Gedächtnistraining: Die Routenmethode

von: Christiane Stenger

Campus Verlag, 2014

ISBN: 9783593428970 , 53 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 3,99 EUR

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Gedächtnistraining: Die Routenmethode


 

Wie können Sie Ihr Gedächtnis trainieren?
Der Begriff Mnemotechnik (Gedächtniskunst) kommt von der griechischen Göttin Mnemosyne, der Göttin des Gedächtnisses. Die Griechen machten das Phänomen der Erinnerungsfähigkeit durch die Personifizierung greifbar und verständlicher. Aristoteles ist, soweit wir heute wissen, der erste Philosoph, der sich mit dem Phänomen des Denkens und damit auch mit dem Gedächtnis auseinander gesetzt hat. In seiner Schrift 'Über die Seele' stellte er fest, dass man nicht ohne Bilder denken könne. Seitdem haben sich immer wieder Menschen mit diesem Thema beschäftigt.
Die Routen- oder so genannte Loci-Methode (locus lat. Ort) wurde der Überlieferung nach kurz nach Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus vom griechischen Dichter Simonides von Keos entwickelt, der selbst auch ein großer Gedächtniskünstler gewesen sein soll. Diese Methode bedient sich räumlicher Fixpunkte zum Memorieren und wurde vor allem von römischen Rhetorikern eingesetzt, wie zum Beispiel von Seneca, um in der Kunst der freien Rede zu brillieren. Augustinus (354 - 430 n. Chr.), Kirchenvater und der bedeutendste und letzte Erbe der antiken Philosophen, bezeichnete das Gedächtnis in seinen Bekenntnissen als einen Palast, dessen zahlreiche Räume mit Schätzen gefüllt sind, die es zu nutzen gilt.
Heute wissen wir, dass unser Gedächtnis nicht statisch ist, sondern sehr dynamisch, da es durch neue Erfahrungen ständig aktiviert und rekonstruiert wird. Aber es ist erstaunlich, wie genau die Technik der Routenmethode in der Antike bereits beschrieben worden ist. Einige Beispiele außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen sind durch den römischen Schriftsteller Plinius den Älteren überliefert. Neben König Cyrus, der alle Soldaten seines Heeres mit Namen kannte, führt Plinius auch Cineas an, einen Gesandten von König Pyrrhus, der nach nur einem Tag alle Edlen in Rom beim Namen nennen konnte.
Die Technik des Memorierens geriet jedoch wie viele Kenntnisse der Römer lange in Vergessenheit. Erst im 12. Jahrhundert stieß sie erneut auf Interesse, und in der Encyclopediana von Panckoucke aus dem Jahre 1791 sind erstmals wieder herausragende Gedächtnisleistungen benannt. So soll sich zum Beispiel der Jesuit Menestrier vor der Königin von Schweden dreihundert ungewöhnliche Worte gemerkt und wiedergeben haben.
Mittlerweile sind viele Gedächtnistechniken entwickelt worden, um unser Gehirn bei seiner Erinnerungsarbeit zu unterstützen. All diesen Techniken ist gemein, dass sie Verknüpfungen zwischen bekannten Fakten und neuen Daten herstellen und auf diese Weise die Gedächtnisfunktionen des Gehirns unterstützen. Denn durch die Ausgestaltung der Informationen werden dem Gehirn viel mehr Zugriffsmöglichkeiten auf die einzelnen Gedächtnisregionen angeboten, sodass die gewünschten Informationen über andere beteiligte Nervenverbindungen abgerufen werden können, wenn der direkte Weg einmal blockiert ist.
Sie erinnern sich sicherlich an Situationen, bei denen Ihnen etwas auf der Zunge liegt, Sie aber unfähig sind, den gewünschten Begriff oder Namen abzurufen und auszusprechen. Zum Beispiel fällt Ihnen der englische Begriff für Pampelmuse nicht ein. Erst wenn Sie versuchen, weitere Informationen mit dem gesuchten Gegenstand - hier mit der Pampelmuse - in Verbindung zu bringen, indem Sie zum Beispiel an das gemütliche Frühstück im letzten Urlaub denken, bei dem Ihnen auf einem Glasteller eine köstliche Grapefruit - voilà - serviert wurde, kommt Ihnen das Wort mühelos wieder in den Sinn. Oder es taucht in dem Moment wieder auf, in dem Sie sich an den bitteren, herben Geschmack der Frucht erinnern.
Die zur Verfügung stehenden Gedächtnistechniken reichen von einfachen Systemen wie der bildhaften Umsetzung der ersten zehn Ziffern oder der Buchstaben des Alphabets bis zu anspruchsvollen Methoden, deren Erlernung intensiveres Training erfordert. Die einfachen Merksysteme sind vor allem geeignet, sich hin und wieder in Alltagssituationen etwas leichter merken zu können und Ihre Merkfähigkeit zu unterstützen. Wenn Sie dagegen Ihr Gedächtnis trainieren und langfristig davon profitieren wollen, dann müssen Sie - wie beim körperlichen Fitnesstraining - Zeit investieren und sich neben der Routenmethode auch dem Master-System zuwenden.
