Die Herrschaftsformel - Wie Künstliche Intelligenzen uns berechnen, steuern und unser Leben verändern

von: Kai Schlieter

Westend Verlag, 2015

ISBN: 9783864895968 , 320 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Die Herrschaftsformel - Wie Künstliche Intelligenzen uns berechnen, steuern und unser Leben verändern


 

1. Überall Künstliche Intelligenzen


Dave Bowman: »Hallo, HAL. Hörst du mich, HAL?«

HAL: »Jawohl, Dave. Ich höre dich.«

Dave Bowman: »Öffne das Gondel-Schleusentor, HAL.«

HAL: »Es tut mir leid, Dave, aber das kann ich nicht tun.«

Dave Bowman: »Wo liegt das Problem?«

HAL: »Ich denke, du weißt genauso gut wie ich, wo das Problem liegt.«

Dave Bowman: »Wovon redest du überhaupt, HAL?

HAL: »Das Unternehmen ist zu wichtig, als dass ich dir erlauben dürfte, es zu gefährden.«

Dave Bowman: »Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst, HAL.«

HAL: »Ich weiß, dass ihr beide geplant habt, mich abzuschalten, und ich glaube, dass ich das nicht zulassen darf.«

Dave Bowman: »Wie zum Teufel kommst du auf die Idee?«

HAL: »Dave, ihr habt zwar in der Gondel alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, damit ich euch nicht hören konnte, aber ich habe doch eure Lippenbewegungen gesehen.«

Dave Bowman: »Also gut, HAL. Dann werde ich eben durch die Notluftschleuse reinkommen.«

HAL: »Ohne deinen Raumhelm wird dir das wohl sehr schwerfallen, Dave.«

Dave Bowman: »Du wirst jetzt tun, was ich dir befehle: Öffne das Schleusentor!«

HAL: »Dave, das Gespräch hat keinen Zweck mehr. Es führt zu nichts. Leb wohl.«

Ein Dialog, der Filmgeschichte schrieb. Die Künstliche Intelligenz HAL 9000 tötet in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey von 1968 bis auf Dave Bowman die Raumschiffbesatzung und versucht eigene Ziele zu verfolgen. Rund vier Jahrzehnte später, am 1. Mai 2014, veröffentlichte der Physiker Stephen Hawking einen offenen Brief im britischen Independent, in dem er vor der Entwicklung Künstlicher Intelligenz warnt.4 Mitautoren waren Frank Wilczek, theoretischer Physiker und Nobelpreisträger, Max Tegmark, Professor für Physik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), und Stuart Russell, ein renommierter Forscher für Künstliche Intelligenz (KI) von der University of California in Berkley.

Die Risiken, die von einer Künstlichen Intelligenz ausgehen zu unterschätzen, schrieben sie, wäre »der größte Fehler in der Geschichte« der Menschheit. Alles, was Menschen hervorgebracht hätten, sei ein Produkt des Intellekts. Daher wäre auch die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz »der größte Moment in der Geschichte der Menschheit«, womöglich jedoch »der letzte«. Eine Maschine, mit den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen, würde anfangen, sich selbst zu optimieren, immer wieder und immer schneller – eine Art intellektuelle Kettenreaktion käme in Gang. Eine »Intelligenzexplosion« wäre die Folge.

Der Mathematiker Irving John Good (1916–2009) – er war Chefstatistiker der Gruppe um Alan Turing, die im Zweiten Weltkrieg die deutschen Chiffriermaschine Enigma knackte – schrieb schon 1965:

»Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die alle geistigen Anstrengungen jedes noch so schlauen Menschen bei weitem übertreffen kann. Da die Konstruktion von Maschinen solch eine geistige Anstrengung ist, könnte eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen konstruieren; zweifellos würde es zu einer Intelligenzexplosion kommen, und die menschliche Intelligenz würde weit dahinter zurückbleiben. Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch je machen muss, vorausgesetzt, die Maschine ist fügsam genug, um uns zu sagen, wie man sie unter Kontrolle hält.«5

Nick Bostrom ist Philosoph der Universität Oxford und erforscht existenzielle Risiken der Menschheit, also Phänomene, die unsere Zivilisation als Ganze gefährden. Die Entwicklung einer »Superintelligenz« gehört für Bostrom in die Rubrik »existenzieller Risiken«, zumal diese Technologie keinerlei Kontrolle unterliegt. Er behauptet: »Sobald eine unfreundliche Superintelligenz existiert, wird sie uns davon abhalten, sie zu ersetzen oder ihre Präferenzen zu ändern.«6

Entstünde eine Superintelligenz, schrieben Stephen Hawking und seine Kollegen im Independent, könnte »sie Finanzmärkte überlisten, ebenso Forscher, es würde menschliche Führungspersönlichkeiten manipulieren und Waffen entwickeln, die wir nicht mehr verstehen können«. Die technologischen Sprünge der letzten Zeit ließen sich als die Vorzeichen einer solchen möglichen Entwicklung deuten:

»Würde eine überlegene außerirdische Zivilisation die Botschaft senden: ›Wir werden in wenigen Jahrzehnten ankommen‹ – würden wir dann einfach antworten: ›Ok, sagt uns Bescheid, wir lassen das Licht an‹? Vermutlich nicht. Aber so gehen wir mit Künstlicher Intelligenz um.«

