Steirerblut - Kriminalroman

von: Claudia Rossbacher

Gmeiner-Verlag, 2011

ISBN: 9783839236369 , 273 Seiten

11. Auflage

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Steirerblut - Kriminalroman


 

Kapitel 1


Donnerstag, 16. September – St. Raphael im Krakautal/Steiermark

»Und? Was meint der Gerichtsmediziner?« Chefinspektor Sascha Bergmann starrte in seine Kaffeetasse, als würde er die Antwort auf seine Frage darin lesen können.

Warum sieht er mir nie in die Augen?, fragte sich Abteilungsinspektorin Sandra Mohr nicht zum ersten Mal. Seit der ranghöhere Wiener Kollege vor drei Wochen überraschend bei der Mordgruppe des Landeskriminalamts Steiermark in Graz aufgetaucht war, wich er ihren Blicken aus. Langsam hatte sie die ständigen Umstrukturierungen im Zuge der jüngsten Polizeireform satt. Kaum hatte sie sich an etwas oder jemanden gewöhnt, war alles schon wieder anders. Und selten war es besser als zuvor. Jetzt musste sie sich also mit Sascha Bergmann zusammenraufen. Kein leichtes Unterfangen, wie es schien. Irgendwie waren sie nicht kompatibel. Was bestimmt nicht an ihr lag, sondern vielmehr an seiner Borniertheit, die ihr einen normalen Umgang mit ihm unmöglich machte. Manchmal ertappte sie ihn dabei, wie er sie beobachtete. Unauffällig, wie er wohl meinte. Umso auffälliger war es dann, wenn er sich blitzartig von ihr abwandte. Was – hatte sie sich schon des Öfteren gefragt – was fürchtete er, das sie in seinen Augen entdecken könnte? Was hatte er vor ihr zu verbergen?

Sandra Mohr fuhr mit ihrem Bürostuhl einen halben Meter zur Seite, um die Papiere, die der Drucker eben ausgeworfen hatte, zu entnehmen. Dann rollte sie in ihre Ausgangsposition zurück und streckte sich nach vorn, um Bergmann seinen Ausdruck über beide Schreibtische zu reichen. Es war nicht nötig, sich eigens dafür vom Stuhl zu erheben. In dem gerade mal zwölf Quadratmeter großen Personal-Aufenthaltsraum der örtlichen Polizeiinspektion, der kurzerhand zum Büro des Ermittlerduos aus der Landeshauptstadt umfunktioniert worden war, gab es keine andere Möglichkeit, als die zwei alten, wuchtigen Holztische direkt neben dem einzigen Fenster Tischfront an Tischfront aufzustellen. Wenigstens würde sie so von ihrem provisorischen Arbeitsplatz aus nicht mitbekommen, wenn Bergmann wieder einmal diese einschlägige Kontaktbörse im Internet besuchte. Wie neulich im Grazer Büro, als ihr Blick zufällig auf seinen Bildschirm gefallen war. Dass er auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung war, schloss Sandra aus. Allem Anschein nach zählte dieses Portal zu jenen, die in erster Linie sexuelle Kontakte vermittelten, und Bergmann war schließlich verheiratet. Arme Frau. Ob sie wusste, was ihr Mann so trieb? In Sandras Augen war ihr neuer Kollege ein ziemlicher Kotzbrocken. Darüber konnte auch sein passables Äußeres nicht hinwegtäuschen. Jedenfalls nicht sie.

»Von der Gerichtsmedizin wissen wir, dass Eva Kovacs wesentlich massivere Verletzungen erlitten hat, als wir es am Tatort und auf den Fotos erkennen konnten«, kommentierte sie das Protokoll in ihren Händen. »Die linke Niere war gequetscht, die Milz ruptiert. Hämatome waren praktisch überall, und sie hatte mehrere Frakturen: Nasenbeinbruch, drei gebrochene Rippen und der zertrümmerte Schädel – die Todesursache, wie wir schon vor Ort angenommen haben.«

»Wir?«, fragte Bergmann, während er die Spitze seines Bleistiftes prüfte. Sandras Wangen nahmen Farbe an. »Na, der Max«, sie räusperte sich, »der örtliche Inspektionskommandant Max Leitgeb, die Notärztin, Frau Doktor Sortsch, und ich«, klärte sie den Kollegen auf.