Im Folgenden werden Sie nun verschiedene Techniken kennen lernen und testen können. Welche Techniken Ihnen persönlich am meisten zusagen und welche Ihnen helfen, Assoziationen zu entwickeln und damit Ihren Merkprozess zu verbessern, müssen Sie einfach ausprobieren.
Einfache Merksysteme
Mit ?Eselsbrücken?, der einfachsten Form der Gedächtnishilfe, haben Sie sicherlich in Ihrer Schulzeit Bekanntschaft gemacht. Leider wurde lange Zeit eher der Eindruck vermittelt, dass das Nutzen solcher Eselsbrücken nur etwas für Dumme ist. Dabei zeugt es eigentlich nur von Intelligenz, wenn man Eselsbrücken entwickelt und anwendet, um einen Merkprozess zu vereinfachen und ein sicheres Abrufen der Information zu gewährleisten.
Werkzeuge einzusetzen, um sich das Erfüllen von Aufgaben zu erleichtern, ist ein Zeichen menschlicher Intelligenz, und nichts anderes als ein Werkzeug ist auch die Eselsbrücke. Das Werkzeug besteht hier aus der Erkenntnis, dass es beim Memorieren eine große Hilfe darstellt, wenn man neue Informationen mit bisher sicher im Langzeitgedächtnis abgespeichertem Wissen verknüpft. Für diesen Vorgang ist ?Brücke? wirklich ein zutreffendes Wort, denn eine Brücke verbindet zwei getrennte Ufer miteinander und ermöglicht neue Zugänge.
Beim Bilden von Eselsbrücken haben Sie jede Freiheit, Verknüpfungen zwischen verschiedenen Fakten herzustellen. Hierzu ist vor allem Fantasie erforderlich und etwas Disziplin, sie auch wirklich einzusetzen. Für viele Wissensfragen lassen sich mit etwas Übung intelligente Eselsbrücken finden. Zum Beispiel hier: 'Welche Elefanten haben die größeren Ohren, die Indischen oder die Afrikanischen?' Eine Frage, deren Beantwortung vielleicht nicht unbedingt zum Allgemeinwissen zählt, aber - wissen Sie's? Wenn nicht, dann ist die Beantwortung dieser Frage mithilfe einer kleinen Eselsbrücke für alle Zeiten kein Problem mehr: Die Elefanten mit den großen Ohren leben in Afrika, da der Kontinent bekanntlich größer ist als das Land Indien, wo somit die Elefanten mit den kleineren Ohren herumlaufen.
Besonderheiten bieten schon kleine Hilfen
Eine andere Form, die Erinnerung zu unterstützen ist es, die Anfangsbuchstaben der einzelnen Wörter eines Satzes zu nutzen, um sich leichter zu erinnern, zum Beispiel:
- 'Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten', um sich die Reihenfolge der um die Sonne kreisenden Planeten einzuprägen, also Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto (Sie merken, dieser Satz stammt aus der Zeit, als Pluto noch als Planet galt) oder
- 'Geh' du alter Esel', um sich die Töne der in Quarten vom G aus gestimmten Saiten der Geige zu merken oder
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- 'Geh' du alter Esel hole Fisch' für die Kreuz-Tonarten oder
- 'Frische Brötchen essen Astronauten des Gestirns' für die B-Tonarten.
Reime hatten früher eine viel größere Bedeutung im täglichen Leben als heute. So wurden zum Beispiel viele Lebensweisheiten von Generation zu Generation in gereimter Form weitergegeben. Auch Sprichwörter sind oft als Reime formuliert wie 'Erst besinn's, dann beginn's' oder 'Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert'. So werden Reime auch als Erinnerungshilfen verwendet. Diese Merkform, wenngleich nicht die einfachste, ist jedoch vermutlich die bekannteste Form der Eselsbrücke, denn kaum jemand wird in seiner Schulzeit an diesen Versen vorbeigekommen sein:
- Drei, drei, drei: bei Issos Keilerei.
- Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steigt sie hoch hinauf, im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen.
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- Iller, Lech, Isar, Inn fließen rechts zur Donau hin, Altmühl, Naab und Regen fließen ihr entgegen.
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Beim Reim wird das Abspeichern der Informationen durch die besondere Sprachform, die sich deutlich von der Umgangssprache abhebt, gefördert und auch durch den einfachen, gleichmäßigen Rhythmus der Verse akustisch unterstützt. Auch wenn es Ihnen nicht gelingen sollte, Reime zu finden, so ist es eine gute Übung, hin und wieder mit der Sprache zu spielen. Und allein der ernsthafte Versuch, einen Reim zu finden, wird schon dazu führen, dass Sie die betreffende Information besser in Erinnerung behalten.
Vermutlich passiert es Ihnen einmal ganz zufällig, dass Sie spontan im richtigen Moment reimen und erstaunt feststellen, dass es tatsächlich funktioniert.
