Night School. Und Gewissheit wirst du haben

von: C. J. Daugherty

Verlag Friedrich Oetinger, 2015

ISBN: 9783862742264 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Night School. Und Gewissheit wirst du haben


 

Zwei


Ohrenbetäubender Lärm. Heulende Motoren. Quietschende Reifen. Gebrüllte Kommandos.

Es klang wie im Krieg.

Allie krallte sich an den Türgriff und biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schreien. Machtlos sah sie zu, wie der Fahrer mit schweißbedeckter Stirn und hervortretenden Halsadern versuchte, den schleudernden Wagen unter Kontrolle zu bringen.

»Zieh rüber!«, schrie der andere Bodyguard. »Zieh doch endlich rüber!«

»Mach ich ja, Mann, aber … er reagiert nicht!«

»Pass auf!«

Scheppernd knallte der Landrover gegen die Leitplanke.

Allie wurde im Gurt nach vorn geschleudert. Sie schrie auf.

Die Leitplanke gab ein Stück nach, hielt dann aber stand und fing den schleudernden Wagen ab. Er machte einen Satz nach links, dann nach rechts, und schließlich hatte der Fahrer ihn wieder in der Gewalt.

»Geschafft«, verkündete er erleichtert.

Allie ließ sich zurücksinken. Ihr Kopf dröhnte. Und immer noch waren sie umzingelt von Nathaniels Fahrzeugen.

Der Beifahrer deutete nach links. »Da vorn kommt eine Ausfahrt. Die nehmen wir.«

Allie schaute in die Richtung, in die er gezeigt hatte, und erkannte das Ausfahrtsschild.

»Verstanden«, knurrte der Fahrer.

Er wartete bis zur allerletzten Sekunde, riss dann das Steuer herum und fuhr mit Vollgas von der Autobahn ab.

Allie drehte sich um. Nathaniels Leute waren an der Ausfahrt vorbeigerauscht, es würde dauern, bis sie gewendet und die Verfolgung wieder aufgenommen hatten. Wertvolle Sekunden Vorsprung.

Das dachte wohl auch der Fahrer, denn er brauste über eine rote Ampel, raste durch einen Kreisverkehr und bog in eine dunkle Landstraße. Allie sah unverwandt aus dem Rückfenster – keine Scheinwerfer zu sehen. Sie atmete erleichtert aus und wandte sich wieder nach vorn.

Die schmale und kurvige Straße erlaubte kein hohes Tempo, doch der Fahrer riskierte alles.

Der andere gab die Instruktionen weiter, die er über seinen Ohrhörer empfing. »Links, dann die nächste rechts. Hier. Nein! Die Straße da vorn …«

Offensichtlich verfolgte jemand ihre Fahrt über Satellit und wies ihnen die sicherste Route an. Allie fand das seltsam tröstlich. Als wären sie in der Finsternis hier draußen doch nicht ganz allein.

Bald befanden sie sich inmitten eines Labyrinths aus gewundenen Landstraßen. Donnerten über Hügel und jagten mit solchem Tempo durch die engsten Kurven, dass Allies Magen wieder zu rebellieren begann.

»An der nächsten Kreuzung rechts«, kommandierte der Bodyguard auf dem Beifahrersitz.

Die Straße war zu beiden Seiten von hohen Hecken gesäumt. Der Fahrer rauschte auf die Kreuzung zu und schaltete dann einen Gang herunter, um nach dem Abbiegen direkt wieder zu beschleunigen. In letzter Sekunde jedoch stieg er so fest auf die Bremse, dass sie alle nach vorn geschleudert wurden.

Zuerst sah Allie nur blendend grelle Scheinwerfer zu ihrer Linken. Sie kniff die Augen zusammen, um das dazugehörige Fahrzeug zu erkennen. Ihr Herz sank.

Es war das gepanzerte Ungetüm von der Autobahn. Und wieder hielt es direkt auf sie zu.

Der Fahrer fluchte und packte den Schaltknüppel. Mit schrillem Motorgeheul schossen sie rückwärts. Es klang wie eine Alarmsirene.

»Da entlang!« Der Bodyguard deutete auf einen in der Dunkelheit kaum auszumachenden Feldweg hinter einem Gatter.

Allie schwante nichts Gutes. Der Weg war eigentlich nur eine Traktorschneise. Und das Tor war mit einer Eisenkette verschlossen.

Da kommen wir doch nie durch!

Der Bodyguard reichte dem Fahrer eine Brille mit golden schimmernden Gläsern. Der setzte sie wortlos auf und schaltete gleichzeitig die Scheinwerfer aus.

Allie stockte der Atem. Mit einem Mal waren sie umgeben von kompletter, beklemmender Dunkelheit.

»Halt!«, wollte sie rufen, doch da trat der Fahrer schon das Gaspedal durch und raste auf das verschlossene Metalltor zu.

Allie war unfähig, sich zu rühren. Oder zu schreien. Wie angewurzelt hockte sie da und starrte auf die Wand aus Dunkelheit.

Plötzlich kreischendes Scheppern, Metall auf Metall. Der Aufprall traf den Landrover mit solcher Wucht, dass Allies Kopf zur Seite flog und ihr Kinn gegen ihre Schulter schlug. Etwas schrammte über das Dach und fiel krachend hinter dem Wagen zu Boden.

Sie preschten weiter über holpriges Gelände. Allie wurde so durchgerüttelt, dass sie die Zähne fest aufeinanderpresste, um sich nicht auf die Zunge zu beißen.

Blätter und hohe Stauden schlugen gegen die Scheiben, als wollten sie in den Wagen hineinlangen.

Die beiden Männer auf den Vordersitzen sprachen kein Wort. Die einzigen Geräusche waren das Jaulen des Motors und das Rumpeln und Knirschen der Reifen.

