Die Krieger von Choisy: Der Sohn des Mirlac I

Die Krieger von Choisy: Der Sohn des Mirlac I

von: C.L.W.

tredition GmbH, 2007

ISBN: 9783940545145 , 577 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

Windows PC,Mac OSX Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen für: Windows PC,Mac OSX,Linux

Preis: 9,99 EUR

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Die Krieger von Choisy: Der Sohn des Mirlac I


 

Erstes Kapitel - Eine zufällige Begegnung (S. 9-13)

„Oh, ich werde diesen Mist nie kapieren!“, rief Nikole frustriert, schob die Mathematiknotizen von sich und lehnte sich auf dem Sofa zurück. Seufzend blickte sie sich in dem Wohnzimmer um, die Mathematikbücher mit dem schlechten Test daneben, den sie heute zurückbekommen hatte, mit Missachtung strafend.
Die Einrichtung des Wohnzimmers zeugte von einem bescheidenen Luxus. Der Wohnzimmertisch hatte einige Kratzer mit den Jahren bekommen und der Fernseher in der dunklen Schrankwand gegenüber, war auch nicht mehr das neueste Modell. Die Glastür links neben dem Sofa und einer altmodischen Stehlampe, führte auf den schmalen Balkon mit den bunt bepflanzten Blumenkästen. Von dort hatte man eine gute Aussicht über den kleinen, dicht bepflanzten Hinterhof, der von drei- und vierstöckigen Wohnblöcken umgeben war. In der Mitte war ein kleiner Spielplatz für die Kinder der Anwohner errichtet. Nikole hatte in jüngeren Jahren oft dort gespielt, aber mittlerweile tummelten sich dort tagsüber mehr Hunde als Kinder.
Seufzend blickte Nikole durch das Fenster zum Balkon hinüber. Die Blumenkästen müssten mal gegossen werden, überlegte sie gerade, denn die Pflanzen neigten sich schon verdächtig weit nach unten. Auch auf der Fensterbank am breiten Wohnzimmerfenster standen dicht an dicht diverse Zimmerpflanzen. Sicher hätten die gegen ein Schlückchen Wasser auch nichts einzuwenden. Seufzend erhob sie sich und holte die Gießkanne. Ihr war entsetzlich langweilig, obwohl jede Menge Lernstoff auf dem Wohnzimmertisch auf sie wartete.
Sie war fast volljährig und sie führte ein eher bescheidenes Leben. Ihre Eltern waren geschieden und ihr Vater kam mit den Unterhaltszahlungen nur mäßig nach. Sie lebte bei ihrer Mutter Maria, die Zweischichtweise in einem Restaurant als Serviererin arbeitete. Das Gehalt reichte gerade mal für die Lebenserhaltungskosten. Für einen langen Urlaub oder Kleidung nach der neuesten Mode, sowie anderen Schnickschnack waren somit nicht drin. Aber daran störten sich die Beiden nicht.
An ihren Vater konnte sich Nikole kaum erinnern. Sie war noch recht klein gewesen, als sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter war er einfach verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Nähere Umstände waren Nikole nie zu Ohren gekommen und es interessierte sie auch nicht sonderlich. Einen richtigen Bezug zu ihrem Erzeuger hatte sie nie aufbauen können oder wollen und somit fehlte er ihr auch nicht.
Aber etwas anderes war ihr sehr viel wichtiger und das war ihre Leidenschaft für die Astronomie. Jede freie Minute las sie in einen ihrer Bücher über das Universum, von denen sie eine ganze Menge besaß. Ihr ganzes bescheidenes Taschengeld ging dafür drauf. Jedoch lieh sie sich auch oft Bücher aus der Bibliothek aus, das schonte das Portemonnaie erheblich.
Fast alle Filme und Dokumentationen waren ihr bekannt, die mit diesem Thema zu tun hatten, und wenn etwas Neues in den Nachrichten berichtet wurde, so machte sie sich gleich einige Notizen oder schnitt Artikel aus der Zeitung. Auch der Gedanke, dass es vielleicht ein extraterrestrisches Leben geben könnte, zog sie in seinen Bann. Warum sollte es denn nicht irgendwo da draußen noch anderes intelligentes Leben geben? Der Gedanke, dass die Menschen einzigartig wären, war doch mehr als nur trostlos!
Jede sternklare Nacht blieb Nikole lange auf und blickte voller Sehnsucht durch ihr kleines Teleskop ins weite, dunkle All ... Mit anderen Worten: jedes Mal, wenn auch nur ein Stern durch die Wolkendecke glitzerte, wanderte ihr Blick nach oben ... Die Schule litt sehr unter ihrem Hobby, doch das war ihr egal. Ihr Traum war es, einmal zu den Sternen zu fliegen. Aber mit den technischen Möglichkeiten, welche die Menschheit bisher erlangt hatte, war sie nicht zufrieden zu stellen. Sie wollte noch weiter, als bis zum Mond oder bis zum Mars. Am Liebsten würde sie einmal zu ihrem Lieblingssternenbild Orion reisen, wie sie es schon so oft in ihren Träumen getan hatte. Aber das war natürlich ein aussichtsloser Traum. Besonders mit ihrem Notendurchschnitt ...
