Ihr werdet immer bei mir sein - Wie ich den Tod meiner Kinder überlebte

von: Jackie Hance, Janice Kaplan

Bastei Lübbe AG, 2015

ISBN: 9783838758749 , 380 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 6,99 EUR

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Ihr werdet immer bei mir sein - Wie ich den Tod meiner Kinder überlebte


 

1


Ein Sommer sollte erholsam sein – warum ist dieser dann so hektisch?, dachte ich, während ich damit begann, Emmas, Alysons und Katies Sachen für einen Wochenendausflug mit ihrer Tante Diane, ihrem Onkel Danny und deren beiden Kindern zu packen.

Die Mädchen hatten mehr Aktivitäten als je zuvor, und ich schien den ganzen Tag damit zu verbringen, sie irgendwohin zu fahren. Der Campingausflug an diesem Wochenende würde für alle eine friedliche Pause sein, auch wenn mir die Vorstellung nicht behagte, dass Emma, Alyson und Katie – acht, sieben und fünf Jahre alt – ohne mich wegfuhren. Wir waren fast nie getrennt. Aber sie freuten sich darauf, mit ihrer Tante und ihrem Onkel zu dem Campingplatz oben im Norden zu fahren, und ich würde zwei ganze Tage haben, an denen ich niemanden irgendwohin kutschieren musste.

Ich nahm die Seesäcke der Mädchen aus dem Schrank und reihte sie auf dem Bett nebeneinander auf. Auf dem rosafarbenen Seesack stand in blauer Schrift Emma. Auf dem blauen stand in Rosa Alyson. Und auf dem kleinsten, violetten Sack stand in Pink Katie. Einfach niedlich. Genau wie meine Mädchen. Jeder Sack war ein Unikat, und zusammen bildeten die drei eine entzückende Harmonie.

Ich nahm Shorts, T-Shirts und Badeanzüge aus den Kommodenschubladen und stapelte sie auf den Betten, damit die Mädchen ihre Auswahl selbst treffen konnten. Obwohl sie noch klein waren, hatte jede meiner Töchter bereits ein Gefühl für Stil entwickelt und klare Vorstellungen davon, was sie tragen wollte, daher wollte ich nicht einfach für sie entscheiden.

Ein paar Minuten später stürmten meine Töchter plappernd und kichernd ins Zimmer und begannen zu packen. Die Geräusche dreier kleiner Mädchen erzeugen eine ganz besondere Art von Musik, und die Wände unseres Hauses hallten ständig wider von dem süßen Gelächter der Mädchen und dem Gekreische fröhlicher Stimmen. Ich freute mich nicht auf die Stille, die sich über mich legen würde, wenn sie weggefahren waren.

»Wir brauchen Badeanzüge«, sagte Emma. »Vergiss nicht die Badeanzüge, Mommy!«

»Sie liegen auf dem Bett«, sagte ich und zeigte darauf. Emma und Alyson waren bereits gute Schwimmerinnen, und Katie hatte es in diesem Sommer im Ferienlager gelernt. Ich selbst ging selten ins Meer oder in einen Swimmingpool, aber ich war froh, dass meine Töchter mehr Mut besaßen. Im Wasser musste ich mir um sie keine Sorgen machen.

»Du wirst allmählich eine richtig gute Schwimmerin«, sagte ich zu Katie. »Du wirst so viel Spaß an dem See haben.«

»Würdest du mit uns schwimmen gehen, wenn du mitkommen würdest?«, fragte Katie.

»Ich mag eigentlich keine Seen«, gab ich zu. »Sie sind so eklig auf dem Grund.«

»Oh, Mommy, du bist so dumm«, kicherte Alyson.

»Wir werden Badeschuhe anziehen, dann wird sich der See nicht eklig anfühlen«, sagte Emma pragmatisch.

