Love and Confess - Roman

von: Colleen Hoover

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2015

ISBN: 9783423428507 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Love and Confess - Roman


 

Prolog


AUBURN


In dem Wissen, dass ich heute zum letzten Mal hier sein werde, stoße ich die Schwingtür auf und trete in die Eingangshalle.

Ein letztes Mal drücke ich auf den Knopf am Aufzug und sehe, wie das Lämpchen aufleuchtet.

Als im dritten Stock die Türen auseinandergleiten, begrüße ich die Schwester hinter der Empfangstheke mit einem Lächeln und sie nickt mir ein letztes Mal mit mitfühlendem Blick zu.

Ein letztes Mal komme ich am Schwesternzimmer vorbei, an der Teeküche, am Andachtsraum …

Während ich weiter durch den Flur gehe, richte ich den Blick nach vorn und stähle mein Herz. Vor seiner Zimmertür bleibe ich stehen, klopfe leise und warte darauf, dass er mich ein letztes Mal hereinbittet.

»Herein.«

Mir ist unbegreiflich, wie es sein kann, dass seine Stimme immer noch so hoffnungsvoll klingt.

Als ich den Raum betrete, strahlt er mir entgegen und schlägt einladend die Decke zurück. Ich klettere zu ihm ins Bett, lege einen Arm um seine Brust und schlinge meine Beine um seine. Mein Gesicht an seinen Hals geschmiegt, dränge ich mich seiner vertrauten Wärme entgegen.

Doch heute spüre ich sie nicht.

Wie immer richtet Adam sich ein Stück auf, schiebt einen Arm unter meinen Körper und zieht mich mit dem anderen dicht an sich. Es dauert, bis er eine für ihn bequeme Position gefunden hat, und mir fällt auf, dass sein Atem noch schwerer geht als sonst.

Obwohl ich in den wenigen Stunden, die wir jeden Tag miteinander verbringen konnten, immer versucht habe, mich auf die guten Dinge zu konzentrieren, ist mir nicht entgangen, wie er immer schwächer und schwächer wurde. Seine Haut ist blasser, seine Stimme brüchiger. Er gleitet langsam davon, und ich kann nichts tun, als hilflos zuzusehen.

Seit sechs Monaten wissen wir, dass es so enden wird. Natürlich haben wir um ein Wunder gebetet, aber die Art von Wunder, die wir brauchen, gibt es im wahren Leben nicht.

Als ich Adams kühle Lippen auf meiner Schläfe spüre, schließe ich die Augen. Ich hatte mir so fest vorgenommen, nicht zu weinen. Das schaffe ich nicht, klar, aber ich kann zumindest versuchen, die Tränen so lange wie möglich zurückzudrängen.

»Ich bin so traurig«, flüstert er.

Sonst ist er immer unfassbar positiv gewesen, aber irgendwie tröstet es mich, dass er das jetzt sagt. Obwohl ich nicht will, dass er traurig ist, tut es gut, dass ich es mit ihm gemeinsam sein kann.

»Ich auch«, sage ich leise.

In den vergangenen Wochen haben wir über Gott und die Welt geredet und auch viel gelacht und herumgealbert, selbst wenn wir uns manchmal vielleicht dazu zwingen mussten. Ich möchte nicht, dass das heute anders ist, doch die Gewissheit, dass wir uns zum allerletzten Mal sehen, macht es mir unmöglich, an etwas zu denken, worüber wir lachen könnten oder auch nur reden. Am liebsten würde ich einfach bloß zusammen mit ihm darüber weinen, wie verdammt ungerecht das alles ist. Aber dann wäre das unsere letzte Erinnerung aneinander und das will ich nicht.

Adam und ich sind jetzt seit einem Jahr zusammen. Wir haben uns vor vierzehn Monaten kennengelernt, als er mit seinen Eltern von Texas nach Portland gezogen ist. Einige Zeit später wurde er dann krank. Nachdem die Ärzte verkündet hatten, dass sie nichts mehr für ihn tun könnten, beschlossen seine Eltern, ihn nach Dallas verlegen zu lassen. Nicht weil sie doch noch auf Heilung hofften, sondern weil sein älterer Bruder und ihre ganzen Verwandten hier leben.

Adam wollte zuerst absolut nicht und sagte, er würde nur nach Dallas zurückgehen, wenn ich mitkommen dürfte. Seine und meine Eltern haben sich lange dagegen gesträubt. Irgendwann hat er sie dann doch überzeugt: Er sei schließlich derjenige, der im Sterben läge, weshalb sie ihm das Recht zugestehen müssten, selbst darüber zu entscheiden, mit wem er seine wenige verbleibende Zeit verbringt.

Aber jetzt bin ich schon seit fünf Wochen hier und unser Mitleidsbonus ist anscheinend aufgebraucht. Die Schule in Portland hat meinen Eltern angedroht, das Jugendamt einzuschalten, falls ich noch länger ohne ärztliches Attest fehle. Adams Eltern hätten mir vielleicht sogar erlaubt zu bleiben, aber Mom und Dad wollten, dass ich zurückkomme. Sie können es sich nicht leisten, Ärger mit den Behörden zu bekommen und womöglich ein Bußgeld zahlen zu müssen.

Adam und ich haben gekämpft, um das Unausweichliche so lange wie möglich hinauszuschieben, aber heute ist es endgültig so weit. Ich fliege zurück nach Portland, und es gibt rein gar nichts, was wir dagegen tun können. Als ich gestern noch einmal mit seiner Mutter gesprochen und sie unter Tränen angefleht habe, uns noch eine kleine Schonfrist zu geben, hat sie mir zum ersten Mal gesagt, was sie wirklich über mich und Adam denkt. Ich habe beschlossen, ihm nichts davon zu erzählen.

