Elbenmacht 1: Der Auserwählte

von: Andrea Habeney

mainebook Verlag, 2016

ISBN: 9783946413127 , 198 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 4,99 EUR

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Elbenmacht 1: Der Auserwählte


 

Hoch im Norden in einer Burg auf der obersten Spitze eines meeresumtosten Felsens hob das Böse den Blick und richtete ihn nach Süden ...

Wie es anfing ...

Dave flankte elegant über den Holzzaun, der das Anwesen des Waisenhauses vom angrenzenden Maisfeld trennte.

Er warf einen unauffälligen Seitenblick zu einigen Mädchen, die im Gras saßen.

Die Sonne wärmte angenehm seinen Nacken, als er betont lässig durch das hohe Gras zum Hintereingang schlenderte.

Dave war groß und muskulös für seine fast achtzehn Jahre. Dunkles dichtes Haar fiel ihm leicht gelockt bis fast auf die Schultern und strahlend blaue Augen blitzten in einem gut geschnittenen, braun gebrannten Gesicht.

Seit seinem vierten Lebensjahr lebte er hier in einer Kleinstadt im bayrischen Wald im staatlichen Waisenhaus. Anders als bei den meisten seiner Schicksalsgenossen, deren Eltern entweder tot waren oder nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern, war seine Herkunft von einem Geheimnis umgeben.

An einem warmen Sommertag vor dreizehn Jahren wurde er hoch oben in den Bergen herumirrend gefunden. Mitten in einem einsamen unzugänglichen Gebiet des Böhmerwaldes. Keiner hatte ihn je als vermisst gemeldet und niemand hatte eine Idee, wie er dort hingekommen war. Alle Nachforschungen der Polizei blieben erfolglos. Seine Kleidung war hochwertig, aber schmutzig und teilweise von einem Feuer versengt. Das Einzige, was er mitbrachte, war ein merkwürdiger Stein, der an einer schmalen Kette um seinen Hals hing, ein Stein mit Verzierungen, die wie Schriftzeichen wirkten, jedoch keiner bekannten Sprache zuzuordnen waren. Er trug den Stein immer um seinen Hals und legte ihn nie ab.

Das Waisenhaus war gar nicht so übel und er fühlte sich dort viele Jahre so wohl, wie es ohne eigene Familie nur möglich war. Je älter er jedoch wurde, umso mehr Gedanken machte er sich um seine Herkunft.

Vor ein paar Monaten hatten die Träume begonnen. Immer wieder schreckte er nachts schweißgebadet hoch oder schrie auf und weckte seine Zimmerkameraden. Immer war er im Traum auf der Flucht. Wovor, konnte er nie genau sagen, nur, dass es etwas Dunkles, unsagbar Böses war. Oft roch es nach Feuer und Rauch.

Die Träume kamen immer öfter und heftiger. Das Schlimmste war, dass Dave niemanden hatte, mit dem er darüber reden konnte. Er kam mit den meisten im Waisenhaus gut aus, einen richtig engen Freund hatte er jedoch nicht. Und die Betreuer? Die würden das Ganze bestimmt als Prüfungsangst abtun oder ihm raten, abends nicht so schwer zu essen.

Einzig der Heimleiter, Pater Andreas, schien immer ein offenes Ohr für Dave zu haben und mehr Interesse an ihm zu zeigen als an den anderen Jungen und Mädchen. Oft sah Dave, wenn er aufblickte, den nachdenklichen Blick des Paters auf sich ruhen.

Wenn er genauer darüber nachdachte, schien er einen Sonderstatus im Heim zu haben, denn er wurde in einem Ausmaß gefördert, wie es Heimkindern selten zukam. Er bekam neue Bücher geschenkt, während die anderen sich mit zerfledderten Altauflagen abgeben mussten. Wünschte er sich, in einer Mannschaft mitzuspielen, war Geld für die Ausrüstung da, während andere mit T-Shirts und Turnschuhen vorlieb nehmen mussten. Er hatte sich nie groß Gedanken gemacht, warum das so war, sondern sich einfach für ein Glückskind gehalten. Steckte mehr dahinter? Für einen kurzen Moment träumte er von reichen Eltern, die ihn eines Tages holen würde. Aber er musste froh sein, wenn er ein Stipendium für die Hochschule erreichen würde. Über Schulnoten würde ihm das wohl nicht gelingen. Über Football vielleicht schon eher.

Dave blickte nach oben, als ein Schatten über ihn hinweg zog. Ein Falke? Was machte der hier so nahe bei den Gebäuden? Es sah fast aus, als würde er das Haus anfliegen. Irgendetwas war mit seinem Fuß. Vielleicht war er verletzt? Dave verrenkte sich den Hals, verlor ihn jedoch aus den Augen, als das Tier um die Hausecke verschwand.

Er trat in den Hausflur und stieg die Treppe hinauf zu dem Zimmer, das er mit drei anderen Jungs in seinem Alter teilte. Er warf sich aufs Bett und griff nach einem Buch. Stirnrunzelnd warf er es kurz darauf wieder zur Seite. Einen Moment überlegte er, joggen zu gehen. Dann würde er aber zu spät zum Abendessen kommen und missbilligende Blicke ernten. Mit zunehmendem Alter waren die Vorschriften zwar etwas lockerer geworden, zum Abendessen bestand jedoch allgemeine Anwesenheitspflicht.

