. Seit ihrer Kindheit hatte sie eine extreme Sehschwäche, was sie aber nicht stört. Wenn man zeitlebens eine Brille trägt, wird diese irgendwann Teil von einem selbst. Sie gehört dazu wie Arme oder Beine. Üblicherweise hätte Ilona den Beruf, den sie ausübt – und das im Übrigen mit großer Befriedigung – gar nicht erlernen dürfen. Wer nicht richtig gucken kann, kann auch nicht Pilot oder Uhrmacher werden, hatte in der Schule einmal ein Lehrer zu ihr gesagt. Er wollte sie, pädagogisch wenig einfühlsam, auf ihre Zukunft vorbereiten, indem er meinte, ihr bewusst machen zu müssen, dass sie nicht jeden Beruf würde ergreifen können. Die offenherzige Ansage führte allerdings dazu, dass nun einige Klassenkameraden erstmals registrierten, was Ilona auf der Nase trug, und sie als Brillenschlange und blindes Huhn zu hänseln begannen. Das hatte ihren Ehrgeiz provoziert und ihr schließlich eine Lehrstelle im VEB Waggonbau eingebracht, die sie normalerweise nie hätte bekommen können. Doch Ilona hatte überzeugt, und nach aller Anerkennung, die sie am Arbeitsplatz seither erfährt, ist sie zweifellos eine der Besten im Zeichenbüro.

Die heutige Nacharbeit geht zwar auf Kosten der Mädchen, aber nicht auf deren Kappe. Die Zeichnungen waren mit den Maßen ausgefertigt worden, die sie vom sowjetischen Auftraggeber erhalten hatten. Doch der korrigierte zwischenzeitlich einige Angaben, welche einen ganzen Rattenschwanz an Veränderungen nach sich zogen. Es ist absehbar, dass es heute spät werden würde. Wie spät, konnte niemand sagen. Erst wenn der letzte Strich getan, ist Wochenende – damit am Montag die Frühschicht im Konstruktionsbüro mit den überarbeiteten Unterlagen in die neue Woche starten konnte.

Es ist bereits dunkel, als sich die Mädchen vor dem Betriebstor aus Backsteinen verabschieden und in verschiedene Richtungen davoneilen. Ilona muss in die Altstadt. Die Straßen sind wie ausgestorben, selten begegnen ihr Menschen. Die Laternen werfen nur mattes Licht aufs Pflaster, zwischen den weit auseinanderstehenden Straßenlampen und außerhalb ihrer Lichtkegel herrscht Dunkelheit. Die Absätze klacken rhythmisch auf die Granitplatten, es ist das einzige Geräusch, das zu hören ist. Nirgendwo brummt ein Auto oder ein Motorrad, lediglich in der Ferne quietscht eine Straßenbahn in einer Kurve. Obgleich mitten in der Stadt, wähnt man sich an einem Ort, wo sich Hase und Igel »Gute Nacht« sagen.

Ilona eilt die Christoph-Lüders-Straße hinunter, überquert eine Kreuzung und klappert kurz in die Pontestraße, dann scharf rechts und wieder links. Nun ist sie in der Sonnenstraße.

Ilona Schirmer ist müde, sie will so rasch wie möglich nach Hause und freut sich auf ein Bad. Nur im warmen Wasser liegen, nichts sehen und hören, abschalten, entspannen, an nichts denken müssen. Eine lange Woche liegt hinter ihr, und die heutige Doppelschicht steckt ihr merklich in den Knochen. Sie stolpert kurz, weil der Absatz eines Pumps in einer Fuge hängen geblieben ist. Fast wäre sie aus dem Schuh gekippt. Ein deutliches Indiz für die Ermüdung, denkt sie und versucht automatisch, stärker auf den Bürgersteig zu achten. Wo gibt es Rillen, wo Kanten, die sie straucheln lassen könnten?

Nicht wenige der links und rechts stehenden Häuser sind dunkel, kein Licht fällt aus den Fenstern. Da und dort ist bereits das Mauerwerk zu sehen, der Putz großflächig abgefallen. Dachrinnen hängen fassungslos an der Traufe, Fensterläden windschief vor zerborstenen Glasscheiben, an manchen Stellen drängt bereits Unkraut aus den Fugen. Der Samen, vom Wind verweht, hat sich eingenistet und ausgetrieben.

