Die Geliebte des Captains

von: Kresley Cole

LYX, 2016

ISBN: 9783736301351 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Die Geliebte des Captains


 

1


Ein wenig beklommen betrat Nicole Lassiter die üble Hafenspelunke, wo ihr sogleich ein Schwall säuerlich riechender Luft ins Gesicht wehte.

Schweigen senkte sich über die Menge, während man sie musterte und instinktiv erfasste, dass sie nicht in diese Dirnenschänke gehörte. Nicole trug Kleider, die kein Aufsehen erregten, Knabenhosen und ein Hemd, darüber einen schlichten Umhang. Unter einem Hut hatte sie ihre üppige Haarpracht verborgen, so gut es eben ging. Und dennoch wurde sie angestarrt.

Leicht schaudernd stieß Nicole den Atem aus. Sie war doch nur gekommen, um Captain Jason Lassiter zu finden, redete sie sich ein. Und da sie allein gekommen war, musste sie wenigstens darauf achten, dass ihr nichts geschah. Mit hocherhobenem Kinn und betont gleichgültigem Blick bahnte sie sich einen Weg durch die versammelten Raufbolde. Endlich setzte die blecherne Musik einer schlecht gestimmten Fiedel wieder ein.

Offenkundig war die Information, die sie bezüglich Lassiters Aufenthaltsort erhalten hatte, falsch gewesen. Ihr Vater hätte niemals eine derartige Spelunke aufgesucht, einen Ort, wo Matrosen »Gesellschaft« suchten und fanden, bevor sie in See stachen. Als ein Hafenarbeiter Nicole verraten hatte, wo ihr Vater zu finden war, hatte sie zunächst angenommen, die Mermaid habe während ihrer Abwesenheit einen neuen, ruchloseren Besitzer bekommen.

Doch das war eindeutig nicht der Fall. Ein letztes Mal würde sie sich noch umsehen, dann würde sie losgehen und den Hafenarbeiter erwürgen, der ihr diesen Streich gespielt hatte. Noch ein letztes …

In diesem Augenblick entdeckte sie ihren Vater.

Halb begraben unter einem grell geschminkten Freudenmädchen.

Die Brüste der Frau spannten sich wie zwei Halbkugeln unter dem engen Mieder, drohten es bei jedem kehligen Lachen zu sprengen. Und, Herrgott noch mal, dachte Nicole, während sie angewidert das Gesicht verzog, die Frau lachte wirklich oft.

Sie absolvierte einen Spießrutenlauf durch menschliche Schweißausdünstungen, Gin-gewürzten Atem und nachgiebige Frauenkörper mit schlenkernden Miedern. Als er sie erblickte, fiel ihrem Vater der Unterkiefer herunter, dann schloss er den Mund so rasch, dass sich seine Wangen blähten.

Auf in den Kampf … Wenn Jason Lassiter in Harnisch geriet, sah er furchterregend aus. Seine Augen sprühten Funken, und sein Gesicht wurde so rot, dass es zu Bart und Haaren passte. Nicole erinnerte sich sehr gut an seinen Jähzorn. Aber sie hatte sich Mut zugesprochen, weil sie heute Abend mit ihm sprechen musste. Sie hatte keine andere Wahl. Die Zeit lief ihr davon.

Also setzte sie ihren Weg mit einem schmerzlichen, angespannten Lächeln auf den Lippen fort, bis sie vor ihm stand.

»Nicole«, knirschte der Mann zwischen den Zähnen, »was zum Teufel hast du hier verloren?«

Ihr Blick glitt kurz über die geschminkten Brustwarzen der Hure, die kühn über den Rand des Mieders lugten. Nicole verdrehte die Augen. »Was zum Teufel tust du hier?«

Ihr Vater murmelte ein paar Worte und tätschelte der Frau den Arm, worauf sie sich widerwillig entfernte. Dann bedeutete er Nicole mit einer rüden Geste, sich zu ihm zu setzen. »Ich bin hier, um etwas zu erfahren«, antwortete er barsch.

»Ohhh«, sagte Nicole mit zweifelnder Miene. »So nennt man das heute?«

»Nein, man nennt das clever«, gab er sarkastisch zurück und hob zerstreut seinen Humpen vom Tisch. Nicole rümpfte beim Anblick des zerdellten und schmierigen Blechbechers die Nase. Lassiter schaute in das Gefäß, zog ein finsteres Gesicht und schob es von sich. »Ich wollte hier eigentlich einen Mann treffen, der mir etwas über die Sabotage sagen kann. Zufälligerweise kennt er die Frau, mit der ich gerade gesprochen habe.« Mit leicht gekränktem Blick fügte er hinzu: »Du solltest mich besser kennen.«

Nicole nickte widerwillig und schenkte ihm ein verhaltenes Lächeln als Entschuldigung, das jedoch nur wenige Sekunden anhielt. Dann schlug das Wort »Sabotage« ein: Die Segelschifffahrt war in diesen Zeiten gefährlich genug, weil die Kapitäne danach trachteten, Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen, und die Schiffsbauer laufend neue Bootstypen erfanden. Wenn voll aufgetakelte Masten wie Streichhölzer zerbrachen und Ruder im ersten schweren Sturm verloren gingen, dann wurde die Seefahrt zu einem tödlichen Unternehmen.

»Sag, dass du wenigstens eine Ahnung hast, wer dafür verantwortlich ist«, verlangte Nicole zu wissen. Die Schifffahrtsgesellschaft ihres Vaters war zwar noch nicht zum Ziel von Sabotage geworden, aber er hatte dennoch beschlossen, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.

