Haus der Hüterin: Band 2 - Das Erwachen - Fantasy-Serie

von: Andrea Habeney

mainebook Verlag, 2015

ISBN: 9783944124902 , 140 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 4,99 EUR

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Haus der Hüterin: Band 2 - Das Erwachen - Fantasy-Serie


 

Als sie erwachte, schien die Sonne in ihr Zimmer. Erschrocken fuhr sie hoch und sah auf ihren Wecker. Sie fluchte und sprang aus dem Bett. In fünf Minuten war sie fertig und rannte die Treppe hinunter. Vor ihr sah sie gerade Tepes` breiten Rücken in der Küche verschwinden. Erleichtert registrierte sie, dass ihr der Geruch von Rührei entgegenwehte. Emily stand am Herd und wedelte gerade mit dem Schaber in Vlads Richtung.

„Setzt euch. Kaffee ist in der Thermoskanne.“

Erheitert bemerkte Rylee, wie der große Vampir gehorsam nickte und sich auf einen Stuhl gleiten ließ. Sie betrat die Küche und warf Emily einen entschuldigenden Blick zu. „Ich habe den Wecker nicht gehört!“

„Er hat nicht geklingelt“, bemerkte Vlad beiläufig.

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte Rylee.

„Ich verfüge über ein ausgezeichnetes Gehör.“

„Ist das so ...?“, meinte sie unbehaglich.

Sein emotionsloser Blick fixierte sie. Bevor sie etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür zum Garten und Stephan kam herein, noch in den Kleidungsstücken, die er am Abend zuvor getragen hatte. Rylee wollte ihn fragen, ob er die ganze Nacht draußen war, doch er kam ihr zuvor. Er trat vor den Vampir, deutete auf ihn und meinte mit ruhiger Stimme: „Ihr wart es!“

Vlads Miene blieb unbewegt, bis auf das andeutungsweise Hochheben einer Augenbraue.

„Was meint Ihr, Geisterrufer?“

Stephan schnupperte und setzte sich. „Ich habe eine Rückführung gemacht und konnte die letzten Minuten im Leben eures Vampirfreundes miterleben. Seine letzten Worte waren ‚Vlad?‘ Und ‚Aber warum?‘

Vlad Tepes starrte ihn weiter unbewegt an. „Das ist nicht möglich“, sagte er endlich.

Stephan hielt seinem Blick stand. „So ist es gewesen. Ob Ihr es leugnet oder nicht.“

Rylee starrte mit großen Augen von einem zum andern und auch Emily hatte den Pfannenwender weggelegt und den Herd ausgeschaltet.

Vlad öffnete den Mund und ein Knurren drang hervor, das Rylee die Haare zu Berge stehen ließ. Seine Fangzähne hatten sich verlängert und waren nun sichtbar. Erschreckt starrte sie darauf. Stephan blieb ungerührt und zog eine Kaffeetasse zu sich heran. Emily warf einen kurzen Blick auf Rylee, dann trat sie entschlossen neben den Tisch und positionierte sich vor Vlad. „Achtet die Neutralität des Hauses!“

Der Vampir starrte weiter Stephan an, doch seine Zähne verschwanden langsam wieder in seinem Mund.

Stephan schenkte sich in aller Ruhe eine Tasse Kaffee ein. „Ausgeknurrt, Seelenloser?“

Vlad erhob sich blitzschnell, doch Emily war schneller und wandte sich jetzt an den Schamanen. „Für euch gilt das Gleiche. Hört sofort auf, ihn zu provozieren!“

Zu Rylees Überraschung zog ein Anflug von Verlegenheit über sein Gesicht. Er nickte. „Tut mir leid. Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber der hat tatsächlich genau das gesagt. Eine große Gestalt hat sich mit ihm im Garten getroffen, einen Dolch gezogen und ihm ins Herz gestoßen. Während er starb, hat er exakt diese Worte gesprochen.“

Vlad ließ sich zurücksinken und dachte einen Moment nach. „Das erklärt einiges“, murmelte er dann, stand auf und ging ohne ein weiteres Wort aus der Küche. Kurz darauf hörten sie die Eingangstür ins Schloss fallen.

Emily schüttelte den Kopf. „Hört auf damit. Das wird sonst noch ein böses Ende nehmen. Vlad der Pfähler ist nicht für seine Geduld bekannt, sondern für seine Gewalttätigkeit.“

Stephan blieb ungerührt. „Selbst er tötet nicht ohne Grund.“

Rylee sah ihn entgeistert an. „Ihr habt ihm genug Grund gegeben!“

Stephan winkte ab. „Als Vampir spürt er, dass ich die Wahrheit sage, auch wenn sie ihm nicht gefällt. Er hat nur etwas Dampf abgelassen.“

„Na dann.“ Rylee ließ sich auf den Stuhl sinken, wo der Vampir eine Minute vorher noch gesessen hatte.

„Was macht das Haus?“, wechselte der Schamane das Thema.

Rylee legte unbewusst die Hand auf den Schlüssel, der an ihrer Hüfte baumelte. „Ich spüre es jetzt viel stärker. Es ist, als wäre da immer eine Präsenz im Hintergrund. Eine beschützende.“

Emily trat an den Tisch. „Es hat die Treppe repariert“, teilte sie mit.