Mitten hinein in seine Überlegungen klopfte es an der Tür. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise trampelte hier jeder ins Zimmer, wie er wollte. Noch ungewöhnlicher war jedoch der Anblick, der sich ihm bot, nachdem er „Ja, bitte?“ gerufen hatte.

Der frisch gelockte Kopf von Frau Puttling, der ältlichen Sekretärin des Heimleiters, schaute durch die Tür. „Dave!“, schnaufte sie aufgeregt, „du sollst zu Pater Andreas kommen. Sofort!“

Dave sprang erschrocken auf. Was hatte er nun wieder angestellt? Eigentlich war er sich keiner Schuld bewusst.

„Los, los! Geh schon!“, rief Frau Puttling und schob ihn aus dem Zimmer. Dave drehte sich zu ihr um, blickte jedoch auf die geschlossene Tür. Frau Puttling war in seinem Zimmer zurückgeblieben. Was sollte das jetzt? Noch nie hatte jemand im Zimmer der Jungen herumgestöbert. Dachten sie, er hätte Drogen? Oder Schlimmeres wie zum Beispiel unanständige Hefte? Dave schüttelte den Kopf. Am ehesten würde er es wohl erfahren, wenn er sich auf dem schnellsten Weg zu Pater Andreas begeben würde.

Der Pater hatte sein Büro im obersten Stockwerk des Hauses. Er stand am Fenster und schaute heraus, als Dave klopfte und auf sein „Herein“ eintrat. Der Pater drehte sich herum und kam auf ihn zu. Er schien aufgeregt. Seine Stimme zitterte.

„Mein lieber Junge. Es ist etwas passiert ... Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Setz dich doch bitte. Aber wir müssen gleich los ... Äh, wo fang ich nur an?“

Dave hatte bis jetzt nur begriffen, dass dies wohl keine Strafpredigt werden sollte. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und lehnte sich erleichtert zurück. Dann erst fiel ihm der völlig aufgelöste Zustand des Paters auf und er beugte sich gespannt wieder nach vorne. „Ja, Pater?“

„Äh, also, Dave, ich muss dir etwas mitteilen, das ich dir schon lange sagen wollte, aber nicht durfte.“

Dave runzelte verständnislos die Stirn.

„Du, äh, du bist keine Waise. Zumindest warst du es nicht, als man dich gefunden hat.“

„Was?“, rief Dave entgeistert.

„Ja, du warst sozusagen auf der Flucht und gingst dabei kurzzeitig verloren. Es war von Anfang an geplant, dass du hierher kommen solltest.“

Daves Gedanken rasten. „Auf der Flucht? Wovor?“

„Das kann und darf ich dir nicht sagen. Ich weiß auch gar nicht viel darüber. Du kommst von weither und die politischen Gegebenheiten waren da wohl nicht sehr stabil. Man hat dich hier bei mir in Sicherheit bringen wollen. Es tut mir leid, aber ich weiß nur noch, dass deine Eltern kurz danach verschwunden und wahrscheinlich getötet worden sind. Du solltest hier bleiben, bis du erwachsen bist und solange habe ich nichts aus deiner Heimat gehört. Ich selbst bin nicht in der Lage, Kontakt aufzunehmen. Eben nun kam eine Nachricht, dass du nach Hause zurück musst. Sofort und auf der Stelle!“

„Nach Hause? Aber wo ist das denn? Und zu wem denn, wenn meine Eltern doch tot sind?“

„Das alles weiß ich leider nicht. Ich weiß nur, dass du noch heute hier weg musst. Frau Puttling packt gerade deine Sachen. Wir werden sofort in die Berge aufbrechen, dorthin, wo man dich damals gefunden hat. Da wird dich jemand erwarten, der dich heimbringt.“

„Wieso in die Berge? Warum denn jetzt so plötzlich?“

„Ich weiß auch nichts Genaueres. Nur, dass du hier in Gefahr bist und so schnell wie möglich weg musst.“

„Aber ...“

„Komm jetzt! Ich erkläre dir alles Weitere unterwegs.“ Er zerrte Dave am Arm aus seinem Stuhl und aus dem Zimmer. Frau Puttling kam ihnen mit einer großen Tasche entgegen.

„Hier, mein Junge. Und viel Glück!“ Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und verschwand die Treppe hinauf. Dave blieb nicht viel Zeit, ihr nach zu starren, weil der Pater ihn weiter die Treppe hinunter und aus dem Haus zog.

Dave erschien alles unwirklich. Derselbe blaue Himmel wie vorhin. Dieselben Mädchen, die im Gras saßen. Und doch war alles anders. Eben noch ein Waisenkind ohne Herkunft, jetzt auf dem Weg ins Unbekannte.

Der Pater schob ihn ins Auto und stieg selbst auf der Fahrerseite ein. „Wir müssen uns beeilen. Dein Bus geht in fünfzehn Minuten.“

„Wohin fahren wir?“

„In einen kleinen Ort im Böhmerwald. Von dort aus laufen wir. Wir werden erst spät abends ankommen und ich habe uns deshalb ein Zimmer im Motel gebucht. Der Treffpunkt liegt weit von den bewohnten Gebieten entfernt, ich hoffe...