»Ich habe schließlich doch noch ein paar gute Hinweise bekommen«, sagte Lassiter in einem Ton, der ausdrückte, dass er das Thema als beendet betrachtete. »Also – was in Gottes Namen machst du hier?«

»Nun ja. Ich habe nachgedacht …« Doch gerade als Nicole zu der Rede ansetzen wollte, die sie während ihrer Reise von Paris hierher ausgiebig geprobt hatte und in der sie ihrem Vater sämtliche Gründe aufzählen wollte, warum sie ihn bei dem bevorstehenden Großkreis-Rennen von London nach Sydney einfach begleiten musste, erschien das angemalte Frauenzimmer wieder. Sie bedachte Nicole mit einem boshaften Blick und begann in aufreizender Weise, Lassiter etwas ins Ohr zu flüstern.

Er hatte anscheinend nicht vor, das Weibsbild bald wieder ziehen zu lassen, und Nicole legte keinen Wert darauf, bei dieser gemurmelten Unterhaltung Zuschauer zu sein. Sie wandte sich ab, legte das Kinn auf die Stuhllehne und betrachtete die englischen Matrosen und die schamlos gekleideten Weiber, während sie miteinander »Umgang pflegten«.

Die derben Szenen ließen Nicole die Augen aufreißen. Vermutlich würden sie Wasser auf die Mühlen ihrer Träume sein, jener Träume, in denen ein dunkler, gesichtsloser Mann … Dinge mit ihr tat. Dinge, die sie bei Pärchen auf dem Kai beobachtet hatte. Nicole seufzte. Was sie wohl heute Nacht träumen würde …?

Ein lauter Knall riss sie aus ihrer Versunkenheit. Sie drehte den Kopf und sah drei Männer aus der Kälte in die Taverne kommen.

Ihre Kleidung war teuer und erlesen und wies sie als Gentlemen aus. Betrunkene Gentlemen, berichtigte sich Nicole, nachdem sie genauer hingeschaut hatte. Diese Männer waren verlebt aussehende, übersättigte Herren, auf eine billige Saufnacht und noch billigere Ausschweifungen erpicht. Nun, da waren sie hier genau an den richtigen Ort gekommen!

Obwohl die Männer nicht einmal entfernt das Aufsehen erregten, das Nicole bei ihrem Eintreten hervorgerufen hatte, senkte sich erneut Schweigen über die Gästeschar. Vermutlich lag es daran, dass einer der Eintretenden so hochgewachsen war – über sechs Fuß groß und sichtlich gut gebaut.

Aber das war es nicht, was Nicoles Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, sondern das Gefühl der Bedrohung, das so greifbar von ihm ausging. Selbst nachdem er Platz genommen und die langen Beine ausgestreckt hatte, sich ein wenig entspannte, spürte sie seine verborgene Anspannung. Auch die anderen schienen sie zu bemerken: die Matrosen, die Musiker, die grell geschminkten Dirnen – alle benahmen sich wie scheue Tiere, wenn sie in die Nähe seines Tisches kamen.

Er war der Einzige der drei, der nicht sichtlich betrunken war, und seltsamerweise lag in seinen Augen ein angewiderter Ausdruck, als er sie über die Menge schweifen ließ. Aber warum war er an diesen Ort gekommen, wenn er ihn derart abstieß?

Als hätte Nicoles Neugier seine Aufmerksamkeit erregt, ließ der Mann seinen forschenden Blick auf ihr ruhen. Einen Moment später verengten sich seine Augen. Vor Schreck schnappte sie nach Luft: Er durchschaute ihre Verkleidung! Er vermochte durch ihre Knabenkleider hindurchzusehen, und Nicole kam sich wie nackt vor.

Als sein Blick sich veränderte und unverhohlene Bewunderung ausdrückte, schwanden alle vernünftigen Gedanken dahin wie Nebel unter der Sonne des Südens. Nicoles geheime Vorstellungen erwachten mit frischer Kraft.

Der Mann starrte sie an, als wäre sie die einzige Frau in einer Taverne voller williger, halbnackter Dirnen. Wie es wohl sein mochte, wenn sie eine dieser Frauen wäre und er sie zu sich riefe? Wie würde es sich anfühlen, wenn sie sich rittlings auf ihn setzte, ihn in ihre buntscheckigen Röcke hüllte, während er zerstreut an seinem Krug nippte und ihre nackte Haut zwickte und tätschelte?

Das Gefühl aus ihren Träumen kehrte zurück – diese namenlose Mischung aus Angst, Überraschung und Hunger in ihrem Bauch. Jetzt war er die Ursache dafür. Und das Gefühl wurde immer stärker, während er sie von Kopf bis Fuß musterte.

»Wie ich sehe, hast du Captain Sutherland bereits bemerkt«, unterbrach die Stimme des Vaters ihre Träume.

Nicole riss sich vom Anblick des Fremden los, während ihr die Gluthitze ins Gesicht stieg. Doch dann begriff sie: Der Mann war Sutherland, der zügellose Kapitän der Southern Cross, der Eigentümer der im Niedergang begriffenen Peregrine-Reederei – und der erbittertste Konkurrent ihres Vaters.

»Das ist Derek Sutherland?«, hauchte sie erstaunt und starrte ihren Vater fragend an. Dass seine Wege sich so oft mit denen jenes gefährlich aussehenden Mannes kreuzten, nötigte ihr einerseits Hochachtung ab, doch andererseits fragte sie sich, ob er noch ganz bei Trost war.

»Der einzig Wahre«, gab ihr Vater zurück und stand auf. Er wünschte dem Frauenzimmer eine gute Nacht...