Winston 5 - Kater undercover

von: Frauke Scheunemann

Loewe Verlag, 2016

ISBN: 9783732006458 , 224 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Winston 5 - Kater undercover


 

Hofdamen und Herzensdamen.

Ich muss mich einfach verstecken. Weglaufen. Untertauchen. Und erst wieder rauskommen, wenn meine Familie aus dem Luna-Park zurückkehrt. Was sind schon drei, vier Tage an der frischen Luft? Meine Katzenfreunde Odette, Karamell und Spike leben schließlich jeden Tag so – draußen, im Hinterhof unseres Hauses. Das kann nicht so schwer sein! Vielleicht könnte ich mich ihrer munteren Hofkatzen-WG anschließen? Die Idee ist gut, ich werde sie den dreien gleich vorschlagen!

Bevor mich Werner am nächsten Morgen also in meine Katzentransportbox stecken kann, schlüpfe ich rasch durch die Katzenklappen in Wohnungs- und Haustür und stehe wenige Augenblicke später vor dem Mülltonnenunterstand im Hinterhof. Hier ist gewissermaßen die Hofkatzenzentrale, der Treffpunkt, um den sich bei Odette, Karamell und Spike alles dreht. Kein Wunder: Das Dach des Unterstandes ist so ziemlich der einzige Fleck im Hof, auf den die Sonne fällt. Weil er außerdem recht windgeschützt ist, ist es hier meist kuschelig warm, und man kann hervorragend alle Tatzen von sich strecken und sich einfach mal erholen. Wovon auch immer, denn was Odette und Co. den ganzen Tag so treiben, ist mir trotz unserer Freundschaft immer noch nicht ganz klar. Okay, manchmal fangen sie mit mir Verbrecher, aber ansonsten?

Im Moment jedenfalls sind sie nicht da. Ich hüpfe auf das Dach und beschließe, auf die drei zu warten und mich dabei ein wenig zu sonnen. Die Sonnenstrahlen fallen direkt auf meine Nase und das kribbelt. Herrlich! So kann ich es mit Sicherheit die nächsten Tage aushalten.

Ich merke, wie ich müde werde. Kein Wunder, der Tag war doch bislang aufregend genug: Die Nachricht über den Ausflug und meinen geplanten Aufenthalt in der Katzenpension, und dann noch … ähem … maunz … ja, gut, mehr ist heute noch nicht passiert. Aber trotzdem bin ich müde. Zeit für ein Nickerchen!

Ein sanfter Nasenstupser weckt mich wieder. Ich schlage die Augen auf und blicke direkt in die wunderschönen schwarzen Augen von Odette. Sie schnurrt mich an.

»Hallo, Winston, was verschafft uns die Ehre?«

Odette ist mit sehr weitem Abstand die tollste Katzendame der Welt und ich habe das unglaubliche Glück, mit ihr befreundet zu sein. Obwohl sie fast den ganzen Tag auf der Straße beziehungsweise im Hof verbringt, hat sie seidenweiches weißes Fell und ist überhaupt wunderschön. Anfangs hat sie mich nicht für voll genommen. Aber mittlerweile hat sie eingesehen, dass ich kein lahmer Stubentiger bin, sondern dass ein echter Löwe in mir steckt.

»Hallo, Odette, schön, dich zu sehen! Du wirst es nicht glauben, aber ich überlege tatsächlich, ob ich nicht mal für ein paar Tage zu euch in den Hof ziehe.«

Odette sagt dazu nichts, sondern starrt mich aus ihren großen Augen an. Hinter ihr ertönt jetzt allerdings lautstarkes Fauchen – oder ist das eher heiseres Gelächter? Spike kommt angeschlichen und schüttelt sich beim Fauchen. Der dicke getigerte Kater scheint sich köstlich zu amüsieren. Fragt sich nur, worüber.