»Du bist erst fünfzehn, Auburn«, hat sie gesagt. »Ich weiß, dass du dir einbildest, Adam wirklich zu lieben, aber ihr kennt euch erst ein Jahr, und in einem Monat wirst du über ihn hinweg sein. Sein Vater und ich, sein Bruder und seine anderen Verwandten lieben ihn aber schon seit seiner Geburt, und wir werden es bis zu unserem eigenen Tod nicht verkraften, dass er so früh gehen musste. Deswegen ist es jetzt wichtiger, dass wir bei ihm sind.«

Es ist ziemlich heftig, wenn man erst fünfzehn ist und weiß, dass man eben mit hoher Wahrscheinlichkeit die grausamsten Sätze gesagt bekommen hat, die man im Leben jemals hören wird. Ich war so vor den Kopf gestoßen, dass mir nicht einfiel, was ich darauf antworten sollte. Was habe ich als Jugendliche einer so viel älteren und erfahreneren Frau schon entgegenzusetzen, die meine Gefühle nicht ernst nimmt? Oder hat sie vielleicht sogar recht? Aber nein – das glaube ich nicht. Möglicherweise ist die Liebe zwischen Adam und mir nicht exakt so wie die zwischen Erwachsenen, aber ich weiß ganz sicher, dass unsere Gefühle füreinander genauso tief sind. Und jetzt in diesem Moment fühlt es sich an, als würden sie mir das Herz zerreißen.

»Wann geht dein Flug?« Adam zeichnet mit den Fingerkuppen zum letzten Mal zarte Kreise auf meinen Arm.

»In zwei Stunden. Deine Mutter und Trey warten unten auf mich. Sie haben gesagt, dass wir in zehn Minuten losfahren müssen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein.«

»Zehn Minuten«, wiederholt er leise. »Das reicht leider nicht, um auf dem Sterbebett noch schnell meine gesammelten Weisheiten an dich weiterzugeben. Dafür bräuchte ich mindestens fünfzehn Minuten. Ich tippe sogar eher auf zwanzig.«

Darauf reagiere ich mit dem kläglichsten Lachen, das jemals aus meinem Mund gekommen ist. Ich glaube, Adam hört die Verzweiflung darin, weil er mich noch etwas fester an sich drückt, auch wenn es nicht besonders fest ist. Es kommt mir vor, als wäre er seit gestern noch schwächer geworden. Er streichelt mir über den Kopf und drückt seine Lippen in meine Haare.

»Danke, Auburn«, flüstert er. »Ich bin dir so dankbar. Im Moment vor allem dafür, dass du genauso sauer bist wie ich.«

Ich staune darüber, dass er es immer noch schafft, Witze zu machen.

»Kannst du dich etwas konkreter ausdrücken?«, bitte ich ihn. »Ich bin nämlich gerade aus ziemlich vielen verschiedenen Gründen sauer.«

Adam zieht seinen Arm unter mir hervor, dreht sich auf die Seite und wendet mir das Gesicht zu. Schon diese einfache Bewegung kostet ihn Kraft. Ich lege den Kopf zurück und schaue ihm in die Augen. Auf den ersten Blick könnte man denken, sie wären haselnussbraun, aber das sind sie nicht. Die Iris besteht aus braunen und grünen Ringen, die sich nicht mischen, sondern klar voneinander abgegrenzt sind. Es sind die intensivsten Augen, von denen ich je angesehen worden bin. Augen, die immer der strahlendste Teil von ihm waren und jetzt in dem Maß verblassen, in dem seine Lebenskraft schwindet.

»Wir sind beide sauer auf dieses raffgierige Arschloch von Tod, das den Hals nicht vollkriegen kann. Aber auch auf unsere Eltern. Warum kapieren sie nicht, wie wichtig es für uns ist, diese Zeit noch zusammen zu erleben? Warum tun sie nicht alles, um dafür zu sorgen, dass ich den einzigen Menschen hier bei mir haben kann, auf den es mir wirklich ankommt? Warum schicken sie dich fort?«

Ja, er hat recht, das macht mich stinksauer. Aber darüber haben wir in den letzten Tagen oft genug geredet. Sie geben uns keine Chance. Deswegen möchte ich mich jetzt lieber nicht auf die Wut in mir konzentrieren, sondern auf Adam. Solange ich noch bei ihm sein kann, will ich so viel wie möglich von dem, was ihn ausmacht, in mich aufnehmen.

»Du hast gesagt, dass du mir dankbar bist«, sage ich. »Wofür denn genau?«

Adam legt lächelnd seine Hand an mein Gesicht und streicht mit dem Daumen über meine Lippen. Mein Herz macht einen Satz, als würde es ihm in einem letzten verzweifelten Versuch entgegenspringen, um bei ihm bleiben zu können, während meine leere Hülle allein nach Portland zurückfliegt. »Für ganz vieles. Auch dafür, dass ich dein Erster sein durfte«, sagt er leise. »Und dass du meine Erste sein wolltest.«

Einen kurzen Moment lang verwandelt sich sein Gesicht von dem eines todkranken Sechzehnjährigen in das eines wahnsinnig süßen, vor Kraft und Lebendigkeit strotzenden Jungen, der an sein erstes Mal zurückdenkt.

Ich lächle, als ich mich an den Abend erinnere. Damals wussten wir noch nicht, dass er nach Dallas verlegt werden würde, aber die Ärzte hatten uns kurz vorher gesagt, dass es keine Rettung für ihn gibt. Wir versuchten irgendwie, mit diesem Gedanken klarzukommen, und redeten stundenlang über all die Dinge, die...