Sie haben mich verkauft - Eine wahre Geschichte

von: Oxana Kalemi

Bastei Lübbe AG, 2010

ISBN: 9783838706627 , 350 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 6,99 EUR

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Sie haben mich verkauft - Eine wahre Geschichte


 

"KAPITEL 10 (S. 91-92)

Meine Turnschuhe quietschten, als ich auf eine Rolltreppe zuging, die nach oben fuhr. Ich war am Flughafen in Istanbul, und es war eine wunderschöne Stadt – so hell und sauber. Als ich aus dem großen roten Bus stieg, der am Flugzeug auf uns wartete, sah ich zwei Männer, die ein kleines Auto fuhren, mit dem sie den Boden reinigten. Kurz zuvor hatte ich mich gefragt, ob ich jetzt Gott näher war, als ich im Flugzeug gesessen hatte und mein Land kleiner und kleiner hatte werden sehen. Jetzt folgte ich dem Menschenstrom runter von der Rolltreppe.

Ich konnte kaum glauben, dass ich wirklich in der Türkei war. Vor meiner Abreise schien es fast, als wolle Yula nicht, dass ich fahre – sie wollte mir partout nicht helfen. Doch ich nötigte sie, mir zu erzählen, was ich wissen musste – so viel Glück konnte sie doch nicht für sich behalten! –, und schließlich gab sie mir einen Zettel, auf den eine Adresse gekritzelt war. »Da habe ich gearbeitet«, sagte sie. Jetzt war ich auf mich allein gestellt. Der Entschluss, meine Kinder zu verlassen, war mir nicht leicht gefallen, doch so ungern ich das auch tat, es gab nur eine Frage, die ich mir stellen musste: Wie konnte ich solch eine Gelegenheit verstreichen lassen und uns für immer der Armut ausliefern?

Das war meine zweite Chance im Leben, eine offene Tür, durch die ich einfach nur gehen musste. Ich hatte Angst, war aber gleichzeitig voller Vorfreude. Angst, weil ich in einem fremden Land war, aber voller Vorfreude, weil ich endlich in der Lage sein würde, Sascha, Pascha und Luda das Leben zu bieten, von dem ich immer geträumt hatte. Ständig musste ich an Saschas Gesicht denken. Er hatte geweint, als ich ihn in der offenen Tür früh am Morgen in die Arme genommen hatte.

Er roch nach Schlaf, und ich hätte am liebsten mit ihm geweint. Aber ich musste mir einfach immer wieder sagen, weshalb ich fortging. »Komm, gib ihn mir«, sagte Ira, als sie ihn hochnahm. Sie würde sich um die Kinder kümmern, und ich würde sie dafür von den Löhnen bezahlen, die ich in der Türkei verdienen sollte. Ich brachte kein Wort heraus und traute mich nicht, etwas zu sagen, als ich Sascha ansah. »Geh nun«, meinte Ira. »Sieh dich nicht um. Das bringt bloß Pech.«

Jetzt wünschte ich, ich wäre sicher zu Hause, als ich durch ein paar Türen mitten in eine Menschenmenge trat. So viele Gesichter dort draußen. Ira hatte mir Geld für die Taxifahrt zur Fabrik geliehen, und Yula hatte mir erzählt, sie sei nicht weit vom Flughafen entfernt, also wollte ich sofort dorthin und nach Arbeit fragen. Ich stieg in ein Taxi und musste immer wieder aus dem Autofenster schauen."