New York 1999 - Roman

von: Harry Harrison

Heyne, 2014

ISBN: 9783641126810

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Mac OSX,Windows PC für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 5,99 EUR

Mehr zum Inhalt

New York 1999 - Roman


 

1


 

Die Augustsonne stach durch das offene Fenster und brannte auf Andrew Ruschs nackte Beine, bis ihn der Schmerz aus den Tiefen betäubten Schlafes hochzerrte. Langsam nur kam ihm die Hitze zum Bewusstsein, das feuchte, raue Laken unter seinem Körper. Er rieb sich die verklebten Lider, starrte zur rissigen, fleckigen Decke hinauf, war nur halb wach und fand sich nicht zurecht, wusste in den ersten Augenblicken des Erwachens nicht, wo er war, obwohl er schon seit über sieben Jahren in diesem Zimmer hauste. Er gähnte, und das seltsame Gefühl der Fremdheit verschwand, während er nach der Uhr tastete, die er immer auf den Stuhl neben dem Bett legte, gähnte wieder und betrachtete blinzelnd die hinter dem zerkratzten Glas verschwommen sichtbaren Zeiger. Sieben. Sieben Uhr früh, und in dem kleinen Fenster stand eine ›9‹. Montag, neunter August 1999 – und schon jetzt heiß wie in einem Schmelzofen. Die Hitzewelle sengte und erstickte New York nun schon seit zehn Tagen. Andy kratzte sich an der Hüfte, zog die Beine aus der Sonne und knüllte das Kissen unter dem Kopf zusammen. Von der anderen Seite der dünnen Trennwand, die den Raum in zwei Hälften teilte, drang ein rasselndes Surren herüber, das sich schnell zu schrillem Heulen steigerte.

»Morgen«, schrie er hinüber und begann zu husten. Hustend und widerwillig stand er auf, ging durchs Zimmer, um aus der Wandzisterne ein Glas mit Wasser zu füllen. Es rann dünn und bräunlich. Er trank, klopfte mit den Knöcheln an die Skala und sah den Zeiger nahe der Leermarke auf- und niederhüpfen. Der Tank musste aufgefüllt werden, darum hatte er sich zu kümmern, bevor er um vier Uhr im Polizeirevier seinen Dienst antrat. Der Tag hatte begonnen.

Am großen Kleiderschrank war ein Wandspiegel angebracht, den ein langer Riss durchlief. Er schob sein Gesicht nah heran und rieb sich das stopplige Kinn. Bevor er zum Dienst ging, würde er sich rasieren müssen. Eigentlich sollte sich niemand am Morgen betrachten müssen, nackt und bloß, entschied er angeekelt und prüfte missbilligend das tote Weiß seiner Haut und die leichte O-Form der Beine, die nicht auffiel, wenn er eine Hose trug. Und wie brachte er es bloß fertig, dass einerseits seine Rippen wie bei einem verhungerten Pferd hervorragten und andererseits sein Bauch immer auffälliger wurde – beides gleichzeitig? Er knetete das weiche Fleisch und sagte sich, dass es wohl an der stärkereichen Nahrung lag; daran und an der Tatsache, dass er die meiste Zeit herumsaß. Nur sein Gesicht ließ keinen Fettansatz erkennen. Seine Stirn wurde mit jedem Jahr höher, aber das fiel nicht so sehr auf, solange er das Haar kurzgeschoren trug. Gerade bist du dreißig geworden, dachte er, und schon zeigen sich Fältchen um die Augen. Und deine Nase ist zu groß – war es nicht Onkel Brian, der immer behauptete, die verdanken wir unseren walisischen Vorfahren? Und deine Zähne sind ein bisschen zu auffällig. Wenn du lächelst, siehst du fast einer Hyäne ähnlich. Du bist ein gutaussehender Kerl, Andy Rusch – wann hattest du dein letztes Rendezvous? Er starrte sich finster an und holte sich ein Taschentuch, um sich die eindrucksvolle walisische Nase zu schnäuzen.

