Nach dem Sommer

Nach dem Sommer

von: Maggie Stiefvater

script 5, 2014

ISBN: 9783732001798 , 424 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 8,99 EUR

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Nach dem Sommer


 

KAPITEL 5 · GRACE

°C

Dass die Wölfe in unserem Wald Werwölfe waren, begriff ich erst, als Jack Culpeper getötet wurde.

Im September meines dritten Highschooljahres war Jacks Tod das Thema in der Stadt. Dabei war Jack nicht übermäßig beliebt gewesen, als er noch lebte, auch wenn ihm das teuerste Auto auf dem ganzen Schulparkplatz gehörte – den Wagen des Schulleiters eingerechnet. Eigentlich war er sogar ein ziemlicher Idiot gewesen. Aber dann wurde er getötet und prompt zum Heiligen erklärt. Es war die Art und Weise, wie er gestorben war, die jeden in ihren Bann zog, eine grausige Sensation. Fünf Tage nach seinem Tod hatte ich auf den Schulfluren bereits an die tausend unterschiedliche Versionen gehört.

Mit dem Ergebnis, dass nun alle panische Angst vor den Wölfen hatten.

Da Mom selten die Nachrichten schaute und Dad so gut wie nie zu Hause war, dauerte es seine Zeit, bis die allgemeine Panik in ihrem vollen Ausmaß auch bis zu uns durchgedrungen war. In den letzten sechs Jahren war es meiner Mutter über ihren Terpentindämpfen und Komplementärfarben beinahe gelungen, den Vorfall mit mir und den Wölfen zu vergessen. Erst der Angriff auf Jack rief die Erinnerungen wieder wach.

Nicht dass diese Sorge meine Mutter auf den logischen Gedanken gebracht hätte, mehr Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen – die ja tatsächlich von Wölfen angegriffen worden war. Stattdessen nahm sie das Ganze zum Anlass, nur noch zerstreuter zu werden.

»Mom, soll ich dir mit dem Abendessen helfen?«

Meine Mutter riss den Blick vom Fernseher los, der vom hinteren Teil der Küche aus gerade noch sichtbar war, und sah mich schuldbewusst an. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Pilzen zu, die sie gerade auf einem Schneidbrett malträtierte.

»Das war hier ganz in der Nähe. Wo sie ihn gefunden haben«, sagte Mom und deutete mit der Messerspitze in Richtung Fernseher. Mit betont betroffenem Blick wies der Nachrichtensprecher in die rechte Bildschirmecke, wo eine Karte unserer Gegend und das verschwommene Foto eines Wolfs erschienen. »Die Jagd nach der Wahrheit geht weiter«, verkündete er. Man sollte meinen, dass nach einer Woche, in der sie immer wieder von derselben Geschichte berichtet hatten, wenigstens die Fakten stimmten. Aber das Tier auf dem Foto gehörte noch nicht einmal zu derselben Unterart wie mein Wolf, der graues Fell und gelbbraune Augen hatte.

»Ich kann das immer noch nicht glauben«, redete Mom weiter. »Gerade mal auf der anderen Seite vom Boundary Wood. Da ist er umgebracht worden.«

»Oder gestorben.«

Mom runzelte die Stirn, bezaubernd schusselig und wunderschön wie immer. »Was?«

Ich sah von meinen Hausaufgaben auf – diesen beruhigend ordentlichen Reihen aus Zahlen und Symbolen. »Es kann doch sein, dass er einfach am Straßenrand ohnmächtig geworden ist und erst danach in den Wald gezerrt wurde, als er schon bewusstlos war. Das ist doch ein Unterschied. Ich finde, man sollte die Leute nicht grundlos in Panik versetzen.«

Moms Aufmerksamkeit galt nun wieder dem Fernseher, während sie die Champignons in so kleine Stücke häckselte, dass man damit Amöben hätte füttern können. Sie schüttelte den Kopf. »Die haben ihn angegriffen, Grace.«

Ich sah aus dem Fenster zum Waldrand hinüber, einer geisterhaft blassen Linie aus Bäumen in der Dunkelheit. Falls mein Wolf dort draußen war, konnte ich ihn zumindest nicht sehen. »Mom, du warst doch diejenige, die mir andauernd erzählt hat, dass Wölfe im Allgemeinen friedliche Tiere sind.«

Wölfe sind friedliche Tiere. Über Jahre hinweg waren das Moms Worte gewesen. Ich glaube, die einzige Möglichkeit für sie, weiter in diesem Haus zu leben, war, sich selbst von der relativen Harmlosigkeit der Wölfe zu überzeugen und sich einzureden, dass der Angriff auf mich nur eine Ausnahme gewesen war. Ich weiß nicht, ob sie jemals wirklich geglaubt hatte, dass die Wölfe harmlos waren – ich jedenfalls glaubte fest daran. Jedes einzelne Jahr meines Lebens hatte ich die Wölfe im Wald beobachtet, mir ihre Gesichter und Persönlichkeiten eingeprägt. Sicher, da gab es diesen gescheckten, krank aussehenden Wolf, der nie so richtig aus dem Wald hervorkam und sich nur in den allerkältesten Monaten zeigte. Alles an ihm – sein stumpfes, strähniges Fell, die Kerbe in seinem Ohr, das brandig tränende Auge – deutete auf einen kranken Körper hin. In den wild rollenden Augen aber schien bisweilen auch ein kranker Geist aufzublitzen. Ich dachte daran, wie seine Zähne meine Haut geritzt hatten. Bei ihm konnte ich mir vorstellen, dass er im Wald noch mehr Menschen angriff.