Bergmann drehte seinen Bleistift einige Male im Spitzer herum. Als ihm die Mine spitz genug zu sein schien, sah er über Sandra hinweg auf die weiße Magnettafel hinter ihrem Rücken, die wie alles hier – außer ihren Laptops und dem Drucker – aus dem letzten Jahrtausend stammte.

Aus dieser Distanz konnte er auf den Fotos nicht viel erkennen, wusste Sandra, höchstens, dass die nackte Frau, die darauf abgelichtet war, mausetot war. Sie wusste aber auch, dass er die Digitalbilder schon zuvor in Graz studiert hatte. Sie selbst hatte sie ihm gestern, an ihrem ersten Arbeitstag in St. Raphael, gemailt – nur ein paar Stunden, nachdem die tote Eva Kovacs aus Wien im Wald gleich hinter dem Gasthof ›Zur Goldenen Gans‹ entdeckt worden war. Sandra war umgehend nach dem Leichenfund in aller Herrgottsfrüh hierher aufgebrochen, während Bergmann in Graz auf die Tote und auf den einzigen Hinterbliebenen, Paul Kovacs, wartete, der seine verstorbene Ehefrau in der Gerichtsmedizin identifizieren sollte.

Dass sie diesmal ausgerechnet in ihrem Heimatdorf ermitteln musste, nervte Sandra. Von allen Einsatzorten auf der Welt, war der hier mit Abstand der unangenehmste für sie. Was hatte das Opfer bloß hierher verschlagen? Was suchte eine offenbar wohlhabende Frau in den besten Jahren in diesem gottverlassenen Kaff? Und wieso hatte sich die Kovacs nicht in einem dieser angesagten Wellness- und Beautytempel in der oststeirischen Thermenregion einquartiert?

Wenn sich schon Gäste nach St. Raphael verirrten, so waren es doch vor allem ältere, Ruhe suchende Leute, die hier ihre Sommerfrische genossen. Oder Wintersportler, die untertags die nahe gelegene Skiregion Kreischberg und – nach dem Après-Ski – die Straßen der Umgebung unsicher machten. Viele der Besucher waren schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten Stammgäste und kamen in privaten Zimmern und Ferienwohnungen in der Umgebung unter. Oder eben im einzigen Gasthof des Ortes, ›Zur Goldenen Gans‹, den Maria Oberhauser vulgo Mizzi gemeinsam mit ihrem Sohn, dem Michl, führte.

Eva Kovacs hatte vor zwei Tagen, am Nachmittag des 14. September, bei der Mizzi eingecheckt. Die blonde Dame – laut Auskunft der Wirtin ›a typische Weanerin‹, was in deren Augen nichts Gutes zu bedeuten hatte – war zum ersten Mal hier aufgetaucht. Allein. Und nur für eine Nacht. Dennoch hatte es ein Doppelzimmer sein müssen. In schmalen Einzelbetten könne sie kein Auge zu tun, hatte sie der Mizzi erklärt. Und dass sie auf der Durchreise sei. Wohin sie unterwegs war, hatte die Dame aus der fernen Bundeshauptstadt jedoch nicht erwähnt.

