Therapie mit psychoaktiven Substanzen - Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA

von: Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold (Hrsg.)

Hogrefe Verlag Bern (ehemals Hans Huber), 2008

ISBN: 9783456946061 , 425 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 43,99 EUR

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Therapie mit psychoaktiven Substanzen - Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA


 

Konkret treffen wir diese Kategorienvermengung z.B. in der „Verwechslung“, Gleichsetzung von „göttlichem Eros“ als divinem(!) Synthesewirker des Kosmos im Sinne von Sokrates mit der „irdischen“ Liebe in ihrem positiven, wertschätzenden, achtenden, verehrenden, ihren wachstumsfördernden und pflegenden (Mutterliebe, therapeutische Liebe, Tierliebe, Naturliebe) und ihren zur leidenschaftlichen Verbindung drängenden (in diesem Sinne erotischen, nach Freud sexuellen) Austragungsweisen. Ähnliches geschieht in der religiös-erotischen Mystik: Jesus wird zum auch zoenaesthetisch erlebten Liebespartner. Voran geht die Hereinnahme der Gottheit in die irdische Welt durch ihre Inkarnation als Mensch (Krishna, Jesus). Das ist nicht Immanenz der Transzendenz, sondern „Materialisierung“ der Gottheit. Manche „Therapeuten“ und Meditationslehrer wandelten sich zum grenzüberschreitenden Liebesbeglücker, die als destruktive Triebagenten ihre sexuelle Performanz als Liebesgabe an ihre Klienten beschönigen – und dabei das helfende, unterstützende, wachstumsund wandlungsfördernde Dienen als Therapeut versäumen. Mutter Theresa, die allen Bedürftigen half, erscheint mir als Beispiel, wie das kleine Ego (so tüchtig und damit auch „eigensinnig“ es sein mochte) der Helferin in der Nachfolge des Christus sotér (der Heiland als Retter) und des Christus crucifixus (der leidende Christus) in jedem Menschen Christi Antlitz „sah“ und ihr ichhaftes Handeln diesem Größeren einordnete: es braucht nicht die hyperbolische Rede vom Ich-Tod, sondern es braucht die bescheidene Selbstrelativierung des Ich. Die lebte sie vor und die ist auch für Therapeuten vorbildlich. Die schon lange vor Freud gängige Einsicht, dass das Bewusste nur eine kleine Insel in einem Meer des Unbewussten sei, geriet mit der Psychoanalyse Freuds in den Hintergrund. Seither ist das Unbewusste zu einer Instanz ontologisiert worden und (grob gesagt) zur Müllkippe verkommen: da wird hineingeworfen, was dem Bewusstsein unbequem oder verpönt ist und was der Interpret dort hinein projiziert. Unter dem Einfluss eines Zensors (die animistische Figur des Wächters passt zu solcher Psychomythologie) wird im Traum und im Wachen verboten, verlegt, abgeschoben, umgeformt, unterdrückt, abgespalten. Das kostbare Potenzial des Unbewussten als Medium des Menschengemeinsamen, des Kreativen, der Inspiration, des ich-überschreitenden Denkens geriet wie an den Rand. In der Gegenbewegung (wie immer motiviert) hatte Jung im Rückgriff auf vorfreudianische Konzepte des Unbewussten (Carus, Schopenhauer, Nietzsche, Hartmann) eine Aufwertung des Unbewussten angestrebt. Da ging Jung so weit, dass schließlich „sein“ Unbewusstes zu einem divinen Numen wurde, das aber gleichwohl in seiner Psychologie als „empirisch“ beforschbar galt und zum Universalschlüssel der Psyche in gesunden und kranken Zeiten, in niedrigen und hohen Manifestationen wurde.

Bei der Begleitung von todkranken Menschen in den Sterbeprozess, besonders der Vorbereitung des progredienten Loslassens von allem, woran der Mensch im Leben gehangen hat, kann die erweiterte Perspektive psycholytischer Erfahrung das Sich-darein-geben in das unaufhaltsame Geschehen in Friede, Ruhe, Gelassenheit helfen. In dieser Thanatopompos-Funktion (Sterbebegleiter) treffen sich Psychotherapeut und Seelsorger. Sie sehen: dieses Buch ist fruchtbar, es gibt eine breite Übersicht über den Status praesens in Therapie und Forschung und regt viele weitere Fragen an. Was kann der Leser mehr als den Autoren dafür danken – und weiter denken? Nachsinnen über „Seelenheilkunde“ heißt, über das intraund interpersonelle Geschehen der Therapie, über Patienten, über Therapeuten, eben über den Menschen überhaupt denken. Und: Denken ist schön, Fragen schöner als Antworten weil jene öffnen, diese schließen.
Christian Scharfetter Zürich, Januar 2008

Die Professionalisierung Substanz-unterstützter Psychotherapie (SPT)
Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres

Ein Neuanfang

Eine verantwortliche Therapie mit LSD, Psilocybin oder MDMA (sowie ähnlichen psychoaktiven Substanzen) ist möglich und gut begründbar. Dieses „Territorium“ sollte therapeutisch, wissenschaftlich und kulturell neu und es sollte kritisch besetzt werden. Eine solche Psychotherapie hat großes komplementärmedizinisches Potenzial. Die Substanz-unterstützte Psychotherapie (SPT) hat gute Voraussetzungen für einen solchen Neuanfang. Sie bietet originelle, therapeutisch vielversprechende, kulturell und philosophisch interessante Behandlungsansätze. Sie hat Protagonisten vorzuweisen, die sich mit den Standards der modernen Psychotherapieund Arzneimittelforschung auseinandersetzen. Mehrere hundert seriöse Publikationen aus den vergangenen fünf Jahrzehnten aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Psychotherapieforschung, Neurobiologie, Religionswissenschaft und Suchtmedizin legen ein Fundament für zukünftige, methodisch erneuerte Studien über ihre Wirksamkeit und die praktisch bedeutsamen Prozessmerkmale. Substanz-unterstützte Psychotherapie ist bei Beachtung der in diesem Band beschriebenen Regeln hinreichend sicher. Und sie ist – nebenbei ein interessantes Thema für Fachleute in der Drogenregulation und eine breitere Öffentlichkeit.

Der im Rahmen von Psychotherapie mögliche integrative und verantwortliche Gebrauch psychoaktiver Substanzen wie LSD oder MDMA ist auch politisch lehrreich, denn er zeigt deutlich den Einfluss einer verantwortungsvollen sozialen Umgebung – und dies kann kontrastiert werden mit dem nicht-supervidierten, experimentellen und hedonistischen Gebrauch solcher Substanzen. Diese Möglichkeit eines verantwortlichen Gebrauchs demonstriert damit auch, wie stark sich die drogenpolitische Diskussion der vergangenen Jahre auf suchtmedizinische und neurobiologische Aspekte reduziert hat, anstatt nach neuen und effektiveren sozialen Regulationsmöglichkeiten Ausschau zu halten.