Insel im blauen Strom

Insel im blauen Strom

von: Ashley Carrington

hockebooks, 2015

ISBN: 9783957510938 , 438 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 6,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Insel im blauen Strom


 

13


Wie es sich herausstellte, hätte Leonora sich wirklich keinen günstigeren Tag aussuchen können, um ihrem Vater den Mann zu präsentieren, dem ihr Herz gehörte und den sie um jeden Preis zu heiraten gedachte.

In der zweiten Novemberwoche traf nämlich der Vikar Matthew Whitefield, ein recht gut aussehender Mann von kräftiger Statur mit dunkelbraun gewelltem Haar, in Summerside ein. Reverend Sedgewick hatte im Sommer eine schwere Magenoperation überstanden, von der er sich nur sehr langsam erholte. Deshalb hatte er sich seit Monaten bei seinem Bischof um einen jungen Geistlichen bemüht, der ihm einen Teil der Arbeit abnehmen konnte. Endlich waren seine Bitten und Gebete in Gestalt des siebenundzwanzigjährigen Vikars erfüllt worden.

Jeder Fremde wurde auf der Insel mit misstrauischer Zurückhaltung bedacht, bis die Einheimischen sich nach langer kritischer Prüfung einig waren, ob sie ihn akzeptieren oder ablehnen sollten. Dies galt auch für einen Reverend. Schon so manch neuer Geistlicher, der nicht auf der Insel aufgewachsen war und sich mit den Eigenheiten der Inselbewohner schwergetan hatte, war schon nach wenigen Wochen vom Gemeinderat höflich, aber unverblümt aufgefordert worden, seine Sachen zu packen und sein Glück bei einer anderen Gemeinde zu versuchen.

Matthew Whitefield gewann jedoch schnell die Sympathie der Methodistengemeinde von Summerside, insbesondere die des einflussreichen Gemeinderates. Er erwies sich trotz seiner jungen Jahre als ein reifer Mann, der seine Aufgaben mit großem Engagement, jedoch ohne den Überschwang der Jugend und das oft überbordende Bedürfnis nach Neuerungen ausführte. Er zeigte Bescheidenheit in seinen eigenen Ansprüchen, Sorgfalt in der eigenhändigen Pflege seiner Kleidung, Umsicht und Anpassungsvermögen im Umgang mit Menschen jeglichen Alters und Taktgefühl am Piano, was nach dem schrecklichen Klavierspiel von Missis Sedgewick von der Gemeinde als besondere Gabe hoch geschätzt wurde. Zudem machte er auch auf der Kanzel keine schlechte Figur. Dass auch er einen Hang zu leidenschaftlichen »Schwefel-und-Feuer-Predigten« hatte, wurde ihm nicht als Nachteil angekreidet. Da war man von Reverend Sedgewick bei der Beschreibung des Fegefeuers doch entschieden heißere Flammen und bei der Beschwörung der menschlichen Sündhaftigkeit einen erheblich stärkeren Donnerhall von der Kanzel gewöhnt.

Als es nun darum ging, wo der bescheidene Vikar und Junggeselle die Festtage verbringen sollte, verfiel der Gemeinderat auf die Idee, aus den eigenen Reihen die Familien auszulosen, bei denen er zu Gast sein sollte. Denn im Haus von Reverend Sedgewick, dessen Frau wieder einmal schwanger war und die nur wenige Wochen vor der Niederkunft stand, wollte man ihn auf keinen Fall lassen. Ein Junggeselle zusammen mit einer verheirateten, schwangeren Frau unter einem Dach, so etwas schickte sich einfach nicht.

Und als Frederik Campbell, der Vorsitzende des Gemeinderates, zehn Tage vor Weihnachten die Auslosung durchführte, fand sich auf den Zetteln mit den Namen auch der von Frederick Forester.

Als Leonora erfuhr, dass der Vikar am ersten Weihnachtstag bei ihnen zu Gast sein würde, wertete sie das als gutes Omen. Besser hätte sie es nicht treffen können!

Emily bangte innerlich mit ihrer Schwester, die ihr nun, da sie beschlossen hatte, das Versteckspiel aufzugeben, wie umgewandelt vorkam. Leonora zeigte sich nicht nur ihr gegenüber umgänglicher, sondern bemühte sich in den Tagen vor dem Fest spürbar, jeden Konflikt mit ihrem Vater zu vermeiden. Das wirkte sich nachhaltig auf die Atmosphäre im Haus aus. Denn ihr Vater quittierte ihre respektvolle Zurückhaltung mit sichtlichem Wohlgefallen und guter Laune, was das häusliche Zusammenleben nach vielen Jahren der Aggressivität und Bitterkeit endlich wieder angenehm machte.

Auch das Wetter spielte mit. Die tiefhängende Wolkendecke, die immer neue Schneefälle auf die Insel hatte niedergehen lassen, riss an Heiligabend auf und machte einem wolkenlosen Himmel Platz. Klar und blau wie ein Dach aus Gletschereis spannte er sich über Prince Edward Island. Die verschneite Landschaft wirkte im strahlenden Sonnenschein wie ein romantisches Wintergemälde.

Am Weihnachtsmorgen waren alle früh auf den Beinen. In der guten Stube, wo der kleine Christbaum in seinem Weihnachtsschmuck funkelte, herrschte bei der Bescherung eine fröhliche Stimmung, wie sie dieses Haus schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Und obwohl die Geschenke wegen der schweren wirtschaftlichen Zeiten denkbar bescheiden ausfielen, tat dies der Freude keinen Abbruch. Allein schon die traditionelle Weihnachtsorange aus dem wunderbar dünnen Seidenpapier zu wickeln, an der kostbaren Frucht zu riechen und zu sehen, wie sich ihre Schwester über die emaillierte Haarspange freute, die sie für Leonora auf einem vorweihnachtlichen Kirchenbazar in Charlottetown erstanden hatte, ließ Emilys Herz höher schlagen. Das wunderbare Gefühl, ihre Schwester zurückgewonnen zu haben, erfüllte sie, als Leonora sie umarmte und sich mit einem Kuss bei ihr bedankte. »Bete für mich und Nicholas!«, raunte sie ihr zu, als sie wenig später durch den Schnee zur Kirche stapften.