Oberflächlich betrachtet war die kleine Ortschaft, in der die Fremde gelandet war, ein beschauliches Plätzchen. Die wenigen Häuser, die ins satte Grün der hügeligen Landschaft mit den angrenzenden Nadelwäldern eingebettet waren, wirkten allesamt gepflegt. Die frisch gefärbten Fassaden strahlten in kräftigem Gelb, zartem Pistaziengrün oder hellem Altrosa um die Wette. Die Fenster waren spiegelblank geputzt, die Holzbalkone und Vorgärten mit üppig blühenden Blumen geschmückt. Und die saubere Luft wirkte wie Balsam für feinstaubgeplagte Städterlungen. Doch Sandra war nicht grundlos vor fast 13 Jahren aus dieser ländlichen Idylle geflüchtet.

Was also hatte jemand wie Eva Kovacs in St. Raphael gewollt? War sie wirklich nur auf der Durchreise gewesen? Beruflich oder privat? Ohne ihren Ehemann? Ganz offensichtlich hatte die Dame nicht zu jenen Tagesausflüglern gezählt, die um diese Jahreszeit durch die Wälder streiften, um nach Eierschwammerln oder Herrenpilzen zu suchen, mutmaßte Sandra. Weder im funkelnagelneuen BMW noch im Zimmer der Toten hatte sich geeignetes Schuhwerk für einen Spaziergang durch die steirischen Wälder befunden. Mizzis einziger Hausgast wäre mit ihrer ausschließlich hochhackigen Schuhkollektion nicht sehr weit gekommen, ohne sich zumindest den Knöchel zu verstauchen. Eine Sprunggelenksverletzung war jedoch eine der wenigen Blessuren, die an der Leiche des Opfers nicht diagnostiziert worden war. »Der Täter hat mehrmals auf sie eingetreten und sie anschließend mit einem Fichtenast erschlagen. Todeszeitpunkt zwischen zwei und drei Uhr 30 morgens. In der Kopfwunde haben sich Spuren von Fichtenrinde befunden. Die Tatwaffe selbst ist allerdings noch nicht aufgetaucht. Obwohl die Spurensicherung den Tatort im Umkreis von etwa zwei Kilometern abgesucht hat«, berichtete Sandra weiter.

»Heimtückisch, so ein Fichtenwald«, merkte Bergmann an, »viel zu viele Fichten.«

Sollte das etwa witzig sein? Idiot! Sandra atmete tief durch. An seinen seltsamen Humor würde sie sich niemals gewöhnen. Aber aus der Fassung konnte er sie damit auch nicht bringen. »Der Täter muss sehr kräftig sein. Oder er war ziemlich wütend«, fuhr sie fort.

»Oder beides.«

Sandra schickte Bergmann einen grimmigen Blick hinüber, den er noch nicht einmal bemerkte. Stattdessen starrte er auf den Bericht und schien darauf zu warten, dass sie weitersprach.

»Wie es aussieht, hat er sie vom Gasthof hinüber in den Wald gejagt. Sie war wohl schon zu diesem Zeitpunkt nackt. Es wurden keine Kleidungsstücke am oder rund um den Tatort gefunden.«

»Die könnte der Täter ja auch nach der Tat mitgenommen haben.«

»Wäre möglich. In jedem Fall aber war sie barfuß im Wald unterwegs. Ihre Fußsohlen sind ziemlich lädiert. Außerdem hat die Spurensicherung neben den Abdrücken des Schäferhundes und der Schuhe des Herrchens, die beim Morgenspaziergang quasi über die Leiche gestolpert sind, zwei weitere gefunden: die Fußabdrücke des Opfers und das Schuhprofil des mutmaßlichen Täters. Er trug Laufschuhe der Marke Nike. Vorjahresmodell, US-Größe 9,5 – das entspricht in etwa einer 43 – ein bisschen größer.«

»Die werden wohl einige Male über den Ladentisch gegangen sein.« Bergmann rollte mit dem klapprigen Bürostuhl zurück und hievte seine Füße, die in Nikes steckten, auf die Tischplatte. »Größe neuneinhalb, bitte sehr.«

»Und? Soll ich dich jetzt gleich festnehmen?«, meinte Sandra trocken.

Bergmann lachte. »Hey, du kannst ja richtig witzig sein.«

»Und du kannst deine...