Alyson wandte sich mit ihrem strahlenden Lächeln zu mir um. »Meinst du, der Krebs hätte dich nicht erwischt, wenn du Badeschuhe angehabt hättest?«

Ich lachte. Die Geschichte, wie Mommy von einem Krebs in den großen Zeh gebissen wurde, war Teil der Familienlegende. Als ich in Alysons Alter war und in New Jersey lebte, ging ich eines Tages in der Nähe des Hauses, in dem ich aufwuchs, ins Meer. Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz an meinen Zehen und rannte schreiend aus dem Wasser. Als ich den Strand erreichte, sah ich, dass die Nägel an meinen beiden großen Zehen nur noch halb vorhanden waren. Ich kam zu dem Schluss, dass ein Krebs sie mir angeknabbert hatte. Und sie wuchsen nie wieder richtig nach.

Meine Angst vor Wasser war also nicht ganz unbegründet.

Jetzt sah mich Emma skeptisch an, während ich die Geschichte wieder einmal erzählte. Sie war alt genug – und hinreichend klug –, um viele Fragen zu stellen. »Wie konnte denn ein einziger Krebs deine beiden Zehennägel abknipsen?«

»Ich weiß nicht, aber so war es«, sagte ich.

»Mommy, in Seen gibt es keine Krebse. Das heißt, dir würde nichts passieren«, versprach Alyson.

Wir begannen, die Seesäcke mit allen Kleidungsstücken zu füllen, die drei kleine Mädchen in zwei Tagen tragen konnten. Ich sah mich im Zimmer um und vergewisserte mich, dass sie nichts Wichtiges vergessen hatten.

»Nimm deinen Bären mit«, sagte ich zu Katie, deren Lieblingsstofftier der selbst gemachte Teddy war, den wir im örtlichen Einkaufszentrum zusammengebastelt hatten. »Und nehmt alle eure Tagebücher mit, damit ihr über das Wochenende schreiben könnt.« Ich hoffte, dass sie mir jedes Detail erzählen konnten, wenn sie zurückkamen.

Während die Mädchen die letzten Dinge in ihre Campingsäcke stopften, eilte ich in die Küche hinunter, um Essenspakete für sie zu packen. Ich hatte Marshmallows gekauft, die sie sich über einem Lagerfeuer grillen könnten, was mir für ein Campingwochenende unerlässlich erschien. Außerdem Honey Nut Cheerios, ihr Lieblingsmüsli, und Erdnussbutter für Emma, die nichts lieber mochte als die fettarme feine Skippy-Erdnussbutter. Es war unmöglich, sie mit einer anderen Marke (oder gar Vollfett) auszutricksen, da sie den Unterschied sofort herausschmeckte. Da ich nicht wusste, was für eine Erdnussbutter meine Schwägerin Diane einpacken würde, entschied ich, lieber auf Nummer sicher zu gehen.

Auf einmal hatte ich ein flaues Gefühl im Magen. Nennen Sie mich sentimental, aber ich würde meine Mädchen übers Wochenende schrecklich vermissen. Natürlich, ich hoffte, sie würden Spaß haben, aber ich konnte es schon jetzt kaum erwarten, dass sie wiederkamen, damit wir unseren hektischen Sommer fortsetzen konnten.

Da die Mädchen wegfuhren, hätte ich mich eigentlich auf ein Wochenende allein mit meinem Mann freuen sollen. Aber meine Töchter waren der einzige Vollzeitjob, in dem ich derzeit arbeitete, und unsere gemeinsame Freude. Die Wochenenden waren im Allgemeinen den Sportveranstaltungen, Theaterproben und Partys der Mädchen gewidmet. Wir unternahmen fast alles zusammen, und die Mädchen füllten jede Minute von uns aus. Die Aussicht auf zwei Tage mit meinem Ehemann ohne die Kinder war für mich nicht aufregend, sondern beunruhigend.

Sie kommen am Sonntag wieder, rief ich mir in Erinnerung. Hör auf, dir Sorgen zu machen.