In der Schublade lag nur noch eine frische Unterhose. Er zog sie an. Er durfte heute nicht vergessen, ein paar Sachen zu waschen. Das winselnde Heulen drang noch immer durch die Trennwand herüber. Er öffnete die Verbindungstür.

»Du holst dir noch einen Herzinfarkt, Sol«, sagte er zu dem grauhaarigen Mann, der auf einem aufgebockten Fahrrad ohne Räder hockte und so eifrig in die Pedale trat, dass ihm der Schweiß über die Brust und in das Handtuch lief, das er um die Hüften geknotet hatte.

»Herzinfarkt nie«, keuchte Solomon Kahn, wie ein Wilder tretend. »Ich mache das jeden Tag und schon so lange, dass meinem Herzen etwas fehlen würde, ließ ich es mal ausfallen. Und kein Kalk in den Arterien, weil sie regelmäßig mit Alkohol gespült werden. Und kein Lungenkrebs, weil ich mir das Rauchen nicht leisten könnte, selbst wenn ich wollte, was nicht der Fall ist. Und mit fünfundsiebzig keine Prostatitis, weil …«

»Sol, bitte – erspar mir die schrecklichen Einzelheiten auf leeren Magen. Hast du einen Eiswürfel für mich übrig?«

»Nimm zwei – es ist heiß. Und lass die Tür nicht zu lange auf.«

Andy öffnete den kleinen Kühlschrank an der Wand und nahm schnell die Margarinedose aus Plastik heraus, ließ zwei Eiswürfel in ein Glas fallen und warf die Tür zu. Er füllte das Glas mit Wasser aus dem Wandtank und stellte es auf den Tisch neben die Margarine.

»Hast du schon gegessen?«, fragte er.

»Ich leiste dir Gesellschaft, die Batterien müssten ja jetzt aufgeladen sein.«

Sol hörte auf zu treten, das Heulen sank zu einem Summen herab und verstummte. Er löste die Kabel von dem Generator, der an die Hinterachse des Zweirads angeschlossen war und rollte sie neben den vier auf dem Kühlschrank stehenden Autobatterien sorgfältig zusammen. Nachdem er sich die Hände an dem Handtuch abgewischt hatte, zog er einen der aus einem alten Ford, Baujahr 1975, geretteten Schalensitze heran und setzte sich Andy gegenüber an den Tisch.

»Ich habe die Sechs-Uhr-Nachrichten gehört«, sagte er. »Die Senioren organisieren heute schon wieder einen Protestmarsch zur Fürsorgezentrale. Da kannst du Herzinfarkte sehen!«

»Gott sei Dank ich nicht. Ich fange erst um vier an, und der Union Square gehört nicht zu unserem Bezirk.« Er öffnete die Brotdose und nahm einen der kleinen, roten Kekse heraus, bevor er die Dose zu Sol hinüberschob. Er bestrich ihn dünn mit Margarine, biss hinein und rümpfte die Nase, während er kaute. »Ich glaube, die Margarine ist ranzig.«

»Wie kannst du das beurteilen?«, knurrte Sol und biss in einen der trockenen Kekse. »Was aus Motoröl und Walspeck gemacht wird, ist von Anfang an ranzig.«

»Du redest wie ein Naturalist«, meinte Andy, während er den Keks mit kaltem Wasser hinunterspülte. »Fette aus Petro-Chemikalien haben praktisch keinen Geschmack, und dass es keine Wale mehr gibt, weißt du, also können sie keinen Walspeck verwenden – das ist einfach gutes Chlorella-Öl.«

»Wale, Plankton, Heringsfett, alles gleich. Schmeckt nach Fisch. Ich esse meine Portion trocken, damit mir keine Flossen wachsen.« Als plötzlich im Stakkato an die Tür geklopft wurde, stöhnte er. »Noch nicht acht Uhr, und schon belästigen sie dich.«

»Kann ja alles mögliche sein«, sagte Andy, auf dem Weg zur Tür.

