Poison Princess

von: Kresley Cole

cbt Jugendb├╝cher, 2014

ISBN: 9783641101510 , 608 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

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Poison Princess


 

1

TAG 6 V. D. BLITZ

Sterling, Louisiana

»Wie fühlst du dich?«, fragte Mom und musterte mich prüfend. »Bist du sicher, dass du bereit bist?«

Ich frisierte mein Haar fertig, setzte ein Lächeln auf und log ihr ins Gesicht. »Absolut.« Obwohl wir schon einige Male darüber gesprochen hatten, erklärte ich geduldig: »Die Ärzte meinten, für jemanden wie mich wäre es gut, mich wieder in einen normalen Tagesablauf einzugliedern.« Nun ja, zumindest drei von fünf Psychiatern hatten das gesagt.

Die anderen beiden hatten darauf beharrt, dass ich noch nicht stabil genug sei. Eine tickende Bombe. Mit Aussicht auf Schwierigkeiten, wenn nicht gar ein Trümmerfeld.

»Ich muss einfach nur wieder zurück in die Schule und Zeit mit meinen Freunden verbringen.«

Sobald ich Mom gegenüber Psychiater zitierte, entspannte sie sich etwas, so als würde das beweisen, dass ich ihnen tatsächlich zugehört hatte.

Ich konnte mich an vieles erinnern, das die Ärzte gesagt hatten – denn von meinem Leben vor dem Klinikaufenthalt hatten sie mich eine Menge vergessen lassen.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, begann Mom in meinem Zimmer auf und ab zu gehen. Ihr Blick flatterte unruhig über meine Sachen – ein hübscher blonder Sherlock Holmes, der nach Geheimnissen schnüffelte, die er noch nicht kannte.

Sie würde nichts finden. Ich hatte meine Schmuggelware schon in meiner Schultasche versteckt.

»Hattest du letzte Nacht einen Albtraum?«

Hatte sie gehört, wie ich schreiend hochgeschreckt war? »Nein.«

»Als du dich mit deinen Freunden getroffen hast, hast du ihnen da gesagt, wo du wirklich warst?«

Mom und ich hatten allen erzählt, ich sei auf eine Art spezielle Sommerschule für »höhere Töchter« gegangen. Schließlich konnte man nie früh genug damit anfangen, die eigene Tochter auf eine der vielen konkurrierenden Studentinnenverbindungen hier im Süden vorzubereiten.

In Wirklichkeit hatte man mich ins Children’s Learning Center gesperrt, eine Klinik für Jugendliche mit Verhaltensstörungen, auch bekannt als Child’s Last Chance.

»Ich habe niemandem vom CLC erzählt«, erwiderte ich, entsetzt bei dem Gedanken, meine Freunde oder mein Freund könnten von meinem Aufenthalt dort erfahren.

Vor allem nicht er. Brandon Radcliffe. Haselnussbraune Augen, Filmstar-Grinsen und lockige honigfarbene Haare.

»Gut. Das geht nur uns etwas an.« Sie blieb vor meinem großen Wandgemälde stehen und neigte missbilligend den Kopf. Statt eines hübschen Aquarellbilds oder eines Retro-Funk-Musters hatte ich eine düstere Landschaft voller verschlungener Ranken, bedrohlich aufragender Eichen und einen dunklen Himmel gemalt, der über den Zuckerrohrhügeln hängt. Ich weiß, sie hatte überlegt, das Ganze einfach übermalen zu lassen, dann jedoch befürchtet, eine Grenze bei mir zu überschreiten und mich gegen sie aufzubringen.

»Hast du heute Morgen deine Medizin genommen?«

»Ja, wie immer, Mom.« Ich konnte nicht behaupten, die bitteren kleinen Pillen hätten viel gegen meine Albträume genutzt, aber wenigstens hatten sie die Wahnvorstellungen eingedämmt, die mich letzten Frühling geplagt hatten.

Diese schrecklichen Halluzinationen waren so realistisch gewesen, dass ich vorübergehend blind für die Welt um mich herum geworden war. Ich hatte es gerade noch geschafft, mein zweites Highschool-Jahr abzuschließen, indem ich die Visionen ausgeblendet und mir beigebracht hatte, so zu tun, als sei nichts.

In einer der Wahnvorstellungen hatte ich Flammen in den Nachthimmel lodern sehen. Unter den Feuerwellen waren fliehende Ratten und Schlangen über den Rasen in Havens Vorgarten geschwärmt, bis es aussah, als würde sich der Boden kräuseln.

In einer anderen hatte die Sonne geschienen – und zwar bei Nacht – und den Menschen die Augen versengt, bis Eiter daraus hervorrann. Sie hatte ihre Körper verdorren und ihre Hirne verwesen lassen. Sie verwandelten sich zu zombieartigen Bluttrinkern mit einer Haut, die knittrigen Papiertüten glich und die einen widerlichen Schleim absonderte. Ich hatte sie die Schwarzen Männer getauft …

Mein kurzfristiges Ziel war recht simpel: Nie wieder ins CLC verbannt werden. Mein langfristiges Ziel hingegen war schon eine etwas größere Herausforderung: Den Rest der Highschool überstehen, um mich danach aufs College zu flüchten.

»Und du und Brandon seid nach wie vor zusammen?« Mom klang beinahe ungläubig, als könne sie nicht verstehen, weshalb er noch mit mir ausging, nachdem ich drei Monate weg gewesen war.

»Er kommt gleich vorbei«, erwiderte ich nachdrücklich. Jetzt hatte sie mich nervös gemacht.