Ilona ist nicht die einzige, die den Leerstand bedauert. Görlitz, das architektonische Freiluftmuseum, hat ein Problem: seine Altbauten. Die Stadt kommt nicht nach beim Sanieren. Gotik, Renaissance, Barock, Jugendstil … An den oft jahrhundertealten Häusern ist seit Langem nichts getan worden. Nicht während der Weimarer Zeit, nicht im Dritten Reich, auch nicht in der Nachkriegszeit. Heute langen die Baukapazitäten auch nur fürs Notwendigste. Es wird seit Jahren repariert und improvisiert. Die Provisorien erweisen sich oft als Dauerzustand, die von ihren Bewohnern meist nicht hingenommen werden: Sie ziehen fort. Überall in der Republik werden neue Betriebe hochgezogen und dazu moderne, fernbeheizte Wohnungen errichtet: in Hoyerswerda, Eisenhüttenstadt, Schwedt, Rostock, Karl-Marx-Stadt. Nur eben nicht in Görlitz.

Hier reicht die Kraft nur für die historisch bedeutsamen Gebäude, für das Rathaus, die Kirchen, die Türme. Die Wohnhäuser, vor allem die inzwischen unbewohnten, verrotten sichtlich. Da klingt es fast wie ein Witz, dass sich alle Uhren in Mitteleuropa nach der hiesigen Zeit richten müssen. Durch Görlitz verläuft der 15. Längengrad – alle Uhren in Deutschland ticken seit 1893 nach der Zeit, die in Görlitz gilt. Der Nullmeridian, diese gedachte Linie vom Nord- zum Südpol, wurde vor nicht mal hundert Jahren festgelegt. Er geht über das Gelände des britischen königlichen Observatoriums, das im Londoner Stadtteil Greenwich liegt. Irgendwo musste man ja bei der geografischen Einteilung der Welt in 360 Längengrade beginnen – 180 Grad nach Osten, 180 nach Westen. Und wo diese im Pazifik aufeinanderfallen, befindet sich die Datumsgrenze. 24 Stunden-Zonen in 15-Grad-Schritten.

Zwischen Stadtpark und Stadthalle liegt seit acht Jahren eine tonnenschwere Klamotte aus Lausitzer Granit, der Meridian-Stein. Ilona und ihr angehender Bauingenieur Martin hatten sich seinerzeit, als sie sich verlobten, dort fotografieren lassen. Wegen der Symbolik. Ein fester Punkt in ihrem Leben, für ihre Zeit, hieß das. Sie lächelt bei dieser Erinnerung und eilt weiter. Der 15. Breitengrad, die sogenannte Mittagslinie …

Der Stein war unmittelbar nach Gagarins Weltraumflug dort aufgestellt worden, um den ersten Menschen, der die Erde in einer Kapsel umrundet hatte, zu ehren. So stand es in der Zeitung und seither in den Reiseführern. Der Stein von Carl Däunert war am 6. Mai enthüllt worden, Juri Gagarin am 12. April in den Kosmos geflogen. So schnell war selbst ein Görlitzer Steinmetz nicht, dass er binnen vier Wochen aus einem Felsklotz eine Weltkugel hätte hauen können. Die Widmung erfolgte also postum, wogegen nichts zu sagen ist: Viele andere Kunstwerke leben auch mit ihren Legenden.

Ilona Schirmer rafft mit der rechten Hand den Mantel vor ihrer Brust zusammen. Trotz ihres zügigen Tempos, das den Kreislauf beschleunigt, kriecht die abendliche Kühle an und in den Körper. Es sind ja nur noch wenige hundert Meter. Sie setzt rasch die Füße voreinander. Klack, klack, klack machen ihre Absätze.

Auf einmal umschlingen sie zwei Arme von hinten. Der linke Arm umfasst ihren Oberkörper, die rechte Hand reißt ihr die Brille von der Nase. Sie ist so gut wie blind, und selbst wenn sie die Sehhilfe noch trüge, würde sie kaum etwas erkennen. Die nächste Straßenlaterne ist ziemlich entfernt, an dieser Stelle hier ist die Straße finster.

»Lassen Sie mich los!«, ruft die junge Frau, ohne zu sehen, wer sie da von hinten umklammert. Sie weiß nicht, was das Ganze soll und hält die Attacke für einen Scherz, den Schabernack eines Kollegen oder einer Freundin. Erst als der Griff um ihre Brust fester wird, merkt sie, dass es wohl kein Jux ist. Sie versucht mit beiden Händen, die Umklammerung zu lockern, doch die hat sich wie ein Eisenring um ihren Oberkörper gelegt.

Ihr Atem geht rasch, der Herzschlag schneller. Sie beginnt nun zu schreien. »Hilfe!«, ruft sie in die Nacht, »Hilfe!«. Doch nirgendwo öffnet sich ein Fenster, kein Kopf reckt sich heraus, nirgendwo schlägt ein Hund an. Sie scheint sich in der totesten Ecke...