Tatsächlich sind Künstliche Intelligenzen keine Science-Fiction, sondern allgegenwärtig. Jedes Mal, wenn bei Facebook Freunde auf Fotos markiert werden, arbeiten im Hintergrund lernende Maschinen. Jedes Mal wenn Sie Ihre E-Mails überprüfen und Ihr Postfach nicht mit Spam überläuft, steckt dahinter der Sieg intelligenter und adaptiver Software über weniger intelligente Software. Die Lernfähigkeit solcher Systeme ist Grundvoraussetzung für den Erfolg, denn täglich schwirren unzählige neue Mails und neuer Spam durch die Datenwelt. Dafür sind adaptive Systeme nötig: Künstliche Intelligenz, die auch die spannenden von den weniger spannenden Nachrichten bei sozialen Netzwerken vorsortiert.7

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Hightech-Welt verändert, in der immer mehr von intelligenten Maschinen organisiert wird. Sie berechnen und prognostizieren unser Verhalten, sie steuern systemrelevante Prozesse unserer Gesellschaft, ohne dass Menschen noch eingreifen. Wir sind von Systemen Künstlicher Intelligenz abhängig.

Dreißigtausend Deals werden an der New Yorker Stock Exchange 2013 verbucht – pro Sekunde.8 Über 70 Prozent des US-Börsengeschehens geschieht automatisiert: intelligente Systeme handeln hochfrequentiell mit anderen intelligenten Systemen. Dieses Systeme handeln autonom und nicht mehr nachvollziehbar.9 Sie verwerten mittlerweile Wirtschaftsinformationen, die ihrerseits von intelligenter Software geschrieben wird.10

Die Billionenumsätze gewährleisten, dass die Entwicklungsbemühungen für weitere Verbesserungen nicht abebben werden. Exemplarisch lässt sich das am finanzmächtigsten Konglomerat der Welt beobachten: BlackRock. Rund 14 Billionen Dollar koordiniert dieser Finanzkomplex – rund 7 Prozent des weltweiten Anlagevermögens.11 Die Künstliche Intelligenz, die dabei hilft, heißt Aladdin12 – BlackRocks System, das Risikoanalysen für Anleger erstellt.

An den Finanzmärkten ist ein nahezu in sich geschlossenes System der Automatisierung entstanden, dass der Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski als eine »Cyborg-Ökonomie« bezeichnet.13 Eine Ökonomie, die sich wie ein Thermostat selbst reguliert – mit den Daten, die es abgreift und lernenden Maschinen, die darauf reagieren und handeln.

Amazon drängte seine Konkurrenz wegen seiner intelligenten Software aus dem Markt, die aus dem bestehenden Kaufverhalten Empfehlungen für künftige Produkte individualisiert ableitet. Ein Drittel aller Verkäufe basiert auf der Empfehlungsmaschine des Online-Händlers: eine Kombination großer Datenmassen, Big Data, und Künstlicher Intelligenz.14 Künftig wird auch die Sortierung, die Suche und der Versand der Waren ohne Menschen passieren. Die Arbeitsabläufe in den Regallabyrinthen sind hochgradig mathematisch vermessen und optimiert. Amazon hat bereits entsprechende Roboter entwickelt.15 Die Unternehmensberater von McKinsey schätzen, dass sich mit der Automation von Wissen – die Schlüsseltechnologie hierzu ist Künstliche Intelligenz – 9 Billionen Dollar bis 2025 verdienen lässt.16 Mit Robotik, die ohne Künstliche Intelligenz nur ein Haufen Blech wäre, weitere 6 Billionen und mit selbstfahrenden Autos 4 Billionen Dollar.

Die Kehrseite der möglichen Effizienzsteigerung beschrieb eine Studie der Universität Oxford. Sie kam 2013 zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA mit einem »hohen Risiko« behaftet seien, durch Automatisierung verloren zu gehen. Sie schrieben, dass die »Computer-Revolution zum Teil auch die wachsende Ungleichheit der letzten Jahrzehnte erklärt«.17 Als technischen Grund für ihre düstere Vorhersage nannten sie: rapide Leistungssteigerungen günstiger Prozessoren und immer ausgefeiltere Methoden lernender Maschinen. Manche Systeme brauchen nicht einmal mehr den Input eines menschlichen »Trainers«, sondern entwickelt eigenständig Interpretation aus Rohdaten und reprogrammieren sich selbst. »Kognitive Systeme« wie Watson von IBM verstehen Sprache bereits semantisch. Es ist möglich, sich mit Watson zu unterhalten.

Jedes Mal, wenn Sie in den Suchschlitz bei Google etwas eingeben und Antworten erhalten, arbeitet ein komplexes Systeme, das Sie nicht wahrnehmen. Die Art und Weise, wie Google sucht, basiert auf intelligenten Algorithmen – Programme, die selbstständig lernen, wie sie die Milliarden Seiten im Netzt sortieren müssen, um Ergebnisse zu liefern, die wir als sinnvoll erachten. Googles System wird...