»Grüß dich, Kumpel! Was hast du vor? Ein paar Tage hier mit uns zu wohnen? Guter Witz!«

Ich rapple mich auf und werfe Spike einen bösen Blick zu.

»Ach ja? Was, bitte, ist denn daran witzig?«

Spike rekelt sich, dann hockt er sich neben mich und gähnt herzhaft.

»Ist doch wohl klar: Seine Hochwohlgeboren Winston Churchill auf einem Mülltonnenunterstand – bei Tag und bei Nacht? Das ist nicht nur witzig, das ist saukomisch!«

Frechheit! Ich wende mich Odette zu. Die könnte mich doch mal verteidigen! Aber sie legt nur den Kopf schief und sagt nichts zu diesen ungeheuerlichen Beleidigungen. Stattdessen taucht jetzt auch noch Karamell auf, um seinen Senf dazuzugeben.

»Spike hat recht – der edelste Kater weit und breit will auf einmal einen auf wild und gefährlich machen. Das ist eine Lachnummer!«

»Hey, nun seid nicht so gemein zu Winston!«, verteidigt mich Odette schließlich doch. Klingt allerdings etwas lahm und nicht wirklich entschieden. Ich merke, wie mir das einen ziemlichen Stich versetzt.

Wortlos wende ich mich zum Gehen. Wenn die mich hier alle veralbern wollen, muss ich wenigstens nicht noch danebenstehen. Ich springe vom Unterstand und laufe Richtung Hofausgang.

»Hey!«, ruft mir Odette hinterher. »Wo willst du denn jetzt auf einmal hin?« Ich ignoriere sie und laufe weiter. Kurz darauf sprintet sie mir hinterher.

»Winston, nun sei doch nicht sauer! Das war doch nicht böse gemeint! Aber du musst doch zugeben, dass deine Idee erst mal etwas ungewöhnlich klingt. Bisher wolltest du jedenfalls noch nie längere Zeit mit uns im Hof verbringen, sondern hast dich nach all unseren Abenteuern gleich wieder in eure Wohnung verdrückt.«

Ich bleibe stehen.

»Was heißt denn hier verdrückt? Ich wohne dort!«

»Na ja, meinetwegen. Dann bist du eben in deine Wohnung zurückgekehrt. Ändert aber nichts daran, dass es bisher den Eindruck machte, als sei dir das Leben in eurer Wohnung deutlich lieber. So ohne Mäusefangen und mit gemütlichem Sofa.«

Maunz. Ertappt! Natürlich wäre ich ohne den drohenden Aufenthalt in der Katzenpension nicht auf die Idee mit dem Hofurlaub gekommen. Aber das werde ich Odette jetzt ganz sicher nicht auf die Nase binden. Stattdessen atme ich tief durch und antworte theatralisch: »Da sieht man mal, wie schlecht du mich kennst, Odette! Ich hätte liebend gern schon mal ein paar Tage bei euch verbracht, aber du hast mich nie gefragt. Und aufdrängen – das hat ein Winston Churchill nicht nötig!«

Bei den letzten Worten versuche ich, meiner Stimme ein dramatisches Zittern zu verleihen und besonders vorwurfsvoll zu klingen. Angriff ist schließlich die beste Verteidigung.

Odette kneift die Augen zusammen und mustert mich. Nanu, was kommt denn jetzt?

»Manchmal bist du echt ein Spinner, Winston.«

Spricht’s, läuft wieder zu Karamell und Spike zurück – und lässt mich wie einen begossenen Pudel stehen. Heilige Ölsardine! Das ging ja gewaltig daneben!

Bedröppelt schleiche ich in die Wohnung zurück. Dort kommt mir Werner pfeifend entgegen, stoppt und kniet sich neben mich. Ich schaue nicht einmal zu ihm hoch. Bringt mich ruhig in die Katzenpension, ist mir doch egal. Es interessiert sich sowieso niemand für mich. Noch nicht mal meine vermeintlichen Katzenfreunde aus dem Hinterhof.