Emily nickte und drückte ihr stumm die Hand. Sie hatte schon am frühen Morgen im Bett ein Gebet für Nicholas und ihre Schwester gesprochen. Das wollte sie nun gleich im Gotteshaus wiederholen, hatten Leonora und Nicholas doch jeden Beistand nötig.

Reverend Sedgewick hielt die Predigt, und obwohl an diesem hohen kirchlichen Festtag Dankbarkeit und Freude über die Geburt des Heilands das zentrale Thema waren, gelang es ihm auch diesmal ohne große Mühe, einen Bogen zur Sündhaftigkeit des Menschen und zum Strafgericht Gottes zu schlagen.

Während ihr Vater nach dem Gottesdienst vor der Kirche noch mit Freunden und Nachbarn eine gute halbe Stunde verplauderte, bevor er dann den Vikar abholte, eilte Emily mit ihrer Schwester und ihrer Mutter schon nach Hause, um die letzten Vorbereitungen für das Essen zu treffen. Den Tisch hatten sie am Abend zuvor gedeckt und mit Tannengrün geschmückt, wie auch der Festtagsbraten schon am Tag zuvor im Ofen langsam vor sich hin geschmort hatte.

Alles war gerichtet, als schließlich ihr Vater in bester Stimmung mit Matthew Whitefield bei ihnen eintraf. Die Aufregung der ersten Minuten legte sich schnell, wenn Emily auch verlegen errötete, als der Vikar sich unverhofft an sie wandte und sie für ihr Gedicht Morning Glory lobte, das im September in der Festschrift anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums der Lawrence Landon Boarding School for Young Ladies erschienen war.

»Ich habe einfach nur Glück gehabt«, sagte Emily bescheiden, obwohl sie insgeheim doch recht stolz auf ihr Werk war. Denn in die Festschrift waren nur einige wenige Beiträge von Schülerinnen aufgenommen worden. Dabei war fast jedes Mädchen der

Aufforderung gefolgt, beim Auswahlkomitee etwas einzureichen.

Matthew Whitefield lächelte sie an. »Den Eindruck hatte ich nicht, Miss Emily. Auf mich hat die Komposition Ihrer lyrischen Bilder einen sehr ausdrucksstarken und gelungenen Eindruck gemacht. Offensichtlich besitzen Sie eine bewundernswert poetische Ader, was eine seltene Gottesgabe ist.«

Emilys Verlegenheit ob dieses Lobes vor ihrer Familie trieb ihr die Röte noch tiefer in die Wangen. Zumal Leonora, die hinter dem Vikar stand, spöttisch die Augen verdrehte. »Ich wusste gar nicht, dass solche Festschriften auch außerhalb der Lehrer- und Elternschaft auf Interesse stoßen«, versuchte sie von sich abzulenken.

»Ihre Mutter bereitete mir das Vergnügen, die Festschrift einige Tage studieren zu dürfen, Miss Emily.«

»Oh!«, sagte Emily und warf ihrer Mutter einen leicht vorwurfsvollen Blick zu.

»Man wird ja wohl noch auf seine Kinder stolz sein dürfen, nicht wahr?«, verteidigte sich diese fröhlich. »So, und wenn ich jetzt an den Tisch bitten darf? Das Essen wäre fertig.«

Ihr Vater klatschte vergnügt in die Hände. »Nichts gegen ein nettes Gedicht, und das in der Festschrift scheint meiner Emily wirklich recht gut gelungen zu sein, obwohl ich von solchen Sachen wenig verstehe. Aber die wahren Qualitäten einer Frau erweisen sich doch immer noch darin, was sie in der Küche zustande bringt!«, erklärte er. »Und was diese hohe Kunst betrifft, so sind meine Frau und Leonora, meine Älteste, darin unübertroffen. Ich bin sicher, dass Sie mir zustimmen werden, Mister Whitefield.«

»Ich zweifle nicht daran«, versicherte der Vikar höflich.

»Seien Sie doch so gut, das Tischgebet zu sprechen«, forderte ihr Vater ihn auf, als sie alle am festlich gedeckten Tisch saßen. Und Matthew Whitefield kam dieser Bitte gern nach.

Emily beobachtete ihn, wie er fromm die Hände faltete, den Kopf neigte und mit geschlossenen Augen Gott für die reichen Gaben seiner Schöpfung dankte; dann bat er um seinen Segen für die Tischgemeinschaft. Dabei bemerkte sie, dass sein Hemdkragen zwar sauber, an den Rändern aber stark abgescheuert war. Auch sein Anzug wies an den Ärmeln verräterisch blanke Stellen auf, und der billige Stoff seiner Krawatte entging ihr ebenso wenig. Alles in allem machte sein Aufzug den Eindruck, als käme er mit dem bescheidenen Lohn, mit dem ein junger Vikar sich zufriedengeben musste, nur mit Mühe über die Runden. Aber er hielt seine Garderobe tadellos in Ordnung, und sein Wesen war freundlich und einnehmend. Was im Augenblick jedoch noch viel schwerer in die Waagschale fiel, war die erfreuliche Tatsache, dass ihr Vater große Stücke auf ihn hielt – was wohl vermutlich wesentlich damit zusammenhing, dass Matthew Whitefield die Leidenschaft ihres Vaters für das...