Urplötzlich tauchten grelle Scheinwerfer hinter ihnen das Feld in ein unheimliches, weißes Licht.

»Und was …« Weiter kam Allie nicht. Der Fahrer gab Gas und riss den Wagen herum.

Alles wurde wieder finster.

Jetzt gab es überhaupt keinen Weg mehr. Mit durchdrehenden Reifen holperten sie über weichen Grund, Dinge, die Allie nicht sehen konnte, schlugen dumpf gegen den Wagenboden.

Sie merkte, dass sie leise wimmerte.

Ohne Unterlass wurde sie in den weichen Lederpolstern hin und her geworfen. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, doch dann …

»Da vorn!«

Der Bodyguard zeigte in die Dunkelheit. Wortlos kurbelte der Fahrer am Lenkrad.

Der Landrover prallte gegen etwas Großes aus Metall.

Gatter Nummer zwei, vermutete Allie.

Ein Stück davon polterte über die Motorhaube und krachte in die Windschutzscheibe. Allie duckte sich instinktiv.

»Na bravo«, brummte der Bodyguard, während sich auf seiner Seite der Scheibe feine Risse ausbreiteten wie ein Spinnennetz. Als wäre ein lebensgefährlich durch die Luft fliegendes Gatterteil nichts als ein kleines, lästiges Ärgernis.

Rumpelnd und schaukelnd verließen sie die Felder und gelangten zurück auf eine schmale, asphaltierte Landstraße.

Die Scheinwerfer immer noch ausgeschaltet, gab der Fahrer Gas und brauste in die Dunkelheit.

Allie konnte absolut nicht erkennen, was vor ihnen lag. Sie schaute zurück über die Schulter.

Keine Scheinwerfer.

Von Neuem begann der Bodyguard, die Route anzusagen. In verworrenem Zickzack fuhren sie steile Hügel hinauf und einsame Hohlwege hinunter.

Irgendwann nahm der Fahrer die Nachtsichtbrille ab und schaltete die Scheinwerfer wieder ein.

Der Bodyguard drehte sich um zu Allie, die sich immer noch verkrampft an den Türgriff klammerte.

»Wir haben sie abgehängt«, sagte er mit zufriedenem Grinsen.

 

Zwei Stunden später bog der Landrover auf einen buckligen Waldweg ein. Der Himmel schimmerte rosa und golden. Der Tag brach an.

Allie lehnte die Stirn an die kühle Fensterscheibe und betrachtete den hohen, schwarzen Zaun, der Cimmeria umgab. An die drei Meter hoch und zur Abschreckung gespickt mit langen Eisenspitzen.

Dahinter lag der einzige sichere Ort, den sie kannte.

Sie war zu Hause. Aber was war mit den anderen? Mindestens zwanzig Wachen und Night-Schooler waren nach London aufgebrochen, um gegen Nathaniel zu kämpfen. Bis auf ihre Fahrer hatte sie seit Stunden keinen von ihnen mehr gesehen.

Mit einem leisen Vibrieren öffnete sich das Tor, und sie folgten dem langen Zufahrtsweg durch den Wald. Alles schien seltsam friedlich. Nur das leise Brummen des Motors und der knirschende Kies unter den Rädern waren zu hören. Allie war trotzdem angespannt. Auf der Hut.

Nach einer Meile endeten die Bäume rechts und links. An ihre Stelle trat eine weite Rasenfläche, durch die sich die Auffahrt wie ein Fragezeichen bis vor das beeindruckende gotische Schulgebäude wand. Das gezackte Dach mit seinen Kaminen reckte sich dem blassen Morgenhimmel entgegen.

Der Fahrer stellte den Motor ab, und plötzlich herrschte Totenstille.

Ist hier überhaupt einer?

Die Bodyguards stiegen zuerst aus. Allie kletterte mühsam hinterher. Sämtliche Muskeln taten ihr weh.

Sie humpelte Richtung Eingangstreppe. Da flog die Tür auf, und plötzlich standen alle um sie herum.

»Allie! Gott sei Dank!«

Allie erhaschte einen Blick auf Rachels vertrautes Gesicht, und im nächsten Augenblick hatte ihre Freundin schon die Arme um sie geschlungen.

Allie überließ sich der Umarmung und hätte am liebsten losgeheult, doch sie hatte keine Tränen mehr, offenbar hatte sie die in der vergangenen Nacht alle aufgebraucht.

»Du lebst, Rachel«, sagte sie immer wieder. »Du lebst.«

Direkt hinter Rachel stand Nicole, eine kleine, frisch genähte Wunde am Kinn.

»Allie! Dieu merci.« Tränen der Erleichterung standen in ihren großen, braunen Augen. »Wir haben uns solche Sorgen gemacht.«

Allie löste sich aus der Umarmung und trat in den Lichtschein über dem Eingang.

»Du bist verletzt!«, sagte Rachel erschrocken. »Allie blutet!«, rief sie ins Gebäude hinein.

»Nichts Schlimmes«, sagte Allie, doch keiner hörte ihr zu.

»Geht zur Seite.« Isabelle le Fanult schob die Mädchen aus dem Weg, nahm Allies Kinn in die Hand und drehte ihr Gesicht zum Licht.

Plötzlich sah Allie sie wieder in Hampstead Heath vor sich, wie sie blitzschnell mit einem Fußtritt einen von Nathaniels Männern erledigt hatte.

Dort war sie fast froh gewesen, Isabelle zu sehen. Jetzt starrte sie sie bloß an und spürte, wie eine Woge von Zorn und Vorwürfen sich in ihr auftürmte.

Isabelles dunkelblondes, gewelltes Haar war fest im Nacken zusammengebunden. Auf einer Wange prangte eine...