Warrens Schwester, Diane Schuler, hatte den Ausflug organisiert. Sie plante, mit unseren Töchtern und ihren beiden Kindern, Bryan und Erin, zu einem Campingplatz zu fahren. Ihr Mann, Danny, würde vorausfahren, um alles für ihre Ankunft vorzubereiten. Er und Diane hatten sich ein paar Jahre zuvor ein Wohnmobil gekauft, und im Sommer fuhren sie damit gern zu dem Campingplatz am Hunter Lake in den Catskill Mountains, den sie als Ausgangspunkt für zahlreiche Unternehmungen als ideal erachteten.

Die Mädchen hatten im Jahr zuvor mit Diane und Danny bereits einen ähnlichen Campingausflug unternommen und betrachteten das Wochenende als perfektes Sommervergnügen.

»Soll Mommy nächstes Mal mitkommen?«, hatte ich sie gefragt, als sie von ihrem letzten Ausflug nach Hause gekommen waren.

»Nein«, war Emmas und Alysons entschiedene Antwort. »Das ist unser besonderer Ausflug.«

Nur Katie war zögerlich gewesen. »Gehst du mit Daddy und uns einmal campen?«

»Ich glaube nicht. Dafür habt ihr Tanten und Onkel – um die Dinge zu tun, die eure Eltern nicht mögen.«

Der Onkel der Mädchen, Danny, ging gern jagen, angeln und wandern. Da Warren eher ein Football- und Baseballtyp ist, hatte er nichts dagegen, dass Danny für ein Outdoor-Wochenende mit den Mädchen zuständig war. Warren hatte als Kind mit seiner Familie zur Genüge Campingurlaub gemacht, da es damals das Einzige war, was seine Familie sich leisten konnte. »Der Grund, weshalb ich arbeite, ist, damit ich nie wieder campen gehen muss«, witzelte er manchmal.

Angesichts meiner eigenen Abneigung gegen Käfer und Schwimmen in der freien Natur unterstützte ich diese Einstellung von ganzem Herzen. Aber wir wollten, dass die Mädchen jede mögliche Erfahrung machen konnten, und wenn Diane und Danny sie mit der freien Natur vertraut machen wollten, waren wir voll und ganz dafür. Unsere Töchter hatten die ganze Woche aufgeregt davon geredet, wie sie angeln, schwimmen und rudern gehen würden, daher freute ich mich für sie, insgeheim erleichtert, dass ich selbst nicht teilnehmen musste.

Der Campingausflug würde jedoch auch eine der seltenen Zeiten sein, in denen die Mädchen und ich getrennt waren. Wir hatten immer Spaß zusammen, und egal, ob wir das Abendessen kochten oder Cupcakes backten, durch den Supermarkt stürmten oder neue Kleider kauften, sie hingen immer an meinem Rockzipfel und waren meine ständigen Begleiter. Ich würde sie vermissen, aber sie würden mit Erwachsenen zusammen sein, die sie liebten, an einem Ort, an dem sie schon einmal gewesen waren. Was konnte schon passieren?

Die Vorstellung, dass meine drei Mädchen zwei Tage auf einem Campingplatz verbringen würden, bereitete mir dieselben banalen Sorgen, die sich jede Mom machen würde. Brauchten die Mädchen extrastarkes Mückenspray? Würden sie an einem fremden Ort schlafen können? Wie würden sie mit schleimigem Zeugs auf dem Grund des Sees klarkommen? (Offensichtlich nur meine Sorge, nicht ihre.) Ich rief mir in Erinnerung, dass ein Ausflug in die Catskill Mountains mit fürsorglichen Familienangehörigen nun wirklich keine Trekkingtour in die Wildnis war.

Es hatte nur einen einzigen Haken gegeben, nämlich als Diane am Abend zuvor angerufen hatte, um zu sagen, dass ihr und Warrens Vater nicht mitkommen werde. Mr. Hance, wie wir...