Bullet Schach

Bullet Schach

von: Ben Bauhaus

LYX, 2015

ISBN: 9783802598524 , 416 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Bullet Schach


 

1


Während ich die wenigen Stufen zur Haustür hinaufstieg, konnte ich zwei Gestalten erkennen, die aus dem Hinterhof in die Tordurchfahrt und auf mich zu traten. Ihre Umrisse wurden von der gleißenden Sonne im Hof scharf gezeichnet, aber in ihren gesichtslosen Silhouetten konnte ich unschwer einen Mann und eine Frau erkennen. Ohne die beiden weiter zu beachten, steckte ich den Schlüssel ins Schloss.

Es war der Mann, der mich ansprach.

»Johannes Thiebeck?«

Diese Stimme erkannte ich sofort, und mit ärgerlich verzogenem Gesicht blaffte ich die Frau an: »Was soll der Scheiß, Jana?« Den Kerl ignorierte ich.

Trotzdem war er es, der weiter mit mir redete.

»Herr Thiebeck, Sie erinnern sich sicherlich an mich. Mein Name ist Kriminalhauptkommissar Mirko Densch von der Mordkommission. Meine Kollegin Frau Kleidermann kennen Sie ja. Wir müssten Ihnen ein paar Fragen stellen, Herr Thiebeck.«

Ich schloss auf und trat in das kühle Treppenhaus. Bevor die Tür zuschwingen konnte, folgten mir die beiden Kommissare und gingen hinter mir die Treppe hinauf.

»Wäre es Ihnen lieber, wenn wir Sie mit aufs Präsidium nähmen?«

Ich drehte mich ruckartig um. Densch stand zwei Stufen tiefer und zuckte erschrocken zusammen. Nicht nur, dass ich ihn um fast zwanzig Zentimeter überragte und seine Körpermasse um knappe dreißig Kilo übertraf, jetzt stand ich auch noch höher als er und sah auf ihn herab. Er schluckte.

Ich ließ mir meine Befriedigung nicht anmerken und sagte grollend: »Lassen Sie das Theater, Densch. Ich nehme Sie mit hoch, biete Ihnen und Jana einen Kaffee an, oder Tee, falls Ihr Kreislauf kein Koffein verträgt, und gebe Ihnen fünf Minuten. Dann schmeiße ich Sie raus. Bis dahin verzichten wir auf den Klamauk, in Ordnung?«

Densch starrte mich an. Ich nickte, und wir gingen hoch. Gemeinsam, schweigend, hintereinander.

Oben betraten wir meine Wohnung. Mit einem Nicken deutete ich in Richtung der sonnendurchfluteten Küche, deren Tür weit offen stand. Ich folgte den beiden, und während sie sich auf zwei der Küchenstühle setzten, machte ich mich daran, den Kaffeeautomaten zu bestücken. Nacheinander holte ich drei große Kaffeetassen aus dem Regal und schüttete neue Bohnen in die Maschine.

»Wo waren Sie gestern zwischen zehn und zwölf Uhr abends, Herr Thiebeck?« Densch hatte offenbar nicht vor, den formellen Quatsch zu lassen.

Ich hatte keine Ahnung, warum die beiden hier waren, und noch weniger verstand ich, warum Jana nicht allein gekommen war. Sie hätte mir den Idioten vom Hals halten müssen, das wäre sie mir nach unserer gemeinsamen Zeit schuldig gewesen.

Ich betrachtete Densch, der am Tisch saß und die Hände gefaltet hatte, als würde er beten. Er hatte lockiges Haar, das bereits schütter zu werden drohte – anders als meine eigenen, immer noch dichten Haare, die ich halblang trug. Jana hatte mich öfter gedrängt, sie mir kurz schneiden zu lassen.

»Die werden langsam grau«, hatte sie gesagt. »Das sähe toll aus, kurz. Jetzt siehst du aus wie ein Zuhälter aus Moa-
bit.«

»Zuhälter ist gut. Das nehme ich«, hatte ich damals geantwortet.

Das Mahlwerk des Automaten dröhnte. Ich schüttete Kekse aus einer Tüte auf einen Teller und reichte ihn Jana. Mit einem Lächeln strich sie sich die glatten, blonden Haare aus dem Gesicht und stellte den Teller auf den Tisch.

»Gebäck. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, Herr Thiebeck.«

Ich ignorierte Denschs Spitze und starrte hinaus auf den betonierten Hinterhof, den jede Menge Risse durchzogen, als hätte ihn jemand aus großer Höhe in den Wedding geworfen. Mein Fenster wurde von dichten Kletterpflanzen umrahmt, die mit ihrem satten Grün einen Gegensatz zu der Betonwüste unten bildeten. Zusammen mit dem direkten Sonnenlicht machten sie die Küche zu einem der behaglichsten Plätze in einer ansonsten spartanisch eingerichteten Wohnung. Jana hatte es früher geliebt, hier zu sitzen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie bei mir zu Hause gewesen war. Es musste auch für sie komisch sein, jetzt hier zusammen mit Densch als Ermittlerpärchen zu sitzen.

»Noch mal: Wo waren Sie gestern zwischen zehn und zwölf Uhr abends, Herr Thiebeck?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Wo ist Ihr Auto?«

Ich runzelte die Stirn. Langsam verwandelte sich mein Ärger in Sorge. Densch kam mir vor wie ein Gegner in einer meiner zahlreichen Schachpartien, die ich online spielte. Einer, der sich langsam, aber bestimmt in einer Eröffnung vortastete, die ich unruhig zu lesen versuchte, um zu verstehen, wo genau der eigentliche Angriff erfolgen wird.

