Die Konzentrationslager-SS - Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien

von: Karin Orth

Wallstein Verlag, 2013

ISBN: 9783835320307 , 336 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: frei

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Preis: 22,99 EUR

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Die Konzentrationslager-SS - Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien


 

Schlußbetrachtung (S. 297-298)

Die Frage, was die nationalsozialistischen Täter zu ihrem mörderischen Handeln bewog, ist sowohl unter Historikern als auch in der Öffentlichkeit ebenso heftig diskutiert wie unbeantwortet. Den theoretisch abgeleiteten und letztlich eindimensionalen Erklärungsmodellen, seien sie herrschaftssoziologisch inspiriert und komplex wie die »absolute Macht« von Wolfgang Sofsky oder pauschal wie der von Daniel Jonah Goldhagen behauptete »eliminatorische Antisemitismus«, stehen wenige empirische Arbeiten gegenüber. Eine wesentliche Voraussetzung, um die Motivation der Täter zu benennen und ihr Handeln durch ein nicht nur in sich plausibles, sondern empirisch gesättigtes Modell zu erklären, ist, daß aussagekräftige subjektive Quellen der historischen Akteure vorhanden sind – etwa Briefe, Tagebücher oder andere persönliche Aufzeichnungen.

Für die Mitglieder der Konzentrationslager-SS sind derartige Quellen nur höchst spärlich überliefert. Zeitgenössische Dokumente mit subjektivem Gehalt sind rar, die Äußerungen der betrachteten Personen vor Gericht (insbesondere während der alliierten Militärgerichtsprozesse) über ihren Werdegang oder ihre Motivation sind in quantitativer und qualitativer Hinsicht eher dürftig. Eine Biographie, die den Standards der Biographieforschung entspricht, läßt sich auf der Grundlage des überlieferten Quellenmaterials nicht schreiben.

Die geringe Dichte der Quellen erlaubt zudem nur sehr eingeschränkt, die Motive der beschriebenen Männer zu bestimmen. Ihre Handlungsmaximen ließen sich meist nur aus dem Rückschluß gewinnen – aus dem Mosaik von Zeugenaussagen, den Einlassungen der untersuchten SS-Führer in den Nachkriegsverfahren sowie den Ergebnissen der historischen Forschung, die Auskunft über die Lagerrealität und damit das konkrete Handeln der Konzentrationslager-SS geben.

Lediglich für zwei Lagerkommandanten, für Höß und Pister, lassen sich Handlungskonzepte auf der Grundlage ihrer Überlieferungen konturieren. Pisters Tätigkeit lag ein »Erziehungskonzept« zugrunde: Es beruhte auf der Vorstellung, daß er die »Zöglinge« des SS-Sonderlagers Hinzert ebenso wie die deutschen Häftlinge des KZ Buchenwald zu brauchbaren Gesellschaftsmitgliedern resozialisieren könne.

Seine Methoden waren denkbar traditionell und zielten ausnahmslos auf Sekundärtugenden: Militärisches Lagerleben, Strenge und Arbeitszwang führten in seiner Vorstellungswelt gleichsam automatisch zu »Ordnung«, »Pünktlichkeit « und »Reinlichkeit«. Pister sah sein Konzept aus zwei Gründen für sinnvoll und erfolgreich an: Durch seine Maßnahmen sei sowohl den Zöglingen bzw. KZ-Häftlingen »geholfen« als auch der deutschen Gesellschaft, da diese einer finanziellen »Last« enthoben sei.

Diese Vorstellungen leiteten Pister bis zum Ende seiner Welt: Er übergab im April 1945 das Stammlager Buchenwald den deutschen Funktionshäftlingen und deutete dies als »Machtübertragung«, als Fortsetzung seiner »Fürsorge« für diese Häftlingsgruppe unter den extremen Bedingungen der »Feindannäherung «.