Biotechnologie in gesellschaftlicher Deutung

Biotechnologie in gesellschaftlicher Deutung

von: Roger J. Busch (Hrsg.)

Herbert Utz Verlag , 2007

ISBN: 9783831607471 , 377 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 23,99 EUR

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Biotechnologie in gesellschaftlicher Deutung


 

Was dem einen seine Natur, ist dem anderen die Manipulation. Über den Gebrauch des Begriffs der »Natur« in der Debatte über die Grüne Gentechnik (S. 21)

Christina Aus der Au
1 Der Dialog der »Tauben«

Am 7. Juni 1998 stimmte das Schweizer Stimmvolk über die sogenannte Genschutzinitiative ab. Die Initianten und Initiantinnen wollten gesetzlich festhalten: »Der Bund erlässt Vorschriften gegen Missbräuche und Gefahren durch genetische Veränderung am Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde und der Unverletzlichkeit der Lebewesen, der Erhaltung und Nutzung der genetischen Vielfalt sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung. «

Verboten sollen fernerhin werden:

a) Herstellung, Erwerb und Weitergabe genetisch veränderter Tiere,
b) die Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt,
c) die Erteilung von Patenten für genetisch veränderte Tiere und Pflanzen sowie deren Bestandteile, für die dabei angewandten Verfahren und für deren Erzeugnisse.

Die Genschutzinitiative wurde nach einem sehr intensiven Abstimmungskampf, der sogar gestandene ETH-Professoren zu Demonstrationen auf die Straße trieb, von zwei Dritteln der Stimmbevölkerung abgelehnt. Der Schweizerische Wissenschaftsrat hatte in seiner Stellungnahme zur Abstimmung folgendermaßen zusammengefasst:

»Aus Sicht des Wissenschaftsrates zeigt die gegenwärtig geführte Debatte über die Gentechnologie, dass in Teilen der schweizerischen Öffentlichkeit das Vertrauen in die Wissenschaft gesunken ist. Das Interesse der Bevölkerung für Fragen der Gentechnik sollte für den Aufbau und die Fortführung eines echten Dialogs genutzt werden, der auf Glaubwürdigkeit und Sachlichkeit be- ruht. Dazu müssten allerdings die Bedürfnisse, Sorgen und Ängste der Bevölkerung vermehrt beachtet werden.«

Die Debatte über gentechnisch veränderte Organismen war und ist allerdings weit davon entfernt, ein wirklicher Dialog zu sein. Oft genug erinnert sie an einen »Dialog von Tauben«, wie es Dr. Urs Dahinden vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich in einem Vortrag genannt hat. Befürworterinnen und Gegner der Gentechnik haben eine Reihe von Argumenten auf ihrer Seite – nur passen die Antworten der einen leider nicht zu den Anfragen der anderen!

2 Der dichte Begriff »Natur«

Eine gewichtige Rolle spielen dabei die Begriffe »Natur« bzw. »natürlich«. Spätestens seit den Schriften von Jean Jacques Rousseau, der 1712 in Genf zur Welt kam und dessen pädagogisches Hauptwerk »Emile« Immanuel Kant so beeindruckte, dass er über ihrer Lektüre zum ersten und einzigen Mal seinen Nachmittagsspaziergang verpasste, sind dies Begriffe, die mit Werten behaftet und mit Emotionen hoch aufgeladen sind.

Für Rousseau sind Zivilisation und Gesellschaft schuld an allen Lastern. Kinder sollten – so seine Theorie – sich in völliger Freiheit selbständig entwickeln können, so wie sich die Natur entwickelt. Die natürliche Entwicklung wäre also gut, aber Zivilisation, Technik, Gesellschaft sind schuld an allem Bösen.

Damit werden »Natur« und »natürlich« zu Begriffen, die einerseits stark normativ aufgeladen sind – synonym mit »gut«, »unschuldig«, »unverdorben«, die aber andererseits trotzdem scheinbar deskriptive Begriffe sind, wie z. B. in den Naturwissenschaften. Das macht die Problematik umso brisanter.

Bernard Williams hat dafür den Terminus »thick concepts«, »dichte Begriffe « geprägt. Damit bezeichnet er Begriffe, die scheinbar lediglich eine Eigenschaft oder eine Tätigkeit beschreiben, die aber damit eine moralische Wertung transportieren, welche Universalität beansprucht.