Die lange Reise des Jakob Stern

von: Rainer M. Schröder

cbj Kinder- & Jugendbücher, 2009

ISBN: 9783641010331 , 352 Seiten

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 6,99 EUR

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Die lange Reise des Jakob Stern


 

I (S. 245-246)

Diesmal brachte sie der Zug nicht bis auf den Hafenkai, weil das Gleis dort schon von einem Transport aus einem anderen Lager belegt war. Für sie endete die Bahnfahrt ein gutes Stück Weges vor den Liverpooler Docks. »Ah, da wartet ja auch schon unser Begrüßungskomitee!«, sagte Aaron Kronberg mit trockenem Spott und deutete auf das starke Aufgebot an Soldaten, das sie auf dem Bahnhof in Empfang nahm. Sergeanten mit kräftigen Exerzierplatzstimmen brüllten Befehle und scheuchten sie aus dem Zug und über den Bahnsteig, als hätten sie Rekruten vor sich – oder ausschließlich Kriegsgefangene.

Sie mussten wie beim Militär in Viererreihen antreten. Zu beiden Seiten von Soldaten mit blitzenden Bajonetten auf den Gewehren bewacht und unter dem Marschkommando »Links, rechts! … Links, rechts!«, führte man sie durch die Straßen zum Hafen. Eine große Schar Kinder und Jugendliche, aber auch zahlreiche Erwachsene begleiteten sie auf dem Weg zu ihrer erneuten Verschiffung. Man drohte ihnen mit den Fäusten, rief ihnen Verwünschungen und Obszönitäten zu, warf mit Dreck nach ihnen und spuckte sie sogar an. Und nicht einer der Wachsoldaten gebot dem Treiben Einhalt oder versuchte klarzustellen, dass es sich bei der Mehr zahl dieser Deutschen um Flüchtlinge handelte, die im Deutschen Reich unter der Verfolgung der Nazis gelitten hatten.

Seit der Demütigung von Dünkirchen und dem Fall von Frankreich reichte es offenbar, Deutscher zu sein, um verachtet und misshandelt zu werden. Differenzierungen störten nur das bequeme Feindbild, das man sich gemacht hatte. »Wir sind in diesem Land wirklich nicht mehr willkommen «, sagte Aaron mit finsterer Miene. »Es geht doch nichts über ein aufmunterndes Wort aus Freundesmund«, murmelte Jakob missmutig. Wie der Zufall es wollte, ging der hoch gewachsene, kahlköpfige Mann namens Hermon Blumenthal in der Reihe vor ihm, und zwar links außen. Er schien von all dem hasserfüllten Gejohle, Geschrei und Gespucke um sie herum völlig unberührt zu bleiben.

Mit bemerkenswerter Gelassenheit schritt er direkt neben den blitzenden Bajonetten der Soldaten her und trug seine schäbigen alten Militärkleider mit einer natürlichen Würde, als steckte er in einem teuren Maßanzug. Seine Haltung drückte eine Selbstsicherheit aus, die nichts mit Arroganz zu tun hatte, sondern aus einer inneren Ruhe und Gefasstheit kam. Und mit derselben Gelassenheit aß er auch den Apfel, den er sich irgendwoher organisiert hatte. Langsam und den Genuss des saftigen Obstes mit Bedacht genießend, biss er Apfelstück um Apfelstück ab, bis er nur noch das Kerngehäuse in der Hand hielt. Indessen hatten sie den Hafen erreicht.

Soldaten standen dort vor dem Tor zum Kai Spalier und streckten ihnen die Bajonette so unverschämt nah entgegen, dass sie enger zusammenrücken mussten, um sich nicht zu verletzen. Und während sich die Männer um Jakob herum murrend an den Klingen vorbeidrückten, wandte sich dieser Hermon Blumenthal einem der dreisten Soldaten zu und pflanzte ihm den Apfelrest mit einer lässigen Handbewegung auf die Bajonettspitze. Der Soldat war sprachlos vor Verblüffung und starrte ungläubig auf den Apfelrest, während Hermon Blumenthal weiterging, als wäre nichts geschehen. Jakob lachte unwillkürlich auf und stieß Lukas mit dem Ellenbogen an. »Hast du das gerade gesehen?«, fragte er leise.