Vor einiger Zeit meinte mein Vater, ich solle ihn bitte daran erinnern, dass er um drei Uhr noch eine Jazzprobe habe. Da er jedoch wusste, dass ich in solchen Dingen nicht ganz so zuverlässig bin, überlegte er, wie er sich diesen Termin auch selbst noch merken könnte. Er fand eine Lösung und als er pünktlich um viertel vor drei zum Gehen bereit an der Tür stand - ich hatte es tatsächlich vergessen -, meinte er grinsend zu mir: 'Quält bitterkalt uns Schnee und Eis, so fetzt der Jazz um drei sehr heiß.'
Denken Sie bei Ziffern zum Beispiel daran, dass man sich ein paar Zahlen auch leicht mit kleinen Eselsbrücken merken kann, indem Sie auf Besonderheiten achten wie bei den Nummern 22 32 23, 72 40 32 oder 14 7 17 89. Ist Ihnen bei diesen Zahlen etwas aufgefallen? Diese Zahlen fallen durch Spiegelung (der beiden letzten vier Ziffern), mathematischen Rechenvorgang (74 ? 40 = 32) beziehungsweise ein historisches Datum (14. 7. 1789, Sturm auf die Bastille) auf. Mit ein bisschen Übung können Sie einen Blick für solche Auffälligkeiten entwickeln und vielleicht auch Spaß daran finden Zusammenhänge zu entdecken. Geschichtsdaten werden Ihnen wahrscheinlich anfangs seltener in den Sinn kommen, aber Geburtstage oder andere persönliche Ereignisse vielleicht schon eher. Auch das ist nur eine Frage der Übung.
Oft hilft es auch, auf die Rhythmik einer Zahlenkombination zu achten und sie sich mehrmals rhythmisch betont hintereinander auf zusagen. Wenn Ihnen aber nicht sofort etwas Bekanntes ins Auge springt, sollten Sie nicht allzu viel Zeit darauf verwenden, solche Auffälligkeiten zu suchen, da dies oft vergebens ist.
Das Zahl-Reim-System
Beim Zahl-Reim-System wird jeder Ziffer zwischen null und neun ein möglichst treffendes Reimwort zugeordnet. Bevor Sie einen Blick auf meinen Vorschlag werfen, versuchen Sie zunächst selbst einmal, Reimwörter für jede der Zahlen von Null bis Neun zu finden. Im Allgemeinen eignen sich die Begriffe am besten, die einem spontan einfallen.
Auch hier kommt es vor allem darauf an, die Merkwörter möglichst mit eindrucksvollen Bildern zu verbinden, um später die Informationen wieder sicher abrufen zu können.
Bei der Visualisierung dieser Begriffe können Sie sehr großzügig vorgehen. So könnten Sie bei ?Brei? für die Ziffer drei auch an den Breitopf im Märchen denken, der nicht mehr aufhört zu kochen und immer weiter überläuft. Sie können die Merkwörter auch mit ganz ausgefallenen Situationen belegen. Denn je ungewöhnlicher Sie die zu merkende Szene gestalten, desto besser werden Sie den zu memorierenden Begriff in Erinnerung behalten.
Wenn Sie einmal ein Merkwort vergessen haben, werden Sie durch Reimversuche immer wieder auf das Reimwort stoßen, denn es gibt im Deutschen nicht so viele Wörter, die sich auf die Ziffern von null bis neun reimen. Diese Technik hat den Vorteil, dass Sie sich mit ihr schnell einmal mehrere Zahlen merken können, indem Sie zu den Begriffen eine kleine Geschichte erfinden, die in sich irgendwie nachvollziehbar ist.
Um die Ziffern zuverlässiger abzuspeichern, versuchen Sie bitte, in Ihrer Geschichte nur Substantive, die den Begriffen der Ziffern entsprechen, zu verwenden. Drücken sie alles ausschmückende Beiwerk durch Verben aus, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Denken Sie jedoch daran, die zu merkenden Begriffe mit illustrierenden Adjektiven zu ergänzen, da Sie sich so die Bilder besser einprägen können.
Beispiele
Versuchen Sie, sich einmal folgende Zahl zu merken: 6 59 30 18 und schreiben Sie die Geschichte dazu auf. Hier finden Sie ein Beispiel für eine mögliche Geschichte:
- Eine rothaarige Hexe (6) mit giftgrünen Strümpfen (5) schläft in der großen Scheune (9) und isst vorher noch einen süßen Brei (3). Nachdem sie aufgewacht ist, humpelt sie mit ihrem mit strahlend weißen Mull (0) umwickelten Bein (1) auf ihre neue Jacht (8).
Wenn Sie Schwierigkeiten mit den beiden ähnlich klingenden Merkwörtern Mai (2) und Brei (3) haben, können Sie die Ziffer zwei auch 'zwo' nennen und das Bild 'Stroh' wählen.
Probieren Sie es noch einmal an dieser Zahl: 73 10 93 28.
- Sie sind hungrig. Aber die Rüben (7) im Brei (3) sind nicht essbar. Ihr Bein (1) tut weh. Um sauberen Mull (0) zu suchen, schleppen Sie sich zur nahe gelegenen Scheune (9). Davor essen Sie einen leckeren Brei (3) im blühenden Maiglöckchenbeet (2), dann schleppen Sie sich weiter zu Ihrer alten Jacht (8).