Als Nikole alle Blumen gegossen hatte, griff sie wahllos nach einer Zeitschrift und blätterte darin herum. So verbrachte sie eine ganze Weile auf dem Sofa, bis die Wohnungstür vom Treppenhaus aus geöffnet wurde.
Maria war noch schnell nach der Arbeit ein paar Lebensmittel einkaufen gewesen und kam daher etwas später als sonst heim. Es war wie ein Fluch. Jedes Mal, wenn sie einkaufen wollte, schienen es auch die anderen tun zu wollen und die Geschäfte waren dementsprechend überlaufen. Ein Phänomen, welches grundsätzlich immer nur dann eintraf, wenn man selber müde und gereizt war und obendrein die Luft in der Einkaufspassage schon nach Feierabend roch.
Schnaufend brachte Maria die gekauften Waren in die Küche, stellte die Taschen auf den Tisch ab und ging in das Wohnzimmer. Sie schüttelte ihren dunkelbraunen Schopf, in dem schon einige silberne Fäden schimmerten, als sie ihre Tochter erblickte: „Was? Du liest nicht in einem deiner Bücher über das Universum, sondern in einem banalen Käseblatt?“
Nikole verzog den Mund zu einem bissigen Lächeln, antwortete jedoch nicht. Marias Blick wanderte wie magisch angezogen auf den Mathematiktest, der offen auf dem Wohnzimmertisch lag. Die schlechte Note in Rot war nicht zu übersehen. Sie schnappte nach Luft und sah ihre Tochter vorwurfsvoll an.
„Ist dir das nicht unangenehm so etwas einfach herumliegen zu lassen? Hast du denn nicht gelernt?“ Marias Stimme wurde mit jedem Satz lauter. „Tust du eigentlich noch etwas für die Schule oder lebst du nur so in den Tag hinein?! Was soll nur aus dir werden?! Was denkst du dir dabei? He, ich rede mit dir, Nikole!“
Nikole blickte verärgert von dem Sofa zu ihr auf und warf die Zeitschrift auf den Wohnzimmertisch. Sie hatte für die Arbeit geübt ... und wie sie geübt hatte! Und trotzdem ... Rechnen lag ihr nicht gerade. Mit bitterem Blick schaute sie ihre Mutter an. Wie oft hatten sie schon dieses Thema breit getreten. „Ich habe es versucht“, sagte sie genervt.
„Versucht?!“ Marias Stimme nahm einen geradezu schrillen Ton an. „Um Himmels-willen, Nikole! Was soll bloß aus dir werden? In allen Hauptfächern hast du schlechte Noten! Du vermasselst dir die Zukunft!“
Nikole stand mit einem Ruck auf und überragte ihre Mutter um ein paar Zentimeter.
„Ich habe gelernt! Ich war sogar so töricht zu glauben, dass ich es schaffen würde. Ist das nicht verrückt? Und es ist jedes Mal dasselbe! Ich schaffe es halt nicht besser!“
Maria stützte die Fäuste in die Hüften und atmete tief durch: „Du musst dich halt mehr konzentrieren, meine Liebe!“
„Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder“, entgegnete ihre Tochter trocken.
„Ein Wunder?!“, fragte Maria ungläubig und blinzelte, als hätte sie sich gerade eben verhört. Aber sie schien sich bereits wieder gefasst zu haben, denn sie sagte verdächtig ruhig: „Auf ein Wunder kannst du lange warten, mein Schätzchen, wenn du nichts dafür tust.“
Nikole horchte aufmerksam auf. Es konnte nichts Gutes bedeuten, wenn sich ihre Mutter so schnell beruhigte und sie mein Schätzchen nannte. Jetzt war vorsichtiger Rückzug geboten! „Ich gehe noch einmal frische Luft schnappen, ist das in Ordnung?“ Abwartend blickte sie ihrer Mutter in die Augen.
„Besser wäre es wohl. Vielleicht denkst du einmal darüber nach, nicht doch noch Nachhilfe in Anspruch zu nehmen, sonst schaffst du das Abi nächstes Jahr nie!“, sagte ihre Mutter mit Nachdruck und zog abwartend die Augenbrauen in die Höhe. Nikole sammelte wortlos unter dem strengen Blick ihrer Mutter ihre Schulsachen ein, stopfte sie unachtsam in den Rucksack und ging beharrlich schweigend an Maria vorbei, hinaus in den Flur. Dort ließ sie den Rucksack vor ihrer Zimmertür fallen, griff beim Gehen nach ihrer hellen Wolljacke, den Turnschuhen und den Schlüssel, schaute kurz in den Spiegel neben der Garderobe und verschwand hinter der Wohnungstür im Treppenhaus. Trotzig stolperte sie auf Strümpfen vom dritten Stock aus die Stufen hinunter, stopfte dabei den Schlüssel in die Hosentasche und zupfte ihre kurzen rotbraunen Haare zurecht. Erst an der Eingangstür des Mehrfamilienhauses zog sie ihre Schuhe an und schlüpfte in die cremefarbene Wolljacke.
Erleichtert darüber aus der Wohnung zu sein, holte Nikole erst einmal tief Luft und spazierte am Straßenrand entlang. Dicke Wolken verbargen in der Ferne die letzten Sonnenstrahlen und andere färbten sich über der Wohnsiedlung in den schönsten Pastellfarben. Es war ein friedlicher Abend. Es roch nach Grillkohle und geröstetem Fleisch.