Und dann war da diese weiße Wölfin. Ich hatte gelesen, dass Wölfe sich Partner fürs Leben suchten, und hatte sie mit dem Anführer des Rudels gesehen, einem massigen Tier, das so schwarz war wie sie selbst weiß. Ich hatte beobachtet, wie er sanft ihre Schnauze beschnupperte und sie durch die kahlen Baumgerippe führte. Sein Pelz schimmerte wie die Schuppen eines Fisches. Sie hatte so eine wilde, rastlose Schönheit an sich; auch bei ihr konnte ich mir vorstellen, dass sie einen Menschen angriff. Aber der Rest des Rudels? Sie waren wie schöne, stumme Waldgeister. Vor ihnen fürchtete ich mich nicht.

»Friedlich, klar.« Mom hackte auf das Schneidbrett ein. »Vielleicht sollten sie sie einfach alle einfangen und in Kanada oder sonst wo aussetzen.«

Ich starrte düster auf meine Hausaufgaben. Die Sommer ohne meinen Wolf waren schon schwer genug. Als Kind waren mir diese Monate unvorstellbar lang vorgekommen, eine Zeit, die ich einfach abwarten musste, bis die Wölfe zurückkamen. Und es war nur noch schlimmer geworden, nachdem ich meinen gelbäugigen Wolf zum ersten Mal gesehen hatte. Während dieser langen Monate hatte ich mir ausgemalt, wie ich mich nachts in einen Wolf verwandelte und zusammen mit meinem Wolf davonlief – in einen goldenen Wald, in dem es nie schneite. Heute wusste ich, dass es diesen goldenen Wald nicht gab, das Rudel aber – und meinen Wolf mit den gelben Augen – gab es sehr wohl.

Seufzend schob ich mein Mathebuch über den Küchentisch und gesellte mich zu Mom an die Arbeitsplatte. »Lass mich das lieber machen. Du machst noch Mus draus.«

Sie protestierte nicht, und das hatte ich auch nicht erwartet. Dankbar lächelte sie mich an und stürmte davon, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich bemerkte, wie erbärmlich sie sich anstellte. »Meine Heldin! Sag Bescheid, wenn’s fertig ist, ja?«, flötete sie.

Ich verzog das Gesicht und nahm das Messer von ihr entgegen. Mom war eigentlich immer voller Farbspritzer und mit ihren Gedanken woanders. Sie hatte absolut nichts gemeinsam mit den Müttern meiner Freundinnen, die Schürzen trugen, kochten und staubsaugten – perfekte Hausfrauen eben. Eigentlich fand ich das auch ganz in Ordnung so. Und trotzdem – wie sollte ich jetzt noch mit meinen Hausaufgaben fertig werden?

»Dank dir, Schatz. Ich bin dann im Atelier.« Wenn Mom eine von diesen Puppen gewesen wäre, die fünf oder sechs verschiedene Sätze sagen konnten, wenn man ihnen auf den Bauch drückte, dann wäre dieser Satz auf jeden Fall dabei gewesen.

»Kipp nicht um von all den Dämpfen«, rief ich ihr noch nach, aber sie rannte schon die Treppe hinauf. Ich kratzte die verstümmelten Pilze in eine Schüssel und sah auf die Uhr, die an der hellgelben Küchenwand hing. Dad würde erst in einer Stunde nach Hause kommen. Ich konnte mir mit dem Abendessen also Zeit lassen und danach vielleicht sogar noch einen Blick auf meinen Wolf erhaschen.

Im Kühlschrank fand ich ein Stück Rindfleisch, das es wahrscheinlich zu den geschredderten Champignons geben sollte. Ich nahm es heraus und ließ es auf die Arbeitsplatte klatschen. In den Nachrichten im Hintergrund fragte sich inzwischen ein »Experte«, ob die Wolfspopulation in Minnesota reduziert oder umgesiedelt werden sollte. Das alles machte mir ziemlich schlechte Laune.

Das Telefon klingelte. »Hallo?«

»Hey. Wie geht’s dir?«

Rachel. Ich war so froh, sie zu hören. Sie war das genaue Gegenteil meiner Mutter – bestens organisiert und eine geborene Macherin. Schon fühlte ich mich ein bisschen weniger wie eine Außerirdische. Ich klemmte mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter und schnitt nebenbei das Fleisch. Ein faustgroßes Stück legte ich für später zur Seite. »Ich mache grad Abendessen und gucke mir diese dämlichen Nachrichten an.«

Sie wusste sofort, was ich meinte. »Ja, ich weiß. Total surreal, oder? Als könnten die einfach nicht genug bekommen. Ist doch langsam echt abartig – ich meine, wieso können sie nicht einfach damit aufhören und uns allein damit klarkommen lassen? Ist ja schon schlimm genug, in der Schule ständig davon zu hören. Und dann du und die Wölfe und so, das muss ja echt schlimm sein für dich. Und mal ehrlich, Jacks Eltern wollen wahrscheinlich einfach nur, dass diese Reporter den Mund halten.«

Rachel redete so schnell, dass ich kaum mitkam. In der Mitte verpasste ich ein Stück, dann fragte sie: »Hat Olivia dich schon angerufen?«

Olivia war die Dritte in unserem Trio und die Einzige, die meine Faszination für die Wölfe zumindest ein bisschen nachvollziehen konnte. Es verging kaum ein Abend, an dem ich nicht entweder mit ihr oder Rachel telefonierte. »Die ist wahrscheinlich noch draußen und macht Fotos«, sagte ich. »Sollte es heute Abend nicht einen Meteoritenschauer geben?«

Olivia sah die Welt durch ihre Kamera; ich hatte das Gefühl, die Hälfte meiner Schulerinnerungen existierten hauptsächlich in 10 × 15, schwarz-weiß, glänzend.

»Wahrscheinlich hast du recht«, erwiderte...