Stephan nickte. „Ist mir schon aufgefallen, dass sie nicht mehr knarrt.“

Rylee ließ sich nicht ablenken. Nachdenklich spielte sie mit dem Schlüssel. „Ich verstehe das alles immer noch nicht. Warum ist dieser Vampir ausgerechnet hierhergekommen? Und wie kann es sein, dass er Vlad als seinen Mörder erkannt hat?“

„Zum ersten kann ich nichts sagen“, meinte Emily. „Zum zweiten fallen mir mehrere Möglichkeiten ein. Entweder war er unter einer Art Hypnose. Oder ...“

„Oder?“, echote Rylee.

Emily warf einen besorgten Blick zu Stephan. Der Schamane setzte den Satz fort. Auch er sah ernst aus. „... ein Gestaltwandler ...“

„Ein Gestaltwandler? So etwas gibt es nicht wirklich, oder?“ Rylee hatte Schwierigkeiten bei der Vorstellung. „Mir kommt die Hypnose-Variante glaubwürdiger vor.“

„Nur, dass man Vampire nicht hypnotisieren kann!“, bemerkte Emily trocken.

„Moment!“, warf Rylee ein. „Ihr meint mit Gestaltwandler nicht Rick, oder?“

Emily schüttelte den Kopf. „Tse tse, Kind, red keinen Unsinn.

Rick konnte sich in einen Wolf verwandeln, in nichts sonst.“

„Aber ...“, begann Rylee, verstummte denn jedoch hilflos.

Stephan seufzte. „Gestaltwandler sind sehr selten, aber es gibt sie. Woher sie kommen, weiß niemand. Sie halten sich meist außerhalb jedweder Gesellschaft auf. Niemand möchte viel mit ihnen zu tun haben.“

„Warum?“, fragte Rylee dazwischen.

„Stell dir vor, dass sie jede beliebige Gestalt annehmen können. Auch die deines Partners, deiner Mutter, deiner Kinder, deiner Freunde ...“

Rylee wurde blass. „Ich verstehe ...“

Stephan nickte und fuhr fort. „Überleg dir die Konsequenzen ... Sie haben nahezu unbegrenzte Macht. Keine Bank, kein Haus ist vor ihnen sicher. Viele Planeten verwehren ihnen die Einreise, aber da sie als jede beliebige andere Person reisen können ...“

Rylee dachte einen Moment nach. „Unendliche Möglichkeiten ... Trotzdem möchte ich so nicht leben.“

„Darum bleiben sie entweder unter sich oder erliegen der Versuchung und werden zu Verbrechern. Als Attentäter sind sie hoch begehrt und können ein Vermögen verlangen.“

Rylee runzelte die Stirn. „Du glaubst, dass ein Auftragskiller auf den Vampir angesetzt war? Warum?“

„Das fragst du besser unseren untoten Freund.“

Emily ließ sich auf einen Stuhl sinken. Es war das erste Mal, dass Rylee die ältere Frau blass und erschöpft sah. Sie warf ihr einen besorgten Blick zu. Emily erwiderte ihn. „Ein Gestaltwandler auf der Erde ... das ist eine Katastrophe. Er könnte sich jederzeit hier einschleichen. Weder du noch das Haus sind stark genug, um ihm etwas entgegenzusetzen.“

„Aber was sollte er hier?“, fragte Rylee.

„Warum hat er den Vampir hierher gelockt?“, konterte Emily.

„Vielleicht sollten wir die Frage anders stellen. „Wer hat Interesse, Vampire zu töten?“, warf Stephan ein.

„Die Frage muss noch anders gestellt werden“, kam eine dunkle Stimme von der Tür her. Alle drei fuhren herum. Vlad Tepes schlenderte mit düsterer Miene in die Küche. „Wer hat Interesse, MEINE Vampire zu töten?“

Rylee rieb sich die Herzgegend. „Meine Güte, müsst Ihr uns so erschrecken?“

Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mit der Grazie eines Panthers. Rylee erinnerte sich an ihre Rolle als Gastgeberin. Sie stand auf und holte die angebrochene Flasche Rotwein aus dem Kühlschrank. Auf ihren fragenden Blick hin nickten Emily und Vlad. Sie schenkte beiden ein, während Stephan aufstand und sich ein Bier nahm. Als Rylee die leere Flasche wegstellte, ließ sie den Blick durch die Küche schweifen. Ein zwei Meter großer Vampir, ein fast ebenso großer Schamane, eine kleine alte Dame, die ein Geheimnis umgab ... und alle saßen sie um den Küchentisch herum, als würde es sich um eine Studenten-WG handeln. Sie schüttelte leicht den Kopf, was ihr einen nachdenklichen Blick des Vampirs einbrachte.

„Ich habe mich bei den Einreisebehörden erkundigt“, sagte Tepes. „Wenig überraschend ist kein Gestaltwandler registriert worden.“

Er hob die Hand, als Rylee etwas sagen wollte. „Natürlich war das auch meine Idee. Wie sonst sollte Gregor mich als seinen Mörder...