»Kann schon, ist aber nicht. So klopft nur der Bote, das weißt du genauso gut wie ich. Wetten? Siehst du?« Er nickte düster, als Andy die Tür aufsperrte und sie den hageren, barfüßigen Botenjungen im dunklen Korridor stehen sahen.

»Was willst du, Woody?«, fragte Andy.

»Isch will gar nischt«, lispelte Woody. Er war Anfang Zwanzig, hatte aber keinen einzigen Zahn mehr. »Lieutenant schagt, bring, und isch bring.« Er gab Andy die Mitteilungstafel, auf deren Außenseite sein Name stand.

Andy wandte sich dem Licht zu, klappte sie auf, überflog das steile Gekritzel des Lieutenants auf dem Schiefer, nahm die Kreide, malte seine Initiale darunter und gab dem Boten die Tafel zurück. Er schloss die Tür hinter ihm und setzte sich stirnrunzelnd wieder an den Tisch.

»Schau mich nicht so an«, sagte Sol. »Von mir stammt die Mitteilung nicht. Tippe ich falsch, wenn ich rate, dass sie nicht gerade erfreulich ist?«

»Es sind die Senioren. – Der Union Square ist schon überfüllt, und sie brauchen Verstärkung.«

»Aber warum dich? Das scheint doch etwas für die Koppelburschen zu sein.«

»Koppelburschen! Wo hast du denn das wieder her. Natürlich brauchen sie für die Massen uniformierte Beamte, aber sie setzen auch Kriminalpolizisten ein, die auf bekannte Agitatoren, Taschendiebe und sonstige Gauner achten sollen. Das wird eine Katastrophe heute im Park. Ich muss mich um neun Uhr melden, also kann ich vorher noch Wasser holen.«

Andy zog langsam seine lange Hose und ein weites Sporthemd an und stellte einen Topf voll Wasser auf das Fensterbrett, um es in der Sonne aufzuwärmen. Er nahm die beiden Zwanzig-Liter-Kanister aus Kunststoff mit, und als er das Zimmer verließ, sah Sol vom Fernsehgerät auf, über seine altmodische Brille hinwegblickend.

»Wenn du das Wasser bringst, mach ich dir was zu trinken – oder ist es noch zu früh?«

»So wie ich mich heute fühle, ganz bestimmt nicht.«

Der Korridor war tintenschwarz, als die Tür hinter ihm zugefallen war, und er tastete sich vorsichtig an der Wand entlang zur Treppe vor, fluchend und beinahe zu Boden stürzend, als er über einen Abfallhaufen stolperte, den jemand dort hingekippt hatte. Zwei Treppen tiefer hatte man ein Fenster in die Wand gebrochen, und das ließ genug Licht herein, dass er die letzten beiden Treppen hinunterfand. Nach dem klammen Treppenhaus überfiel ihn die Hitze der Dreiundzwanzigsten Straße, ein stickiges Miasma aus Fäulnis, Schmutz und ungewaschener Menschheit. Er musste sich zwischen den Frauen hindurchzwängen, die sich schon auf der Vortreppe drängten, und aufpassen, dass er nicht auf die Kinder trat, die unten spielten. Der Bürgersteig lag noch im Schatten, war aber so überfüllt, dass er auf der Fahrbahn ging, in gehörigem Abstand vom Randstein, um den aufgetürmten Abfallhaufen auszuweichen. Die tagelange Hitze hatte den Teer derart aufgeweicht, dass er unter seinen Füßen nachgab, um sich dann an seinen Sohlen festzusaugen. Vor der roten Säule der Wasserausgabe an der Ecke Seventh Avenue stand die übliche Menschenschlange, die sich aber unter wütenden Rufen und geschwungenen Fäusten zerstreute, als er sie erreichte. Murrend zogen sich die...