Skulduggery Pleasant - Apokalypse, Wow!

von: Derek Landy

Loewe Verlag, 2015

ISBN: 9783732002498 , 416 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Skulduggery Pleasant - Apokalypse, Wow!


 

ÜBER EINE DUNKLE EBENE

Es war im Jahr des Herrn achtzehneinundsechzig und es war westlich des Missouri River, oben in South Dakota, und die Toten Männer ritten wieder.

Es waren noch etliche Jahre, bevor dieser Idiot Custer in den Black Hills über das ganze Gold stolperte, Jahre vor Wounded Knee und dem Massaker, das dort stattfand. Es war noch vor der Aufnahme des Territoriums in die Union, vor Deadwood, sogar noch bevor das Gebiet in diesem erbärmlichen Vertrag von Fort Laramie den Lakota-Indianern zugesprochen wurde – einem dieser typischen Verträge, die man genauso gut gleich wieder hätte verbrennen können.

Es war eine Zeit der Revolverhelden und der Gesetzlosen, des schweren Lebens und leichten Sterbens, und natürlich war es eine Zeit fieser, blutrünstiger Magie.

Die Toten Männer waren auf der Spur ihres Opfers, das sie an der Nase herumgeführt hatte, von Wyoming heruntergekommen. Doch je länger sie es verfolgten, desto einfacher wurde die ganze Sache. Ihr Opfer hatte sich nämlich mit einem Totenbeschwörer namens Noche eingelassen, und dieser Noche entwickelte eine besorgniserregende Gewohnheit, Tote in seinem Kielwasser zurückzulassen. Dazu noch keine gewöhnlichen Toten, sondern solche, die aufsprangen und herumrannten und in deren trüben Augen der Wahnsinn stand und ein ganz entsetzlicher Hunger, der nur mit Menschenfleisch gestillt werden konnte. Solche, die nur Feuer oder eine Kugel in die Schädeldecke zur Strecke bringen konnten. Ein Glück, dass die Toten Männer auf Feuer und Kugeln spezialisiert waren.

Sie waren zu siebt, alles Iren, auch wenn der Akzent bei einigen durch das ständige Unterwegssein und ihre Lebensweise etwas verwaschen war. Saracen Rue gehörte dazu, immer charmant und lächelnd, wie einer, der sich selbst einzureden versucht, dass er netter sei, als er in Wirklichkeit war. Neben ihm ritt Dexter Vex, einer der Nachdenklicheren in der Gruppe, auch wenn er das nicht zeigte. Der Stille mit dem Stoppelbart war Anton Shudder. Selbst in diesem gottverlassenen Land gab es kaum einen unheimlicheren Mann als ihn. Dann waren da noch Erskin Ravel, erst vor Kurzem zurückgekehrt von seinem Aufenthalt in Ländern, die noch fremder und gottverlassener waren als dieses hier, und Hopeless, ein Mann mit nur einem Namen und vielen Gesichtern.

Vorneweg ritten der Narbige, Grässlich Schneider, und neben ihm das lebende Skelett, das aussah wie Gevatter Tod persönlich, einer der vier apokalyptischen Reiter, von denen in der Bibel geschrieben steht und von denen auf Kanzeln überall in diesem von Wunden überzogenen und pockennarbigen Land lautstark gepredigt wurde.

Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und Hunger und Tod und durch die wilden Tiere auf Erden.

Skulduggery Pleasants Kleider waren abgewetzt und verblichen und sein langer Mantel mag vor langer Zeit einmal schwarz gewesen sein. Waren sie unter gewöhnlichen Menschen – die Toten Männer nannten sie „Sterbliche“ –, band er sich das Halstuch vor all die Zähne, die dieses Dauerlächeln zeigten, und zog seinen Hut tief über die leeren Augenhöhlen. Er trug zwei Pistolengürtel, die sich auf der Hüfte kreuzten und von Gurten gehalten wurden. In den Holstern steckten Revolver mit Perlmuttgriff und langem Lauf. Es waren Walker Colts. Revolver, die konstruiert waren, um Männer aufzuhalten.

Sie ritten nun schon seit etlichen Tagen, und ihre Pferde waren müde und durstig, und die Reiter mit Fleisch auf den Knochen waren aufgescheuert und wund. Sie kamen nach Forbidden und dachten sich nicht viel dabei. Eine Stadt mit drei Straßen und schmutzigen Menschen, die nicht oft oder nicht gründlich badeten. Ein räudiger Hund lag mitten auf der Straße und betrachtete sie teilnahmslos, als sie vorüberritten. Erst als sie in sicherer Entfernung waren, ließ der Hund ein schwaches Drohknurren hören, legte sich dann wieder hin und schlief oder starb. Welches von beidem, spielte für niemanden eine sonderlich große Rolle.

Am anderen Ende der Stadt war die Pferdestation. Der Besitzer, ein undankbarer Kerl namens Sully, humpelte heraus in die Sonne und kratzte sich an Stellen, die schon sehr, sehr lange keine Seife mehr gesehen hatten.

„Ja?“, fragte er, den Mund voller Spucke. „Was zum Teufel wollt ihr?“

Die Toten Männer stiegen ab. Pleasant und Schneider hielten sich im Hintergrund, da sie am ehesten Aufmerksamkeit erregten. Rue und Vex betrachteten den Mann stirnrunzelnd.

„Was wir wollen? Was zum Teufel glaubst du?“, erwiderte Vex. „Wir wollen, dass unsere Pferde Futter und Wasser bekommen. Dir gehört der Laden hier, oder?“

Der Kerl namens Sully schaute die Männer an, sah ihren stahlharten Blick und den Stahl an ihren Hüften, und seine finstere Miene wurde etwas weniger finster und er schluckte seine Spucke hinunter.

