Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte

von: Bernd Ingmar Gutberlet

Bastei Lübbe AG, 2011

ISBN: 9783838707136 , 269 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 7,99 EUR

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Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte


 

"KAISER TIBERIUS
KLUGER STAATSMANN ODER SKRUPELLOSER LUSTMOLCH?
(S. 44-45)

Unser Bild vom alten Rom ist vermutlich weit mehr, als wir es uns eingestehen wollen, von Hollywoodfilmen, historischen Romanen und zweifelhaften Erzählungen launiger Reiseführer bestimmt. Da haben wir Caesar als hageren, asketischen Mann mit silbernem Haar und strengem Gesichtsausdruck vor Augen, da läuft Nero ruhelos und mit irrem Blick durch seinen Palast − und da gibt es einen verdorbenen Alten namens Tiberius, der auf der Insel Capri seinen perversen Begierden nachgeht.

Die großen Gestalten der römischen Geschichte werden zumeist durch ihre spezifischen Eigenschaften und Taten auseinandergehalten, die zwar nicht unbedingt falsch sind, aber der komplexen römischen Geschichte und Politik selten gerecht werden. Besonders ungerecht verfährt die populäre Geschichtstradition mit Tiberius, der Rom von 14 bis 37 n. Chr. regierte. Wer die Insel Capri mit ihrer weltberühmten Blauen Grotte besucht, wird vom römischen Herrscher hören.

Der hatte die malerische Insel zum Alterssitz erkoren und sich dorthin zurückgezogen. Ein Dutzend prächtiger Villen besaß der römische Princeps auf Capri, heute Anziehungspunkte für Touristen. Der wirkliche Tiberius war eher menschenscheu, was nicht allzu viel hergibt für Geschichten, mit denen man Touristen unterhalten kann. Glücklicherweise aber können Reiseführer zitieren, was die römischen Geschichtsschreiber Tacitus und vor allem Sueton über Tiberius geschrieben haben: Nach dessen Bericht mussten »Scharen von überallher zusammengesuchter Mädchen und Lustknaben und Erfinder allerlei widernatürlicher Unzucht in Dreiergruppen miteinander Geschlechtsverkehr treiben. Er schaute dabei zu, um durch diesen Anblick seine erschlafften Kräfte aufzupeitschen«.

Sueton zeichnete Tiberius als alten Lüstling, der Orgien inszenierte und seine hilflosen Gespielen hinterher gar brutal ermordete. Auch wenn er Sklaven loswerden wollte oder andere missliebige Untertanen und selbst hochgestellte Persönlichkeiten, befahl er, sie kurzerhand über die Klippen der Insel zu stoßen. Zum reinen Vergnügen ließ er Unschuldige hinrichten oder dachte sich Foltermethoden aus, um sich an den Qualen der Opfer zu weiden.

Kurz gesagt, lebte der alte Tiberius nur für seine perversen Gelüste und überließ die römische Politik ihrem Schicksal. Sueton schrieb seine bösen Worte ein paar Jahrzehnte nach dem Tod des römischen Kaisers. Seine Einordnung des Tiberius als Erster der selbstsüchtigen, verderbten Despoten, die das stolze Erbe Caesars und Augustus’ verraten und Rom dem Niedergang preisgegeben hätten, ist bis heute populär. Auch Suetons Kollege Tacitus stimmte in die Verurteilung ein, ebenso wie bis ins 20. Jahrhundert hinein Schriftsteller das schlechte Image des Tiberius als heimtückischen Tyrannen weitertrugen. Dazu gehören auch der Schöpfer des Grafen von Monte Christo, Alexandre Dumas, und Robert Graves, Autor des Longsellers Ich, Claudius, Kaiser und Gott.