Nein, nein. Den ganzen Sommer über hatte er mir treu gesimst, obwohl ich nur zweimal im Monat hatte antworten dürfen. Und seit ich letzte Woche zurückgekommen war, hatte er sich einfach wundervoll verhalten – mein gut gelaunter, lächelnder Freund, der mir Blumen brachte und mich ins Kino ausführte.

»Ich mag Brandon. Er ist ein so lieber Junge.« Endlich beendete Mom das Verhör des heutigen Morgens. »Ich bin froh, dass du wieder da bist, Schatz. In Haven war es so still ohne dich.«

Still? Am liebsten hätte ich erwidert: »Ach wirklich, Karen? Hast du eine Ahnung, was noch schlimmer ist als still? Die Neonröhren in der Anstalt, die vierundzwanzig Stunden am Tag knacken. Oder vielleicht die Geräusche, die meine sich ritzende Zimmergenossin von sich gibt, wenn sie ihren Oberschenkel mit Essbesteck attackiert? Und wie wär’s mit sinnlosem Gelächter ohne jegliche Pointe?

Wobei, Letzteres war ich gewesen.

Am Ende sagte ich nichts über die Anstalt. Nur noch zwei Jahre und dann nichts wie weg.

»Mom, heute ist mein großer Tag.« Ich schulterte meine Tasche. »Wenn Brandon kommt, will ich ihn draußen in Empfang nehmen.« Ich hatte ihn schon den ganzen Sommer lang auf mich warten lassen.

»Oh, natürlich.« Sie folgte mir die breite Treppe hinunter. Unsere Schritte hallten im Gleichklang wider. An der Tür strich sie mir das Haar hinter die Ohren und gab mir einen Kuss, als wäre ich ein kleines Mädchen. »Dein Shampoo riecht gut. Ich werde mir wohl etwas davon borgen müssen.«

»Klar.« Erneut zwang ich mich zu einem Lächeln und ging dann nach draußen. Die neblige Luft stand reglos, als hätte die Erde ausgeamtet und vergessen, wieder einzuatmen.

Ich lief die Stufen vor der Eingangstür hinunter und drehte mich um, um mein imposantes Zuhause zu betrachten, das ich so schmerzlich vermisst hatte.

Haven war eine hochherrschaftliche Südstaatenvilla mit zweiundzwanzig Zimmern und zwölf stattlichen Säulen vor dem Eingang. Ihre Farben – die cremefarbene Holzverkleidung und das dunkle Waldgrün der schweren Fensterläden – waren unverändert geblieben, seitdem das Haus für meine Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter erbaut worden war.

Zwölf mächtige Eichen umgaben das Gebäude und reckten ihre stellenweise zusammengewachsenen Äste in die Höhe wie gigantische Hydras, die ihre Beute in eine Falle gelockt hatten.

Die Leute aus dem Ort fanden, Haven House würde aussehen, als ob es darin spukte. Und jetzt, wie es so in den Nebel getaucht vor mir lag, konnte ich das durchaus nachvollziehen.

Während ich auf Brandon wartete, schlenderte ich über den Rasen zu einer nahe gelegenen Reihe von Zuckerrohrhalmen und beugte mich vor, um an einer der violetten Blütenrispen zu riechen. Frisch und doch süß. Eines der federleichten grünen Blätter war eingerollt, sodass es aussah, als würde es meine Hand umfassen. Ich musste lächeln.

»Bald bekommst du Regen«, murmelte ich und hoffte, die Dürre in Sterling würde endlich ein Ende haben.

Mein Lächeln wurde noch breiter, als ich den wendigen Porsche Cabrio erblickte, einen verschwommenen roten Klecks, der über unsere mit Austernschalen bedeckte Auffahrt schoss.

Brandon. Der beneidenswerteste Fang in unserer Gegend. Abschlussklasse. Quarterback. Reich. Der dreifache Hauptgewinn unter den Jungs.

Als er anhielt, öffnete ich die Beifahrertür und grinste. »Hey, mein Großer.«

Er runzelte die Stirn. »Du siehst … müde aus.«

»Ich bin spät ins Bett gegangen«, sagte ich und warf einen Blick über die Schulter, während ich meine Tasche auf den winzigen Rücksitz warf. Als sich der Küchenvorhang bewegte, konnte ich mir ein Augenrollen gerade noch verkneifen. Noch zwei Jahre und dann nichts wie weg …

»Geht es dir gut?« Besorgnis lag in seinem Blick. »Wir können uns auf dem Weg einen Kaffee holen.«

Ich schloss die Autotür. »Ja klar. Gerne.« Er hatte mir kein Kompliment für meine Frisur oder mein Outfit gemacht – ein ärmelloses hellblaues Chloé-Kleid, dessen Saum gerade so bei den zehn vorschriftsmäßigen Zentimetern über dem Knie endete, ein schwarzes Seidenband, das mein zu einem lockigen Pferdeschwanz hochgestecktes Haar zurückhielt, und dazu passende schwarze High Heels mit Riemchen von Miu Miu.

Der einzige Schmuck, den ich trug, waren meine Diamantohrringe und die Armbanduhr von Patek Philippe.

Ich hatte Wochen damit zugebracht, dieses Outfit zu planen, zwei Tage, um es in Atlanta zu kaufen, und jetzt eben eine Stunde, um mich davon zu überzeugen, dass ich noch nie besser ausgesehen hatte.

Er zuckte die breiten Schultern und hatte die Angelegenheit bereits vergessen, als er...