„So ist es“, antwortete er. „Stolzer Besitzer von Sullivans Pferdestation. Wäre die Farbe nicht schon vor Jahren abgeblättert, könntet ihr auf dem Schild da oben meinen Namen lesen, auch wenn er falsch geschrieben war und das N von Pferdestation gefehlt hat. Ich gebe mir selbst die Schuld, weil ich nicht lesen kann, und ich gebe dem Typen, den ich mit dem Schild beauftragt habe, die Schuld, weil er nicht schreiben konnte. Aber so ist das nun mal mit dem Bedauern. Wir alle kennen es, und denen, die’s nicht kennen, fehlt nichts. Futter und Wasser, habt ihr gesagt? Ihr könnt euch auf mich verlassen, vorausgesetzt, ihr habt genug Kleingeld, um mich für meine Dienste zu bezahlen.“

Vex fasste Rue kurz am Arm. „Zeig dem Mann ein bisschen Kleingeld, Saracen“, bat er ihn und gesellte sich zu den anderen, die schon den breiten staubigen Streifen, der sich Hauptstraße nannte, in Richtung Saloon hinuntergingen. Die Dorfbewohner hielten gebührenden Abstand, beobachteten sie argwöhnisch und warteten, bis sie außer Hörweite waren, bevor sie zu tuscheln begannen. Männer mit Schusswaffen waren zu keiner Zeit ein gutes Zeichen. Männer, die aussahen, als wüssten sie mit diesen Schusswaffen umzugehen, noch viel weniger.

Schneider betrat als Erster den Saloon. Das Inventar bestand aus ein paar ungleichen Tischen, einem massiven Tresen und einem gesprungenen Spiegel. Es gab ein kleines Klavier, auf dem niemand spielte, und der Fußboden bestand aus gestampfter Erde und Sägespänen. Gäste waren nur wenige da, doch sämtliche Köpfe drehten sich zur Tür und all ihre Unterkiefer klappten herunter. Einen so vernarbten Mann wie Schneider sah man höchstwahrscheinlich nur ein Mal im Leben, und da dies den meisten Leuten bewusst zu sein schien, starrten sie ihn bei der ersten Begegnung gleich besonders intensiv an.

Schneider tippte zur Begrüßung seinen Hut an und trat an den Tresen.

Danach kamen die übrigen Toten Männer einer nach dem anderen herein, Pleasant als Letzter. Er setzte sich an einen Tisch in der Ecke und schaute sich unter der Krempe seines Hutes hindurch im Raum um.

„Einen schönen Tag wünsche ich“, sagte Schneider zu dem Wirt. „Was gibt es denn hier zu trinken?“

Der Wirt, ein Mann, der viel gesehen und noch mehr gehört hatte, war noch nie einer von denen gewesen, die sich von Hässlichkeiten am Geldverdienen hindern ließen. Einmal hatte er sogar einem Leprakranken, der durch die Stadt gekommen war, etwas verkauft. Allerdings hatte er ihn hinter dem Haus bedient, wo seine Stammkunden ihn nicht sehen konnten. Für ihn war Geld einfach Geld. Es spielte keine große Rolle, wie viele Fingerglieder einer Hand fehlten, wenn das, was sich in ihr befand, seinen Wohlstand mehren konnte.

Tatsache ist, dass der Wirt den Becher, aus dem der Leprakranke getrunken hatte, anschließend nicht einmal sonderlich gründlich ausgewaschen hatte. Also nannte der Wirt dem Narbigen das Angebot und der Narbige bestellte sechs Bier. Gerade als das sechste Glas ausgeschenkt wurde, kam Saracen Rue herein und sie tranken wie Männer mit großem Durst. Alle außer Pleasant natürlich.

„Das“, sagte Ravel, „war längst überfällig. Und es hat geschmeckt.“ Er lächelte den Wirt an. „Wir sind auf der Suche nach einem Freund. Eigentlich nach zwei Freunden. Nach zwei Männern, die vor Kurzem hier vorbeigekommen sein müssen. Vielleicht hast du sie ja gesehen. Vielleicht hast du ihnen von diesem köstlichen und erfrischenden Bier ausgeschenkt.“

Der Wirt sagte nichts.

„Einer dieser Freunde“, meldete Vex sich, „ist Ire wie wir. Groß, dunkelhaarig und eher blass, obwohl seine Haut von der Sonne hier wahrscheinlich ein bisschen rot geworden ist. Er trägt einen Handschuh an der rechten Hand. Der andere trägt Schwarz und hat immer einen mannshohen Stock dabei.“

Der Wirt schaute die Toten Männer an, sagte aber immer noch nichts.

„Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Freunde so schnell wie möglich einholen“, sagte Rue. „Wir haben Nachrichten von zu Hause, die ihre sofortige und ungeteilte Aufmerksamkeit verlangen. Schlimme Nachrichten. Die Zeit drängt.“

„Hab niemanden gesehen“, entgegnete der Wirt.

„Bist du sicher? Der erste Freund hat grüne Augen. Normalerweise spricht man bei einem Mann ja nicht von der Augenfarbe, aber wenn du einmal in diese Augen geschaut hast, vergisst du sie so schnell nicht mehr. Augen wie die einer Schlange. Und der zweite Freund trägt, wie gesagt, einen langen alten Stock mit sich herum. So was bleibt doch im Gedächtnis, oder?“

Der Wirt schüttelte den Kopf. „Ich kann euch nicht helfen, Leute.“

„Also, das“, sagte Ravel, „ist schade.“

Schneider wandte sich an die staubigen, schmutzigen...