Neurophysiologische Behandlung bei Erwachsenen - Grundlagen der Neurologie, Behandlungskonzepte, Alltagsorientierte Therapieansätze

von: Karl-Michael Haus

Springer-Verlag, 2006

ISBN: 9783540264026 , 367 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 29,99 EUR

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Neurophysiologische Behandlung bei Erwachsenen - Grundlagen der Neurologie, Behandlungskonzepte, Alltagsorientierte Therapieansätze


 

2 Sensorische Systeme (S. 13-14)

Definition
Unter sensorischen Systemen versteht man alle Nervenstrukturen, die zuständig sind für die Reizaufnahme (Sensoren), Reizweiterleitung und Reizverarbeitung . Sinnessysteme, die nur bestimmte Informationen verarbeiten, werden als Sinnesmodalität oder modalspezi. sches Verarbeitungssystem zusammengefasst. Bezieht sich die Verarbeitung auf mehrere Sinnesmodalitäten oder die Integration derer, spricht man von multimodalen oder integrativen Verarbeitungssystemen .

2.1 Sinnessysteme des Menschen

2.1.1 Sinneseindruck, Sinnesempfindung und Wahrnehmung

Sinneseindruck


Definition Sinneseindrücke sind die einfachsten Einheiten einer Sinnesmodalität und werden daher auch als Submodalitäten bezeichnet.

Beispiel Sinneseindrücke der Oberflächensensibilität sind unter anderem glatt, rau, geriffelt, spröde etc. Bei dem visuellen System entspricht dies hell, dunkel, Farbe, Form, bewegend, stehend etc.

Sinnesempfindung Da ein Sinneseindruck nahezu nie isoliert entsteht, werden die Sinneseindrücke einer Sinnesmodalität über Assoziationsfasern in sekundär sensorischen Assoziationsarealen zusammengetragen.

Definition
Eine Summe von Sinneseindrücken (Submodalitäten) bezeichnet man als Sinnesempfindung (auf ein Sinnessystem bezogen: modalspezifische Wahrnehmung). Sinneseindrücke werden aus der Peripherie über Projektionsbahnen auf die primär sensorischen Felder projiziert. Nach vorheriger Selektion (durch den Thalamus) werden sie in den sekundär sensorischen Assoziationsfeldern zur modalspezifischen Sinnesempfindung zusammengetragen und als Erinnerungsbilder (Engramme) verankert.

Definition Engramme sind abgespeicherte Sinneseindrücke und Empfndungen. Man sieht z. B. einen Eisklotz (optischer Reiz) und weiß anhand seines somatosensiblen Engrammes, dass dieser sich kalt und glatt anfühlt.

Beispiel
Selbsterfahrung (zwei Personen): Sinnestäuschung anhand der Oberflächensensibilität. Zwei Personen sitzen sich gegenüber. Eine Person legt ihre rechte Hand mit gespreizten Fingernflach auf die linke Hand der anderen Person (flacher Betgriff). Nun fährt eine Person mit Daumen und Mittelfinger der freien Hand über die zusammengelegten Mittel. nger beider Personen. Der somatosensorische Kortex benutzt ein Engramm, welches dem Finger der eigenen Hand entspricht. Durch das Fühlen der unterschiedlichen Finger entstehen Empfindungen, die ungefähr dem von Parästhesien entsprechen. Beachte Eine Sinnesemp. ndung entspricht einer modalspezi. schen Wahrnehmung. Wahrnehmung (mehrere Sinnessysteme – multimodale Wahrnehmung) Im realen Leben treten stets mehrere Sinnesemp. ndungen gleichzeitig zueinander auf, sie werden im ZNS parallel verarbeitet.

Definition Wahrnehmung entsteht durch die Integration der jeweiligen Sinnesmodalitäten (multimodale Verarbeitung) und durch ihre Interpretation mittels Gedächtnisinhalten (Engrammen).

Beispiel
Multimodale Wahrnehmung anhand eines Apfels. Es fühlt sich an wie ein Apfel (taktile Emp. ndung), es sieht aus wie ein Apfel (optische Emp. ndung), es schmeckt wie ein Apfel (gustatorische Emp. ndung), das macht die multimodale Wahrnehmung des Apfels aus. Durch das Zusammenwirken (Assoziationen) der Sinnesempfindungen wird der Apfel wahrgenommen und im Gedächtnis als Apfel abgespeichert. Sieht man später einen Apfel (modalspezifisch optisch) oder hört man das Wort »Apfel« (akustisch), kann man sich allein durch das visuelle Bild oder das Wort in etwa vorstellen wie er schmeckt, wie er riecht und wie er sich anfühlt.

Es ist wichtig, einen Gegenstand über mehrere Sinneskanäle (multimodal) zu empfinden. Das visuelle System stellt dabei zwar neuronal die umfangreichste Sinnesmodalität dar, wird jedoch der Apfel nur über das optische System empfunden, wird nie eine Beziehung zu dem Apfel aufgebaut. Es bleibt nur ein Gegenstand, der ggf. noch als Apfel bezeichnet wird. Trotz der hohen neuronalen Leistung des visuellen Systems stellen die Basissinne die weitaus wichtigeren Sinnessysteme für die Wahrnehmung dar. Nur durch die Interaktion, das Hantieren (Berühren, Bewegen etc.) mit einem Gegenstand wird er begreif- und erfahrbar (Piaget »Begreifen durch Ergreifen«).