»Winston, Kumpel, alles gut bei dir? Du siehst irgendwie … matt aus«, stellt Werner messerscharf fest. Jetzt hebe ich doch den Kopf und maunze kläglich.

»Oje, das klingt ja grauenerregend! Lass mich raten – Ärger mit einer gewissen Hofkatze? Einer weißen Katzendame? Also gewissermaßen deiner Hof- und Herzensdame?«

Klar. Meinem allerbesten Dosenöffner ist natürlich mittlerweile auch nicht verborgen geblieben, dass ich mein Herz an Odette verloren habe. Ich hatte sie sogar schon ein paar Mal zu Besuch in unserer Wohnung. Aber leider scheine ich für Odette trotz all unserer Abenteuer immer noch ein verweichlichter Wohnungskater zu sein. Ich lasse den Kopf wieder sinken, Werner nimmt mich auf den Arm und krault mich im Nacken.

»Ach, Liebeskummer ist wirklich schlimm, mein armer Freund! Aber glaube mir, irgendwann wird es schon mit der Dame klappen. Und wenn nicht mit der, dann mit einer anderen!«

Maunzmiau! Das will ich gar nicht hören! Ich will der Held für Odette sein – und nicht für irgendeine andere Katze!

Werner krault mich unbeirrt weiter.

»Sieh mal, ich habe auch sehr lange gebraucht, um die passende Herzensdame für mich zu finden. Und ich kann dich beruhigen: Ich bin nun wirklich schon ein alter Zausel und trotzdem habe ich mich noch einmal richtig doll verliebt! Anna ist wirklich meine Traumfrau!«

Er strahlt mich an, aber ich kann seine Freude leider nicht teilen. Schließlich bin ich noch kein alter Zausel, sondern ein Kater in den besten Jahren, und ich hoffe doch schwer, dass Odette ein bisschen schneller erkennt, dass ich der Richtige für sie bin! Unzufrieden maunze ich vor mich hin und Werner setzt mich wieder ab.

»Das wird schon werden, mein Freund. Jetzt verbringst du erst mal ein paar Tage in der Katzenpension und das ist vielleicht auch nicht schlecht. Du weißt schon: Willste gelten, mach dir selten!«

Heilige Ölsardine! Was will er mir denn damit sagen? Menschen und ihre Sprichwörter, da steige ich als Kater auch nach meinen langen Jahren als Haustier einfach nicht durch! Gelten? Selten? Katzenpension? Ich schlage mit dem Schwanz hin und her und versuche, Werner klarzumachen, dass ich ihn nicht verstehe. Er streichelt mir über den Kopf.

»Guck mal, Winston – wenn du mal ein paar Tage nicht da bist, wird Odette dich sicher vermissen. Es wird ihr auffallen, dass du ihr fehlst, und wenn du dann zurückkommst, wird sie überglücklich sein, dich zu sehen. Ganz sicher!«

Ich lege den Kopf schief und betrachte Werner. Klingt gar nicht mal so unlogisch, was er da sagt. Nur: In eine Katzenpension will ich auf gar keinen Fall. Irgendwie muss ich die nächsten drei Tage anders rumbringen. Vielleicht gelingt es mir, mit in diesen Freizeitpark zu kommen! Und wenn wir dann zurück sind, ist Odette aufgefallen, wie sehr sie mich vermisst hat. Ein guter Plan!

»So, und jetzt verrate ich dir noch ein Geheimnis«, beginnt Werner, in verschwörerischem Tonfall zu flüstern. »Aber du darfst es niemandem verraten!«

Haha! Sehr witzig, Werner! Schon vergessen? Ich bin ein Kater. Wie sollte ich Geheimnisse von dir verraten?

Werner zieht wieder das kleine schwarze Kästchen aus seiner Hosentasche und hält es mir diesmal...