»Sie wissen doch, dass ich es als gestohlen gemeldet habe, Densch.« An Jana gewandt fügte ich hinzu: »Warum interessiert sich die Mordkommission für mein gestohlenes Auto?«

»Sagen Sie es uns.«

»Mann, Densch, Sie können es nicht lassen, oder?« Ruhiger fragte ich: »Was ist mit meiner Karre?«

Jana antwortete: »Wir haben deinen Wagen gefunden.«

»Sie haben das Fahrzeug vor drei Tagen abends um halb sechs als gestohlen gemeldet, richtig?« Densch sah in seine Aufzeichnungen.

»Richtig. Es ist unten an der Flughafenstraße in Neukölln geklaut worden.«

Densch nickte, das stimmte offenbar mit seinen Angaben überein. Er blätterte mehrere Zettel seines Notizblocks vor und zurück. Ich seufzte und setzte mich auf den freien Stuhl am Kopfende, stützte die Ellbogen auf den Tisch und rieb mir mit beiden Händen übers Gesicht. Durch die Finger sagte ich: »Und wenn ihr zwei Hübschen jetzt hier bei mir sitzt, heißt das messerscharf gefolgert, dass jemand gestorben ist, korrekt? Und dass das irgendwas mit meinem Wagen zu tun hat.« Ich ließ die Arme sinken. »Wer ist es?«

»Gestern zwischen zehn und zwölf? Wo waren Sie da?«

»Der Kerl geht mir echt auf die Eier, Jana.«

»Beantworte einfach seine Frage, Johnny.«

Ich zögerte. Die Tatsache, dass Jana das Ganze offenbar ebenfalls ernst nahm, verunsicherte mich. Normalerweise nannte sie mich nicht Johnny. Damit wollte sie mir vermutlich klarmachen, dass sie sich nicht vollständig auf der Gegenseite befand. Was immer das heißen mochte. Ihre verkrampfte Haltung dort am Tisch zeigte mir, wie gerne sie jetzt woanders gewesen wäre.

Ich sah sie einen Augenblick lang an und traf dann eine Entscheidung. Für den Moment würde ich ihr Spiel mitspielen, egal wie absurd es mir erschien. »Im Box-Gym, beim Training.«

»Um die Uhrzeit? Ach richtig, Sie gehen ja keiner geregelten Arbeit mehr nach.«

Ich ignorierte den Hieb unter die Gürtellinie und zuckte mit den Schultern. »Fragen Sie meinen Partner, meinen Coach und noch ein halbes Dutzend anderer Kerle. Wir sind um zehn vor zwölf oder so aus dem Gym weg. Das heißt, bis auf die paar Minuten vor Mitternacht habe ich ein Alibi.«

»Sagt Ihnen der Name David Kierran etwas?« Densch sprach den Nachnamen englisch aus, er führte weiterhin durch die Befragung.

War Jana bloß mitgekommen, um zu verhindern, dass Densch und ich uns an die Gurgel gingen? Ich verdrängte den Gedanken.

»Ist das der Tote? Kierran? Wie ist er gestorben?«

»Beantworten Sie einfach die Frage, in Ordnung?«

Ich seufzte. »Nein, der Name David Kierran sagt mir nichts. Nie gehört von dem Mann. Wo haben Sie den Wagen gefunden?« Mein Tonfall wurde dunkler, grollender. Viel von meiner ohnehin sparsamen Geduld war nicht mehr übrig. Jana kannte meine kurze Leitung, sie hatte oft genug unter meinem Temperament zu leiden gehabt.

»In Treptow. Direkt am Park, in der Nähe des Sowjetischen Ehrenmals.«

Ich stand auf und sah nach dem Kaffee. Wechselte die Tasse aus, blieb neben der Maschine stehen. Nach und nach stellte ich die drei Kaffees auf den Tisch. Jana bedankte sich, Densch ignorierte seine Tasse. Mit intensivem Blick musterte er weiter mein Gesicht, als könnte er mich auf diese Weise zu einer unüberlegten Äußerung veranlassen, die seinen Fall möglichst schnell abschloss. Ich setzte mich wieder. Jana beobachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen, wartete ebenfalls auf eine Reaktion.

Ich schüttelte unwillig den Kopf. »Die Sache mit dem Wagen hat von Anfang an keinen Sinn gemacht. Ich meine, das ist ein uralter Ford, den klaut keiner. Jedenfalls keiner, der nicht Gelegenheit gehabt hat, unter die Haube zu schauen.«

Jana nickte. Sie kannte meine Faszination für das Schrauben an Autos. Zusammen mit Robert, dem Maschinenbauer aus dem Hinterhaus, hatte ich endlose Stunden unter, in und über der Karre verbracht.

»Was genau meinen Sie?« Densch warf seiner Kollegin einen irritierten Blick zu. Er verstand den stummen Dialog zwischen uns nicht.

»Das Auto sieht nach nichts aus. Nach einer alten Kiste, ein 74er Ford Granada. Aber wer Bescheid weiß, wer eine Ahnung davon hat, was ich mit dem Wagen alles gemacht habe … der weiß, was er wert ist.«

Densch schien endlich zu verstehen. »Sie haben sich Sorgen gemacht, dass Sie den Täter kennen? Den, der das Fahrzeug entwendet hat?«

Ich nickte. »Wenn Sie mir jetzt erzählen, dass da jemand drin gestorben ist, ergibt das Ganze plötzlich einen Sinn. Für einen Mord ist scheißegal, wie die Karre aussieht. Oder wie schnell sie noch fährt. Da ist bloß wichtig, dass man sie fix aufbekommt.« Ich sah Densch an. »Kierran … was war das für ein Kerl?«

Densch zögerte. Er schien zu überlegen, ob er überhaupt antworten sollte. Dann sah er Jana an. Diesmal raffte ich den wortlosen Austausch...